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SchlWewrMung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Jf 73. Mittwoch, den 10. September 1890.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat in Flensburg und im Schlosse Toaste ausgebracht, in deren einem er sagte: Der Kaiser Franz Joseph hat die Gnade gehabt, ein Geschwader in die hiesigen Gewässer zu schicken und mit ihm ein Mitglied seines Hauses. Die engen Be­ziehungen innigster Freundschaft und fester Waffen­brüderschaft, die Seine Majestät mit mir verbinden und in dem Besuch seiner Marine und in dem Vcr- hältniß seiner Marine zu meinen Schiffen sich bekundet haben, haben sich auch darin gezeigt, daß er den Erz­herzog Karl Stephan hierher geschickt Hai. Der Erz­herzog feiert heute seinen Geburtstag und ich denke in aller Ihrer Herzen u nd Gesinnung zu sprechen, wenn ich Sie bitte, daß wir uns vereinigen in dem Rufe: Der Erzherzog Karl Stephan lebe hoch! hoch! hoch!"

München, 5. September. Wiederum hat der Tod einen der Männer hinweg genommen, welche mit der Jugendgeschichte des neuen Deutschen Reiches aufs Innigste verwachsen sind. Auf seinem Landgute Pöcking am Starnberger See starb gestern Nachmittag 4 Uhr nach längerem schweren Leiden eine V:rkalkung der Venen hatte schon zu Anfang dieses Jahres einen Schlaganfall herbeigiführt der frühere Minister­präsident Bayerns, Dr. Freiherr von Lutz, welcher fast zwei Jahrzehnte hindurch thatsächlich die Politik des zweitgrößten deutschen Bundesstaates g-leitet hat, auch wenn er in der ersten Hälfte dieser Periode nicht formell Ministerpräsident war.

Büblingen, 1. September. In der Stallung der hiesigen Zuckerfabrik trat letzten Sonnabend an einer Kuh eine eigenartige Erscheinung zu Tage. Die Kuh hatte nämlich seit einigen Tagen am Unterleib hinter den Vorderbeinen eine kleine Geschwulst, welche zu k merlei Bedenken Anstoß erregte, bis sich die Geschwulst von Innen selbst öffnete und sich eine scharfe Messerspitze bemerkbar machte. Sofort wurde zur Operation ge­schritten und ein IbCentimeter langes, offenes Taschen­messer aus seinem dunklen V rsteck herausgezogen. Nach Aussage deS dortigen Verwalters R. soll die Kuh daS Messer mindestens schon voriges Späljahr bei Grünfütterung verschluckt haben.

Eine amüsante Hundegeschichte wird aus Ratibor gemeldet- Ein dortiger wohlhabender Einwohner hatte von der Polizei ein Strafmandat über 1 Mark erhalten, weil sein Hund während der Sperre ohne Maulkorb auf der Straße gesehen sein sollte. Der Herr ging auf die Polizei und ersuchte um Aufhebung desStrafbcfchlS, weil er, wie er nachwies, nie einen Hund besessen habe. Man bedeutete ihm, dies sei nicht angängig und er möge deßhalb, wenn er sich zu Unrecht bestraft glaube, richter­liche Entscheidung anrufen. Der Herr that dies aber nicht, weil er die Laufereien zu Gericht scheute und bezahlte lieber die 1 Mark, um die Geschichte los zu sein. Kurze Zeit darauf erhielt er eine Veranlagung zur Hundesteuer für das laufende Halbjahr in Höhe von 4,50 Mark mit dem Bemerken, daß, wenn der Be­trag nicht bis zu dem und dem Tage auf d r Stadt- kasse bezahlt wäre, exekutivisch vorgegargen würde. Der Herr glaubte, es läge ein Irrthum vor, und begab sich zum Oberbürgermeister Krerdel, dem er den Sachverhalt darstcllte. Der Herr Bürgermeister erklärte, hier nicht in der Lage zu sein, helfend einzugreifen. Dadurch, daß der Herr die 1 Mark Strafe für den Hund (der in Wirklichkeit gar nicht existent) bezahlt, habe er still­schweigend anerkannt, daß er einen solchen besitze. In­dem er aber der Steuerbehörde von dem Vorhandensein des (gar ntcht existn enden) HundeS keine Anzeige ge­wacht, rechtfertige sich seine Heranziehung zu dem halb­jährlichen Steuerbetrage. Vergebens wies der Bürger darauf hin, daß er die 1 Mk. damals nur bezahlt habe, Um keine weiteren Scherereien zu haben, in Wirklichkeit habe er nie einen Hund besessen es nutzte ihm nichts, rr mußte unterrichteter Dinge a^ziehen. Der nolens volens zum Hundebesitzer gemachte Herr ist nun ent­schlossen, die Stcu r nicht zu bezahlen, sondern es auf die Exekution ankommen zu lassen. Er wird dann sein Acht im Verwaltungswege nachsuchen, umso zu erfahren, ob er wirklich verpflichtet ist, St nern für einen Hund

zu bezahlen, den er nie besessen hat.

Börde i. W., 5. September. Ein muthiges Mäd- chen ist die 16jahr ^t Tochter desOekonomenSchult-Allcr. Dirsilbe lernt in einer hiesigen Wirthschaft daS Kochen

und bemerkte zufällig, wie ein baumlanger, starker Mann mit einer nichts weniger als vertrauenerweckenden Physiognomie in die Kasse griff. Im nächsten Moment hatte ihn das Mädchen an der Gurgel und rief um Hilfe, welche ocnn auch sofort herbei kam. Der robuste Kerl war ob des plötzlichen Angriffs so perplex, daß er sich ohne Widerstand festhalten und der Polizei übergeben ließ.

Lokales und Provinzielles.

R. Schlüchtern, 9. Sept. Der Kreisausschuß be­gab sich am verflossenen Samstag unter Führung des Vorsitzenden, Herrn Landrath Roth, in die Wohnung des H:rrn Koch, um denselben zu seinem 50 jährigen Jubiläum zu beglückwünschen. Bei dieser Gelegenheit überreichte im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Herr Landrath dem Jubilar in Gegenwart seiner Fa­milie den Kronen-Orden IV. Kl. und gedachte hierbei in den heizlichsten Worten der langjährigen, verdienst­vollen Vergangenheit des rüstigen Greises und der be­rechtigten Hoffnung, ihn noch eine Reihe von Jahren seiner Familie und seinen Patienten erhalten zu sehen.

* Am vorigen Samstag feierte der Amtswund­arzt und practische Arzt, Herr Koch dahier in voller körperlicher und geistiger Frische sein 50 jähriges Djenst- jubiläum. Am Mittage überreichte Herr Landrath Noth den von Sr. Majestät dem Kaiser dem Jubilar ver­liehenen Kronen-Orden IV. Kl. unter einer entsprechen­den Ansprache und am Nachmittage vereinigte ein Festessen imStern" die vielen Freunde, sowie die Collegen des Jubilars. Leider bekam Herr Kreisphysikus Sanitätsrath Dr. Spangenbcrg, welcher das Arrangement der Feier übernommen hatte, in Folge Ueberanstrengung einen leichten Anfall, der ihn am Gehen hinderte, so daß er nach Hause gefahren werden mußte. Hoffentlich ist die Lähmung nur vorübergehend und dem werthen Herrn in der Ausübung seiner segensreichen Praxis nicht weiter hinderlich. Dem greisen Jubilar Herrn Koch möge auch fürderhin die Gesundheit und Rüstigkeit erhalten bleiben, damit er noch recht lange zum Trost und Segen seiner Mitmenschen unter uns weile.

* Ueber die Truppenübungen in hiesiger Gegend erfahren wir Folgendes: Im Kreise Gelnhausen haben dieselben in voriger Woche begonnen. Bei Wächtersbach ist eine Feldbäckerei und eine Feldschlächterei in Betrieb, ebenso bei Langenselbold. Bei Schlüchtern, Wächters­bach, Langenselbold, Gebern, Raustadt und Butzbachj sind Fourage-Magazine angelegt worden. Bivouaks finden statt am 9. bei Büdingen, 15. bei Ulmbach und am 19. bei Schlüchtern. Gegenwärtig ist die Umgegend von Wächtersbach und das Bruchthal Schauplatz der Manöver. Am 20. September sind die Manöver zu Ei.de und fahren die Truppen mit Extrazügen wieder in ihre Garnisonen zurück.

* Auf die heute stattfindende Thierschau auf dem Acisbrunnen bei Schlüchtern machen wir unsere Leser hiermit aufmerksam und empfehlen den Besuch derselben, da die Ausstellung eine sehr reichhaltige zu werden verspricht.

* Eine unerwartete Ueberraschung wurde vor Kurzem dem Kaufmann S. Rosenbaum dahier zu Theil. In den Büchern desselben stand noch ein unbezahlter Posten offen, von welchem auf Eingang wegen Aus- wanderung des Schuldners nach Amerika nicht gerechnet würd:. Herr Resei baum erhielt nun einen uns im Original vorgelegenen Brief, nach welchem der Schuldner die Zahlung des vor 8 9 Jahren contrahirtcn Postens m Aussicht stellte, und wirklich traf die Zahlung auch ein.

* Von der Hanauer Strafkammer vom 31. Juli erhielt der Zimmermann von Vollmerz nicht, wie wir in Nr. 63 unserer Zeitung berichteten, 5 Tage Haft Und 1 Tag Gefängniß, sondern nur 1 Tag Gefängniß.

Entscheidung des Reichsgerichts.Wie weit hat sich ein Grundbesitzer den Zufluß des Regen- wassers oder des durch Regengüsse angcschwollenen Flußwassers vom Nachbar-Grundstück gefallen zu lassen?" Ein Kreisausschuß in der Provinz Sachsen hatte im Jahr 1876 unmitelbar an einer Brücke Nivcauerhöhung des Weges um 1-1'/- Meter vornehmen lassen, der­gestalt, daß das Grundstück der Klägerin, während es früher über dem Niveau des Weges, da wo derselbe an die Brücke Herantritt, gelegen hatte, nunmehr tief r

zu liegen kam, wodurch das von diesem nicht auf­genommene Hochwasser, anstatt wie früher zu beiden Seiten der Brücke abzufließen, längs des erhöhten Straßendammes zurückstaute, bis es an tiefster Stelle der Straße zunächst diese selbst, dann aber das an­grenzende Gehöft der Klägerin überfluthete. Die Klage ist, soweit sie auf Beseitigung der Brücke ging, zurückgewiesen, soweit sie auf Schadenersatz und auf Sicherstellung gegen zukünftige Störung ging, für begründet erachtet worden, weil jede Hereinleitung von Gewässern aus einem höheren in ein tiefer gelegenes Grundstück als eine unberechtigte erscheine,wenn sie auf einer willkürlichen Veranstaltung des Besitzers be­ruhe, durch welche der natürliche Wasserlauf zum Nachtheil des Nachbar-Grundstückes verändert werde."

* In manchen Kreisen des Regierungsbezirks Kassel, insbesondere in den Kreisen Eschwege, Fulda, Hersfeld, Homberg, Hünfeld, Melsungen, Rotenburg, Witzeuhausen und Ziegenhain ist die Schafräude mehrfach verbreitet.

* Die Uebungen der Reservisten mit dem neuen Gewehr sollen Mitte September beginnen und auf 12 Tage berechnet sein. Daran schließen sich alsdann ab- theilungsweise Uebungen der Landwehr des ersten Auf­gebots, sodaß die Uebungen erst Mitte Dezember ihr Ende erreichen.

Falsches Geld. Falsche preußische Thalerstücke mit der Jahreszahl 1866 sollen im Umlauf sein. Ihr Klang ist gut, aber die Farbe etwas matt, bleiern. Der Spruch auf dem RandeGott mit uns" fehlt. Auch falsche 20-Pfennigstücke sind verausgabt worden. Ebenso sind falsche Einmarkstücke mit dem Münzzeichen F und der Jahreszahl 1874 im Umlauf. Es ist dahe? bei Annahme von Geld Vorsicht geboten.

R. Steinau, 8. Sept. Dem Pfarrer und Rector Herrn Schneider aus Rüdigheim bei Hanau ist die 2. Pfarrer- und Rectorstelle dahier vom 1. October ab übertragen worden. Herr Kandidat Lambert, der die­selbe 1 Jahr 4 Monate versehen hat, wird nächsten Sonntag seine Abschiedspredigt halten. Dieser junge Geistliche hat sich in dem kurzen Zeitraum seines Hier­seins durch sein treues W rken in Kirche und Schule, sowie durch sein leutseliges Wesen, das er gegen Arme und Reiche, gegen Vornehme und Geringe zeigte, eine solche Liebe in der Gemeinde erworben, daß wir ihn sehr ungern von hier scheiden sehen. Der nächste Wir­kungskreis des Herrn Lambert ist zur Zeit noch nicht bekannt. Glücklich die Gemeinde, die ihn als Geistlichen erhält!

Fulda, 5. September. In Berücksichtigung der diesjährigen, für die Landwirthschaft so ungünstigen Witterungsverhältnisse hat der Kreisausschuß beschlossen, die landwirthschaftlicheWinterschule erst am 15. Oktober L I. zu eröffnen. Es wird dieses denjenigen Land­wirthen, welche ihre Söhne der Anstalt zuführen wollen, gewiß recht angenehm sein. Wie wir erfahren, sind einzelne Anmeldungen schon jetzt bewirkt worden und steht zu erwarten, daß weitere Anmeldungen inner« halb der gestellten Frist (15. September) noch erfolgen werden, damit bei Eröffnung der Anstalt eine recht stattliche Zahl vorhanden ist und bewiesen wird, daß unsere Landwirthe der ebenso segensreichen wie noth­wendigen Anstalt mit Vertrauen entgegenkommen. Der für die Anstalt gewonnene Landwirthschastslehrer Herr Fues hat sein Amt angetreten.

Fulda, 5. September. Wie die heutigeFuld. Ztg." mittheilt, circulirt in hiesigen unterrichteten Kreisen das Gerücht, es solle nach Fulda eine Kriegs­schule gelegt werden. Die Anwesenheit des Kriegs- schul-Direktors von Kaltenborn wird damit in Verbindung gebracht. Es sollen dazu die Räume des landgräflichen Schlosses, welche bisher an Privatpersonen vermiethet worden sind, in Aussicht genommen sein.

Casscl, 4. September. Die hiesige Stadtverwaltung trifft Vorbereitungen zur Anlage der elektrischen Be­leuchtung der Stadt, welche eine der großartigsten zu werden verspricht, die Deutschland bisher besitzt. Als Triebkraft will man das Wasser der Fulda benutzen, an deren Ufern sich eine Gentralftation erheben soll, welche ihre Kabel durch alle Theile der Stadt sendet. Man will eine Musteranlage ^erstellen, was um so eher möglich wird, als die Betriebskosten durch Anwendung