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Deutsches Reich
Berlin. Nach einer neueren Bestimmung des Kaisers soll die Verleihung der Erinnerungsmedaille für Rettung und Gefahr, die sogenannte Rettungsmedaille, an Civil- personen künftig nicht mehr durch den Minister des Innern, sondern durch Se. Majestät selbst mittelst Kabinetsordre erfolgen, wie dies in der Armee und Marine seither schon immer geschehen ist.
— Dem Feldmmschall Grafen von Moltke (geb. am 26. Oktober 1800 zu Parchim) soll zu seinem neunzigsten Geburtstage eine gemeinsame Adresse aller Städte Deutschlands in einem Kunstschranke überwiesen werden. Die Krönung des letzteren wird eine aus Metall, von im Jahre 1870 erobertem Geschütz hergestellte Bronz-büste des Kaisers bilden, während in der Thürfüllung die „Germania" — ebenfalls aus Bronze — angebracht werden soll. Die Unterschriftsbogen werden — für jede Stadt besonders gezeichnet — in dem Atelier des Herrn Hermann Senger-Berlin hergestllt und. später für jede Provinz in einem das Wappen der betreffenden Provinz tragenden Prachtlederband zusammengefaßt.
Aus Tachsen. In dem Dorf Planen bei Dresden ist neuerdings durch einen Beschluß des Gemeinderaths festgesetzt worden, daß der dortigen freiwilligen Feuerwehr das Recht, bei Bränden Löschdienste zu verrichten, zu entziehen sei. Wie die Zeitungen melden, ist dieser Beschluß dadurch veranlaßt worden, daß bei der frei willigen Feuerwehr mehrfach Gesinnungen (wahrscheinlich sozialdemokratische) zu Tage getreten seien, die es bedenklich erscheinen ließen, ihr auch fernerhin die Feuer- löschdienste und in besonderen Fällen auch den Sicherheitswachdienst anzuvertrauen. Die demokratische „gratis. Zeitung" meint dazu, die „sächsische Gemüthlichkeit" kennt in der That gar keine Grenzen mehr.
Bom Hundsrück. Ein äußerst raffinirter Brandstifter hat, wie es scheint, der Stadt Simmern im Hundsrük den Untergang geschworen. Zu wiederholten Malen hat er in den vergangenen Wochen Feuer gelegt, das aber dank der gut organisirten Simmerner Feuerwehr keinen größeren Schaden erstellen konnte. Am Mittwoch Abend nun geschah es, daß urplötzlich die städtische Wasserleitung versagte. Man sah zu und fand, daß die Ablaßvorrichkung des großen Reservoirs der städtischen Wasserleitung geöffnet worden war. Das Reservoir hatte sich vollständig entleert. Wahrend man sich noch in Verwünschungen gegen den Urheber dieses ärgerlichen Streiches erging, erscholl in der Stadt Feuerlärm. Eine mitten in der Stadt gelegene, mit Stroh und Brennmaterial ungefüllte Scheune stand in Flammen. Die Feuerwehr war sofort zur Stelle, aber sie mußte dem Brand fast unthätig zusehen, denn es war kein Wasser vorhanden. Man stelle sich die Angst und de i Ingrimm der Bürgerschaft vor, als nun das Feuer immer weiter um sich griff und nach und nach vier Gebäude in Flamm m setzte. Glücklich er Weise herrschte vollkommene Windstille, sonst wäre die Zerstörung des Städtchens unausbleiblich gewesen.
Metz, 19. August. Alles blickte gestern Vormittag nach einem stattlichen Mann in Heller Blouse, der in Begleitung eines zahmen Keilers die Straßen unserer Stadt durchzog. Das Schwarzwild folgte seinem Herrn tote ein Hund, neckte hie und da die Vorübergehenden in unschuldiger Weise und wich den Fuhrwerken mit der größten Leichtigkeit aus. Der Besitzer dieses guten Schweines ist ein Holzhändler.
— Aus Kronburg bei Memmingen, wo die Nonnen- raupe ein größeres Waldstück kahl fraß und in Folge dessen umtfangreiche Holzsällungcn stattgefunden, wird witgetheilt, daß die noch stehenden Bäume wieder frische Radeln zu treiben beginnen. Auch sollen im Ebers- bacher Forst (Oberbayern), wo die Verheerungen durch die Nonne begannen und bereits mehrere Tausend Hectar des schönsten Fichtenwaldes niedergeschlagen wurden, die Fällungen eingestellt worden sein, vielleicht aus dem gleichen Grunde.
lokales Miib Provinzielles.
* Schlächtern, 28. August.
* — Der „Hannover'sche Courier" bringt in seiner 16594, aus berufener Feder stammend, unter andern folgende Notiz über die „Postfachschule" in Hannover, welche von 180 Schülern besucht wird lind an der 7 Lehrer (darunter 4 Philologen) angestellt sind; Die glänzenden
Erfolge haben den Leiter der Postfachschule, Postsekretär a. D. Herrn Schancke veranlaßt, gleiche Anstalten zu gründen in Berlin für den Norden, Görlitz für den Südosten, Scb leichtern für den Südwesten, Deutsch-Eylen für den Nordosten des Reichs. In der hiesigen Anstalt befinden sich jetzt 180 Schüler, 7 eingestellte Lehrer, 2 technische Hilfslehrer. In einem Saal sind 8 Telegraphenapparate ausgestellt, welche als Demonstrationslehrmittel dienen und zu praktischer Uebung benutzt werden. Neben dem technischen Fachunterricht erhalten- die Schüler eine möglichst gründliche Unterweisung im Rechnen, Deutschen, Französischen, Englischen, in vaterländischer Geschichte, Literaturgeschichte und politischer Geographie. Eine besonders große Sorgfalt wird auf Ausbildung im Deutschen, auf selbst staubige Zergliederung und Beleuchtung eines Gegenstandes zur Heranbildung einer logischen Folgerung und Dispositionsfähigkeit verwandt. Hierfür ist die ungewöhnliche Zeit von wöchentlich 18 Stauben festgesetzt. Der Erfolg ist, wie die Prüfungszeugnisse bekunden, ein hocherfreulicher.
— * Anläßlich der jetzigen Manöver ist den ein« quartirten Mannschaften das Tabakrauchen auf Gehöften, in den Scheunen, Stallungen u. s. w. auf höheren Befehl streng untei sagt. Vorspann zur Beförderung von Personen und Gepäck haben die Truppentheile nach Verständigung mit der Ortsbehörde in den Grenzen der vom Bundesrath beschlossenen Sätze miethweise freihändig zu beschaffen. Der Vorspann zum Transport für Verpflegnngs- und Bivoiiakbedürfnisse muß in jedem Falle durch Requisition beschafft werden.
* — Die Vorstände des Nassauischen und Kur- hessischen Bauern-Vereins haben an den Herrn Reichskanzler nachstehende, den Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich betreffende Eingabe gerichtet: „In Veranlassung des vom hohen Bundes- rathe in seiner Sitzung vom 31. Januar 1888 ausgesprochenen Wunsches, daß auch die Vertreter wirth- schaftlicher Interessen mit ihren Urtheilen und Vorschlägen zum Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich hervortreten und diese zur Kenntniß des Herrn Reichskanzlers bringen möchten, sind auch die unterzeichneten Vorstände des Nassauischen und Kur- hessischen Bauernvereins dem Entwurf im Hinblick auf die ländlichen Bedürfnisse näher getreten. Sie können sich dabei nur voll und ganz mit den Abänderungsanträgen der Generalversammlung des Rheinischen Bauernvereins vom 11. Juli 1889 zu dem gedachten Entwurf einverstanden erklären, wie solche bereits früher vom Vorstände des Rheinischen Bauernvereins zur Kenntniß des hohen Reichskanzleramtes gebracht worden sind. Sie schließen sich auch dem Anträge des Vereinsvorstandes an, Ew. Excellenz ehrerbietigst zu bitten, die Abänderungsvorschläge dem hohen Bundesrathr bezw. der mit der Umarbeitung des Entwurfs beauftragten Commission zur Annahme gefälligst empfehlen zu wollen."
— Die Abänderungsanträge des „Rh. B.-V.", worauf in vorstehender Eingabe Bezug genommen wird, wollen theils bei den Bestimmungen des Entwurfs über Pacht, Servituten, Viehhandel und eheliches Güterrecht die ländlichen Bedürfnisse mehr berücksichtigt wissen, als es im Entwurf geschieht, namentlich aber wollen sie — und darin liegt der eigentliche Schwerpunkt, - daß für ländliche Grundstücke an Stelle der gegenwärtigen Hypothek und Grundschuld künftighin als einzig zulässige dingliche Verschuldungsform nur eine seitens der Gläubiger unkündbare Rentenschuld zulässig sein soll, die längst von allen denkenden Landwirthen und Juristen als die einzige der Natur deS Grundbesitzes entsprechende Belastungsform erkannt worden ist und deren gesetzliche Einführung auch den etwaigen Uebergang zur Heim- stättengefetzgebuug sehr erleichtern würde.
— * Nach amtlicher Zusammenstellung ist das Ernteergebniß, zu 100 die Miltclernte angenommen, für die Provinz Hessen Nassau folgendes: Winterweizen 102, Winterroggen 98, Gerste 98, Hafer 95, Kartoffeln 93, Raps und Rüben 83. Die durchschnittlich besten Ernten hat Ostpreußen, Rheinland und Schleswig- Holstein.
— * Wenig tröstlich ist die Nachricht, daß die Koh- lenpreise im Steigen begriffen sind und im kommenden Winter wahrscheinlich noch höher sein werden als im vorigen Jahre, Da heißt es also, sich bei Zeiten vorsehm mit genüg-Brm Fknerungsmalrrial.
— Nachsitzende Schulkinder sind „Gefangene" im Sinne des Gesetzes! Das ist das Neueste aus dem reichen Kapitel der Gcsctzcs Auslegung durch die deutschen Gerichte. Nach §. 120 des Reichsstrafgesetzes wird mit Gefängniß bis zu drei Jahren bestraft, wer „einen G-fangenen aus der Gefangenen-Anstalt ober aus der Gewalt der bewaffneten Macht, des Beamten oder desjenigen, unter dessen Beaufsichtigung, Begleitung ober Bewachung er sich befindet, vorsätzlich befreit ober ihm zur Selbstbefreiung behilflich ist." Dieser Bestimmung hat das Ober-Landesgericht in München die Auslegung gegeben, daß ein im Schularrest befindlicher Knabe „Gefangener" im Sinne des §. 120 sei. Ein Mann hatte seinen sechsjährigen Sohn ohne Erlaubniß des Lehrers abgeholt und war deshalb unter Anklage gestellt worden. Das Landgericht zu Bayreuth lehnte die Verfolgung ab, auf die Beschwerde des Staatsanwalts ordnete aber das Oberlandesgericht in München die Erhebung der Anklage an, weil der Schularrest sich als eine in gesetzlich gebilligter Form aus Gründen des öffentlichen Interesses verfügte Entziehung bec per« söhnlichen Freiheit barstelle, der Schüler also als Gefangener im Sinne des §. 120 des St.-G.-B. zu betrachten sei! In der darauf stattgehabten Verhandlung blieb das Landgericht Bayreuth bei seiner Ansicht, daß das Zurückbehalten fauler Schulkinder zum Zweck der Nachholung ihrer mangelhaften Schularbeiten nicht als Gefangenschaft im Sinne des Strafgesetzbuches angesehen werden könnte. Da der Staatsanwalt, welcher eine Gefängnißstrafe von 1 Tag beantragt hatte, wohl Revision einlegen wird, so wird sich demnächst daS Reichsgericht mit der Frage zu beschäftigen haben.
* -- In einer Auflage von einer halben Million wird am I.October eine Broschüre erscheinen unter dem Titel: .An die Arbeiter Deutschlands!", welche bie ge« fammtes Fragen der Socialreform in kurzer, gemeinverständlicher Form, und zwar im Sinne der kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar d. Js. behandeln soll. Der Inhalt dieser Broschüre, deren Verfasser geheim gehalten wird, soll dem Kaiser zur Ansicht Vorgelegen haben und auch die Kosten der Drucklegung zum Theil aus staatlichen Mitteln bestritten werden. Der Preis der Broschüre soll auf 10 Pfennige berechnet sein und die Verkäufer derselben sollen am 1. October vor allen Fabriken der bedeutendsten Industriestädte Deutschlands Aufstellung nehmen.
* — Der heutigen Nummer liegt ein Prospect der Fabrik landwirthschaftlicher Maschinen Ph. Mayfarts u. Cie. in Frankfurt a. M. bei, worauf speciell aufmerksam gemacht wird.
Grebcnhain (Vogelsberg), 25. Aug. Durch Unvorsichtigkeit in der Handhabung eines Gewehres ist hier ein blühendes Menschenleben geopfert worden. Der Unterförster Fritz aus dem nahen Krainfeld wollte von dem hiesigen Unterförster ein Gewehr kaufen. Er nahm zu diesem Zweck die Waffe von der Wand und machte mit ihr einige Manipulationen. Da plötzlich ertönte ein Knall, mit ihm zugleich ein furchtbarer Schrei: die Tochter des Verkäufers war, von einer Kugel in den Hinterkopf getroffen, todt zusammengestürzt. Der herbeigerufene Arzt konnte nur die traurige Thatsache konstatiren.
Witzenhauseu, 25. August. Eiu bedauerlicher Unfall hat sich, wie nachträglich bekannt wird, kürzlich auf Bahnhof Arenshausen zugetragen. Als der Zug hielt, stellte sich ein Passagier (ein Eichsfelder) in die offene Coupee- thür, sich mit der rechten Hand an den Thürpfosten haltend. Als der Zug abgeläutet, warf der Schaffner, wie gewöhnlich, die Thür zu, wobei dem unglücklichen Reisenden vier Finger abgequetscht wurden. Der Mann schrie sofort auf, aber das Uirglück war bereits geschehen. Vor Schmerzen ohnmächtig, mußrc er auf der nächsten Station aus dem Zuge geschafft mib in ärztliche Behandlung gebracht werden. - Der Fall mahnt wieder recht sehr, wie vorsichtig man sein muß.
Rinteln, 19. August. Zwei Schornsteinfeger des Ravensberger Landes betreiben seit Kurzem ihre ländliche Praxis mit Hilfe eines Fahrrades. Neulich kam nun eine Bauersfrau aus dem Dorfe Wallbergen Abends spät beim Mondenschein von einem Bcsnch in Rehmr zurück. Durch die Stille der nächtlichen Landschaft, durch den Nebelschleier auf den Wiesen und daS Geschrei der Eulen in den Pappeln ein wenig ängstlich gestimmt, steht sie plötzlich dir schwgrze Gestqlt des Schornstein»