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M 90.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. November. Kaiser Wilhelm, welcher am Dienstag eine Fasanenjagd in d.r Umgebung von Pots­dam abgetanen Halle, unternahm am Mittwoch Vor- matag einen längeren Spazieriitt und hüte dann die üolichen Borträze und ertheilte Audienzen.

Dem Bundesiath ist der Entwurf eines Gesetzes, betr. den Schutz von Gebrauchsmustern und der Zoll- und Steuer-Etat für 1891/92 zugegangen. Die Ein­nahmen aus Zöllen und Steuern sind darin auf 578,753,640 M. veranschlagt, oder 41,451,500 M. mehr als im Borjahre.

In maßgebenden Kreisen in Berlin erwartet man von der Aufhebung der Bichsperre wenig oder gar nichts. Die zu wiederholten Malen ausgesprochenen Zweifel, daß die Aufhebung der Grenzsperre für Vieh eine Vcrbiliigung der Fleischprnse im Gefolge Habru möchte, sagt dieNorddiulsche Allgemeine Zilung", erweisen sich durch die in Leipzig gemachten Erfahrungen als berechtigt. Seit der Freigabe b;r Einsuhr von ungarischen Schweinen in den Schlacht- und Viehhof zu Leipzig sind jetzt 9 Wochen verflossen, es ist aber in Folge dessen absolut keine Veränderung des Preises für Schweinefleisch und Speck eingctreten. A Unliebe Meldungen liegen aus anderen Städten vor. Hieraus folgt, daß mindestens hinsichtlich des Schweinefleischs die auf eine Verminderung des Preises in Folge der Aufhebung der Sperre ges tzten Hoffnungen als trügerische schon jetzt erkannt worden sind.

München. Geheimrach v. Naßbaum, der große Chirurg und Universitätslehrer, ist, am Freilag Morgen 4 Uhr nach langem Leiden gestorben. Das Sterbebett umstanden die Nichte und der Schwager des Verlebten/ dann sein intimster Freund, Oberstabsarzt Dr. Vratsch, Dr. Röjen und das Dienstpersonal, welche, als Dr. Grätsch mit thrünenersülitem Auge den Tod fest stellte, in Thränen ausbrachen. Der Nachlaß dürfte kein großer sein, da Nußbaum den Armen mit vollen Händen gab und armen studirenden Medizinern nicht nur Kollegien- gdber, Lehrmittel, Aparate aukaus e, sondern zur Zeit mehr als zwanzig derselben die volle Pension bezahlte und das nöthige Taschengeld gewährte. Joh. N p. v. Nußbaum wurde geboren am 2. September 1829 zu München, habilitiere sich 1857 dort für Chirurgie und Augen-Htilkunde, errichtete ein großes Privatspital mit orthopädischem Institut und erhielt 1860 dicProf.ssur der Chirurgie und Angen-Heilkunde. 1867 wurde er in den Adelstand erhoben. 1870 und 1871 ging er als Oberstabsarzt im Stab des Generals von der Tann nach Frankreich und wurde gegen Ende des Krieges zum Generalarzt des ersten bay.rischenArmeckorps ernannt. Sein Name ist verknüpft mit den meisten hervorragen­den Leistungen der neueren Chirurgie, er hat dieselbe sowohl durch seine vollendete operative Geschicklichkeit, als durch zahlreiche Erfindungen, neue Methoden und eine lange Reihe wissenschaftlicher Arbeiten gefö-dert.

Solingen, 2. Nov. Ein Ziegenbock als Staar- operatent. Vor einigen Tagen kam in die hiesige Klinik des Dr. med. K.mperdick von auswä ts eine Bauers­frau mit der Klage, daß ihr beim Füttern der Ziegen d-r Ziegenbock mit dem Horn in das linke Auge ge­stoßen habe. Bei der Untersuchung fand sich auf dem rechten, nicht verletzten Auge beginnender grauer Slaar, was zu der Annahme berechtigte, daß dieser Zustand auch auf dem linken Auge bestanden hatte. An dem verletzten Auge zeigte sich bei der Untersuchung ein großer Einriß in die weiße Lederhaut (Silera) am Rande der Hornhaut, das Auge war ganz mit Blut gefüllt. Als nach einigen Tagen das Blut geschwunden und das Auge ausg^keäit war, stellte es sich heraus, daß die jedenfalls auch vom grauen Skaar befallene Linse aus dem Auge durch den R'ß herausgetreten war; außerdem war auch in der Regenbogenhaut ein großer Defitl. Der Bock hatte also, gerade wie es der Augenoperateur macht, nach vorausgeschickter Pupillen- bildung die Staarcxtiakion gemacht. Merkwürdig ist, daß trotz der sehr plumpen, mit einem sehr unpassenden Instrumente vorgenommenen Staaroperalion die Patientin bereits wieder Finger sehen kann, und wird die Frau voraussichtlich in kurzer Zeit, wenn sie Dom Optiker eine Staarbrille erhalten ha!, mit dem Auge wieder lesen lernen, während das andere Auge immer schwächer ivkrden wird. Wie Undank überhaupt der Welt Lohn

Samstag, den 8. November

ist, besonders der Aerzte, so hat das Thier a's Honorar anfangs Prüg-l bekommen, j^t genießt es dag gen eine anständige Behandlung.

Schleusingen, 2. Nov. Heute früh um 10 Uhr 19 Min., eben als der Personenzug von hier nach Tdemar abgehen sollte, ist an der Maschine der Röhren- kessel mit einem kolossalen Knall cxplodirt. Der Ma- schinenführer war im Augenblick nicht auf der Maschine, der Heizer wollte dieselbe eben wieder besteigen. So sind beide mit dem Leben davongekommen. Dagegen ist Herr Jnsp ktor Schmidt, der in seinem Bureau ge­sessen hatte, baturd) am Kopf nicht unbedeutend verletzt worden, daß das Fenstei kreuz, das durch den Luftdruck eingebrüdt worden ist, auf ihn gestürzt ist. Ebenso sind Herr Assistent Uhlich und der Bodenmeister, beide jedoch glücklicherweise nur leicht, verletzt worden. Von den Passagieren, die bereits int Zug saßen, ist niemand ver­wundet, sie sind von den Sitzen geschleudert worden, aber mit dem Schreck davongekommen. Das Bahnhofs­gebäude bietet ein Bild der Verwüstung dar; kein Fenster ist ganz, die Fächer am Hause sind m hrfach eingedrückt; einzelne Theile der Maschine, so z B. eine große, 2 Zentner schwere eiserne Platte, sind mehr als 100 Meter weit fortgeschleudert worden. Durch die Wohnung des Inspektors in der ersten Etage ist ein großes Stück Eisen mitten hindurch und dann zum Dach hinausgeschleudert worden. Welche Ursache der Explosion zu Grunde gelegen hat, hat noch nicht ermittelt werden können.

Sora», 4. November. Das dreijährige Söhnchen eines in der Badergasse wohnenden Zigarrcnmachers, das in Abwesenheit der Eltern mit zwei Geschwistern, darunter einem mehrere Wochen alten Schwesterchen, unter der Obhut der Großmut er staad, benutzte eine nur kurze Zeit währende Abwesenheit derselbe-!, um sich eine Scheere anzueignen und mit derselben das in der Wiege liegende, hilflose Schwesterchen in das Gesicht zu stechen. Als die Großmutter zurückkehrte, fand sie die Stubenthür von innen verriegelt. Der Aufforderung, die Thür aufzuriegeln, kam der kleine Missethäter nicht nach, so daß schließlich eine Leiter zum Fenster angelegt werden mußte, um vermittelst desselben durch Eindrücken der Scheiben in die Stube zu gelangen. Wahrschein­lich um das Schreien d.s gepeinigten kleinen Mädchen? zu verhindern, hatte das vielversprechende Bürschchen ein Bettkissen auf das Gesicht seines Schwesterchens geworfen, so daß dasselbe der GZahr des Erstickens ausgesetzt war.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 6. Nov. Wie wir erfahren wird sich jetzt ein neuer Arzt, Herr Dr. Stern (Christ) aus Abterode, hier niederlassen. Herrn Dr. Stern geht der Ruf eines sehr tüchtigen Arztes, namentlich eines tüchtigen Chirurgs und Arztes für Frauenkrankheiten voraus. Er entstammt einer althessischen Beamten- Familie; sein Vater war bis vor Kurzem cvmmunal- ständischer Baurath in Lasset.

* Herr Gerichts-Assessor Z Hintermann ist vom 1. d. Mls. ab zum Amtsrichter bet dem hiesigen Amts­gericht ernannt.

* In der letzten Landes-AuSschuß-Sitzung wurden in 20 Bezirke folgende Beamte zu LandeS-Rentmelster bestellt: Kassel, (Stadt und Land) Karl Barthel- m e s, seither Sekretär und Probator der Landeskredit- kasse, Assistent Georg Schäfer II., seither Aisist-M bei der Schatzkasse. Eschwege: Ruoolph Dom- browsky, seither Gerichtskassen-Assistent zu Kassel. Frankenberg: Wilhelm Gatlerdam, seither Käm­merei- und Sparkassen-Rendant zu Bleichenrode. Fritz- lart Aloysius Röhre, seither Königlicher Rentmeister ;u Sontra. Fulda: Jakob Re i ß, seither S krclarmls- Assiftcut bei der Beandversicherungs-Anstalt. Geln- Hausen: Friedrich Grieft, seither Gerichts-Assistent zu G-lnhausen. Hanau (Stadt und Land): Karl H e i d e l b a ch, seither Königl. komm. Rentmeister zu Wetter. Hersfeld: Martin F a s o l d, seither Kassen- Assistent bei der LandeSkreditkasse. HofgeiSmar: Adolph Jordan, seither Gerichts-Aktuar in Sobernheim, Homberg: Heinrich Ackert, seither Gerichts-Assistent in Hess. Lichtenau. Hünfetd: Friedrich Darnieder, seither Gerichtsschreiber und Rendant in Wetter. Mar­burg: Karl Stroinsky, seither Gerichts-Sekretär

1890.

zu Kassel. Weisungen: Karl Lotz, seither Vcrsiche- rungs-Jnspeklor und General-Agent zuKassel. Rinteln: Karl Krause, seither Hilfsarbeiter bei Königl. Regierung zu Kassel. Rotenburg: Christian Röse, seither Odei landesgerichts-Assistenl zu Kassel. Schlüch- t e r u: Heinrich K r ü ck, seither Hilfsarbeiter bei der LandeSkreditkasse. Schmalkalde.i: Heinrich MertenS, seither Gerichls-Sekretär zu Neuhof. Witzenhausen: Jakob Schäfer I., seither Sekretär.-Assistent bei der Brandversicherungs Anstalt. Wolsenhagen: Friedrich Henkel, seither S-kretariats-Assistent bei der Landes­kreditkasse. Siegenhain: Heinrich Heller, Gerichts- Assistent in Nieder-Aula. Von den zwei Bezirken Gersseld und Kirchhain steht die Ernennung noch aus.

* Da die Maul- und Klauenseuche durch Personeu, welche mit krankem Vieh mittelbar oder unmittelbar in Berührung gekommen sind, sehr leicht verschleppt werden kann, wird mit Rücksicht auf die bei Händlern vielfach mrstHjeube Gewohnheit, in Abwesenheit des Besitzeis dessen Vieh zu besichtigen, allen Viehbesitzern empfohlen, ihre Stallungen während ihrer Abwesenheit verschlossen zu halten, sowie auch sonst die größte Vorsicht obwalten zu lassen.

Konservierung der Kartoffeln. Angesichts der vielen kranken Kartoffeln, welche in diesem Jahr infolge Der andauernd nassen Witterung in den meisten Gegen« Den Mitteleuropas sich zwischen der Ernte finden, sei besonders auf eine gute Einkellerung hingewiesen. Als vorzüglich gegen Auftreten von Fäulnis hat sich nament­lich die Anwendung von kohlensauren Kalkpulvern ge­zeigt. Man streue bei der Einkellerung sowohl unter als zwischen die Kartoffeln größere Mengen desselben und wird sich von den Erfolgen bald überzeugen.

Aus Anlaß des den Reichspostanftalten obliegen­den BerD-bS von Marken zur Entrichtung der Bei­träge der Hüvälidiläls- und Altersoersicherrmg hat, wir derReichsanzeiger" mittheill, die Reichspostverwaltung erwogen, ob nicht außer gewissen Sorten von Wechsel­stempelzeichen und von Marken zur Entrichtung der statistischen Gebühr auch einige Postwerthzeichen in Weg­fall kommen könnten. Als solche sind wegen des ge­lingen Verbrauchs gestempelte Briefumschläge und Streif» oänber in Betracht gezogen worden, deren Herstellung and Vertrieb lediglich der Privatindustrie zu überlassen sei.

* Mit dem Inkrafttreten des Alters- und In- validenversicherungs-Gesetzes eröffnen sich den Militär- anwärtern günstige Aussichten für ein Unterkommen. Bislang war die Lage derselben keine beneidenswerthe, man glaubte vielfach in dem Militäranwärter, welcher 12 bis 15 Jahre dem Staat treu gedient, ein für die Anforderungen der Civildienststellung nicht geeignetes Element zu erblicken, und vielfach sind Schritte gethan worden, welche eine theilweise Aufhebung der Vorschrift über Anstellung der Militäranwärter bei den Kommunal- behörden u. s. w. anstrebten. Einzelne Kommunal- behörden suchen schon jetzt Buresuhilssarbeiter für dir Jnvaliditäts- und Altersveisicherung. Da insbesonderr Die Provinzialverwaltungen eine sehr große Zahl von Hilfsarbeitern beanspruchen werden, so müssen zunächst Die sich meldenden Militäranwärter beschästigt werden, bevor Civilpersonen angenommen werden.

* Die Philologenkarriere. Bezeichnend für die trostlosen Aussichten der akademisch gebildeten Lehrer ist folgende aus Neumünster in Schleswig-Holstein dem Holsteiner Kurier" zugegangene Mittheilung: Der praktische Arzt Dr. med. Herber in Neumünster hat in diesen Tagen vom brandenburgischen Provinzial- Schcklkollegium die Mittheilung erhalten, daß ihm am Gymnasium zu Friedberg in der Neumark eine ^wissen­schaftliche Hilfslehrerstclle mit 1500 Mk. Jahrcsgchalt übertragen sei und er sich wegen Annahme und Ab­lehnung derselben baldigst erklären wolle. Zum Ver­ständniß dieses eigenthümlichen Vorganges sei Folgen­des berichtet: Dr. Herber bestand 1881 sein Staats­examen als Lehrer und leistete sein Probejahr am Dorotheenstädtischen Realgymnasium in Berlin, war bann 1 7^ Jahre als Hilfslehrer amGrauen Kloster", ferner am Friedrich-Wühelmstädtischen und Französischen Gymnasium in Berlin thätig. Eine feste Anstellung schien jedoch für ihn nicht erreichbar. In Folge dessen faßte er 1884 den Entschluß, zur Medizin überzu- gehen. Nach 47b jährigem Studium hatte er seine Approbation in den Händen. Nun, nachdem er bereits