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SchWemerMmg

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 72. Samstag, den 6. September 1890.

Deutsches Reich.

Berlin. Ueber daS Ergebniß der Zusammenkunft des deutschen Kaisers mit dem Zaren wird aus St. Peters­burg gemeldet, Giers drückte gegenüber mehreren Mit­gliedern des diplomatischen Korps, welche er im Laute der Woche empfing, seine gänzliche Befriedigung über die Entrevue in Peterhof aus. Dieselbe, bemerkte er, bilde eine neue und feierliche Bekräftigung der zwischen Rußland und Deutschland bestehenden guten Beziehungen, und deren Wirkung würde sicherlich mächtig zur Aufrechter­haltung des europäischen Friedens beitragen. Allge­mein ist die Ansicht vorherrschend, daß Kaiser Wilhelm künftighin seinen Einfluß mit größerer Zuversicht zur Ab­wendung internationaler Konflikte anwendeu werde.

Ein in Halle erscheinendes Blatt will aus unter­richteten Kreisen erfahren haben, Kaiser Wilhelm beabsichtige, dem Generalfeldmar'chall Grafen Moltke anläßlich seines 90. Geburtstages die Herzogswürde zu verleihen, und zwar würde der verleihende Titel au einen der großen Siege erinnern.

Allüberall im Reich ist der Tag von Sedan festlich begangen worden. Nicht jede Stadt nur, nein jedes Dorf hat seine Feier gehabt. In Berlin waren aus Anlaß des Sedantages alle öffentlichen und viele Privat- gebäude reich beflaggt. In allen Schulen waren Fest­akte, an die sich vielfache Ausflüge der Lehrer mit den Schülern in die Umgegend schloffen. In den Straßen herrschte ein festlich bewegtes Treiben. Nachmittags spielte die Festmusik auf dun Rathhausthurm den Choral Nun" daicket Alle Sott"; in dieWacht am Rhein" stimmte singend die zahlreich versammelte Menge ein. Abends war bengalische Beleuchtung des Rathhauses und Illumination der Hauptstraßen. Zahlreiche Vereine haben den Tag durch besondei e gestatte geeiert. Aeh..'.:che Berichte liegen aus Kassel, Karlsruhe, Bromberg, Bremen, Posen und vielen anderen Orten vor.

* Ueber die Stellung der Sozialdemokraten zum Kleingewerbe und Handwerk schreibt das Leipziger Vaterland". wie folgt: DieSachs. Arbeitcrztg." bringt in ihren, Anzeige,heile öfters marktschreierische Inserate, in denen fertige Anzüge zu Preisen angeboten werden, bei denen die Lieferung eines reellen und dauerhaften Kleidungsstückes durchaus unmöglich ist. Daß die Her­stellung solcher Schundwaare nur dann überhaupt denkbar ist, wenn dem Arbeiter Hungerlöhne gezahlt werden, ist selbstverständlich Trotzdem trägt dasOrgan zur W ihruug der Interessen der Arbeiterklasse" kein Bedenken, die Er­zeugnisse solcher Schleuderkonkurrenz in seinem Anzeige- theile zu empfehlen Gegen diese Emp ehlung hat nun b r Verein Drerdener Schneider Stellung genommen und demArbeiterorgan" seine Mißbilligung ausgesprochen. Was bemerkt das Blatt dazu? Es erklärt mit unzwei­deutiger Offenheit, daß eS gar kein I teresse au dem Bestehen des kleinen Handwerks habe und nach wie vor derartige Anzeigen aufnchmeu werde. Zum Schlüsse der Auseinandersetzungen wird die Offenheit geradezu cynisch. Der Schluß lautet wörtlich: Wir werden immer und überall bestrebt sein, den Untergang des Kleingewerbes zu beschleunigen - so leid e$ uns thut, daß viele uns Nahestehende dem allgemeinen Zersetzungspcozeß mit unter­worfen sind. In dieser Haltung erblicken, wir vorwiegend unsere revolutionäre Aufgabe." Hatten wir Recht, wenn wir diese Offenheit cynisch nannten? Die Sozialdemo- kraten arbeiten eingestandenermaßen revolutionär. Jeder Handwerker also, der sozialdemokratisch wählt oder gar dem Moloch der Sozialdemokratie seine Groschen opfert, liefert Material zur Revolution und seiner eigenen Vernichtung.

Wesel, 1. S-Pt. Bei der vorgestern stattgehabten Schießübung des 55. Infanterie-Regiments auf der Spellner Haide entlud sich das Gewehr eines Soldaten nach hinten; der Schuß zerschmetterte dem armen Menschen die rechte Hand und es erfolgte seine alsbaldige Auf­nahme in das hiesige Garnison-Lazareth. Kürzlich ist bei den Schicßvcrsuchcn in Erfurt bei der dortigen Schießschule einem dazu kommandirten Gefreiten aus Jsselburg durch Entladung des Schusses nach hinten ein Auge und ein Theil der Backe verloren gegangen. Obwohl das Schießen mit d.m neuen Gewehr unge­heuer schnell und präcise vor sich geht, so ist, nach der ?^"f. Ztg.", auf der anderen Seite große Korrektheit m Bezug auf die Lage des Geschosses geboten, soll der Dchuß nicht nach hinten losgehen und den Schützen kuht selbst verletzen-

Er urt, 2. S.'pt Eine fatale Ueberraschung wurde kürzlich einem von, Felde hcimkchrenden Landwirth in Utzberg zuiheil. Als seine Frau ihm mittheilte, während seiner Abwesenheit habe der Schornsteinfeger die Esse ausgebraunt, wurde der Mann leichenblaß und brächte endlich stotternd heraus, er habe heimlich 600 Mark in Papier in einer Nische der Esse versteckt. Von dem Gelde war keine Spur mehr vorhanden.

Jena, 31. August. Der Schuhmachermeister Rein­hold Harzer in Jena hat einen Arbeitsständer erfunden, der es dem Schuhmacher ermöglichen soll, stehend zu arbeiten. Bekanntlich ist bisher der Schuhmacher ge­zwungen gewesen, seinen Beruf in krummsitzend.r Stel­lung auszuüben, was der Gesundheit nicht gerade förder­lich ist. Die künftige ,Schustergeneration" wird sich also durch ganz besondere Strammheit vor der jetzigen auszeichnen.

merkung hierzu, daß in Bezug auf die erwähnte Schmuck­losigkeit des Festplatzes einige Fahnen in den Landes­farben und Schilder mit cn sprechenden Aufschriften auch auf dem Acisbrunnen nichts geschadet, vielmehr einen festlicheren Eindruck gemacht hätten, statt daß man den Platz in seiner Alltagsverfassung ließ, so wie er auch aussiciff, wenn Vieh daselbst gehütet wird. Ist die Turnhalle und der Platz davor auch eine sohervor­ragende" Naturschönheit? Wir glauben's nicht! Und zur Turnhalle wurden doch zuvörderst alle fremden Turner geführt. Daß das P r e i s »Turnen die Haupt­sache ist, mag richtig sein, ebenso wie die Leistungs­fähigkeit der Gäule im Laufen beim Wettrennen die Hauptsache ist. Aber wehende, farbige Wimpel und Fahnen, bunte Jacken der Reiter u. s. w. gehören doch stets zum Begriff von derartigenVolksfesten." Um daher den beim Acisvolksturnfest erhaltenen Eindruck deS Alltäglichen, Nüchternen, Würdelosen, Kahlen mit einem Worte zu präcisieren, gebrauchten wir das Worttriste". Und jeder Unbeteiligte wird diesen Eindruck erhalten haben! Wenn der Turnverein nur Zweien das Local verwiesen haben will, nach der Erklärung im Jnseraten- theil der vorigen Nr. aber Sechse hinausgeleitet sein wollen, so wollen wir dies nicht näher untersuchen; es ist ja schließlich gleich, ob die Portion größer oder kleiner gewesen: Das Hinausgeworfcnsciu bleibt Factum und das findet doch wohl Keinergemüthlich."

* Die im Jnscratcmhcil der vorigen Nr. für Sonntag avgekündigte Vorstellung der Akrobatenfamilie Franz Knie findet eingetretener Hindernisse halber nicht am Sonntag statt, sondern erst nächste Woche; der Tag wird noch bekannt gemacht.

* Die in voriger Nr. dieser Ztg. gebrachte Notiz, bei Bischof von Fulda habe den Geistlichen seiner Diöz.fe den Gebrauch M Zwei- und Dreirades unter­sagt, beruht auf einem Irrthume. Es ist kein Verbot gegeben worden.

* Besitzer von LandeSkreditkassen-Schuldverschreib- urgen werden darauf aufmerksam gemacht, daß am 5. August er. eine Verloosung 3'/epCt. (rosa) Schuld- veischreibungen.bet Serie 14 stattgefunden hat. Die gezogenen Nummern sind bei den Königl. Steuertassen zu erfahren.

* Für Handwerker wichtige Entscheidung. Daß auch der Handwerker, sobald er ein offenes Geschäft hat und bezogene fertige Waare verkauft, ein Voll- kaufmannn im Sinne des Gesetzes ist, auch wenn der Geschäftsumfang nur ein unbedeutender ist, fand durch eine Strafkammer - Verhandlung gegen einen Kölner Schuhmachermeister Bestätigung. Der Meister uöff- nete im Juli 1888 einen Laden; sein Baarbestanö^be- trug 400 M. Schon im Februar 1889 wurde er in Konkurs erklärt. Während dieser Zeit hatte der Meister für 4000 Mk. fertige Waaren bezogen, der Umsatz betrug 1600 Mk. Das Konkursverfahren mußte ein­gestellt werden, da nach Befriedigung eines bevor­rechtigten Gläubigers keine Masse mehr vorhanden war. Der Meister hatte weder eine Eröffnungsbilanz aufgestellt, noch kaufmännische Bücher geführt; er wurde deshalb wegen einfachen Bankerotts zu einer Woche Gefängniß verurtheilt.

* Nach einem neuerlichen Erlasse des Ministers des Innern ist außer den in öffentlichen Versammlungen verunstalteten Tellersammlungen auch die Erheb­ung eines Eintrittsgeldes von beliebiger Höhe als öffentliche, der Genehmigung des zuständigen Ober- Präsidenten unterliegendeKollekte" anzusehen. Die Polizeibehörden sind mit der Anweisung versehen worden, daß falls die Veranstaltungen solcher Sammlungen ohne Genehmigung stattfinden, die Veranstalter auf Grund der Polizeiverordnung vom 19: Juni 1837 zu bestrafen sind.

* Durch Reichsgesetz sind bezüglich Quartier- und Natural-Leistungen bei den großen Herbstübungen einige Aenderungen eingetreten. Während früher der Quartiergeber nur bei Märschen zur Verabreichung von Naturalverpflegung verpflichtet war, hat diese Ver­pflichtung hinsichtlich der Offiziere, Aerzte und höheren Militärbeamten jetzt auch in Kantonnemcntsfällen einzu» treten, erstreckt sich aber bei Einquartirungen in Städten nur auf das Frühstück. Eine Verabreichung von Brod seitens der Quartiergeber findet nicht statt, wenn die Truppen Brod und Brodgeld empfangen haben. Die

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 3. Sept. Der diesjährige Sedantag wurde vom hiesigen Kriegerverein wie alljährlich festlich begangen. Nach dem Gottesdienst und den üblichen Schulfeiern fand am Nachmittag ein Festzug der Vereine zum Frndensgmten statt, woselbst Herr Buigermeister d. Skurmseder in einer Rede mit angemessenen, warmen Worten der Bedeutung des Tages gedachte. Nach den üblichen Hochs auf den Kaiser ve, theilten sich die Vereine in ihre Localitäten und am Abend fand mit einem Tanz­vergnügen im Hess. Hof die Feier des diesjährigen Sedantages ihren Abschluß.

* In das Koch'sche Ziegeleigeschäft sind die Herren Johann Pauli und Kaspar Alt von hier als Theilnehmer zu je ^ Antheil hinzugetreten. Die Fabrikanlage soll bedeutend vergrößert und hauptsächlich zur Fabrikation französischer Falzzigel eingerichtet werden. D8§^ Auf die der heutigen Nr. beiliegendenNach- richlen über die Postfachschulen zu Schlüchtern rc." machen wir hiermit unsere L ser speciell aufmerksam.

Berichtigung. Die in Nr. 69 derSchl. Z." enthaltene Local-Notiz betr. das 8. Acisbrunnen-Volks- tnrnfeft am 24. v. M. enthält verschiedene thatsächliche Unrichtigkeiten, zu deren Berichtigung wir gemäß §. 11 des Reichs-Preß gefitzes vom 7. Mai 1874 Veranlassung nehmen. Zunächst ist es unwahr, daß das Volksturnfest ziemlichtriste", soll doch wohl heißentraurig" ver­laufen sei. Daß der vollständige Abschluß des Preis- turnens durch das am Nachmittag eingetretene Regen­wetter vereitelt worden, gibt keineswegs Veranlassung, den Verlauf desselben als traurig zu bezeichnen. Vielmehr haben uns sämmtliche anwesenden Turner ihre vollständige Befriedigung über den Verlauf des Preisturnens, was doch wohl die Hauptsache des ganzen Festes war, ausgedrückt. Von einer Aus­schmückung des Ftstplatzes kann schon mit Rücksicht auf die hervorragende Naturschönheit desselben keine Rede sein. Daß bei dem am Abend in der Turn­halle abgehaltenen Tanzkränzchen mehrere Ortsfremde an die Luft gesetzt worden sein sollen, ist ebenfalls vollständig unwahr. Als Ortsfremde gelten nach Auffassung des Turnvereins nur solche, die blos be­suchsweise hier anwesend sind und denen es mithin nicht möglich ist, dem Turnverein als Mitglieder beizutreten. Die Ausweisung von zwei Anwesenden mußte allerdings in etwas unsanfter Weise erfolgen, da die Betreffenden trotz wiederholter Aufforderung das Vereinslokal nicht verließen. Die beiden in Be­tracht kommenden Personen waren nach oben ange­führter Auffassung des Turnvereins keine Ortsfremde; dieselben sind schon seit einiger Zeit bei hiesigen Hand- werkmeistern als Gehülfen thätig und waren deßhalb in der Lage, dem Turnverein als Mitglieder beizu- treten. Der Turnverein hat also bei der in Rede stehenden Allsweisung lediglich gemäß den bei Ab­haltung seiner Vercinsfestlichkeitcn geltenden Be­stimmungen verfahren.

Schlüchtern, den 4. September 1890.

Der Vorstand des Turnvereins: Heinrich Feuerstein, Präsident. Johs. Freund. Friedrich Gutermuth.

Bemerkung der Redaction: Mit der Aufnahme vor­stehenderBerichtigung" glauben wirken Anforderungen des ß. 11 genügt zu haben, gestalten uns aber die Be­