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Mittwoch, den 2. Juli
1890.
^ftdhtMAMt "^ dle „Schlüchterner Zeitung" MkßllUUll^l werden noch fortwährend von allen
—. ■—"■-•^e . . - Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
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( Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat sich am Freitag in Kiel auf dem Panzerschiff „Kaiser" eingeschifft und ging um 8Uhr Abends mit dem Manöver- und Uebungsgeschwader in See. Der König von Dänemark war auf dem Dampfer „Danebrog" dem deutschen Geschwader ent- gegengefahren und es fand Tags darauf die Begegnung beider Monarchen auf dem Meere statt. Der Kaiser ist als Gast des Königs von Dänemark auf Schloß Fredensborg eingetroffen. Der Kaiser blieb bis zum 30. in Fredensborg und wird am 1. Juli in Christiania eintreffen. Die dort ansässigen Deutschen werden dem Kaiser außer einem kostbaren Blumenstrauß ein werth- volles Album mitphotographischen Ansichten von Christiania überreichen.
Berlin. Die Vertagung des Reichstags wird formell am 9. Juli beginnen und bis zum 25. November dauern. Doch ist nicht ausgeschlossen, daß die Sitzungen des Reichstags schon am 4. oder 5. Juli ihr Ende erreichen und der Reichstag bis zum 9. Juli, also bis zum Anfangstermin der Vertagung, welche durch die kaiserliche Kabinetsordre ausgesprochen werden wird, sich - selbst vertagt.
— ES steht nach zuverlässigen Berichten frst, daß die verbündeten Regierungen an dem Termin des 1. Januar 1891 für die Einführung der Jnvaliditäts- und Altersversicherung festhalten. Die Vorberathungen - in den einzelnen Bundesstaaten sind so w it gediehen, daß ihr Abschluß bis Mitte November sicher zu erwarten steht.
* — Das neugestiftete „Allgemeine Ehrenzeichen in Gold" besteht den im „Rcichsanzcigcr" veröffentlichten Statuten zufolge aus einer goldenen Medaille mit dem gekrönten Namenszug des Königs und dem Stiftungs- jahr (1890) auf der einen, und der lorbeerumkränzten Inschrift: „Verdienst um den Staat" auf der anderen Seite. Es wild am Bande des jetzigen Allgemeinen Ehrenzeichens getragen. Zur Verleihung des neuen Ehrenzeichens dürfen nur solche Personen vorg schlagen werden, welche daS Allgemeine Ehrenzeichen bereits besitzen; Beamte und Personen des Untcroffizierstandes überdies erst nach Vollendung einer Dienstzeit von 30 Jahren. Ausnahmen hiervon werden nur in solchen Fällen zugelassen, welche durch eine besonders hervorragende anerkennenswerthe Einzelhandlung begründet erscheinen.
Bon den Halligen, 26. Juni. Seit Biernatzki „Die Hallig" schrieb, sind diese merkwürdigen Trümmer einer untergehenden Welt mehr und mehr bekannt geworden. Der sommerliche Fremdenverkehr auf den Halligen wurde aber erst mit dem von Jahr zu Jahr steigenden Besuch der Bäder an der schleswigschen Westküste rege. Unterdessen werden aber die Halligen von Jahr zu Jahr kleiner, Häuser- und Bcwohncrzahl nehmen ab. Selbst die Fremden, welche mit dem Dampfschiffe eine Fahrt durch die Halligwelt machen, sind in der Lage, bei der Vorüberfahrt das zu beobachten. Auf „Grödc", zwischen deren Theilen das Whk-Hufumer Dampfschiff dahinfährt, waren vor reichlich einem Jahre noch 3 bewohnte Werften: Neuwerf, Kirchwerf und Kuuthswerf mit einer Kirche und 7 Häusern. Da indessen den beiden Neuwerfer Häusern der Einsturz drohte, so mußten dieselben abgebrochen werden und die Heimathhallig verlassen. Nun hat Gröde allein 2 bewohnte Werften mit 5 Häusern und 1 Kirche, mit Hobel 7. Häuser. Die erste Kirche zu „Graden" ging 1362 unter, die zweite wurde 1634 zerstört und 1679 niedergelegt, um der jetzigen Platz zu machen. Die zweite Kirche erhielt 1500 eine Glocke mit der Inschrift: ,,Sanct Cathrin bin ik gebeten, Paje Ponsen und Gunne Mumsen hebben wi laten geten,6" Wo sie belegen war, sucht jetzt der Dampfer seinen Weg, den beobachtenden Passagier aber rührt die aus der Tiefe des Meeres klingende Glocke, und Mitleid empfindet er mit den armen HalligleUten, denen die Heimath unter den Füßen verschwindet; denn tin ortskundiger Mitreisender erzählt ihm: Um 1769 Ale die Hallig noch 6 Werfte und 33 Häuser, um die Mitte dieses Jahrhunderts waren 4 Werften mit der
Kirche und 10 Häusern übrig — tn 40 Jahren ging davon die Hälfte, verloren. Wann die letzte Hütte — wann das Heiligthum? wann die Scholle, deren prächtiges Grün jetzt vor der Sense steht? Möge die Zeit noch ferne sein und möge das umrauschte Eiland noch lange den herbeieilenden Fremden die Geschichte von der untergehenden Halligwelt erzählen!
Magdeburg, 25. Juni. Bor der hiesigen Strafkammer wurde gestern gegen den „Naturheilkundigen" Chr. Koch von hier wegen fahrlässiger Tödtung verhandelt. Der Angeklagte, ein Mann von geringer Bildung, welcher u. A. auch einmal in einem Artikel behauptet hatte, die Diphtheri tis sei eine Art Krankheit ohne Ansteckungsgefahr und habe ihren Sitz im Magen, hatte in vorliegendem Falle eine Frau mit warmen Packungen auf Nierenleiden behandelt, während dieselbe an Eitcransammlungen litt, die rechtzeitig durch Operation hätten entfernt werden müssen. Die Sachverständigen waren einstimmig der Ansicht, daß die Kranke in Folge der groben Fahrlässigkeit des Angeklagten und dessen Unwissenheit in der Behandlung des menschlichen Körpers gestorben sei. Der Staatsanwalt beantragte neun Monate Gefängniß, der Gerichtshof erkannte gegen Koch, der von Hause aus Cigarren- macher ist, auf ein Jahr Gefängniß.
Weimar, 24. Juni. Vom Schwurgericht wurde der bisherige Assessor Melzhaimer in Gräfenthal wegen Unterschlagung von 8000 Mark, begangen im Amte, zu acht Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenver- lust verurtheilt. Die Geschworenen verneinten die Frage nach mildernden Umständen, da erwiesen wurde, daß der Angeklagte mit seiner Familie ein luxuriöses Leben geführt hat.
Sorau, 26. Juni. Eine seltsame Art, sich zu ver- miethen, hat kürzlich ein Knecht gewählt. Ein Gutsbesitzer äus C. hatte sich nach Sorau an ein Gesinde- Bcrmicthungsburcau eines Knechts wegen gewandt. Dasselbe beauftragte einen gewissen Schmidt, der sich am Sonntag früh auf den Weg machte, um sich dem Gutsbesitzer vorzustellen. Als er die Teuplitzer Chausee beim Postgebäude in Triebe! passirte, trat er hinein und gab an den Gutsbesitzer in C. folgende Depesche auf: „Sofort nach Triebet kommen, Angermanns Hotel. Schmidt." Der Gutsbesitzer, der gerade beim Miltagscssen saß, warf sich sogleich in den Wagen und fuhr bei strömendem Regen nach Tricbel. AlS er in das Gasthaus kam, konnte ein Herr Schmidt nicht ermittelt werden, denn wer konnte ahnen, daß einer von den drei jungen Burschen, die sich an einen Tisch zusammengesetzt hatten, der bewußte Herr Schmidt sei. Erst durch den Postvorsteher wurde die Aufmerksamkeit auf den jungen Mann mit der weißen Weste und dem großen Blumenstrauß am Rocke gelenkt, der von allen Seiten gedrängt, sich schließlich als Urheber des Telegramms bekannte mit dem Bedeuten, daß er es sich hätte bequem machen wollen, da Herr M. doch Wagen und Pferde im Stalle hätte. Der Eindruck, den diese Lösung der Sache auf die Gäste machte, läßt sich denken. Das Sonderbarste ist, daß der Gutsbesitzer den Knecht dennoch miethete, weil ihm der „intellegente" Mensch gcfi-l.
Kyritz, 22. Juni. Ein peinliches Ereigniß hat sich nach dem „Förster Wochendl." hier zugetragen. Ein im Hause des Superintendenten in Dienst stehendes Mädchen hate sich ertränkt, nach der einen Mittheilung wegen schlechter Behandlung, nach der anderen wegen Geistesstörung. Der Superintendent verweigerte der Selbstmörderin die kirchlichen Ehren, und nun nahm die gesammte Bürgerschaft das Begräbniß in die Hand. Die Studikapelle eröffnete den Leichenzug, hundert junge Mädchen schritten dem Saige voran, dem mehrere tausend Personen folgten. Auf dem Kirchhofe wurden mehrere Choräle geblasen und nach einem stillen Gebet der Sarg hinabgesenkt. Am Abend versammelte sich vor dem Hause des Superintendenten ein große Menschenmenge, welche erst johlte und schrie, dann aber sämmtliche Fenster des HauseS mit Steinen ein« warf und die Thür einschlug. Bei dem Erscheinen der Polizei zerstreute sich die Volksmenge.
Aus Bayern. Ein sonderbarer Empfang wurde dieser Tage dem päpstlichen Nuntius zu Theil, der zu einem Besuche des Passionsspielcs von München nach Oberammergau gekommen war. Der Nuntius hatte
den Pfarrer gebeten, ihm einen Wagen in Oberau und Quartier in Oberammergau zu bestellen. Leider fand der Nuntius, als er nach Oberau kam, den erbetenen Wagen nicht vor, und so mußte er den acht Kilometer weiten Weg über den Ettaler Berg zu Fuß machen, für den bejahrten Herrn gewiß keine kleine Anstrengung. In Oberammergau angekommen, fand er weder den Pfarrer, noch den Bürgermeister, noch sonst Jemanden zum Empfange vor, auch war nicht für ein Quartier gesorgt worden, so daß der kirchliche Würdenträger schließlich in einer Magdkammer übernachten mußte. Eine Erklärung dieser die Würde des Vertreters des Papstes verletzenden Behandlung seitens des Pfarrers dürfte, wie das „Vaterland" meint, in dem Umstände zu suchen sein, daß jener seine Friedensliebe schon mehrfach dokumentirt hat und mit der Regierung im besten Einvernehmen steht, dieser dagegen als „echtkatholischer Patriot" und Ultramontaner strengster Observanz bekannt ist. Uebrigens hat der Nuntius sofort beim Erzbischof in München Beschwerde eingelegt und entsprechende Genugthuung zugesagt erhalten.
Ausland.
Die Nachrichten aus Spanien über die Cholera- Epidemie lauten immer noch widersprechend. Nach den amtlichen Meldungen hat es den Anschein, als ob die Epidemie im Abnehmen begriffen sei, wohingegen andere Berichte besagen, daß die Cholera die Wasserscheide von Moncabrer und Alcoy, südwestlich Nugat, bereits übersprungen habe; verschiedene kleine Orte dort seien verseucht, wodurch Alicante und Cartagena direkt bedroht und die Krankheit an die Heerstraße und an die Eisenbahn nach Äadrid verpflanzt worden sei. In Rugat und Jativa ist seit Donnerstag der Nothstand durch ein Erdbeben vermehrt worden. Das Elend in den betroffenen Distrikten ist namenlos und die Regierung hat deshalb den Kongreß aufgefordert, zu Unterstützungszwecken eine Million Peseten zu bewilligen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 1. Juli. Der Hcumarkt wurde bis jetzt sehr schwach befahren und wurden im Ganzen 35 Wagen »erwogen und verkauft. Der Preis war 1,50 bis höchstens 1,80 Mark, welcher in Anbetracht, daß die Ernte bedeutend weniger als im vorigen Jahre liefert, sehr gering zu nennen ist.
* — Falb stellt Folgendes in Aussicht: Obgleich für die jetzige Periode des ersten Mondviertels vom 25. d. Mts. nochmals etwas regnerisches Wetter in den letzten Tagen dieser Woche eintritt, dürfte sich doch das Ernte- wetter im Juli und August günstiger gestalten, weil alSdann die Neumonde vom 17. Juli und 15. August nur von schwachen Hochfluthen begleitet sein werden."
— Wir wollen nicht verfehlen, die interessirten Kreise darauf aufmerksam zu machen, daß bei den jetzt er« folgenden Kapital-Rückzahlungen bei der Landcs-Kredit- kasse zu Cassel bie 3‘/iio/o sogenannten rosa LandeS- Kreditkassen Obligationen (Serie XIV) in Zahlung gegeben werden können. Dies bedeutet insofern für die Schuldner einen nicht unbedeutenden Vortheil, als die Obligationen zur Zeit unter 100 notiren.
* — SS ist vielfach üblich, daß der zum Einmachen von Pfefferguiken erforderliche Essig in kupfernen Gefäßen gekocht wird. Auf diese Weise geht Kupfer (Grünspan) in die Pfeffergurken über, welche dadurch ein frisches grünes Aussehen erhalten. Da durch den Genuß solcher Gurken die Gesundheit des Genießenden geschädigt werden kann, so haben die Verkäufer von dergleichen Waaren nach dem Reichsgesetz über Verfälschung der Nahrungsmittel und möglicherweise auch wegen Körperverletzung schwere Strafe zu gewärtigen.
* — Keine Extrasachen mehr. Der Bruder des Reichskanzlers v. Caprivi, welcher Oberst und Kommandeur deS Grenadier-Regiments Nr. 7 in Liegnitz ist, hat die Anordnung getroffen, daß, da die Kleider, welche den Soldaten vom Kaiser gegeben werden, schön und zweckmäßig seien, Extrasachen als überflüssig an» zusehen sind, zumal sie die Mannschaften nur zur Eitelkeit und recht schweren Geldausgaben verleiteten. Der Herr Oberst v. Caprivi verfügte daher, daß die vorhandenen Extrakleider aufgetragen, neue aber nicht an» geschafft werden dürfen. Andere NegimentS-Komman« deure werden nachfolgen,