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Samstag, den 20. September
1890.
Bestellungen auf das 4. Quartal 1890 (Oktober, November, December) der
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Deutsches Reich.
— Wie vorher in Schleswig-Holstein so verlausen auch in Schlesien die Kaisertage in glanzvoller Weise. Am Montag fand wieder eine Parade statt, zu welcher sich beide Majestäten über Liegnitz nach Brechelshof begeben hatten. Dieselbe nahm einen glänzenden Verlauf. Alsdann kehrten der Kaiser und die Kaiserin nach Liegnitz zurück, wo ihnen ein begeisterten Empfang bereitet wurde. Nachmittags fand auf dem Schlosse eine Paradetafel statt, an welcher sämmtliche in der Parade gestandenen Stabsoffiziere des 5. Armeekorps theilnahmen. Der Kaiser brächte in Huldvollen, die Leistungen des Armeekorps anerkennenden Worten ein Hoch auf das Wohl des 5. Armeekorps aus.
— Dem Feldmarschall Grafen von Moltke (geb. am 26. Oktober 1800 zu Parchim) soll zu seinem neunzigsten Geburtstage eine gemeinsame Adresse aller Städte Deutschlands in einem Kunstschranke überwiesen werden. Die Krönung des letzteren wird eine aus Metall von im Jahre 1870 erobertem Geschü tz her- gestellte Bronzebüste des Kaisers bilden, während in der Thürfüllung die „Germania" — ebenfalls aus Bronze — angebracht werden soll. Die Unterschluisbogen werden — für jede Stadt besonders gezeichn - in dem Atelier des Herrn Hermann Senger-Berlin hergestellt und später für jede Provinz in einem das Wappen der betreffenden Provinz tragenden Prachtledereinband zusammengefaßt.
* — Ueber die preußische Reform der direkten Steuern sind wieder Einzelheiten bekannt geworden: „Mit der Reform der Gewerbesteuer soll eine Reform der Erbschaftssteuer Hand in Hand gehen. Die neue Erbschaftssteuer soll bei Ehegatten, Kindern und Eltern ein Prozent, bei entfernten Angehörigen mehr betragen. Sie bezweckt einen Mehrertrag gegen die jetzt bestehende Erbschaftsabgabe und soll neben der Reform der Einkommensteuer das fundierte Kapital besonders treffen. In der Gewerbesteuer sollen die großen Betriebe stärker belastet, die kleinen befreit werden. Weiter sollen die Grund- und Gebäudesteuer-Einnahmen, im Ganzen 72 Millionen Mark, den Gemeinden überwiesen werden, damit die Kommunalzuschläge zu den direkten Staatssteuern in Fortfall gelangen können. In den Staatseinnahmen entsteht also ein erheblicher Ausfall, und zur Deckung desselben sollen die Einnahmen aus der refor- mirten Einkommensteuer und der neuen Erbschaftssteuer dienen."
* — Anläßlich des Sedantages ward auch die Frage erörtert, wie eS mit der Versorgung der Opfer der Kriege st-ht. Das Pensionszesetz hat damals in der Hauptsache angemessene Beträge ausgeworfen. Seitdem hat sich der Geldwerth ganz außerordentlich vermindert. In Folge davon ist man ja auch unlängst zu einer Erhöhung der Beamtengelder g langt. Den Offizieren, welche nach dem Kriege von 1870/71 invalide geworden sind, hat man im Jahre 1886 nachträglich eine Peusions- erhöhung zu Theil werden lassen. Dagegen sind die Sätze für die Invaliden der Unterklassen aus jenen Kriegen ganz und gar unverändert geblieben. Bekanntlich werden die Pensionen der Kriegsinvaliden aus dem Reichsinvalidenfonds bestritten, welcher über weit mehr Mittel verfügt, als er zur Bestreitung der ihm zuge- Wicscnen Lasten bedarf. Nach der letzten Bilanz vom 30. Juni 1888 überstieg der aktive Bestand den Kapitalwerth der Verbindlichkeiten bei dem Reichsinvaliden- fonds um 97 Millionen Mark. Es würde somit leicht werden, die Lage der Kriegsinvaliden der Unterklassen erheblich aufzubessern. Es würde wohl kein Widerspruch erhoben werden, wenn die Regierung die Initiative in dieser Richtung ergriffe.
BLndc, 14. September. Aus 17 Schlachten, die tr in den Feldzügin von 1864, 1866, 1870/71 mitge-
Brandenstein ein Bivouak. Morgen ist dann wieder Einquartierung und am Sonntag Nachmittag kehren die Truppen mit Extrazügen von Station Elm aus in ihre resp. Garnisonen zurück, und das Alltagsleben tritt hier wieder in seine Rechte.
* — In voriger Woche verunglückte ein Arbeiter in einer hiesigen Dampfmühle in Folge Unvorsichtigkeit, indem derselbe einen Treibriemen auflegen wollte, bei einer Wendung vom Riemen an den Kleidern erfaßt und ihm von der Transmission eine schwere Verletzung am unteren Theile des Rückens zugefügt wurde, sodaß seine Aufnahme ins Krankenhaus erfolgen mußte.
* — Wir glauben eine Pflicht gegen unsere Leser zu erfüllen, wenn wir ihnen einiges aus den soeben erschienenen Satzungen der „Casseler Postfachschule" mittheilen. Zunächst will die Schule, welche sich bekanntlich des größten Wohlwollens hiesiger hohen Ober- Post und Postdirektion erfreut, und deren Lehrplan sich nach den von Sr. Majestät dem Kaiser Wilhelm II. unterm 13. Februar 1890 festgesetzten Grundsätze richtet, jedem strebsamen jungen Manne im Alter von 14-21 Jahren, auch wenn derselbe auch nur eine Volksschule besucht hat, zur mittleren Postlaufbahn vo;:bereitcn und ihm eine eine gediegene, der späteren Wirksamkeit der Beamten entsprechende Bildung mit« geben. Die Schüler legen nach vollendetem Lehrgänge in der Schule eine Prüfung vor kaiserl.Ober-Postdircktion zu Cassel ab, und finden, sofern sie dieselbe bestehen, sofort Stellung als Postgehilfen. Letztere können es alsdann zum Postassistenten, Ooerpostassistenten und Postverwalter bringen. Der große Aufschwung und die Ausdehnung auf diesem Gebiete erfordern ja täglich neue Stellen und somit neue Arbeitskräfte. Der Umstand, daß die jungen Leute schon bald nachsihrem Eintritt in den Postdienst eine monatliche Einnahme von ca. 60 M. Ipbcn, könnte vielleicht manche Eltern verlassen, ihre Söhne dieser Laufbahn zuzuführen. Der Vorsteher der „Casseler Postfachschule" Direktor Bolz, hatte die Ehre des persönlichen Empfanges bei den Herren Ober-PostdirektorZielke und Postdirektor Stephan dahier. Beide Herren sprachen sich wohlwollend und durchaus anerkennend über die Postfachschule in Cassel aus und stellten der Anstalt die beste Aussicht für die Zukunft. Nicht unerwähnt sei, daß die „Casseler Post- fachschule" insofern einen Vorzug gegenüber Anstalten an kleinen Orten hat, als die Prüfungen in Cassel selbst stattfinden, und daher den Zöglingen, bezw. deren Eltern, Reise und Aufenthaltsgelder, zwecks Ablegung der Prüfung erspart werden.
* — Der vorliegenden Nummer liegt ein Prospekt über die in Berlin erscheinende Zeitschrift: „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" bei, welchen wir geft. Beachtung um so lieber empfehlen, als dieses Haus- frauenblatt in ihrer Art die beste aller existirenden Zeitschriften ist,
*X Ulmbach, 18, Sept. Die Tage vom 15. bis 18. d. Mts. werden den Bewohnern hiesiger Gegend gewiß in steter Erinnerung bleiben. Es waren die Manövertage. Man hatte hier zwar schon Militär-Durchzüge, namentlich in den Kriegsjahren gesehen, allein solch großartige und umfangreiche militärische Uebungen wie gestern und vorgestern haben auf unseren Feldern noch niemals stattgefunden. Der aufmerksame Beobachter hatte hier ein Bild jenes Lebens und Treibens, von dem unsere Reservisten singen: „So geht es zu im Kriege!" er hatte aber auch Gelegenheit, in diesem großen militärischen Schauspiele die musterhafte Ordnung und Ausdauer unserer Truppen und ihrer bewährten Führer zu schauen und zu bewundern, ja er mußte freudebewegten Herzens ausrufen: „Lieb Vaterland kannst ruhig sein!" Schon am lö.Vor- mittags, als kaum die liebe Herbstsonne heramgestiegen, hörte man von Westen her den gewaltigen Donner der
macht, ist der Kolon Elstermeyer in Querheim mit heiler Haut davongekommen, so daß er es wohl verdient hätte, eines natürlichen Todes sterben zu können. Es sollte nicht sein; vielmehr fiel er infolge deS Brechens eines Astes von einem Birnbaum und starb an Gehirnerschütterung.
Ratibor. Der Fähiknecht Zogalla, d.r, wie man sich erinnern wird, bei Thurze, unweit Ratibor, am 15. Juni durch Ueberlastung eines Fahrzeuges ein Unglück verschuldet hat, durch welches 43 Menschen, Meist junge Konfirmandinnen, vernichtet wurden, ist zu 5 Jahren Gefängniß verurthült worden. Das ist das höchste Strafmaß, welches erkannt werden konnte.
Aus dem Odenwald, 15. Sept. Der Gesammt- erlös aus der diesjährigen Heidelbeerernte des Oöen- waldes wird auf 150,000 Mk. taxirt. An diesem bedeutenden Betrage puticipirt vorzugsweise die ärmere Klasse unserer Gebirgsbevölkerung, welcher der lohnende Verdienst von Herzen zu gönnen ist.
Nachdem in Nürnberg in den letzten sechs Monaten nicht weniger als 80 Zwangsversteigerungen von Immobilien vorgekommen waren, sind für den laufenden Monat schon wieder 19 Anwesen zur Subhastation bestimmt,
Essen, 13. Sept. Ein äußerst angenehmer „Spukgeist" treibt seit einiger Zeit in dem Garten eines hiesigen Dachoeckermeisters sein W sen. Den in den Garten Tretenden passirtes fast täglich, daß ihnen Geldstücke vor die Füße rollen, welch: von unsichtbarer Hand aus der Höhe heradgeworfen werden. Anfangs warenesKupfermün- zen diesen folgten Nickel- und Silbermünzen, und jetzt läßt der gütige Spender dieses Segens sogar Goldstücke „regnen". Der Besitzer des Gartens war in der angenehmen Lage, nach und nach bereits >125 Mark sammeln zu können. Bis jetzt hat es noch nicht gelingen wollen, diesen rätselhaften Erscheinungen auf den Grund zu kommen, trotzdem die betreffende Stelle seit mehreren Tagen von einer Polizeipatrouille beobachtet wird. Der Besitzer des Gartens hat für den „Spuck" nur die Erklärung, daß er auf diese absonderliche Art für einen vor längerer Zeit bei ihm verübten Diebstahl entschädigt werden soll.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 19. Sept. Wohl selten hat unser Städtchen so viele Gäste in seinen Mauern gehabt, als in den letzten Tagen. Am Mittwoch Mittag rückten ca. 2000 Mann von der Großherzoglich Hessischen 25. Division mit zwei Generalen an der Spitze hier ein und bezogen Quartier bei den Bürgern, und zwar der Divisionsstab, ein Brigadestab, zwei Regimentsstäbe, drei Bataillone Infanterie, eine Schwadron Dragoner, eine Batterie Artillerie, eine Abtheilung Train und das Telegraphendetachement der 25. Division, mit ca. 650 Pferden. Schon am Abend vorher fanden mehrfach Durchmärsche von Truppen statt, zum Quartier nach Elm, Herolz K. Ebenso marschierten am Mittwoch große Kolonnen durch Schlächtern nach Niederzell, Hohen- zrll, Bellings rc. ins Quartier. Da unsere Nachbarstadt Steinau ebenfalls ca. 2000 Mann erhielt, welche durchs Steinbachthal marschierten, so mochten wohl an 8 - 9000 Mann mit 1500 Pferden im oberen Kinzig- thal und in den Dörfern zwischen Salmünster und Hintersteinau, Ulmbach und Herolz einquartiert sein. Das militärische Leben und Treiben fand allerorten bei Jung und Alt rege Theilnahme und das zweierlei Tuch verfehlte auch bei den hiesigen Schönen seine bekannte Wirkung nicht. Nachdem gestern Ruhetag gewesen, marschierten die Truppen heute morgen wieder zum Manöver in die Gegend zwischen Ulmbach und Wallroth hinaus und beziehen voraussichtlich heute Abend in dem Gelände zwischen Schlächtern, Breitenbach und Elm-!