MWernerZettung
Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 77.
Mittwoch, den 24. September
1890.
Bestellungen auf das 4. Quartal 1890 (Oktober, November, December) der
^^^ „S^fücfiterner Zeitung"
bitten wir durch die Post (auch Landbriesträger) oder die Boten gcfl. aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten die Zeitung vom Tage der Bestellung bis Ende d. Mts. gratis. ^^" Auf vielfach ausgesprochenen Wunsch aus unserm Leserkreise werden wir von jetzt ab noch eine Gratisbeilage ,,Gemeinnützige Blätter für Haus,- Garten- und Landwirthschaft" regelmäßig unserer Zeitung beilegen,' der Abonnementspreis bleibt dabei doch der bisherige. DlLRtdlltllllll.
Deutsches Reich.
Berlin. Nach den statistischen Ei Mittelungen werden im Anfang des Jahres 1891 im Deutschen Reich bereits 117,000 Personen auf Grund der Invaliden- und Altersversicherung Anspruch auf eine jährliche Rente von Mk. 106,40 bis Mk. 191 haben, falls sie nachweisen, daß sie während der Jahre 1888, 1889 und 1890 mindestens 141 Wochen hindurch (irrt Beitragsjahre zu 47 Wochen) thatsächlich in einem Aibeits- oder Dienstverhältniß gestanden sind, welches vom 1. Januar 1891 an die Versicherungspflicht begründet haben würde. Dabei wird eine unverschuldete und gehörig bescheinigte, milErwerbsui fähigkeit verbundene Krankheit von mindestens einjähriger Dauer (§ 17 des Gesetzes) auf jem 141 Wochen nicht in Abrechnung gebracht. Es ist also eine große Wohlthat, welche das Gesetz gleich von Anfang an einer großen Anzahl bejahrter deutscher Arbeiter gewährt. Allein es kommt neben jenen, schon oft genug in den Blättern behufs rechtzeitiger Erwirkung der erforderlichen Bescheinigungen erwähnten Boraussetzunge noch eine andere Bedingung in Frage, deren Her? er Hebung um so nothwendiger erscheint, als ihre Erfüllung außerordentlich leicht ist. Der unter den lOb rgangs bedingungen befindliche § 157 des Reichsgesetzes vom 22. Juni 1889 gewährt nämlich jene Wohlthat nu den Versicherten. Daraus folgt, wie auch in dem äußerst zuverlässigen und vollständigen Kommentar der Herrei Bosse und v. Wödlkc zu jenem Gesetz ausdrücklich bemerkt ist, daß der die Altersrente im Anfang des Jahres 1891 Beantragende mindestens bereits eine Marke fü eine Woche verwendet haben muß, was bekanntlich fü- ihn nur einen Kostenaufwand von 7 bis 15 Pfennige; ausmacht. Ei st unter Ueberw isung einer mindestens mit einer Marke beklebten Quittungskarte darf der in- übrigen Berechtigte die Altersrente bei der zuständige- unteren Verwaltungsbehörde (Landrath, Magistrat mit landräthlicher Zuständigkeit) nach Vorschrift des § 75 beantragen.
— Bei einem in vergangener Nacht in der Friedrichstraße ausgebrochenen Brande sind leider 4 Menschen leben umgekommen, die beiden Töchter d.s Besitzers des brennenden Hauses im Alter von 10 und 14 Jahre- und 2 Dienstmädchen. Die beiden Kinder sind erstick! während die Dienstmädchen ganz verkohlt aufgefundei wurden.
— Da sich gewisse Arbeiten bei der Fabrikation des rauchlosen Pulvers als gesundheitsgefährlich erwiese! haben, sind die bethciligten Sirbeiter der Spandaue Fabrik mit Kautschuckmasken ausgestattet worden.
In Berlin hat am Dienstag Abend wieder eine große soziaid-mokratischc Versammlung stattgefunden, in der man sich mit dem Austritt der Sozialdemokraten aus der Landeskirche beschäftigt hat. Vor etwa 2000 Personen männliche» und weiblichen G.schlechtS begründete der Stadtverordnete Vogtherr „die Nothwendigkeit der Religionslosigkeit" eines richtigen Sozialdemokraten. Er erntete t^otz der Oberflächlich! it seiner Gedanken lebhaften Beifall und ein junger Kandidat der Theologie, Regrhly mit Namen, der dem Vorredner mulhig widersprach. Hatte einen schweren Stand. Als er Jesus Christus als den Stifter des Christenthums erwähnte, brach ein so wilder Tumult in der Menge aus, daß der anwesende Polizeioifizier die Versammln; g auflösen mußte.
Königsberg i. Pr, 17. Sept. Im hiesigen Gar- Nisonlazareth haben vor Kurzem zwölf militärpflichtige Geistliche einen freiwilligen KursuS behufs Ausbildung zu Lazarethzchilf n burdigemad L Alle zwölf Herren haben nach vierwöckiger U bung bu Pr i u ig als Ober« Lazarethgehilfen bcs anden.
Nenmühl, 14. Sept. Ein Opfer seines Berufs starb Pastor Daube dieser Tage an der Diphterilis,
In dem Filialdorfe Hälse waren sämmtliche fünf Kinder ein r Familie nicht getauft. Als in dieser Diphtheritis ausbrach, wurde Pastor Daube in nächtlicher Zeit dahin geholt, um die Taufe an den Kindern zu voll- zieh-n, und zog sich dabei eine Ansteckung zu.
Litgnitz, 14. S'Pt. Wegen Vergehens gegen das Nahrnngsmittelgefitz wurde von hiesiger Strafkammer ein Fleischer zu 1 Hz Jahren Gefängniß und zwei Jahren Ehrverlust verurtheilt. Der Betreffende hatte von einem Gutspächter eine Kuh zum Schlachten für 15 Mark getauft, die am Halse eine Geschwulst zeigte und ganz abgemagert war. Es stellte sich beim Schlachten des Thieres heraus, daß dass lbc an Herzbeutel-Wassersucht gelitten hatte. Trotzdem dies dem Angeklagten bekannt war, verkaufte und verschenkte er das Fleisch, das noch dazu in der Hitze mehrere Tage in einer Scheuer hängen geblieben war. Glücklicher Weise hat Niemand Schaden an dem Genuß des Fleisches genommen. Durch die Sachverständigen wurde bilU idet, daß das Fleisch eines derartig kra- ken Thieres dem M nschen schädlich robben kann, und mit Rücksicht auf eine Vorstrafe wegen gleiche« Vergehens erkannte der Gerichts Hof auf die genannte hohe Strafe.
Hamburg, 16. Sept. V.rsehen im Droguen- reschäft. Ein junges Mädchen taufte gestern in einer Droguenhandlung des Vororts Rothenburgsorl Rothstin, welcher ihr von dem Lehrling verabreicht wurde. Nachmittags stellten sich bei dem Mädchen bedeutende Schmerzen ein, die in kurzer Zeit den Tod herbeiführten. Der Leichenbefund ergab daß in dem Magen der Unglücklichen sich eine große Menge chromsaures Kali m-fand, welches der Lehrling irrthümlich statt desRoth- si-ins verkauft halte. Er sowohl wie sein Prinzipal wurden sofort verhaftet.
Speyer, 19. Sept. H ute Vormittag fand hier inter Theilnahm' der Behöben die Weihe des Platzes and der erste Spatenstich zu der von den deutschen ßroteftanten zu erbauenden Protestationskirche statt. Die Mitglieder des in Mannheim tagenden Gustav- 'ldolf-Vereins waren mit Extra'chiffen zu der Feier ingetroffen. Die Stadt hat Flaggenschmuck angelegt. Nach einer von dem Pastor Professor Gümbel gehaltenen Festrede that Consistorialrath Risch den ersten Spatenstich. Den Schluß der Feier, welcher eine sehr zahl- eiche Menge beiwohnte, bildete eine Rede des Prozessors Fricke.
Saarbrücken, 17. Scpt. Vorgestern Nachmittag st Grub? Maybach durch ein schweres Unglück Heim- gesucht worden in Folge schlagender Wetter. So weit besannt, sind bis jetzt 25 Todte zu Tage gefördert, während noch einer vermißt sein soll. Das Unglück geschah auf der sogenannten Wettersohle, wo dieser Tage nur 26 Leute arbeiteten. Die übrigen ca. 570 Leute, welche sich ebenfalls in der Grube befanden, konnten gerettet werden. Wie in ähnlichen Fällen, so zeigte sich auch hier der Muth und dieUnerschrockenheit der Bergleute zur Rettung ihrer Kameraden im glän- zendsten Lichte; auch das B.amtenpersonal war zahlreich vertreten und theilte in der aufopferndsten Weise die Gefahren und Mühen der Rettungsmannschaften; Aerzte waren sowohl von Friedrichsthal als Sulzbach herbeigeeilt. Alle 10 bis 15 Minuten sah man R.ttungs- mannschaften den Schacht hinabsteigen, die dann nach kurzer Arbeit, von den giftigen Schwaden überrascht wie todt anS Tageslicht gefördert wurden, um durch kalte Dortchen, Bäder und andere ärztliche Operationen zur Athmung und Bewußtsein gebracht zu werden. W'e ein Augenzeuge berichtet, lag auch DircckorStapen- Horst bewußtlos in der Strecke und wurde durch Berg- rath Kreuser zu Tage gebracht, wo er sich bald wieder erholte und seine weiteren Anordnungen traf. Auch Brigrath Kreuser ist bei seinen Rettungsarbeiten von
mehrmaliger Oh imacht heimgesucht worden. Di Arbeiten dauerten die ganze Nacht hindurch; sämmtliche Todte sind in einen nahe gelegenen Schuppen niedergelegt, bis auf einen jungen Mann, den aus dem Schütte herauszuziehen bis jetzt nicht möglich war. Auch die katholische Geistlichkeit der umliegenden Pfarreien war zur Stelle, um nötigenfalls einem Sterbenden die Sterbesakramente spenden zu können. Die meisten der Verunglückten sind verheirathet. Sämmtlich: Todte waren total verbrannt und glichen nur mehr Skeletten. Die Gerichtspersonen begaben sich gestern früh an die Unglücksstätte.
Straßburg, 16. Sept. Sechs berittene französische Offiziere (darunter zwei vom Generalstab, ein Ingenieur und ein Photograph) haben bei Markirch in Uniform und Waffen die deutsche Grenze überschritten und Aufnahmen der Umgegend und Messungen vorgenommen, wie von dort berichtet wird. Eine Untersuchung der Angelegenheit ist sofort veranlaßt worden. Man sagt, die Spuren di.ser Gesellschaft hätten sich längs der ganzen Grenze verfolgen lassen. Wenn die bisher echgegangenen Nachrichten sich als richtig erweisen sollten, so kann nur von einer -beabsichtigten böswilligen Grenzverletzung die Rede fein, denn gerade an jener Stelle war vor einigen Jahren ein deutscher Förster versehentlich auf seinem Pürschgang über die französische Grenze gegangen, woraufhin dort der Grenzgraben vertieft und längs der ganzen Grenze über ein Meter hohe weißgestrichene Steinhaufen niedergelegt, außerdem aber ein sog. neutraler 2 Meter breiter Streifen Land ausgeholzt und freigelegt worden ist. Die Grenze war also unter allen Umständen genau zu erkennen.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 23. Sept. Am Samstag endigten die Truppenübungen in hiesiger Gegend. Die Schlußmanöver verliefen noch großartiger und eindrucksvoller als in den vorhergehenden Tagen. Am Freitag Morgen trafen die in Schlüchtern und den benachbarten Ortschaften liegenden Truppen bei Ulmbach zusammen und rückten gegen einen von Hintersteinau herannahenden markierten Feind an. Nach 1 '/s ständigem Gefecht wurde der Feind zurückgeworfen. Die nach Schluß er« folgere „Kritik" gewährte ein glänzendes Bild durch die Masse der Officiere. Bald darauf bezogen die Truppen ihre Bivouaks bei Breitenbach, wo sich bald ein buntbewegtes Leben entfaltete. In großen Scharen zogen die Einwohner der umliegenden Ortschaften heran und schauten dem Tr.iben der Soldaten zu. Besonders das „Begraben der Löffel" von Seiten der Reservisten und die dabei beobachteten Ceremonien und Umzüge, welche den oft sehr saftigen Soldatenhumor mit Glanz zum Ausdruck brachten, gefielen sehr. Um 9Uhr Abends erst beim Zapfenstreich ward Ruhe, die aber nicht lange dauerte, denn schon um 3 Uhr Morgens wurde daS Lager alarmiert. Das Gefecht wurde bei Wallroth wieder eröffnet und zog sich nach Flieden zu, von wo die Truppei über den Landrücken nach Bahnhof Elm zogen; dortselbst folgte für die Infanterie die Einschiffung in die Extrazüge am Nachmittag, während die Artillerie noch einmal Quartier den Sonntag über hier in der Stadt und Umgegend bezog.
* — Mit dem 1. nächsten Monats werden für das Winter-Halbjahr die Postschalter wieder erst früh 8 Uhr g öffnet. Sonntags sind die Schalter geöffnet von 8—9 Uhr früh und von 5—7 Uhr Abei ds.
* — Jetzt bei dem frühen Dunkelwerden müssen bekanntlich alle auf öffentlichen Straßen fahrenden Wa en mit brennender Laterne verfitzen sein, sobald die Dunkelheit eintritt. Diese Best mm ing wird, wie in alhn Jahren vorh r, auch diesmal wieder vielf ch unbeachtet gelassen. W.il nun aber dieses Nichil rächten der ge»