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Mittwoch, den 9. Juli
1890.
lbftf>llmtAf1t ““f d-- „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ■ -"■■ - Postanstalten undLandbriefträgern
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat am Freitag mit dem König von Schweden das Schloß Oskarhall besucht, woselbst sie von der Königin begrüßt wurden. Nachmittags haben die in Christiania ansässigen Deutschen den Offizieren der deutschen Flotte und dem kaiserlichen Gefolge ein großartiges Fest gegeben. Es wurden dabei eine Menge Trinksprüche ausg-bracht, der erste von dem Generalkonsul Derzeit auf das Wohl des Kaisers und dessen königlichen Gastgeber. Ein Theil der Festlichkeit, welche einen glänzenden Verlauf nahm, wurde auf den für diesen Zweck vom Kriegsminister zur Verfüguug gestellten oberen Wällen der Festung Veranstalter.
— Ueber die Kaiscrrcise nach England sind, wie die „Allgemeine Reichs Korrespondenz" meldet, folgende Bestimmungen getroffen worden: Kaiser Wilhelm wird am Sonnabend, den 2. August, in Cowes auf der Insel Wight eintreffen und in Osborne als Gast der Königin bis zum Donnerstag, den 7. August, verweilen. Von dort wird der Kaiser sich direkt »ach Edinburg begeben und die Forth-Brücke besichtigen. Ein Besuch Londons gilt neuerdinds für unwahrscheinlich. Offizielle Festlichkeiten werden diesmal in Osborne nicht stattfinden, der Besuch deS Kaisers wird einen lediglich familiären Charakter tragen.
— Eine Aufsehen erregende Aeußerung des Fürsten Bismarck hat am Dienstag der Asrikareisende Eugen Wolf bei dem Festmahl der deutschen Kolonialg n'ellschaft in Köln mitgetheilt. Herr Wolf hatte den Fürsten am Sonntag in Friedrichsruh ausgesucht und ihn gesund und jugendfrisch angetroffen. AIs die Rede von dem deutsch-englischen AI kommen war, soll der Fürst wörtlich gesagt haben: „Niemals hätte ich meine Feder zu diesem Vertrag hergegeben! (')
— Zur Feier des neunzigsten G burtstages des Grafen Moltke (26. Oktober) wird eine nationale Kundgebung vorbereitet.
— Der Kriegsminister v. Verdy soll, wie die „Hamburger Nachrichten" melden, nicht nur als Kriegsminister zurückzutreten die Absicht haben, sondern überhaupt seinen Abschied nehmen wollen. L tzteres würde in der Armee wegen der außerordentlichen Thätigkeit Verdys als Generalstäbler allgemeines Bedauern hervorrufen, und man glaubt, daß es, besonders wegen des hohen Ansehens, dessen Verdy sich in den Augen des Grafen Waldersee erfreut, möglich sein werde, den General der Armee zu erhalten. Dies wird freilich insofern seine Schwierigkeiten haben, weil Verdy wohl nur als kommandierender General im Frieden eine Verwendung findenköunte. General v. Verdy würdekaum 15 Monate Kriegsminister gewesen sein (sät April 1889). In dieser kurzen Zeit hat er aber vieles geschaffen. Es sei nur an die Errichtung der beiden Armeekorps, an die Reorganisation der Infanterie und nun (zum 1. Oktober d. I.) an die der Artillerie erinnert; ferner an die vom 1. Oktober 1890 an völlig durchgeführte Grenzbelegung (angefangen L April 1890), ein Riesenwerk vom strategischen GesichtSpunklaus. Die Leistungen waren nur möglich, wenn er sich deS vollsten Vertrauens deS Kaisers und des vollen Einverständnisses mit dem Chef deS Generalftabes erfreute.
— Nach einer im geographischen Institute zu Weimar vorgenommenen Messung beträgt das Areal des nun mehrigen deutschen Gebiets in Ostafrika, ohne den- eoentueffen Antheil am Tanganjika-See, rund 969,500 lllern, während, das deutsche Reich selbst 540,600 □km umfaßt.
— Am Sonntag begann in Berlin das zehnte deutsche BundeSschießen, zu dem Schützen aus allen Richtungen gekommen sind. In früher Morgenstunde kamen die Italiener, dann folgten die Süddeutschen, die Tyroler und die Schweizer Schützen, sowie die Österreicher und Ungarn. Die amerikanischen Schützen waren schon am Freitag eingetroffen. Alle wurden herzlich begrüßt und schwungvolle Ansprachen gewechselt. Die Hauptstraße Berlins prangen im reichen Flaggenschmucke. Das Wetter läßt freilich viel zu wünschen übrig. Die amerikanischen Schützen, welche das Hauptinteresse
erregen, gehören der reichst n Schützeng lde der Welt an, dem dieselbe verfügen über ein Vereinsvermögen von rund 23 Millionen Dollars, ein Vermögen, welches eben nur unter amerikanischen Verhältnissen zu sammeln möglich gewesen. Die hier anwesenden Newyorker Schützen, insgesammt reiche Männer, unter denen auch einige Millionäre sein sollen, machen die Schützenfahrt auf Kosten ihrer Gilde und sind seitens des Schatzamts derselben angewiesen worden, in keiner W ise zu sparen, sondern die Deutschen der Vereinigten Staaten Nordamerikas im Mutterlande würdig zu repräsentiren. Auch die Familien, welche einige Schützen mit sich führen, reisen auf Kosten der Newyorker Gilde. Ein kleines Esse», welches dir Amerikaner gleich nach ihrer Ankunft gaben, kostete mehrere Tausend Mark.
Hamburg, 4. Juli. Es wird im ner besser! In der vorletzten Nacht wurde eine an der Wexstraße wohnende Herrschaft durch heftiges Läuten an der Hausglocke aus dem Schlafe aufzes chreckt. Als man öffnete, übergab ein Bote der Herrschaft ein an das Dienstmädchen gerichtetes Telegramm. Da man glaubte, daß das Telegramm irgend eine Trauernachricht oder sonst eine Mittheilung von einem plötzlich eingetretenen erschütternden Ereigniß enthielt, weckte man, ohne die Depesche erst zu lesen, die Dienstmagd, welche sodann nach Durchlesung der Depesche erklärte, dieselbe sei von ihrem Bräutigam, welcher bei ihr anfrage, „ob sie ihm noch treu sei"!
Stettin, 3. Juli. Bei einer heute Nachmittag auf der Oder stattgefundenen Pionier-Uebung lösten sich zwei mit einander verbundene Pontons; die darauf befindlichen Mannschaften stürzten in die Oder, zwei derselben sollen ertrunken sein.
Gsttingcn. Eine ergötzliche Hfirattzsaffaire ereignete sich vor einiger Zeit in einer Nachbargemeinde. Zwei befreundete junge Männer warben um die Töchter eines behäbigen Bürgersmannes; während des Brautstandes kamen die Bräutigame indessen zu anderer Meinung und jeder glaubte, mit der Braut des Andern wohl glück.icher zu w erden. Nach g'gmseitigem Meinuigs- austausch eifiihten sich auch die A ifangs überraschten Bräute mit dem vorgesch'ageneu Tausche einverstanden und so konnte denn nach Aenderung der bereits ausgefertigten Heirathspapiere die Trauung vollzogen werden.
Erfurt, 28. Juni. Eine kleine Anzahl ultramon- lauer Katholiken hatte au die städtischen Behörden Petitionen des Inhaltes gerichtet, daß die, Motive aus Luthers Leben behandelnden, Entwürfe zu den Wandgemälden im Rathhaus als „antikatholisch" entfernt werden möchten. Diese Eingabe hat zunächst Seitens des Magistrats die gebührende Abweisung gefunden und ist nunmehr auch von der Stadtverordneten-Versammlung durch einfachen Uebergang zur Tagesordnung erledigt worden.
Meiningen, 30. Juni. Präßler vor Gericht. Am Freitag hat vor der ersteren Strafkammer des hiesigen Landgerichts unter großem Zudrang einer zahlreichen Zuhörerschaft die Verhandlung gegen den berüchtigen Verbrecher Präßler auS Reichenbach, einen Mann von großer stämmiger Figur, stattgefunden. Er erschien gefesselt vor seinen Richter und zwei mit Gewehren biwaffnete Polizeisergcanten hielten an feiner Seite Wache. Einen großen Theil seines Lebens hat er im Zuchthaus zugebracht. Im gegenwärtigen Monate Juni hat er bereits eine stattliche Anzahl Strafen auf sein Konto erhalten; am 7. Juni wurde er in Aschaffenburg zu 6 Jahren, am 12. Juni in Gera zu 6 Jahren und am 18. Juni in Rudolstadt zu 4 Jahren Zuchthaus verurtheilt; gestern hatte er sich wegen einer Reihe von Einbruchsdiebstählen im hiesigen Landgerichtsbezirk zu verantworten. Er selbst meinte, er wolle die Sache kurz machen und Alles auf sein Konto nehmen; es fei zwar viel auf seinen Namen gestohlen worden, bei ihm komme es ja aber auf einige Diebstähle mehr oder weniger nicht an; endlich mußte er indeß doch einräumen, daß er wirklich auch der Thäter der ihm zur Last gelegten Verbrechen war. Seitens der Staatsanwaltschaft wurden für den gemeinfährlichen Menschen als Gesammtstrafe 15 Jahre Zuchthaus, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 10 Jahre und Stellung unter Polizeiaufsicht beantragt. Das Urtheil des Gerichtshofes lautete dem entsprechend.
Gotha, 3, Juli, Einen enormen Schaden erleiden
die Besitzer und Pächter von Grundstücken in der hiesigen Stadtflur durch die in überaus großer Zahl vorhandenen Hamster. Wie empfindlich die Hamsterplage ist, geht daraus hervor, daß im Jahr 1889Zin der Stadtflur von Gotha 14 712 Hamster gefangen und an den ökonomischen Verein abgelrefert worden sind, welcher für jeden eingelieferten weiblichen Hamster eine Fangprämie von 25 Pfg., für einen männlichen Hamster eine solche von 5 Pfg. und für einen jungen Hamster eine solche von 3 Pfg. zahlt. Unter den gefangenen Hamstern waren die Männchen bei Weitem vorherrschend, denn es wurden ihrer nicht weniger als 8973 an den ökonomischen Verein abgegeben, während nur 2868 Weibchen und 2871 Junge in die Hände der Hamsterfänger fielen. Im Ganzen zahlte der Verein im abgelaufenen Jahr an Hamster-Fangprämien 1251 Mk. 98 Pfg. auS. Auch in diesem Jahr waren die Hamsterfänger schon sehr thätig. Sie fingen von April bis jetzt 5158 Stück und zwar 3374 Männchen, 1750 Weibchen und 34 Junge. Die letztgenannte Zahl ist deshalb so niedrig, weil es jetzt noch wenige Junge gibt. Trotz der großen Zahl der gctödtcteu Hamster bemerkt man noch kaum eine Abnahme der Hamsterplage, eS erhöht sich im Gegentheil die Zahl der gefangenen Korndiebe von Jahr zu Jahr. Im Jahr 1887 wurden nämlich ca. 11 000, im Jahr 1888 ca. 13000 und im letzten Jahr, wie oben angegeben, 14 712 Hamster gefangen. Der hiesige ökonomische Verein, welcher sich die Vertilgung dieser der Land- wirthschaft ungemein schädlichen Thiere so angelegen sein läßt und dafür hohe Summen ausgibt, die er zum Theil aus Jagdpachtgeldern, zum Theil aus seiner Vereinskasse bestreiket, wird sein auf Ausrottung der Hamster gerichtetes Ziel nur dann ganz erreichen können, wenn auch die Gcmeindevorstände der an die Stadtflur grenzenden Ortschaften, wie Remstcdt, Warza, Siebleben, Günthersleben, Bufleben, Friemar, in gleicher Weise Vorgehen.
Stuttgart, 1. Juli. Eine junge Frau in der Nähe von Stuttgart, die mit ihrem Manne in Streit gerathen war, kam auf die Idee, an Letzteren ein Telegramm abzuschicken mit der Meldung, daß sie in Stuttgart plötzlich verstorben sei. Der Mann eilte in höchster Bestürzung nach genannter Stadt und suchte mit Hilfe der Polizei die Leiche seiner Gattin, während diese gesund und munter bereits wieder den Rückweg in ihr Heim angetreten hatte. Als der Mann endlich Abends nach vergeblichen Suchen seiner todtgeglaubten Gattin verzweifelt nach Hause kam, fand er diese zu seiner Freude am Leben vor und die Versöhnung war auch alsbald herbeigeführt. Die telegraphische Lektion hatte bei dem Mann entschieden gefruchtet. Gleichwohl soll die Frau ihren sehr gewagten Schritt bitter bereuen; denn wo sie sich außerhalb des Hauses blicken läßt, ruft ihr die unartige Schuljugend nach: „Da kommt die Leiche!"
Heilbroun a. N., 30. Juni. Zum Tode verurtheilt wegen Mords wurde vom hiesigen Schwurgericht der 19 Jahre alte Bauer Gottfried Sommer von Tiefenbach. Derselbe hatte einen neunjährigen Knaben in den Wald geführt, ihn dort an Händen und Füßen mit einem Strick gefesselt und ihm hierauf mit einem Rasirm-sser den Kopf rasirt und dann den Hals ab- geschnitten. Sommer behauptet, der Teufel müsse ihn zu der That getrieben haben, er habe keine Absicht gehabt, den Knaben zu tödten, aber beim Spaziergange im einsamen Walde sei jäh der Trieb des Mords über ihn gekommen und er habe nicht wiederstehen können. Der nahe liegende Vermuthung eines Lustmords wieder- sprach der Befund der Leiche. Die Frage, ob der Angeklagte im Zustande der Unzurechnungsfähigkeit gehandelt habe, verneinten die Sachverständigen, welche ihn längere Zeit beobachtet haben. Bei der Verkündigung des Todesurtheils blieb der Angrkmzte völlig ruhig.
Ausland.
Paris, 4. Juli. Der „Matin" meldet, daß die Handelskammer in Saint Etienne den Preis Escoffier im Betrage von 10,000 Francs und die goldene Medaille dem b kannten Erfinder Paul Gissard für die Erfindung eines mit flüssigem Gas zu ladenden Gewehrs ertheilt habe. Ein unter dem Lauf angebrachtes Stahlreservoir enthält dreihundert Tropfen