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Samstag, ben 9. August
1890.
Das Wachsthum amerikanischer Ltävte.
Im Reich des Sternenbanners findet gegenwärtig eine Volkszählung, ein „Crusus", statt. Man ist von Amerika schon längst an erstaunliche Dinge g-wohnt, allein was der Census von 1890 bisher in Bezug auf die Entwickelung des amerikanischen Städtelebens zu Tage gefördert hat, überbietet doch das Meiste, was bisher von jenseits des Ozeans bekannt geworden ist. Wie die amerikanischen Blätter mickheilen, sind soeben die ersten annähernden Ergebnisse der Bevölkerungszunahme in den größten Städten des Landes festgcstellt worden. Darnach besitzen die Vereinigten Staaten j tzt drei Städte mit mehr als einer Million Einwohnern: New-Uork mit 1,62 7,000, Chicago mit 1,100,000 und Philadelphia mit 1,040,000. Den wunderbarsten Aufschwung von diesen Städten hat seit dem letzten Census vor zehn Jahren Chicago genommen. Seine Einwohnerzahl ist seither um nicht weniger als 600,000 g stiegen, denn 1880 wurde es erst von rund einer halben Million Menschen bewohnt. Seit 1870, wo es 300,000 Einwohner zählte, hat also Chicago an Bevölkerungszahl um ung-fähr so viel zugenommen, als die ganze gegenwärtige Einwohnerzahl von Wien ohne die Vororte beträgt. Chicago bietet überhaupt das merkwürdigste Sei-, spiel, wie eine Stadt unter den freien amerikanischen Verhältnissen ohne eine politische Umwälzung, einfach auf die eigene Thatkraft seiner Bürger gestellt, zu entstehen und aufzublühen vermag. Noch vor sechzig Jahren war von dieser Stadt so gut als nichts vor- handen; vielleicht daß an ihrer Stelle einige Blockhäuser standen von Fischern, die auf den Michigansee hinaus auf Beute austuhren. Der Census von 1840 ergab noch ganze 4479 Einwohner. Von da an begann sich die Stadt allerdings zu recken und zu strecken, sie wuchs bis aus nahezu 300,000 Einwohner im Jabr 18 70. Da brach jene verheerende Katastrophe über Chicago herein, weiche buchstäblich die halbe Stadt vernichtete; auf Jahrzehnte hinaus schien der furchtbare Brand vom 8. und 9. Oktober 1871 die Entwickelung der Stadt lahmgelegt zu haben. Aber Hunderttausend Hände arbeiteten Tag und Nacht an dem Wiederaufbau der Straßen und Plätze, der Geschäftshäuser, Fabriken und Getreidespeicher, und wahrhaftig wie ein Phönix stieg das neue Chicago auS der Asche empor. Heute ist Chicago die zweitgrößte Stadt der Vereinigten Staaten und ganz Amerikas, das erste Korndepot der Erde, eine der bedeutendsten Industriestädte der Welt. Wenn auch New-Uork noch immer den ersten Platz unter den amerikanischen Städten behauptet, das, was amerikanische Umsicht und Energie in denkoar kürzester Zeit zn leisten im Stande ist, vermag doch allen Besuchern Chicago noch besser zu zeigen, als seine große Nebenbuhlerin an der atlantischen Küste. Im diesjährigen „Censusrennen", wie die Amerikaner scherzweise die Rivalitäten ihrer Städte in Bezug auf Bevölkerungszunahme nennen, hat also Chicago insofern den Preis davongetragen, als es im abgelaufenen Jahrzehnt von allen amerikanischen Städten daS größte Wachsthum an Volkszahl erreicht hat. New-Uork hat seit 1880 bloß um die Kleinigkeit von 421000 Menschen zugenommen. Eigentlich sollte zu New-Uork jedoch auch Brookiyn mit seinen 930000 Einwohnern und mehrere andere Städte, wie Hoboken, Jersey City, gezählt werden, die von dem auf einer Insel liegenden New-Uork bloß durch den East River und den Hudson getrennt sind. Namentlich Brooklyn gehört zu New-Uork, mit dem es auch durch eine gewaltige Brücke verbunden ist, wie Ofen zu Pest gehört. Nimmt man aber Brookiyn, Hoboken u. s. w. hinzu, so erreicht New-Uork eine Einwohnerzahl von ungefähr 3 Millionen. Und vor jetzt einem Jahrhundert hatte New-Uork 23,131, Brookchu 1603 Einwohner, während Hoboken, Jersey Cily u. s. w. noch gar nicht bestanden oder elende Dörfer waren. Mit New Uork, dem Riesentrichter, durch den die Menschen und Waaren der allen Welt in die neue einströmen, läßt sich ggenwürtig nur noch London vergleichen; Paris, Wien, Berlin sind auf immer überholt. Uns Deutsch - Europäern bleibt nur der eine Trost, daß gerade auf die Entwickelung der größten amerikanischen Städte, wie New-Uork und Chicago, die Deutschen einen ganz hervorragenden Einfluß genommen haben, daß unsere Landsleute in diesen Städten nicht nur einen starken Bestandtheil der Be
völkerung bilden, sondern auch ihrem Leben, ihrem Handel und Wandel mit das Gep äge gegeben haben. Bei dOn Census wurden übrigens 21 Städte in den Vereinigten Staaten mit mehr als 100,000 Einwohnern gezählt. Davon sind nach N w Uork, Chicago und Philadelphia die größten: Brookiyn (930,000 Einwohner), Baltimore (500,000), St. Louis (440,000), Boston (44 8,000),ßinctnnati(306,000), Buffalo (250000), Piltsburg (250,000). Washington, gewissermaßen die Reichshauptstadt, der Sitz des Kongresses und des Präsidenten der Nepublck, hat nur 230,000 Einwohner.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird, soweit bis jetzt bekannt ist, erst am Freitag Abend von Osborne wieder abreisen und sich an Bord der Nacht „Hoheuzollern" nach Wilhelmshaven begeben, von wo sodann die Weiterreise nach Berlin erfolgt. Die Nachricht, daß der Kaiser den Sonntag auf der Insel Helgoland zu ringen werde, ist inzwischen durch den Hosbericht bestätigt worden. Der Monarch erfr.ut sich fortgesetzt des besten Wohlseins. — Der Gouverneur von Helgoland hat am Dienstag eine Bekanntmachung veröffentlicht, nach welcher die Uebergabe der Insel an das Deutsche Reich am nächsten Sonnabend stattfinden wird. Die Stimmung unter den Bewohnern Helgolands wird neuerdings als eine entschieden deutschfreundliche geschildert.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8. August. Wie wir aus sicherer Quelle vernehmen, steht zum 1. Oktober d. J. in hiesiger Stadt die Eröffnung einer Postfachschule bevor. Es würde dies eine Zweiglehranstalt der bedeutenden Postfachschule in Hannover sein und von erprobten Lehrkräften der Mutteranstalt geleitet werden. — Die Postfach- schule stellt es sich zur Aufgabe, junge Leute, welche nur eine Elementarschule besucht haben, oder nicht im Besitze des Berechligungszeugnisses für den einjährig freiwilligen Dienst sind, in kürzester Z it zur Postgehülfenprüfung vorzubereiten. Diese Prüfung berechtigt zum Eintritt in den Postdienst und sichert den Postbeamten für die Folge außer Pensionsberechtigung ein Dienstcinkommeu im Meistberrage von annähernd 3000 Mark jährlich. Wir begrüßen diese Einrichtung, die für den ganzen Südwesten Deutschlands bestimmt sein soll, mit Freuden, weil sie den hiesigen und auswärtigen Familien die Möglichkeit an die Hand gibt, ihren Söhnen im Alter von 14 bis 22 Jahren eine ebenso geachtete als einträgliche Stellung im Staatsdienste zu verschaffen. Die hiesige Stadt ist für die Niederlassung gewählt worden wegen ihrer vorzüglichen klimatischen und der örtlichen billigen Lebensverhältnisse. Wünschen wir der Postfachschule zu Schlüchtern eine gedeihliche Entwicklung.
* — Herr Professor Böning auS Dresden wird am Freitag, Sonntag und Montag im großen Saale des „Hessischen Hof" einige Zaubervorstellungen geben, worauf auch an dieser Stelle aufmerksam gemacht wird. Es sollen das Vorstellungen ganz ungewöhnlicher Art sein, wie sie hier in ihrer Eigenthümlichkeit und Mannig'altigk it noch nie gesehen worden sein dürften. Namentlich werden die Geister- und Ge- spenster-Erscheinungen in geradezu unbegreiflicher WOse dargestellt, ohne Spiegel, ohne Lichtrcsl x. Herr Böning ist auch einer der ersten Bauchredner, aber nicht nur Bauchredner, sondern auch Bauchsänger. Die besten Kritiken und Z Ugnisse stehen ihm zu Diensten. DaS Zanbertheater ist prachtvoll eingerichtet und ein niedlicher Page dient dem Künstler als Gehilfe. Man darf hoffen, daß das hiesige Publikum Herrn Böning mit zahlreichem Besuche beehren wild.
* — In Betreff der schon gemeldeten Falschmünzer- Verhaftung bringt das „Eschw. Krbl." nachstehendes: In nicht geringe Aufregung wurde unsere Stadt versetzt ourch die Nachricht von der Verhaftung dreier Personen, die unter dem Verdacht der Herstellung falscher Coupons der h-ss. Laudeskredi-kafs- stehen. Die Beschuldigten: Buchdrucker und Lithograph Gottlieb Röbling, Mechaniker Gustav Günther und Uhrmacher Carl Kley standen schon lange im vorbezeichneten Verdacht, hatten sich durch gewisse „Geschäftsreisen" in die nähere und weitere Umgebung unserer Stadt, bei welchen es sich offenbar
am Ausgabe der Fälschungen handelte, sowie durch Ausgaben, die mit ihren geschäftlichen Einkünften durchaus in feinem Zusammenhang standen, bemerkbar gemacht und wurden seitens der hiesigen Polizeibehörde scharf beobachtet, die im Moment, als sie genügend Beweismaterial in Händen hatte, Denn auch mit bestem Erfolg einschritt. Schon vor ca. einem Jahr hatte sich Röbling die zur Herstellung der Coupons erforderlichen Druckplatten u. f. w. zu verschaffen gewußt, sich jedoch dadurch aus allen Kalamitäten heiauszuwickeln verstanden, daß er aussagte, er habe die Coupons nur anfertigen wollen, um seinem Freund Gustav Günther einen Beweis seiner großen künstlerischen Fertigkeiten zu erbringen, ausgeben wolle er die Scheine auf keinen Fall. Da damals keine weiteren Beweise für die Schuld Röblings vorlagen, konnte gegen ihn nicht gerichtlich vorgegangen werden. Zu Ende voriger Woche hatte unsere Polizeibehörde das Belastungsmaterial derart vervollständigt, daß sie einschreiten konnte. Am Freitag begab sich Herr Amtsgerichtsrath Scheffer, sowie Herr Polizeikommissar Pröpper von hier nach Witzenhausen, wo zur Verhaftung des Röbling und Günther geschritten wurde, welche dortselbst vorübergehend sich aufhielten und falsche Coupons angegeben hatten. In den Woh- mnigcn der Verhafteten in Eschwege, sowie in der Wohnung des Carl Kley fanden am Samstag Morgen Haussuchungen statt, die denn auch ein die Erwartungen noch weit übersteigeudes Resultat hatten. Auch Carl Kley wurde sofort in Haft genommen und in das Po- lizeigesängniß gebracht, am Sonntag Morgen fand dessen Ueberführung nach Kassel statt, wohin die beiden anderen Verhafteten bereits am Samstag Abend von Witzenhausen aus gebracht worden waren. Bei den Haussuchungen wurden in der Röbliug'schen Wohnung falsche Couvons im Werthe von 32,000 Mk. beschlagnahmt, ferner ote zum Druck derselben nöthigen Utenfilien, druckfertiges, bereits geschnittenes Papier für Coupons fand sich in solcher Menge vor, daß die Fälscher dasselbe zu. Coupons im Gesammtwerthe von 100,000 M. hätten verarbeiten können. Bei Kley wurde ein Apparat beschlagnahmt, der seiner Angabe nach jedoch nur „zum Aufkleber! von Briefmarken" dienen sollte. In der Wohnung des verhafteten Günther wurde ein falscher Tausendmarkschein vorgefunden. Außerdem wurde noch bei einer vierten Person eine Haussuchung vorgenommen, über deren Resultat zur Stunde jedoch noch nichts be« sannt ist. Die g fälschten Coupons sind in der Mehrzahl solche mit der Werthangabe von 26,25 Mk., jedoch wurden auch welche zu Mk. ö,25 und 10,25 gefälscht. Sämmtliche Falsifikate tragen die Serien-Nr. 14, das Papier derselben ist unmerklich schwächer wie bei den echten, der Druck etwas fetter, ferner ist der Stempel stärker ausgeprägt. In welchem Umfange die Fälschungen in Verkehr gebracht wurden, läßt sich bis jetzt in keiner Weise feststellen.
* — Anläßlich dieser Verhaftung von Falschmünzern in Eschwege ist jetzt alle Vorsicht bei Annahme von Coupous der Landeskreditkasse geboten, denn das Kon- sortorium wird wohl weit und breit die Falsifikate aus gegeben haben. Es sollen an 100,000 Mk. solcher Koupons im Umlauf sein. — Aus diesem Anlaß erläßt die Direktion der Landeskreditkasse in Kassel unterm 4. üs. Mts. folgende Bekanntmachung: „Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß in den Kreisen Eschwege und Witzenhausen gefälschte Zinskoupons zu Schuldverschreibungen der Landeskreditkasse in Kassel, Serie 14 (Rosa), zahlbar am 1. März 1890, in Umlauf gesetzt, bezw. beschlagnahmt sind. Dieselben unterscheiden sich von den ächten durch mangelnde Schärfe und Deutlichkeit des Drucks, durch Ungleichmäßigkeit der einzelnen, bald zu hoch, bald zu tief stehenden, bald zu nahe, bald zu weit von einander abstehenden, zum ^heil zu kleinen Buchstaben eines Wortes, sowie meist durch geringe Schwärze fett gedruckter Buchstaben und Zahlen, endlich auch durch Fehlen oder schlechte Aus- tührung des Trockenstempels. Vor Annahme solcher gefälschter Koupons wird hierdurch gewarnt."
Aus Hessen, 5. Aug. Das Hagelwetter, welches Sonnabend Abend in der Gegend zwischen Lahn, Ohm, Ichwalm und Fulda gewüthet, hat schreckliche Zerstörungen angerichtet. Der Anblick, den die Felder bieten, ist ein unsagbar trauriger. Der Schaden ist