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N 46
Samstag, den 7. Jaul
1890.
Deutsches Reich.
Berlin. Die am Mittwoch g taufte Prinzessin, Tochter des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, erhielt die Namen: Viktoria, M irgaretha, Elisabeth, Marie, Adelheid, IDriD. Air Rufnamen der Prinzessin sind die Namen „$iftoria Mai gar.ihe" ge wählt worden.
M. Berlin. Vom evangelisch-socialen Congccß. A n Abend des 27. Mai versammAte sich eine g:oße Anzahl evang lischer Christen aller Gaue des deutschen Vaterlandes in der Rcichshauptstadt, um in den folgenden Tagen die Frage zu ventiliren: „Wie soll die evangelische Kirche die ihr zu Gebote stehenden Kräfte dienstbar machen, um der socialen Noth, welche in jüngster Zeit in schreckenerregender Weise zu Tage getreten ist, zu steuern? Die einstimmige Antwort ging dahin: „Dadurch, daß l-bendige Eiuzelgemnadcn gegründet, bezw. ausgebaut werden." Es war herzerfreuend für Jeden, dem das Wohl und W.he unserer lieben evangelischen Kirche zu Herzen gcht, daß der Geist der Pfingsten, welcher einst die Jünger ein Herz und eine Seele sein ließ, auch in dieser Versammlung sich kräftig erzeigte, so daß Männer der verschiedensten Richtungen (leider hat unsere Kirche deren viele, wenn nicht zu viele') hier in Friede und Eintracht zusammenwirkte». „Auch Herr Siöck r und Herr Harnack?" fragen da einige unserer Leser, die den Courszettel und ihre politische Nahrung aus Herrn Lob Souremanus „Frankfurter 3 itung,, und Mos:s und Coha's „B-rlincr Tog blatt" beziehen. Die beiden Herren Slöckcr und Harnock, der eine in den genanntiN Btättcln als Lügner, Judenfresser, Mucker und Neociivnär bZtgeschmähl, d.r andere als liberaler, edeldeuk-nder, hoch!) rziger Theologe bestKühmt, sollen nach dem Berliner Tageblatt doch hart aneinander gekommen sei«. Wie verhält sich's damit? Na„ u,» Berliner Tageblatt so: Herr Prof. Haroack Vunrtheilte den AriMmitiSmnS und sagte: „Es wird mir nicht schwer, Philvscmit (Judeufreund) zu feinst' Damit ist natürlich die Eintracht vorveigewesH, beim Stecker behauptet immer, daß es einem ächten Deutschen unmöglich sei, kein Antisemit zu sein. Nur schade, daß sich das Bert. Tagbl. mindestens verhört hat. Der Herr Professor Harnack sagte nämlich: „Es wird mir schwer, Plplojemit zu sein", und, wie dem Schreiber dieses ein Augenzeuge berichtete, konnte sich der Herr Professor nicht genug thun, Stärker seinen Beifall zu bezeugen. Wo hat nur das Berl. Tageblatt in der Geschwindig- keit dieses „Nichtchen" herbekommen? Doch Geschwindigkeit ist keine Lügerei. Aber mit dem Aneinandergerathen der biiden H.rrn ist's nichts, und mit solchen Kunst- stückchen kann man auf die Dauer nichts ausrichten, denn Lügen haben kurze BOnc. — Dies allen Denen zur Nachricht, die man mit obiger Fabel dumm machen will. Viele sonst ganz vernünftige Leute sind nämlich noch immer der naiven Ansicht, daß alles, was gedruckt würde, auch wohl wahr sein müßte, obwohl sie die Redensart recht gut kennen: „Gelogen wie gedruckt!"
— Es gehen bei dem Auswärtig-n Amte in Berlin andaucrud zahlreiche G suche um Verwendung im kolonialen Dienst des Reiches ein. Dieselben können, wie der „Reichsavzeigcr" meldct, bei d.m Mangel an Susannen nicht berücksichtigt werden. Auch Anträgen um Erthcjlung von Auskunft über die Verhältnisse in den Schupg bieten, sowie auf B.ihi fe zur Auswanderung oder auf koste, freie BesSideiui g nach denselben kann keine Folge gegeben werden.
Posen. Der Erzbischof von Posrn-Gnscu, Dinder, Wckcher schon seit längerer Zeit leidend war, ist infolge einer Magen-Blutung am 30. Mai gestorben. Die Beisetzung der Leiche des Erzbischofs fand am 3. d. M>s. in der hiesigen Kathedrale statt. Das Herz wird im Gnesener Dom beigesetzt.
Magdeburg, 1. Juni. Die hiesige Sirafk.mmer verurtheilte bte Fleischermeister Ziesenhenue und Thie- mann aus Stoßfurt zu je sechs Monaten Gefängniß und Ehrverlust auf drei Jahre, weil sie das Fleisch einen von der P^rlsucht befallenen Kuh verkauft haben, obwohl ihnen bekanut war, daß dieselbe in hohem Grade p.rlsüchtig war.
Aus Thüringen. Strukende Kinder. Die „Dr. Zackend." schreibt: „Voreinigen Tagen legten die mit Rüden»,rziehcn beschäftigten Schulkinder in Brach stedt bei Halle plötzlich die Arbeit nieder und waren baun
einig, solche nicht eher aufzunrhmen, als bis ihnen ein Lohn von 1 Mk. pro Tag bewilligt sei. Der Gutö- besitzer mußte, da die Arbeit drängte und andere ebenso billige Arbeitskräfte nicht zu haben waren, die Forde- ruH'n der Kinder, die wohl erst von den Eltern zu di sein Vorg-H-N veranlaßt morde, waren, bewilligen.— Auch in Langenbogen bei Halle hatten die mit Rüben- zichen beschäftigten Schulkinder gestreikt, da sie für den bisher gezahlten Lohn von 20—25 Pf. für die Z it von 1 Uhr Mittags bis 7 Uhr Abends nicht weiter arbeiten wollten. Der betreffende Gutsherr mußte daher, um die Arbeit zu bewältigen, eine Lohnaufbesserung eintreten lassen."
Lübbenau. Die von der „Voss. Z'g." zuerst gebrachte Nachricht von dem Versinken einer drei Morgen großen Erdfläche hat sich als unwahr hcrausgistllt.
Aus Oberschlcsicn, 1. Juni. Vor einig r Zeit wurde über das in Oberschlesien gelegene Rittergut Zaudnitz berichtet, dessen Besitzer ein Schuhmachergeselle ist. Der Rittergutsbesitzer auf dem Schusterschemel kaufte das Gut von seinem Meister, der es für baare 500 Mk. von dem Baron Nathaniel v. Rothschild erstanden hatte. Gebäude befinden sich auf diesem nur wenige Morgen zählenden kleinsten Ritterguts der Welt feine. Dieser Tage ist nun bei dem Besitzer ein Schreiben aus England cingelaufen, in welchem sich der Absender bereit erklärt, das Rittergut zu kaufen, wenn mit Erwerbung desselben der Adel v.rkaüM sei.
Barmen, 31. Mai. Während überall die Lehrer G.Haltserhöhung erstreben, dürfte hier bald das Gegentheil eintreten unD eine B tke der hiesigen Lehrer um Herabsetzung des Gehaltes erfolgen. Durch die vor Kurz m erfolgte Aufbesserung beträgt das Höchstgehalt 24I5 Mk. W.gen dieser 15 Mk. Wehr als 2400 Mk. müssen nun die betreffenden Legrer ein Mehr von 12 Mk. Klassen st: ucr und etwa 3 Mk. Kirchensteuer bezahlen. Außeid.m verlieren sie, als der 1 l. Steuerstufe ungehörig, nach den hiesigen örtlichen Bestimmungen das Anrecht auf halbe Freistellen ihrer Kinder an den höheren Unterrichtsanstalten, so daß den Lehrern durch jene 15 Mk. eine Mehrausgabe von 60 bis 100 Mk. erwacht.
München, 30. Mai. Vom schnadahüpfelfreudigen und streit-, aber auch arbeftskrästigen Pfarrer Wester- mayer, der seiner Zeit den AuSspruch gethan, den Liberaiismus solle der Teuf.l holen, erzählt das hiesige Fremdenblatt folgende hübsche Firmgeschichte: Ats gestern die Firmirung der Domschüler im Fraueudome beginnen sollte, harrten verschiedene Kinder vergeblich ihrer ang kü idigten Firmpalhen. Da trat Stadtpfarrer Dr. Westermeier zu drei neben ihm stehenden Knaben und sagte: „Damit ihr nicht länger vergebens wartet, will ich Euer Firmgöd (Firmpath.) sein, aber ich kann jedem nur ein Gebetbüchl und einen Rosenkranz schenken." Zwei der Knaben drückten sich darauf scheu und unzu- sriedeu beiseite, der dritte, heftig weinende faßte des Herrn Pfarrers Hand und trat in die Firmungsschaar. Nach beendigter Feier gab ihm Dr. W.stermayer das Gebetbüchl, der Knabe wollte da.ckend fortgehen, als ihm W. sagte: „Obenauf liegt a Bildl, schau's mal an." Der Knabe schlug das Buch auf und erblickte freudig bestürzt einen Hundertmarkschein.
Kulmbach, 31. Mai. Eine schreckliche Blutthat ist in dem gestern Mittag 12 Uhr hier angekommenen Postzuge zwischen Mainroth und Maiuleus verübt worden. Zwei schon seit Jahren im Zuchthaufe Plasseu- burg inhaflirte Gefangene hatten einer Gerichtsverhandlung in Darmstadt anwohnen müssen und befanden sich unter Bewachung des Wachtmeisters Suttner und eines anderen Gensdarmen der hiesigen Station auf dem Rücktransporte. Den Sträflingen war nur eine Hand geschlossen und mit der andern hatten sie sich ein Messer und wahrscheinlich auch ein Stück Blech zu verschaffen gewußt. Tam.t fielen sie nun im Eisenbahn- kupee auf die nichts Schlimmes ahnenden Gensdarmen her und brachten denselben, bis diese zu ihren Sesteu- gewchren g langen konnten, eine Anzahl Stiche im Gesichte und am Halse bei. Die Gensdarmen griffen zum Säbel; einer der Sträflinge erhielt einen Säbelhieb auf den Kopf, der ihm denselben spaltete, während der andere Sträfling durch Säbelhiebe auch arg verwundet wurde. Da in dem Kupee eine Nothleine nicht angebracht war, konnten die Gensdarmen keine Hülfe erhalten. Einen
grausigen A.blick hatte man beim Oefsneu des Kupee's auf d.m hiesigen Bahnhof. Vier Menschen, über und über mit Blut bedeckt, befanden sich in demselben. Die beiden Verbrecher wurden noch im Laufe des Nachmittags nach angelegtem Notbverband in das Zuchthaus- lazareth auf der Plassenburg transportirt.
Mannheim, 2. Juni. In dem nahen Orte Groß- eicholsheim wurde der U tterlehrcr von zwei Burschen im Alter von 17 und 19 Jahren, mit welchen er vorher wegen eines Mädchens auf dem Tanzsaale einen Wortwechsel gehabt hatte, im Schulhause mit Prügeln übei fallen und schwer mißhandelt. Als der Lehrer sich nicht mehr anders zu helfen wußte, zog er, nach dem „Fr. Gen.-Anz," sein Messer und stach einen der Burschen todt, während der andere schwer verwundet wurde.
Deidesheim, 31. Mai. Die Bewohner von Lambrecht müssen alljährlich am Pfingstdienstag der Gemeinde Deid sheim alten Herkommen gemäß einen tadellosen Gaisbock fit fern, der dann in Deidesheim öffentlich meistbietend verkauft wird. Auch in diesem Jahre ist der Gebrauch beobachtet worden. Die Geschichte dieser Gaisbocklieferung wird in einem Wormser Blatte folgendermaßen erzählt: Im Curbachthal, h» Stunde nördlich von Lambrecht, hat die Stadt Deidesheim einen Ge- meinbewafb. Den Lambrechter Bürgern steht nun von Alters her das Recht zu, in diesem Walde ihre Kühe und Gaisen zu weiden und dafür müssen sie, wie es von Napoleon I. festgesetzt wurde, alljährlich auf Pfingstdienstag als Tribut einen fehlerfreien Gaisbock nach Deidesheim liefern. In den sechziger Jahren sträubten sich die Einwohner Lambrechts einmal gegen diese Verpflichtung und es kam des Gaisbocks wegen zum Prozesse. De> selb- dauerte 7 Jahre und wurde zu Ungunsten bet Lambrechter entschieden, sodaß diese auf einmal sieben Gaisböcke nach Deidesheim senden mußten, denn während der Prozeßjahre war keiner geliefert worden.
Aus Kohlfurth, 2. Juni, schreibt man: Seit einer Reihe von Jahren gingen Güter, welche auf dem Eisenbahn-Tiansport die Station Kohlfurt berührten, an ihrem Bestimmungsorte beraubt ein, ohne daß es gelungen wäre, des Diebes, welcher mit der größten Vorsicht und Schlauheit zu Werke gehen mußte, habhaft zu werden oder auch nur einen Anhalt dafür zu gewinnen, daß die Beraubungen in Kohlfurt selbst ausgeführt wurden. Besonders in letzter Zeit trieb der Dieb »in UnwZen in schamloser Weise, wobei entdeckt wurde, daß derselbe in die Eisenbahnwagen trotz des Plomben- Berschlusses einstieg und die Plombe demnächst aufs Künstlichste wieder verschloß. Die Güter-Expedition Kohlfurt, deren Organe in erster Linie verdächtig erschienen, hatten darunter viel zu leiden, weshalb sich der dortige Güter-Expedient die Aufgabe stellte, den Dieb unter allen Umständen zu ermitteln. Zu diesem Zwecke ließ sich derselbe zu wiederholten Malen in den Wagen, dessen Inhalt mit Vorliebe von dem Diebe heimgesucht wurde, über Nacht einschließen, jedoch ohne Erfolg. Nach langen rastlosen Bemühungen gelang es demselben endlich in der Nacht vom 28. zum 29. Mai, den Dieb aus frischer That zu ertappen und dingfest zu machen, wobei sich derselbe als ein schon seit langer Z it im Dienste der Eisenbahn stehender Arbeiter aus Rolhwasser entpuppte, welcher einen Vertrauensposten versah. Die sofort bei demselben vorgenommene Haussuchung ergab ein fast unglaubliches Resultat. ' Mit Schmucksachen von bedeutenden Werth, Nippsachen, Kleidungsstücken, Werkzeugen aller Art, Albums, Büchern, Wein und Viklualien, sowie anderen Gegenständen, deren Aufzählung Spalten füllen würde, war das Haus des Diebes buchstäblich vollgepfropft.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 6. Juni.
* — Bei dem gestrigen Gewitter schlug ein kalter Schlag in dm Schornstein des AmtsgerichtsgebäudeS, welcher obeihalv des DacheS beschädigt wurde. Der Swaht fuhr durch denselben herunter, ohne weiteren Schaden zu verursachen.
* — Das Schweinefleisch fängt an billiger zu werden, wie wir auswärtigen Zeitungen entnehmen. In Zeulen- toöa, Thüringen, empfiehlt M.tzgrr Otto im dortigen Tag.blatt frisches Schweinefleisch und Wurst das Pfund zu 35 Pfg., bei 5 Pfd. Abnahme st 30 Pfg. In