WilhttrnerMliU
Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 71.
Mittwoch, den 3. September
1890.
Deutsches Re ch
Berlin. Der Kaiser hat das Entlassungsgesuch des Kriegsministers Veidy abgelehnt.
— Eine überaus stürmische Fahrt hat die königliche Jacht „Hohenzollern" — wie nach«,äglich berichtet wird — bei der Rückkehr aus Rußland zu bestehen gehabt. Erst, wie die Post berichtet, fast ein Zusammenstoß mit einem Feuerschiff, dann ein solcher Wind, daß das Haus auf Deck wie ein Kartenhaus hinweggehoben und zwischen Maschine und Radkasten eingeklemmt wurde. Einer von den wachhabenden Offizieren wurde wohl die Hälfte des Schiffes entlang geschleudert; die Matrosen wurden aus ihren Hängematten weit weg geschüttelt. Eine Weile erwies sich sogar die Arbeit der Maschine als ohnmächtig. Der Kaiser kam aus seinem Schlafzimmer, nur den Mantel schnell übergeworfen, auf Deck, um in dem entsetzlichen Unwetter und in der nicht unbedenklichen Situation seine Befehle zu ertheilen; trotz der Ermahnungen seiner Umgebung und trotz der Gefahr, über Bord geschleudert zu werden, war er nicht zu bewegen, sich eher in seine Gemächer zu begeben, als bis das Schiff seinen Kurs wieder einhalten konnte.
— Wieder eine neue „Rechtschreibung" ? Der engere Ausschuß des „allgemeinen Vereins für vereinfachte Rechtschreibung" hat an den Kaiser ein Schreiben mit der Bitte um R-gelung der Orthographie nach den Grundsätzen der Lauttreue gerichtet und darauf die Antwort erhalten, daß der Kaiser das Unterrichts- minifterium beauftragt habe, den Gegenstand in weitere Erwägung zu ziehen.
In Peußen hat sich die hypothekarische Verschuldi- gung nach der „Zeitschrift des statistischen Bureaus" in oen letzten drei Jahren bei den städtischen Bezuken um 1725 Mill. M-, bei den ländlichen Bezirken um 342 Mill. M- vermehrt.
— Von der russischen Grenze wird geschrieben: Die hohen Fleischpreise haben einige russische Grenz- fleischer veranlaßt, der Bevölkerung in den preußischen Grenzbezirken bekannt zu geben bezw. sie daran zu erinnern, daß die zollfreie Einfuhr von 5 polnischen Pfund Rind- und Schöpsenfleisch in gekochtem oder gepökeltem Zustande gestattet ist. Da die Fleischpreise in Polen im Bergt.ich mit den diesseitigen auß rordentlich billige zu nennen sind, wird der Aufforderung seitens der Grenzbewohner eifrigst Folge gegeben, und schauren- weise ziehen die Leute nach Polen, um ihren Fleisch- bedarf dort zu decken. Um den eifrigen Abnehmern nach Möglichkeit entg genzukommen, haben die dortigen Schlächiereibesitzer große Kochkessel ausgestellt, in betten das von den Leuten g kaufte Fleisch auf der Stelle gekocht werden kann. Um Verwechselungen zu vermeiden, binden die Käufer die gekauften Fleischstücke an bereit- liegende Bindfaden, werfen das Fleisch dann in den Kessel und warten, den Bindfaden in der Hand, ab, bis es gar gekocht ist. Damit den Leuten aber auch bit kräftige „Fleischbrühe" nicht verloren gehe, bringen sich dieselben Krüge mit, in denen sie eine bestimmte Menge „Bouillon" reichlich erhalten.
Sachsen ist das Land der Erfindungen. Jetzt hat man dort gar eine Berg- ügungSlpnre für säumige Steuerzahler erfunden! Dieselbe wird auf polizeilichem Wege in Sachsen in immer glößerem Umfange durch- geführt. Die Stadt Meißen hat jüngst mit l 2 benachbarten Gemeinden sich zu einem Verbände vereinigt zu dem Zweck, dle ggenfeitig namhaft gemachten säumigen Steuerzohler durch Androhung von Pölizeistrafc» von allen Schalikwirthschaften, Schark- und Tanzstätten, ja sogar von Vereinsverfammlungen und geschlossenen Gesellschaften fern zu halten. — Wie sich die jetzt beeilen werden, ihre rückständigen Steuern zu zahlen!
Magdeburg, 26. August. Hier wird von einem Einschreiten des Gerichts gegen die Ungebühr eines Zuhörers, der sofort abgeurtheilt und abgeführt wurde, berichtet. Inmitten einer Verhandlung erschien am Dienstag ein an der Sache völlig uninteresstrter Magde» burger Arbcilsmann in einem unsauberen Arbeitsanzuge im Zuhörerrauin des Gerichtssaales und nahm auf einer Bank behaglich Platz. Nach kurzer Zeit war er eingtschlafen und schnarchte. Für diese grobe Ungebühr wurde derselbe sofort zur Verantwortung gezogen; hier» bei' stellte es sich heraus, daß er auch angetrunken war. Wege» dieser groben Mißachtung des Gerichts setzte der ^rrichtshof gegen ihn eine Ordnungsstrafe von drei
Tagen Haft fest, ordnete auch die sofortige Abführung in das Gefängniß ab.
Einem Privatsörster in der Nähe von Fraustadt war, wie das „Fraust. Volksbl." erzählt, das Pulver in Fraustadt zu theuer, und er ließ sich, da ihm dasselbe anderweit einige Pfennige billiger angeboten wurde, einen kleinen Posten kommen. Hierbei hatte er aber die Rechnung ohne die Bahn gemacht. Das etwa 7 Kilo schwere Pulverkolli kam an und war mit dem recht netten Sümmchen von 114 Mark an Frachtspesen belastet. Ganz starr ob dieses Verlangens verweigerte der Adressat die Annahme, und da Pulver auf der Bahn nicht lagern darf, wurde es der Fraustädter Polizeibehörde zur Aufbewahrung übergeben, die es in dem im Neugrätzer Wäldchen gelegenen Pulverhause unter- brachte. Wie die Sache noch enden wird, darauf ist man gespannt. Zur Aufklärung sei noch angeführt, daß bei Pulver-sendungen stets die Fracht für 5000 Kilo abgerechnet wird, weil besondere Vorsichtsmaßregeln für dessen Transport getroffen werden müssen. Jedenfalls wird sich der Forstmann nicht so bald wieder Pulver senden lassen.
Glognu, den 29. August. Fünfzig Mann des hiesigen Pionier - Bataillons sind unter influenzaähnlichen Er- schrinung en erkrankt.
Zeitz, 28. August. Ein Fall, welcher wohl als einzig dastehend bezeichnet werden kann, trug sich vergangenen Sonnabend in Zetkweil zu. Auf einem Acker war man beschäftigt, Hafer mit der Maschine (Selbstbinder) zu mähen, wobei eilt Hase in das Getriebe kam, mit hcrumgerissen und in eine Garbe gebunden wurde. Als die Maschine die Garbe adlegte, schlüpfte Meister Lampe, da er nur oberhalb des Bundes mit eingerollt war, heraus und lief eiligst davon, jedenfalls erstaunt über die ungewohnte Teur und froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein.
Gotha, 29. August. Auf einem einzigen abgeernteten größeren Gerstenstück im Oüftld (Flurtheil der Stadt Gotha) haben am vorigen Sonavend zwei junge Leute nicht weniger als 272 Hamster gefangen und zwar 177 ausgewachsene Männchen, 23 Weibchen und 72 Junge. Ein schneeweiß s Hamsterweibchen hat vorgestern der Gärtner Kalb während des GerstenbindcnS erschlagen. Las abnorm g-färbte Tier halte auch eine außergewöhnliche G.öße. In der benachbarten Remstädter Flur hat litt Sirbeiter in zwei Tagen m-hr als 300 Stück Hamster gefangen. Man sieht aus diesem, wie groß die Hamsterplage in hiesiger Gegend ist!
Meiningen, 28. Aug. Im benachbarten Wasungen wurde vorgestern Nachmittag der dortige Stadtbrief träger Groß p ötzlich g.fä.iglich eingezogen. Die Verhaftung hat ihren Grund in einer Anzahl Unterschlagungen von Geldsendungen, welche dem p. Groß dringend zur Last gelegt werden.
NtckarrSteinbach, den 29. August. In unseres Nachbargemeinde Dilsberg herrschte seit undenklichen Zeiten der Gebrauch, am Kirchweihfeste ein Kalb „aus- zutanzen". Nachdem diese eigenthümliche Sitte seit 12 Jahren außer Kurs gesetzt war, kam sie am letzten Montage bei der diesjährigen Kirchweihfeier wieder zu Ehren. Es beteiligten sich am „Kalbaustanzen" 12 Paare, von denen jedes den üblichen Einsatz von 3 Mark hinterlegte. Das eine Paar durfte den Reigen erst beginnen, wenn das vorhergehende einmal die Runde ausgelanzt harre. Dasjenige Paar, welches gerade tanzte, wenn der mit einer vorher angezündeten Zündschnur in Verbindung stehende Böller erkrachte, war glücklicher Gewinner des Kalbes. Diesmal wurde ein tanzendes Geschwisterpaar Eigenthümer des feisten Kälbleins.
Colmar (Elsaß), 29. August. „Noch nie dagewesen!" Dieses geflügelte Wort ist die Bezeichnung, mit welcher nach einem B richte der „Straßb. Post" aus Colmar-Land die Ackersleute daselbst mit frohen Gesichtern von der heurigen Ernte sprechen. „Ram ein Ackeret" — so heißt es in diesem Berichte -- „von Horburg auf die hiesige Dreschmaschine mit dem Weizen von einer Juchart Boden (45 Are). Er hatte, weil die Ernte reichlich ausgefallen, statt nur 15 leere Säcke deren 18 mitgebracht. Soviel, dachte er, kann eS dieses Jahr von einet Juchart geben. Es wurde gedroschen, aufgefaßt und siehe, als alle 18 Säcke gefüllt waren, lag noch Weizen da für 3 Säcke, die herdeigtfchaffr
werden mußten. 21 Säcke von der Juchart Weizen ist wohl noch nie, wenigstens seit Menjchendenken nicht, gesehen worden.
vokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 1. September. Herr Amtsgerichtsrath Briefen ist vom 1.Oktober ab als Landgerichtsrath an das Landgericht in Cassel versetzt.
th. — Am Samstag Abend hätte sich auf hiesigem Bahnhof leicht ein schwerer Unfall ereignen können, indem ein Arbeiter von dem 1/s8 Uhr einlaufenden Arbeiterzug absprang. als der Zug noch in Bewegung war. Durch die Wucht des Anpralls auf die Erde blieb der Mann bewußtlos im Geleise liegen und wäre von einer auf eben diesem Geleise heranfahrenden Maschine sicherlich überfahren worden, wenn nicht ein Stationsbeamter dicht vor der Maschine den Gefährdeten aus seiner gefährlichen Lage bei Seite gezogen hatte. Da der Gestürzte nach der Aussage seiner Kollegen das vorzeitige Abspringen schon öfters ausgeführt haben soll, so dürfte er jetzt wohl für die Folge davon lassen.
* ~- Der orkanartige Sturm am Abend des 27. August hat in hiesiger Gegend manchen schwerbeladenen Obstbaum, der den Sturm vor einigen Wochen über« standen, doch zu Fall gebracht. Bei anderen Bäumen wurde fast der ganze Obstsegen vor der Zeit abgeschüttelt. Der Schaden ist für die Obstzüchter recht empfindlich.
* - Ueber den Hitzschlag im Heeresdienst bringt das „Deutsche Reichsblatt" aus Anlaß des viel besprochenen unheilvollen Parforcemarsches des 9. bayrischen Infanterie- Regiments einen sehr lesenswerthen Artikel. Es heißt darin: „Die labefreudigen und hilfsbereiten Einwohner bringen den erschöpften Truppen das „Beste aus dem Keller" herbei, glaubeü hiermit dem matten Soldaten einen guten Dienst zu erweisen — leisten ihm aber in Wirklichkeit den schlechtesten. Wasser, Wasser und wieder Wasser! können wir nicht eindringlich genug ermähnen, nicht laut genug rufen, ist das Einzige, dessen eine durch Hitze erschöpfte Truppe bedarf, ist das einzige Getränk, welches ihr Nutzen bringt und sie vor Schaden bewahrt, Bier, Wein und nun gar Branntwein, kurzum alle alkoholhaltigen Getränke sind je nach der Stärke des Alkoholgehaltes die größten Feinde des in der Hitze marschirenden Soldaten ; sie find die besten Freunde des Hitzschlages und führen ihm unbarmherzig seine Opfer zu. Der gut inftruirte Infanterist weiß das, er hütet sich vor dem Genuß der Spiritussen und füllt seine Feldflasche mit kaltem, dünnen Kaffee oder mit leicht gesäuertem Wasser; aber wenn die Feldflasche geleert, die Hitze den Gaumen ausgelrocknei und die Muskeln erschlafft hat, wer ist da noch so willensstark, den ihm gebotenen Wein zurückzu- weisen und um Wasser zu bitten ? Nur Wenige. Wir sind tueit bavon eirfernt, diese Schwäche streng verurteilen zu wollen oder gar die hilfsbereiten Bürger zu schelten, daße sie ihren Brüdern im Waffenrock einen falschen Liebesdienst erwiesen haben ; sie thaten nach ihrem Glauben ihr Bestes. Aber wir sind verpflichtet, hier offen die Wahrheit zu sagen: Wer im Sommer einem aus dem Quartier ausrückeiideu Soldaten etwa» Anderes als leichten falten Kaffee, Thee oder leicht gesäuertes Wasser in die Feldflasche mitgibt, oder wer den Marschirenden etwas Anderes zum billigen Trunke im Korübergehen oder während der Rast reicht, als möglichst frisches Wasser in reichem Maße, der tut dem einzelnen Mann und der Truppe seinen Liebesdienst, im Gegentheil, er schädigt dieselben unter allen Umständen, ja er muß einen Theil der Verschuldung des Eintretens von Hitzschlag-Erkraiikuiigen und Todesfällen auf sich nehmen." Vorstehendes ist gelegentlich der in den nächsten Wochen in hiesiger Gegend stattfindenden Truppenübungen sehr beherzigenswerth.
* — Uter das Verhalten der Eivilbehörden in Preußen bei Reisen des Kaisers, sowie anderer fürstlicher Personen in Preußen veröffentlicht der „ReichS- anzeigcr" auf Grund einer Anordnung deS Kaisers vom 29. Juli eine Reihe betaillirter Bestimmungen, deren hauptsächlicher Inhalt bereits besannt ist. ES handelt sich im Wesentlichen darum, daß ein Empfang seitens der Behörden, sowie die Anwesenheit derselben auf den Bahnhöfen nur auf ausdrücklichen Befehl be» Kaisers stattzufinden hat. Bei offiziellen Reisen werden die bezüglichen Mittheilungen an die ©berpräfibenkn