92 Jahren wegen Wildern Die beiden alten Knaben, die immer noch nicht aufgehört hatten, im Wald und auf der Haide ihre Freude zu suchen, kamen auf drei Wochen ins Loch.
* — Unseren Hausfrauen haben wir die wenig angenehme Mittheilung zu machen, daß eine weitere Erhöhung der Seifenpreise bevorsteht. Die vereinigten Fabrikanten, die am 31. Mai in Berlin zu „löblichem Thun" beisammen waren, motiviren die Erhöhung der Seifenpreise mit den gesteigerten Preisen der Rohprodukte.
* — Das Mähen der Wiesen. Vielfach wird das Mähen des Grases erst dann vorgenommen, wenn die meisten Gräser und Kräuter verblüht haben. Um gutes Heu zu bekommen, darf man Gras und Klee nicht schon auf dem Halme zu Stroh werden lassen. Sobald die Pflanzen Samen angesetzt haben, nimmt der Gehalt der Stengel und Blätter an Nährstoffen immer mehr ab. Versuche haben gezeigt, daß zeitig gewonnenes Wiesen- heu beinahe 100 Prozent mehr Protein und 20 Prozent mehr Fett aufwies. Die Vertraulichkeit des früh ge- gemähten Grases ist außerdem eine weit gGßere. Es geht hieraus hervor, daß ein frühzeitiges Mähen der Wiesen nur von großem Vortheil für den Landwirch sein kann. Die richtige Zeit des Grasmähens zur Heubereitung wäre also beim Eintritt der Blüthe, wenigstens vor dem Abblühen, weil zu dieser Zeit die meisten Futterpflanzen die größte Massen-Entwickelung oder Schwere besitzen, wozu noch kommt, daß die rechtzeitig geschnittenen Wiesen und Kleefelder viel stärker wieder austreiben, also um so besser weitere Schnitte liefern.
— Das baierische Reservatrecht für die Posten bringt mancherlei seltsame Erscheinungen zu Tage. Das baierische Ministerium hat nämlich, so wird uns geschrieben, übersetzen, für den internen Verkehr die mit dem 1. Juni im Verkehr mit dem Reichspostgebiete und mit Württemberg in Kraft getretenen Ermäßigungen des Portos für Drucksachen und für Nachnahmesendungen zu publizieren, und so kommt es, daß bis jetzt das Porto für die bezeichneten Kategorien innerhalb Baierns theurer ist als bei Sendungen nach dem Reichspostgebietei
* — Beim Paschen (Auswürfeln auf Volksfesten und Jahrmärkten) sind die an die Mitspielenden ausgegebenen Marken bisher von vielen Seiten als stempel- pflichtig nicht angesehen worden. In einer neuerdings getroffenen Entscheidung des Reichsgerichts heißt e-S jedoch: „Die auf Märkten, Volksfesten u. s. w. statt- findenden Ausspielungen geringfügiger Art, wobei die Spieler weniger aus Interesse am Gewinn, als vielmehr am Spiel selbst sich betheiligen, unterliegen dem Reichsstempel für Lotterien. Die bei solchen Gelegenheiten an die herangetretenen Theilnehmer ausgegebenen Zettel, Karten oder Blechmarken, welche als Ausweis der Spielbetheiligten nur Nummern ohne eine Empfangsbestätigung oder Verpflichtung enthalten, sind im Sinne des Reichsstempelgesetzes stempelpflichlige Loose."
+ Steinau, 9. Juni. Der Hanauer Bezirksverein der evang. Gustav-Adolf-Stiftung wild sein Jahresfest am 25. Juni in Steinau feiern. Herr Pfarrer Jalho von Frankfurt wird die Festpredigt halten. Die Generalversammlung, in welcher die Liebesgaben vertheilt werden, schließt sich unmittelbar an den Morgengoltesdienst an und wird im Rathhaussaale abgehalten werden. Nachmittags wird eine Versammlung im Freien stattfinden, bei der namhafte Geistliche Ansprachen zu halten zugesagt haben.
Caffel, 5. Juni. Ein seit Jahren in London wohnender geborener Casseler hat, wie das „Tagebl." erfährt, in hochherziger Weise der hiesigen Stadt ein Legat von 100,000 Mark vermacht.
Caffel. In der Bewegung für die sog. „Hessische Rechtspartei" ist, wie der „Magdeburger Zeitung" aus Caffel geschrieben wird, namentlich ein Rechtsanwalt Martin sehr thätig, der in Caffel und Marburg Verträge gehalten hat, in denen er die Nationalliberalen beschuldigt hat, die Todtengräber der hessischen Selbstständigkeit gewesen zu sein. Wahrend er in Caffel keinen Widerspruch in öffentlicher Versammlung fand, wurde ihm ein solcher seitens eines Mitgliedes der deutschfreisinnigen Partei und des der nationalliberalen Partei angehöcigen Professors Paasche in energischer Weise zutheil. Im „Hotel Bellevue" zu Guntershausen hat nun dieser Tage eine sogenannte vertrauliche Versammlung der Mitglieder der neuen Partei stait- gefunden, der sich auch Gäste der deutschchannoverschen Partei angeschlossen hatten. Man hat für nächsten Herbst die Gründung eines volksthümlichen Wochenblattes in Aussicht genommen und folgende Resolution beschlossen: „Die am 29. Mai d. Js. in Gantershansen versammelten Mitglieder der hessischen Rechtspartei erklären ihre Übereinstimmung mit den in dem kürzlich veröffentlichten Flugblatt, betitelt die „Hessische Rechtspartei", entwickelten Anschauungen und ersuchen die Em- berufer der heutigen Versammlung, nämlich die Herren O. v. d. Malsburg-Elmarshausen, Kabinelsrath a, D. Schimmelpfennig-Berlin, Rechtsanwalt Martin-Cassel und Redakteur W. Hopf-Melsungen, eine lebhaftere Bethätigung der Bestrebungen der Hessischen Rechtspartei anzubahnen und sich zu diesem Zweck nach B.finden zu kooptieren." Nach der Versammlung fand ein gemeinsames Mahl statt, bei welchem ein Hoch auf das hessische Volk ausgebracht und dem verstorbenen Kurfürsten ein stilles Glas geweiht wurde, Auch der alt-
Lokales und Provinzielles.
8 —. Schlüchtern, 10. Juni. Das Gesetz über die Jnvaliditäts- und Altersversicherung wird, dem Vernehmen nach, wahrscheinlich schon mit dem 1. Januar 1891 in Kraft treten. Wie wichtig es ist, sich schon jetzt mit den Bestimmungen dieses Gesetzes vertraut zu machen, konnte man aus einem Vortrage des Herrn Bürgermeisters Berta-Soden entnehmen, den derselbe am 8. d. Mts in Ahl, gelegentlich einer Sitzung des Land- wirthschaftlichen Vereins Romsthal, gehalten hat. Ohne auf die Einzelheiten der Erklärungen des Herrn B. hier näher einzugehen, sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß diejenigen Arbeitspersonen, welche ihres vorgerückten Alters wegen oder aus einem andern Grunde die Wohlthat des Gesetzes nur dann genießen, wenn sie die Nachweise über ihre im Gesetz vorgesehene Arbeitszeit liefern, ihre Interessen schwer schädigen, wenn sie nicht rechtzeitig vor I nki afttr etu n g des Gesetzes die nöthigen Schritte gethan haben. Herr Berta hat sich bereitwilligst erboten, in der nächsten Sitzung die Sache noch einmal zur Sprache zu bringen. (Damit die für unsere Arbeitspersonen so hochwichtige Angelegenheit rechtzeitig zur Kenntniß der Jntcressirenden gelange, beschloß der Verein, zur nächsten Sitzung eine allgemeine Einladung ergehen und nöthigenfalls auch die vorgeschriebenen Nachweis-Formulare drucken und zur Verbreitung bringen zu lassen.)
* Schlüchtern, 8. Juni. Bei der am 8. d. Mts. anberaumten Schätzerwahl in hiesiger israelitischer Gemeinde für die Jahre 1891/94 wurden fast einstimmig zu Schätzer gewählt die Herren Jsaak Oppenheimer, Mater Neuhof und Aron Oppenheimer.
* — Als Geschworene für die diesjährige zweite Schwurgerichtsperiode sind aus dem Kreise Schlüchtern ausgeloost: Berkel, Konrad, Bauer zu Oberkalbach und Köhler, Hermann, Oeconom zu Schlüchtern.
* — Am 17. Juni findet eine in ganz Europa, Asien, mit Ausnahme des östlichen Theiles, und Afrika bis zum Aequator sichtbare Sonnenfinsternis) statt. Jedoch nur in einem etwa 140 Kilometer breiten Streifen wird der Mond vollständig vor die Sonnenscheibe treten. Diese Sonnenfinsternis) tritt zu einer Zeit ein, wo der Mond nicht weit von seinem Apogäum ist, das ist jene Stelle seiner elliptischen Bahn, wo er von der Erde am entferntesten ist. In Folge dessen erscheint der Durchmesser des Mondes nur unter einem Gesichtswinkel von 29 Minuten und 54 S künden, während der Sonnen- durchmesser 31 Minuten 32 Sekunden, also um eine Minute 38 Sekunden mehr beträgt. Die Mondscheibe kann daher die Sonnenscheibe nicht vollständig bedecken und es bleibt ein schmaler Rand der Sonne sichtbar, der einem Ringe gleicht und dieser Art von Finsternissen den Namen gegeben hat. Der Ring verhindert, daß die hochinteressanten Erscheinungen der Corona und der Protuberanzen, welche die totalen Sonnenfinsternisse so sehenswerth machen, in ihrer vollen Pracht auftreten, ja zumeist wird man sie überhaupt nicht sehen, aber nichtsdestoweniger bleiben die Phänomene in der Natur, wie das Aufsuchen der Nester durch die Vögel, das Verkriechen der Thiere und deren Aengstlichkeit, das Schließen der Blumenkelche und dergl. noch hochinteressant genug, daß sie Naturfreunde veranlassen, sich in jene Gegenden zu begeben, wo die Finsterniß ringförmig ist. Bei uns tritt die erste Berührung des Sonnen- und Mondrandes nach 9 Uhr Vormittags und die letzte Berührung etwa um 12 Uhr Mittags ein.
* — Bei der II. Matrosendivision werden am
2. Januar 1891 Freiwillige aus der Landbevölkerung eingestellt. Dieselben müssen sich zu einer vierjährigen Dienstzeit verpflichten und werden während derselben zu Matrosen ausgebildet. Besondere Schulkenntnisse sind nicht erforderlich. Junge Leute von 17 bis 20 Jahren, welche ihre Einstellung wünschen, haben zunächst einen von dem Civilvorsitzenden der Ersatzcommission ihres Wohnortes ausgestellten Meldeschein auf vierjährige Dienstzeit, sowie einen kurzen LebenSlauf an das Commando der II. Matrosen-Division in Wilhelms- Haven einzusenden. Letzteres veranlaßt daraufhin die ärztliche Untersuchung durch das nächstgelegene Bezirks- commando. Die körperlich brauchbaren Mannschaften werden zum Einstellungs-Termine kostenfrei nach Wil- Helmshaven befördert. Nähere Auskunft ertheilt jeder Bezirks-Feldwebel.
* - Für die Reisezeit. Um der Ueberfüllung der Coupees mit Gepäck vorzubeugen, macht die preußische Staatsbahnverwaltung darauf aufmerksam, daß Sitzplätze nicht mit Gipäck belegt werden dürfen. Der Fahrgast hat für die Unterbringung von Handgepäck nur Anspruch auf den Raum des Netzes oder Brettes, welches sich über seinem Platze befindet. Mehrgepack muß eventuell aufgcgcben werden. Die Unsitte, die Coupceplätzc mit Gepäck vollzupacken, besteht am stärksten leider in Deutschland; manchem Passagier wird dadurch das Leben sauer gemacht.
hessischen Ritterschaft, deren Mitglieder in größerer Zahl vertreten waren, galt ein Hoch. Ebenso hat man den Bauernstand bei den Toasten nicht vergessen.
Aus Oberheffen, 3. Juni, schreibt man dem „Nass. Boten": Der heute in Langgöns abgehaltene Rindviehmarkt war von den jüdischen Viehhändlern in Verruf erklärt worden und hatten sich dieselben gegenseitig verpflichtet, denselben nicht zu befahren. In Folge dessen gestaltete sich der Markt zu einer antisemitischen Kundgebung. welche die kühnsten Erwartungen der Führer übertraf. Aus ganz Oberhessen, den Kreisen Wetzlar, Marburg und Hanau strömten die Bauern herbei, um zu beweisen, daß es auch möglich ist, Viehmärkte ohne Iu>en abzuhalten. Aufgetrieben waren 157 Stück Rindvieh, wovon 131 Stück verkauft wurden. Ohne den bischer auf Viehmärkten gewohnten Spektakel verlief derselbe in großer Ruhe. Es soll zwar nicht so viel Rindvieh, wie früher, am Maikte gewesen sein, doch war die Qualität des aufgetriebenen durchgehends eine weit bessere, da geringwerthiges Vieh, welches die jüdischen Händler sonst zu bringen und an weniger bemittelte Bauern zu verborgen pflegen, diesmal ganz fehlte. Auch war die Abhaltung eines Schweinemarktes versucht worden, was sonst nicht der Fall, und wurden 463 Stück aufgetrieben und verkauft, sowie eine größere Anzahl auf Nachlieferungen bestellt. Ferkel, 10 Wochen alt, kosteten im Paar 60 Mk.; fette Schweine im Ctr. 52 Mk. — Mittags trafen die Reichslagsabgeordneten Dr. Böckel, Werner und Pickenbach ein und wurden von mehr wie 4000 Bauern mit begeistertem Jubel empfangen. Umzüge durch den O.t, Ansprachen der Abgeordneten und sonstigen Führer, Gesang- und Musik- Vortiäge gestalteten den Nachmittag zu einem großartigen, antisemitischen Volksfest. Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, den heutigen Tag hier erlebt hat, muß sich eingestehen, daß die antisemitische Bewegung in Hessen keine künstlich Heivorgcrufene, sondern eine tiefgehende ist. Auch wer keine Neigung verspürt, für die antisemitische Partei der Herrn Böckel und Pickenbach zu schwärmen, wird sich Angesichts der Erbitterung der Bauern doch der Erkenntniß nicht verschließen können, daß eine gewisse Sorte von Händlern es in der Thal hier recht toll getrieben haben muß.
Ausland.
Afrika. Dem Briefe eines jungen Deutschen, der sich zur Zeit im Dienst einer deutschen Firma an der Westküste Afrikas befindet und über das Leben u. s. w. dort den Sinigen berichtet hat, entnehmen wir folgende nicht uninteressante Mittheilungen: Wir sind am Mittwoch, den 16. April d. I., hier: „Kolonie Gabun" angekommen. „Gabun" ist der schönste Platz an der ganzen Westküste; es sind hier etwa 200 Weiße, meistens Franzosen, und die Neger hier haben schon etwas Bildung. Unser hiesiges Geschäft ist der Mittelpunkt für unsere Geschäfte in Süd-Afrika und bis hinauf nach dem Kamerun-Gebiet, auf all diesen Geschäften wird für uns gehandelt; Etfenbckn, Felle, O.l u. s. w. werden eingetauft und auf Lager gelegt. Wir erhalten jeden Monat Nachricht über den Stand der G schäfte und über den Borrarh; so bald dann ein Dampfer kommt, geben wir ihm an, wohin er zu fahren und wie viel er an jedem Platze zu laden hat; auch geben wir ihm die Waare für den Verkauf und Die Lebensmittel für unsere Leute mit. Am Gabunfluß, ungefähr 2 Stunden aufwärts, haben wir eine Kaffee-Pläntage und weiter im Innern einige Tabak-Plantagen. Hier haben wir einen Laden, in welchem man Alles haben kann, wie in einem großen Geschäfte in Deutschland. Die Neger können sich taufen, was sie brauchen und was ihnen gefällt; sie bringen Geld, Hühner, Enten, Gänse, Papageien, Affen, Früchte und alles Mögliche in Zahlung. Natürlich ist Alles viel theurer als in Deutschland. Die Neger haben kein Verständniß von dem Werthe der Waaren, und man kann viel Geld verdienen. ES kostet z. B. ein Schächtelchen schwedischer Streichhölzer 15 Pfg., ein Cylinder 40 Pfg., ein Stückchen Docht 80 Pfg., ein Liter Petroleum 80 Pfg., ein Teller voll Satz — kaum 1 Pfund — 40 Pfg/ Wir bezahlen dagegen für ein Ei zwei Pfennig, für ein Huhn 50 bis 60 Pfg., für eine Ente 70 Pfg., für eine Gans 1 Mk. u. s. w., für einen schönen Affen geben wir 5 bis 8 Mk., für einen guten Papageien eben soviel, das heißt: Wir bezahlen nie mit Geld, sondern immer mit Waaren, Und da wir für Waaren stets den vierfachen Preis bekommen so bezahlen wir eigentlich immer nur den vierten Theil von dem, was die Neger verlangen. Dies sind jedoch meistens Sachen, die wir selbst brauchen oder an die Schiffe verkaufen; denn Eier und Geflügel kann matt von hier nicht nach Europa senden, w.il dies sich nicht rentirt; dagegen wird an Elfenbein und an anderen Artikeln ein großes Geschäft gemacht. Ueber die Sitten und Gewohnheiten der Neger kann ich noch nicht viel sagen, weil ich noch zu wenig Erfahrung habe; soviel aber kann ich behaupten, daß die Leute hier nicht dumm find und daß es ihnen nur an der nöthigen Schule und Ausbildung fehlt; ein Neger lernt leicht und gern, wenn man ihm etwas richtig erklärte und die Neger, welche etwas gelernt haben, sind stolz dqrauf und wissen ihre Kenntnisse auch gut zu verwerthen. Wir haben in unserm Laden einen „N-ger-Kommis," welcher außer der Riesigen