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^F 93.
Mittwoch, den 19. November
1890.
Ansprache an die Bevölkerung über das Wesen und die Brdentung der Volkszählung am 1. Dezember 1890,
In den letzten Tagen dieses MonatS werden Hundert- tausende rhrcnamllicher Zähler in den Wohnungen ihrer Mitbürger vorsprechen, um denselben einen Zählbrief zu übergeben, welcher eine Anzahl von Zählkarten einschließt. Diese Zätzlbriefe und Zählkarten nebst den von den Zählern selbst aufzustetlenden Kontrollisten dienen als Handw.rkszcug der Volkszählung, welche auf Beschluss des Buudesraths am 1. Dezember d. JS. im ganzen Deutschen Reiche stattsirden wird.
In Preußen empfängt jeder Haushaltungsvorstand und jede einzeln lebende Person, welche eine besondere WohnUng inne hat und eigene Hauswirthschaft führt, einen solchen Zählbrief und wird darin ersucht, für jede in der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember d. Js. in der Haushaltung — wenn auch nur vorübergehend — anwesende Person in eine gelbliche Zählkarte A. den Namen, die Stellung zum Hanshaltungsvor- stande, das Geschlecht, das Alter, den Familienstand, den Beruf bezw. Nahrungszweig, die Geburtsgemeinde, daS Religionsdeken! tniß, die Staatsangehörigkeit und die Muttersprache, für bundesangehörige aktiv- Militär- und Marinepersonen ferner die Charge und den Truppen- thcil, für nur vorübergehend in der Haushaltung Anwesende endlich noch deren Wohnort einzuschreiben. Ebenso hat der Haushaltungsvorstand für jeden am Zahltage aus vorübergehendem Anlässe abwesenden Haushaltsangehörigen, welcher dort noch seine Wohaung bezw. Schlafstelle besitzt, in eine röthliche Zählkarte a. den Namen, die St-Uuug zum Haushaltuagsvorstande, das Geschlecht, das Alter, den Familiensta-d, den Beruf bezw. Nahrungszw ig, den v.rmuthlichen BufenthaltSoi: und für bundesangehörige aktive Militär- und Marine- personen die Charge und den Truppentheil einzutragen. Jagleichen hat derselbe ein Haushaltungsverzeichniß B. aufzustcUcn, welches Namen, Verwandtschaft bezw. Stellung zum Haushaltungsvorstanoe, N.ligionsbekennt- niß, An- oder Abwesenheit der Haushaltungsmitglieder bezw. die lediglich vorübergehende Anwesenheit anderer, in der Haushaltung gezählter Personen nachweist. Der Zählbrief enthält auf feinet Junenstile eine Anleitung nebst Mustern zur richtigen Ausfüllung der vorerwähnten Zählkarten und ist mit den ausg-füllten Zählpapieren vom 1. Dezember mittags ab zur Abholung durch die Zähler bereit zu halten. Sollte am Nachmittag des 1. Dezember Niemand in der Wohnung verbleiben, so ist in geeigneter Weise Fürsorge zu treffen, daß der Zählbrief mit den ausgesüllten Zählkarten und den etwa übrig gebliebenen Formularen durch Nachbarn rc. dem zur Einsammlung erscheinenden Zähler »vergeben und diesem sich freiwillig und unentgeltlich dem öffentlichen Dienste widmenden Beamten die Erfüllung seines Amtes möglichst erleicht.rt wird. Die Mühwaltung, welche dem einzelnen Haushaltungsvorstande aus der Ausfüllung der Zählkarten und des Haushaltungs- Verzeichnifses persönlich erwächst, ist sehr gering und beansprucht selbst in größeren Haushaltung n kaum eine nennenSwerthe Zeit. Der Staat darf von seinen Bürgern wohl erwarten, daß sie sich in jedem fünften Jahre einmal dieser auf andere Weise nicht wohl zu ersetzenden Arbeitsleistung bereitwillig unterziehen.
Die Volkszählung ist bei uns nicht allein unentbehrlich für vielerlei Aufgaben der Reichs-, Staats- und Gemeindeverwaltung; sie dient auch der Wissenschaft und ist das beste Mittel, das Volk in seiner Wesenheit thunlichst kennen zu lernen. Schon die bloße Volkszahl giebt ein Bild von der Macht der Staaten. Wie sehr Preußens Stätke im Laufe der Jahrhunderte angenommen hat, ergiebt sich aus Folgendem. Die Bevölkerung Preußens stifte sich zu E-de des Jahres 1810 auf 4498000, 1820 auf 11 272000, 1830 auf 13002000 1840 auf 14 929 000, 1800 auf 16 608 000, 1860 auf 18 279 000 1870 auf 24 597 000 und 1880 auf 27 296 000; sie betrug Ende 1885 28 336 000 und wird zu Ende dieses Jahres wohl mindestens 293/« Millionen erreichen. Aus der Vergleichung der Volkszahl mit der Größe des Staatsgebl.teS ergiebt sich die Dichtigkeit des B isammenwohnens; eine dichte Bevölkerung aber bedingt zu ihrer Erhaltung starke gewerbliche Thätigkeit und giebt den Antrieb zur Wirthschaf lich n MsWtzung der vorhandeokn Kräfte, Die starke Volfs-
zunahme des Deutschen Reiches wie des preußischen Staates ist die wichtigste Ursache von kenn hoher Machtstellung und wirthschaftlichen Größe gewesen. Aber die Ermittelung der bloßen Volkszahl ist nicht die alleinige Au »gab: der Volkszählung,' sie soll vielmehr in den durch die Zählpapbere erforderten Nachrichten die Unterlagen für alle Untersuchungen über die Volkskraft und das Volksleben liefern. Besäße man nicht die Ergebnisse der Volkszählung, so müßte auf derartige Untersuchungen überhaupt verzichtet werden, da die bezüglichen Nachrichten auf anderem Wege nicht beschafft werden können. Jede im Haushaltungsverzeichnisse und in den Zählkarten verlangte Auskunft ist unentbehrlich. Deshalb ist es die Pflicht jedes Empfängers eines Zähl- briefeS, die Antworten auf die gestellten Fragen nach bestem Wissen richtig, auch so vollständig wie möglich zu geben und damit seinerseits nach Kräften zum Gelingen dieser Aufnahme beantragen.
Niemand hat von der wahrheitsgemäßen Beantwortung der in den Zählpapieren gestellten Fragen für sich oder seine Haushaltungsgenossen den geringsten Nachtheil zu befürchten: denn seitens des Königlichen statistischen Bureaus werden durch die Volkszählung gewonnene Nachrichten über einzelne Personen niemals veröffentlicht oder irgend wohin, auch nicht an Behörden, mitgetheilt. Ebensowenig werden diese Nachrichten seitens der Ste uerv erwaltu n g oder sonst zu fiskalischen Zwecken verwerthet. Man kann sich versichert halten, daß die in die Zählkarten eingetragenen Nachrichten über das Alter, den Familienstand, die Stellung im Berufe usw. gelegentlich der Bearbeitung M Zählungsergebnisses lediguch in die statistischen Tabellen übergehen, in denen der einzelne Mensch nicht mehr erkennbar ist. Nach beendigter Auszählung werden die hier verbliebenen Zählkarten eingestampft.
Nächst den Haushaltungsvorständen und einzeln lebenden Personen mit besonderer Wohnung und eigener Hauswirthschaft sind es namentlich die Zähler, welche durch zweckmäßige Vertheilung der Zählpapiere, durch sachgemäße Prüfung und Ergänzung beim Wiederein- sammeln, sowie durch richtige Aufnahme der Wohnstätten sehr viel zum ©.fingen der Volkszählung beantragen vermögen. Diese Männer walten eines Ehrenamtes und haben in Ausübung desselben die Eigenschaft öffentlicher Beamten. Dabei haben sie eine sehr viel größere Menge Zeit und persönlicher Mühwaltung aufzuwenden, als die Empfänger der Zählbriefe; sie sind allzeit bereit, auf Erfordern fehlende Formulare an die Haushaltungsvorstände ihres Zählbezirkes ab« zugeben und dieselben über etwa bei der Ausfüllung der Zählpapiere entstehende Zweifel aufzuklären. — Möchten recht viele gemeinnützig gesinnte und befähigte Männer dieses für Staat und Gemeinde gleich wichtige Amt übernehmen.
Bei innigem Zusammenwirken der Behörden, der Zählkommissionen, der Zähler und der Bewohner selbst wird auch die bevorstehende Volkszähl-Ung wie die vorhergegangenen dem preußischen Staate verläßliche Auskunft über die Zahl und den gegenwärtigen Zustand seiner Bevölkerung geben. Das Königliche statistische Bureau aber wird Line Mühe scheuen, um zunächst die Hauptzahlen der Aufnahme, welche begreiflicherweise allgemein mit Spannung erwartet werden, so schnell wie möglich festzustellen und zur öffentlichen Kenntniß, zu bringen, diesen dann aber das ausführliche Ergebniß der Zählung baldigst folgen zu lassen.
Berlin, im November 1890.
Königliches statistisches Bureau. Ble. ck.
Deutsches Reich.
Betlin. Die Veröffentlichung eines E.lasses des Kaisers über das Unterrichtswesen steht bevor. Der Erlaß ist schon älteren Datums — er duifte noch vor d.m Rücktritt des Fürsten Bismark erfolgt fein — ist aber bisher nicht bekannt geworden. Das umfangreiche Schriftstück betrifft sowohl den höheren als den Volksschule Unterricht. Es finden sich manche 81 hänge an den bekannten Erlaß über den Unterricht in den Kadetten- Anstalten darin, so namentlich das Verlangen, daß beim ReligionS-Unterricht das Auswendiglernen eingeschränkt und aller Nachdruck auf die sittliche Seite des Unter
richts gelegt werden soll. Für die höheren Schulen wird u. A. die Fo tiühru ig des U ilerrichts in der deutschen resp, preußischen G.schichte bis auf die neueste Zeit v «langt. Die Schüler sollen erfahren, daß die preußischen Kö.iige immer für die bedrückten Klr.ssen gesorgt haben : wie am A fang des Jahrhunderts durch die Befreiung der Bauern, so im letzten Dezennium durch die sozialpolitische R-ichsgesetzgebung. Die Schule soll an der Bekämpfung der Sozialdemokratie theilnehmen, indem sie die künftigen Staatsbürger befähigt, die sozialistischen Irrlehre alS solche zu erkennen. Zu diesem Zw ck- sollen auch die Volksschullehrer in den Seminarien mit den wichtigsten Lehren der Volkswirthschaft bekannt gemacht werden.
— Für die Errichtung eines Nationaldenkmals für den Fürsten Besmark in Berlin sind nach der letzten Beitragsliste bis jetzt 838 000 Mk. eingegangen. — Der Reichspostdampfer „Reichstag" hat am Mittwoch mit voller Ladung die zweite Reise nach Ostafrika angetreten.
vr. Koch hat jetzt seine „Erfindung" veröffentlicht und die Berliner Zeitungen wissen nicht genug die Reclam-tromm-l darüber zu rühren; aber eS scheint richtig wieder das alte „Viel Geschrei und wenig Wolle" zuzutrefsen. Sein Mittel, das er «och als „Geheimniß" bei sich bJ)äÜ, tödtet nicht den Tuberkel- bacillus, sondern nur tuberkulöse Gewebe; im Nebligen muß er auf „chirurgische Nachhilfe" oder „Selbsthilfe des Organismus" verweisen. Lupus, Drüsen-, Knochen- und Gelenktuberkulose behauptete er, heilen zu können, Lungentuberculose aber „nimmt er an" im AnfangSstasium heilen zu können, bei vorgeschrittener Lungensucht „wird man wohl nur ausnahmsweise" einen dauernden Nutzen bei Anwendung des Mittels haben; „vorübergehend" kann sie „wohl auch" gebessert werden. Der Schwerpunkt" des neuen Heilverfahrens „liegt in der möglichst frühzeitigen Anwendung." — Summa: wer die Lungensucht hat, der behält sie auch „in der Regel" ; „ausnahmsweise" kann er „Nutzen" von dem Mittel haben und „vorübergehend" vielleicht gebessert werden; sonst ist man auf „chirurgische Nachhilfe" und „Selbsthilfe des Organismus" angewiesen, d. h. wenn die Natur sich selbst hilft, wild ein Lungensüchtiger geheilt, resp, kann er mit seiner Lungensucht, wenn die auge- freffene Lunge auf natürlichem Weg sich verkapselt, mit dem Leben davon kommen und alt werden. Das aber hat man bisher auch schon gewußt, weshalb also der Lärm? zumal die neue Mixtur pro Gläschen (für ca. 15—20 Einspritzungen) 25 Mark kosten soll! Dann kostet ja so eine Kur etliche Hundert Mark nnd die können sich nichtAlle leisten. Die m e i st e n Schwind« suchtSkandidaten gehören zu den wenig bemittelten Leuten, welche die Schwindsucht sich an den Hals gearbeitet, gesorgt und g ärgert haben.
Nicht wenig Aufsehen macht es, daß bei einer Stadt- verorduetenwahl in Kiel zwei Socialdemokraten mit g oßer Mehrheit siegten. Vor einem Jahre waren nur 600, bis jetzt 1400 socialdemotratlfche Stimmen gegen 1100 der übrigen Parteien abgegeben. Auch in Mannheim war jüngst ein socialdemokratischer Sieg bei Gemeinde« wählen zu verzeichnen.
Erfurt, 14. November. Mehrere Landwehrmänner sind hier kürzlich wegen grober Insubordination festge- nommen worden. Einer derselben hatte sich mit brennender Cigarre in Rnh und Glied gesollt, ein anderer statt des Passes soziald.mokratiiche Schriften vorgewiesen.
— Ein Reservist aus Elberfeld beging bei der Kontroloersammlung im Frühjahr d. I. die Unvorsichtigkeit, dem diensthabenden Hauptmann den Gehorsam zu verweigern und sich zu widersttzen. Weiteren Unfug verhinderten andere Reservisten durch Festnahme des Jähzornigen. Der Reservist stand am 11. b. M. wegen dieses Vergthens vor dem Millilärgericht in Düsseldorf. Das Urtheil lautetete auf drei Jahre und acht U onate Gefängnisstrafe.
Aus der Pfalz, 13. November. In der Nähe von Kirchheimbolanoen find mächtige und ausgedehnte Oueck- sitber- und Kugel lager aufgedeckt ui d durch die Herren Sander von Sprenülmg n und Eichia von Eisenach ge« multzet worden. Die R ichhaltigkeit der Kupfererze soll denen der Malachitgrube Wissokaja Gora im Ural nicht aachstehen.
Natibor, 12, Nov mber. Einen seltsamen Versteck für gr»4jmuggeltfS Fleisch wählte sich dem „Odttschl.