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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

S 61.

Mittwoch, den 30. Juli

1890

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser trifft Montag in Wilhelmshaven ein, wo am Dienstag der Stapellauf des neuenTrans- portdampfers stattfindet. Der Aufenthalt dauert zwei Tage. Reichskanzler von Capiivi begibt sich nach Wil- hclmshaven, um dem Kaiser Vortrag zu hatten. Der Kaiser reist alsdann nach Ostende und Osborne.

Spandau, 25. Juli. In dem Dorfe Grünefeld bei Spandau hat gestern bei einem Gewitter ein Wirbel- sturm große Verheerungen angerichtet. Ein großer Theil der Häuser ist abgedeckt, der Kirchthurm umge- stürzt und eine Mühle zerstört. Das Dorf gewährt ein Bild furchtbarer Zerstörung. Menschen sind an­scheinend nicht um's Leben glommen.

Hamburg. Von einem Herrn Barthold Schäfer in Hamburg ist gegenwärtig im Atelier der Herren Her­mann u. Kurze eine sensationelle Eifindung, ein auto­matischer Photographier-Apparat zur Ansicht ausgestellt. Der Apparat erzeugt Ferrotypen (Bilder auf Blech­platten) von überraschender Vortrefflichkeit. Jeder sich Photographierende muß zunächst ein Uhrwerk, welches die alleinige Tbätigkit ausübt, aufziehen, alsdann ist eine bestimmte Münze in den Apparat zu w-rfen, wo­rauf dieser zu functioniren beginnt. Jetzt hat der Be­treffende genügende Zeit, sich auf einen vor dem Objectiv dereitstchenden Stuhl zu setzen. Alsdann ertönt eine electrische Glocke, welche das Zeichen zum Stillsitzeu gibt. Nach einigen I'cunden vrstummt das Leuten und die Aufnahme ist erfolgt. Nach circa 45 S cundcn fällt daS fertige Bild auf eine erwärmte M-tallplatte. Während dieser Zeit kann der Betreffende durch Einwurf eines zweiten Geldstückes dem Apparat einen Rahmen zum Bilde entnehmen. Der ganze Vorgang vom Ein­wurf der Münze bis zum Herausfallen des Bildes währt 2fls bis 3 Minuten ; mithin liefert dieser Apparat nicht nur 20 Bilder per Stunde, sondern präparirt dazu gleichzeitig die nöthigen Blechplatten, eine L istung, welche in Anbetracht des chemischen Processes in einer kürzeren Zeit unausführbar ist.

Elbing, 23. Juli. Bei der Elbinger Firma Schichau hatte die türkische Regierung fünf Torpedo­boote bestellt, ein jedes im Werthe von etwa 350 000 Mark. Die Firma machte dem Marineminisier in Konstantinop l Mittheilung, daß die Schiffe fertig und zur Abholung bereit wären. Darauf ließ die türkische Regierung die Boote durch einen Speziul-Abgesandten ansehen, der sich auch höchst zufriedengestcllt äußerte. Nach­dem man aber ii Elbir.g vcrg! blich auf das Eintreffen der 13 4 Millionen gewartet hatte, wurden die Schiffe anderen Regierungen zum Kaufe angeboten. Die griechische Regierung hat wegen derselben jetzt Ver­handlungen angeknüpft, und dürfte somit auch Griechen­land in die Reihe derjenigen Staaten treten, welche von der Schichauer Werft Torpedoboote bezogen haben. Bis jetzt hat solche erworben: Deutschland 80, Ruß­land 28, Italien 24, Oesterreich 11 und China 12 Schiffe.

Strausberg a. d. Ostbahn, 22. Juli. Durch die vorjährige Schießübung des 2. Bataillons 3. Garde- Regiments waren in unserer Forst bedeutende Be­schädigungen entstanden) der hinzugezogene Oberförster schätzte den verursachten Schaden auf 1550.74 Mark, und der Magistrat hatte sich seiner Zeit an den Kommandeur des betreffenden Bataillons, Freiherr» v Haustein, gewandt und um Ersatz dieses Schadens ersucht. Der Kommandeur hatte aber darauf in ab­lehnendem Sinne geantwortet und betont, daß ihm die Vornahme der Schießübung an der betreffenden Stelle von den städtischen Behörden ausdrücklich gestattet sei, daß ihm ferner Fonds zu derartigen E ttschädigungen nicht zur Verfügung ständen. In Rücksicht auf den bedeutenden Schaden, der durch diese Schießübung ent­standen war, beschloß die Stadtverordneten Versammlung in ihrer Sitzung vom 19. September v. I. einstimmig, den erhobenen Anspruch durch alle Instanzen geltend zu machen.

Der preußische Landwirthschafts Minister hat, wie aus Schlesien gemeldet wird, eine Untersuchung über die Ursachen der fortgesetzt hohen Fleischpreise an- georduct. Vom Zentralverein der verbündeten Land- wirthe ist ein besonderes Gutachten eingefordert worden.

Leipzig, 22. Juli. Ueber ein merkwürdiges Freund- schaflsverhältniß zwischen einer Henne und einer Katze

kann das ^Lnpz. Tagebl." berichten. Erstere hatte ihren Nachwuchs in der Bratpfanne verschwinden sehen. In dieser Verlassenheit fand sie Trost bei der Haus­katze. Dieses Verhältniß gestaltete sich so zärtlich, daß Vogel und Vierfüßler ohne einander nicht mehr leben können. Beide liegen oft an einander geschmiegt bei­sammen und geben ihre zärtlichen Empfindungen durch Streicheln und andere thierische Gefühlsäußerungen zu erkennen.

Zwicka», 25. Juli. Auf einigen Fluren bei Zwickau treibt der sogenannte räthsclhafte Bilmenschnitter sein Unwesen. Man findet nämlich dann und wann lange, schmale Gassen, meist in gerader Richtung, durch das Getreide gemäht. Die schon vor Jahren einmal in dieser Gegend (Reinsdorf) beobachtete geheimnißvolle Erscheinung ruft in den Kreisen der Landwirthe rc^ große Aufregung hervor. Das Volk sieht, wie die Dresd. Nachr." schreiben, darin das Walten über­irdischer Mächte; die Naturforscher sehen in diesen Gängen Spnren der Thätigkeit irgend eines Nagetieres, Insektes oder dergleichen.

Coburg, 25. Juli. .Qwaggschddrrschkuchchen." Vor­stehendes Wort, welches aus 23 Buchstaben, darunter 20 Konsonanten, von denen 18 in ununterbrochener Reihenfolge nebeneinander stehen, besteht, scheint beim ersten Blick aus dem Russischen zu stammen. Es ist aber nichtsdestoweniger ein deutsches Wort in Coburg-r Mundart und heißt: Zwetschenkuchen.

Bückeburg. Prinz Adolf von Schaumburg Lippe, d-r Bräutigam der Prinzessin Viktoria, der Schw st-r des Kaisers Wilhelm, ist der jüngste Sohn des regierenden Fürsten Adolf Georg und steht in Bonn als Rittmeister bei den Königshusaren. Von seinem Vater ist der Aus­spruch :In meinen Landen hätt' der Bismark Üix to scggen" zum geflügelten Wort geworden. Das Ländchen ist zwar klein, es zählt nur 36000 Ein­wohner, aber die fürstliche Familie ist reich. Der Großvater des Prinzen, Fürst Georg, hat dazu viel beigetragen ; er war sehr schlicht und sparsam, am besten schmeckte ihm der Speckpfannkuchen, den ihm seine Lieblingstochter eigenhändig zu backen pflegte. Es steckte in dem alten Herrn etwas von der Natur König Friedrich Wilhelms I., des gestrengen Vaters des alten Fritz. Er trieb seine Unterthanen höchst eigenhändig zur Arbeit an, duldete keine Faule», revi- dirte und kontrollierte alles und wetterte oft Mit seinem dicken Knoteustock und kernigen Ausdrücken in seinem geliebten Platt barein. Wenn die Bürger seiner Resi­denz Bückeburg ihn im Flauschrock die breite einige Hauptstraße hinabschreiten sahen, retirierten sie schleunigst hinter die Thorwege, bis Serenissimus vorüber war. Unnöthige Ausgaben liebte er nicht und hielt zähe fest, was er besaß, auch die Offiziere der benachbarten Garnisonen, die er manchmal zu Gast lud, wurden an seiner Tafel nicht verwöhnt. Als ihn einmal der Kom­mandant einer nahen Garnison um 5000 Thaler er­leichterte, soll ihn das bitter gekränkt und zu einem Bericht nach Berlin veranlaßt haben, auf Grund dessen jener Militair in den Ruhestand treten mußte. Abei seinen Bauern half der Fürst mit seinen reichen Mitteln gern aus, allerdings nur gegen gute Sicherheit.

In Suhl schw.bte, wie von dort geschrieben wird, seit 1884 ein Prozeß zwischen dem Einwohner H. und dem Eisenbahnfiskus. Bei dem Bahnbau Grimmenthal-Neudietendorf mußten in nächster Nähe der Wohnung des Betreffenden Felssprengungen vorge­nommen werden, wobei ein Stein durch das Fenster flog und dem H. die linke Hand zerschmetterte. Der Prozeß ist nun zu Gunsten des Klägers entschieden und Letzterem eine Entschädigung einschließlich der veraus­lagten Kosten und ausgelaufenen Zinsen in Höhe von ca. 16,000 Mark ausgezahlt worden.

Kreuznach, 24. Juli. Auf der Reise von Noveant über Metz, Saarbrücken, Kreuznach, Bingerbrück, Rüde-- heim nach Wiesbaden ist einem Russen ein Portefeuille mit weit über 200,000 Francs abhanden gekommen. Geheimpolizisten sind zur Auffindung der Summe an den genannten Orten in Thätigkeit getreten. Große Belohnungen sind dem Wiederbringer des Portefeuilles zugesichert.

Darmstadt. Ueber einen wahren Rattenkönig von Prozessen wird demF. G." geschrieben: War ein Bauer im Odenwald, ein lustiger Witjwer, der sich

wieder verheirathen wollte. Er fand auch ein Mädchen aus seiner Umgegend, das er, nachdem alles durch Ehe- und Einkindschaftsvertrag in bester Form Rechtens ge­ordnet war, auch im März 1886 heirathetc. Der jungen Frau muß es aber in der Ehr nicht gefallen haben, denn sie verließ ihn schon im Mai desselben Jahres, kehrte zu ihren Eltern zurück, gebar daselbst im December einen ehelichen Sohn, ging dann zu einem in der Nähe wohnenden Müllersmann, auch Wittwer, in Ammendienst und genas auch von diesem im Juni 1888 eines gesunden, noch lebenden unehelichen Knäbleins. Aus diesen Umständen erwuchsen folgende Prozesse: I. Prozeß: Im Frühjahr 1887 klagte der Mann auf Rückkehr (Herstellung des ehelichen Lebens.) Die Frau wird hierzu verurtheilt, kehrt aber nicht zurück. II. Prozeß: Das uneheliche Kind wird auf den Namen des Ehemannes im Geburtsregister eingetragen ganz dem Gesetz gemäß, da die Ehe noch bestand. Darob Klage des Ehemanns gegen das uneheliche Kind auf Berichtigung des Eintrags. Nach längeren Verhand­lungen wird das Kind im September 1889 unter Ver- urtheilung in alle Kosten durch Urtheil und Recht für unehelich erklärt und danach der Eintrag im Geburts­register berichtigt. III. Prozeß: Da der Ehebruch der Frau jetzt feststand, so erhob der Ehemann Scheidungs­klage. Im Juli 1889 wurde die Ehe durch Urtheil geschieden unv die Frau für den schuldigen Theil er­klärt. IV. Proz-ß: Inzwischen erstritt die Frau für ihr uneheliches Kind von besagtem Müllersmann (durch genchtlich bestätigten Vergleich) einen Alimentations- beitrag von 1000 Mk., die für das Kind in die Spar­kasse eingelegt wurden und wovon die Mutter zwecks Verwendung für das Kind die Zinsen erheben sollte. V. Prozeß: Nach rechtskräftigem ScheidungSurtheil er­hob die Frau gegen ihren geschiedenen Mann Kluge auf Rückgabe des eingebrachten Vermögens (Geld und Aus­stattung) und auf Ersatz der für das eheliche Kind ge« le;ft.ten Alimente. Sie wurde damit abgewiesen. (Ur­theil vom März 1890.) Der Mann nahm im Laufe dieses Prozesses das ehelich erzeugte Kind zu sich. Bis dahin hatte die arme Frau (die, beiläufig bemerkt, alle diese Prozesse im Armenrecht führte), dieses und ihr uneheliches Kind mit ihrem Magdlohn zu ernähren ge­sucht. Neuerdings hat sich aber die Sache so gestaltet, daß der Ehemann seine geschiedene Ehefrau sammt dem unehelichen Kinde wieder alimentiren muß. Das kam so: VI. Prozeß: Im Prozeß II. war das uneheliche Kind in alle Kosten verurtheilt. Da für dieses Kind 1000 Mk. (in Prozeß IV.) erstritten und bei der Spar­kasse eingelegt waren, so ließ der Ehemann durch seinen Anwalt diese 1000 Mk. bis zum Betrag dieser Kosten (Mk. 160.70) pfänden. Beschwerde dagegen hauptsächlich auf den Grund hin, daß Alimente nicht gepfändet werden könnten, wurde abgewiesen, weil diese 1000 Mk. keine gesetzlichen, sondern Vertrags- (vergleich)-mäßige Alimente seien. Nun weigert aber die Sparkasse Auszahlung des Geldes in solange, als das (gesperrte) Sparkasse- büchelchen nicht vorgelegt werde. Darob neue Klage gegen die Frau auf Herausgabe und Vorlage des Spar- kassebüchelchens. Auch dazu ist dieselbe verurtheilt, sie gibt aber dieses Büchlein nicht heraus ob sie nicht kann oder nicht will, bleibt dahin gestellt und be­findet sich deshalb mit ihrem unehelichen Kinde seit dem 27. Mai auf Kosten des Klägers in Civilhast (im Amtsgerichts-Gefängniß.) Ob der Rattenkönig damit zu Ende, wer kann's wissen?

München, 23. Juli. Zur Bekämpfung der Nonnen- raupe sind im Fürstenrieder Park jetzt ungefähr 400 Holzfäller beschäftigt. Das Gerüst, welches den elekt­rischen Reflektor mit Exhaustor tragen soll, ist bereits bis zu einer Höhe von 5 Metern gediehen. Nach einem Bericht von Prof. Heiler in New-Orleans wenden die Pflanzer im Süoen der Vereinigten Staaten schon längst ein ähnliches Verfahren gegen den Baumwoll- schmetterling an, nämlich offene Feuer auf hohen Ge­rüsten beziehungsweise Stangen, die mit Wassergräben umgeben sind. Pariser Grün als Vergiftungsmittel spielt dabei eine Rolle. Wie man aus Memmingen berichtet, hat die Nonne auch in dem Walde des Barons Vequel-Westernach in Kronburg bedeutende Verheerungen angerichtet. Auf eine Fläche von 300 Tagwerken sind die Tannenbäume vollständig zerstört und die Adholzung dieser Fläche des Waldes ist von der Forstbehörde