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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Mittwoch, den 4. Juni

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1890.

Unser Handwerk und die Großindustrie.

Es hat den Anschein, als wollte das Maschinen­wesen und die mit ungeheurer Geldmacht ausgerüstete Großindustrie den Handwerkerstand vernichten. Jene kleinen Werkstätten mit Meister, Gesellen und Lehrlingen werden immer seltener. Sattler-, Tischler-, Schuh-, Schlosser- und viele andere Arbeiten kommen aus Fabriken heute so billig zum Angebot, daß der Hand­werker schon lange mit letzteren nicht mehr konkurriren kann. Die Klagen des Kleingewerbes über jene Massen­produktion erscheinen jedoch keineswegs immer derart begründet, daß ein vernünftiger Mensch eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen als wünschenswert!; Hin- stellen möchte. Hat es doch gerade die Massenproduktion der Maschinenarbeit ermöglicht, daß eine fast unzählbare Menge von Gegenständen heute in der Hütte des Aermsten das Leben würdiger machen und angenehmer gestalten helfen, Gegenstände, die früher nur in den vornehmen Häusern zu treffen waren. Tapeten, Vor­hänge, Bilder, Uhren und tausenderlei andere Sachen finden wir heute überall verbreitet, und niemand mag mehr darauf verzichten, weitste eben das Dasein schöner und menschlicher machen. Und wer wollte es nicht als einen Segen betrachten, gerade, daß so vieles heute durch die Maschinen hergestellt wird, wozu sonst die weit werthvollere menschliche Arbeitskraft nöthig war? Die Maschine hat somit den Menschen von mancher Sklavenarbeit befreit, und die Entwickelung des Maschinenwesens wird hoffentlich fortschreitend dies immer mehr und mehr thun. Diese Macht sollte also, anstatt beklagt, freudig begrüßt werden. Haben doch auch Millionen Menschen dadurch neuen Unterhalt ge­funden! Das Kleingewerbe mrch sich allerdings nach und nach daran gewöhnen, vielerlei Art kel gar nicht mehr herzustellen. So mißmuthig dies freilich manchen alten Meister stimmen mag, den Muth barf er doch nicht verlieren: denn wer in dieser Thatsache den Unter­gang des Handwerks erblicken wollte, der würde sich sehr täuschen. Wir befinden uns eben nur in einer Nebergangszeit, die ja immer attisch ist. Da heißt es freilich sichten und überlegen, um sich in die neuen Ver­hältnisse hinein zu finden und hinein zu arbeiten. Aber das Handwerk hat seinen goldenen Boden k.ineswegs verloren, und es ist wahrscheinlich lebhaft zu bedauern, wenn so mancher intelligente Sohn eines Meisters, anstatt dazu beizutragen, dem Handwerk wieder zum alten Ansehen zu verhelfen, lieber, nachdem er ein paar Jahre eine höhere Schule bc'ucht hat, einen, wie er glaubt,nobleren" Stand wählt, um dort vielleicht nie etwas Ordentliches zu werden, sondern nur die Zahl der Konkurrenten zu erhöhen.

Im 15. Jahrhundert war Deutschland der Mittel­punkt der Gewerbe, des Handels und aller Bildung, und dies konnte es sein vermöge einer tüchtigen, kunst­reichen, ehrlichen und rechtschaffenen Handwerkerarbeit. Der Handwerker muß sich aber dessen wieder mehr bewußt werden, was ihn siegreich machen kann gegen Maschinenarbeit, nämlich der Handfertigkeit, in der ihm keine Maschine zu folgen vermag. Die Hand, jenes feinfühlige und geschickte Organ des menschlichen Körpers, von so einfacher Mechanik, wird, beherrscht von einem intelligenten Kopf, nach Jahrtausenden noch nicht von Maschinen ersetzt werden können! Wenn eine Hand­arbeit technische Fertigkeit, Geschmack, Schönheitsgefühl und besonders praktische Brauchbarkeit verräth, so wird sie noch stets lieber gekauft werden als manche Maschinen­arbeit, welche in ihrem gleichmäßigen Einerlei nicht überall jedem behagen mag. Zum Beispiel: Die Schuh­fabriken haben gewiß vielerlei Leisten für jedes Alter und Geschlecht, aber so gleich geformt und gewachsen sind ihnen zu lieb die Füße doch nicht, daß ein ge­schickter Schuhmacher nicht mit der nöthigen Fertigkeit seiner Kunst uns einen bequemeren guten Schuh machen könnte, der unserem Fuß besser paßt und ihn weniger drückt. Es geht die Forderung oft zu weit, wenn jeder Fuß dem Fabrikleisten sich anpassen soll; freilich oft genug wird er thörichter Weise dazu gequält! Und Aehnliches gilt von jedem Handwerk. Sorgfältigen Fleiß, der ja, wie Benj. Franklin sagt, die Mutter des Glückes ist, und gründliche Kenntnis seines Geschäftes wird sich freilich der Handwerker mehr als je aneignen müssen, um den Kampf mit dem Großgewerbe aufnehmen M können; davongelaufene leichtfertige Lehrlinge, welche

selbstständig Geschäfte beginnen, werden den guten Ruf ihres Handwerks schwerlich begründen und heben helfen.

Aber noch etwas! Der Handwerker muß bei seinen Ein- und Verkäufen auch Kaufmann fein; er muß kalkulieren, d. h. er muß genau bis auf den Pfennig berechnen, ob er den Preis des eingekauften Rohmaterials zuzüglich der Zinsen bis zu dem näher oder oft ferner liegenden Verkaufstermin seines Arbeitsproduktes wieder löst und noch so und so viel für die Arbeit selbst. Diese Berechnung ist nicht so leicht, als sich viele vor- stcllen; sie bedarf weiser Einsicht und großer Vorsicht. Da werden bei Submissionen gar oft Angebote gemacht, die so niedrig sind, daß der Auftrag den Lieferanten ruiniren muß! Dann kommt der redegewandte Ge­schäftsreisende mit vielen schönen Mustern und der Handwerker läßt sich verleiten, mehr Material zu kaufen, als er vielleicht nach langer Frist wieder verkaufen kann; er bekommt nutzlose Ladenhüter. Hat er vielleicht gar einen Wechsel unterzeichnet, den er eher einlösen muß, als der vierte Theil der Waare verarbeitet und an ihn bezahlt ist, so ist das Unglück fertig. Also 1. höhere Geschicklichkeit, kunstvolle und praktische Produktion; 2. vorsichtiger Einkauf und wohlüberlegte Kalkulation oder Berechnung und womöglich Baarzahlung, denn diese macht das Rohmaterial billiger (Hüte Dich vor dem Wechsel, Handwerker!); 3. Sparsamkeit. Das sind die Zauberformeln, die dem Gewerbe in Zukunft zum Sieg verhelfen werden.

Unser Gewerbeweseu ist, wie oben gesagt, soeben im Übergang und in durchgreifender Umgestaltung begriffen, doch nicht zum erstenmal in der Geschichte. Im Mittel- alter hat sich der Gewerbestand von der Schmach und dem Elend der Sklaverei der Hörigkeit und Leibeigen­schaft zu befreien gesucht, und er hat gesiegt, und- auch jetzt wird er es thun können, jedoch nur, wenn er jene früheren Tüchtigkeiten wieder zu erlangen sucht, die ihn in gewerblicher, geistiger und sittlicher Beziehung heute mehr als je in die Möglichkeit versetzen, ein wahrhaft angesehener Stand zu werden! Diese Arbeit des Hand- werkerthums wird auch stets eine kräftige Wurzel der Bildung eines Volkes bleiben, und, wie an das Schiff des Kaufmanns das Gute sich anknüpft, so auch gewiß an die geschickte Hand des Handwerkers die Förderung alles Schönen, Wahren und Guten; denn auch

Hans Sachs war ein Schuh­macher und Poet dazu!

Deutsches Reich.

Berlin, 3l. Mai. Ueber die fortschreitende Genesung des Kaisers werden noch weiter/folgende Einzelheiten mitgetheilt: Der Kaiser war gestern zum ersten Male seit dem Unfall im Stande, sich von der Chaiselongue zu erheben. Der Kaiser ist bereits im Stande gewesen, stehend, auf einen Stock gestützt, Vorträge entgegenzu- nehmen, und hat heute im offenen Wagen seine erste Ausfahrt gemacht.

Nach einer Meldung des PariserFigaro" hat Fürst Bismarck die Absicht, seine Kandidatur für den Reichstag im dritten Wahlkreise des R gierungsbezirks Potsdam (Neu-Ruppin- Templin) aufzustellen. Der gegenwärtige Inhaber des Mandats, Graf von Saldern- Ahlimb, würde zu Gunsten des Fürsten Bismarck zurücktreten. Die Bestätigung bleibt abzuwarten.

Berlin. In Folge Ausrüstung der Infanterie mit dem Gewehr M/88 werden im nächsten Monat eine größere Anzahl Reservisten zur Ausbildung mit dem ge­nannten Gewehr zu einer zwölftägigen Uebung cinge- zogen. In erster Linie sollen die im Jahre 1889 zur Disposilion beurlaubten Mannschaften eingezogen werden.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht Folgendes: Es ist Klage darüber geführt worden, daß die bei Eisen­bahn-Bauten beschäftigten Unternehmer vielfach die Interessen der ländlichen Grundbesitzer dadurch schädigen, daß sie kontraktbrüchig gewordene ländliche Arbeiter annehmen und trotz an sie ergangener Reklamationen nicht ohne Weiteres zurückgeben, oder gar, daß . sie den ländlichen Grundbesitzern die Arbeiter unter Verleitung zum Kontraktbruch ausmielhen. Ein derartig zu be­gründeten Beschwerden Anlaß gebendes Verfahren der Unternehmer Darf nicht gestaltet werden, weshalb der Minister der öffentlichen Arbeiten die königlichen Eisen­bahn-Direktionen beauftragt hat, geeignete Maßnahmen

zu treffen, damit Vorkommnisse der gedachten Art v.r- mieden werden.

Ein praktisches und originelles Unternehmen auf dem Gebiet des Versicherungswesens soll in aller­nächster Zeit in Berlin ins Leben treten. Es ist dies ein nach englischem Muster eingerichtetes Unterhaltungs- blatt,Die Polize" genannt, welches wöchentlich er­scheint und das Leben des Käufers für den Preis von 30 Pfg. auf 8 Tage mit 10,000 Mk. bei der in Berlin bestehenden Bersicherungs-GesellschaftAllianz" versichert. Jede Nummer enthält einen Untcrhaltungstheil, Die Gratisbeilage der Stettenheimschen Wespen, noch die näheren sehr ausführlichen Versicherungsbestimmungen, aus denen u. A. hervorgeht, daß auch schon bei minder schweren Verletzungen entsprechend reiche Entschädigungen gewährt werden. DiePolize" erscheint im Verlag von Hugo Ruhemann, dem Vertreter der genannten Versicherungsgesellschaft, und wird überall in den Straßen und an öffentlichen Plätzen ausgeboten.

Aus Norddeutschland, besonders aber aus Berlin und dessen nähere Umgebung wird gemeldet, daß in den letzten Nächten dort durch Frost vielfach in Feldern und Gärten großer Schaden angerichtet worden ist. Am meisten sind die Kartoffeln betroffen worden, doch haben auch andere jungePflauzen und Triebe stark gelitten.

München, 31. Mai. Der Cultusminister von Lutz hat aus Gesundheitsrücksichten um seine Entlassung ge­beten und dieselbe auch durch Handschreiben des Prinz­regenten erhalten.

Dresden, 29. Mai. In dem Gasthof eines Dorfes der sächsischen Lausitz hat vor Kurzem ein Ehemann im Kreise seiner Zechgenoffen allen Ernstes seine eigene Frau zum Kaufe ausgeboten und schließlich für daS Höchstgebot von 100 Mk. losgeschlagen. Der Käufer zahlte auch sofort die gebotene Summe und erhielt pünktlich am nächsten Morgen das erstandene Weib zu­geschickt. Ueber Nacht nüchtern geworden suchte er den geschlossenen Kauf sofort rückgängig zu machen, doch hielt der Ehemaunu an dem einmal perfekt gewordenen Ver­träge so fest, daß er zuletzt auf Rückgabe der als Kaufpreis gezahlten 100 Mark sich verklagen ließ.

Aus Hamburg wird mitgetheilt, daß ein Garantie­fonds zur Unterstützung der von ihren Gesellen verge­waltigten kleinen Maurermeister gezeichnet worden ist, der bereits die Höhe einer Million erreicht hat und auf das Doppelte anwachsen soll.

Breslau, 28. Mai. Der achtstündige Normalarbeits­tag in der Dorfschule unter dieser Ueberschrift; meldet man derBresl. Ztg." aus Neurode unterm 27. d. M. folgenden kuriosen Vorfall :Zur Bewilligung eines Gemeindezuschusses von zusammen 20 Mark behufs Umwandlung der beiden Hilfslehrerstellen an der katho­lischen Schule zu Königswalde in s-lbststäadige Lehrer- stellen war eine Gemeindeversammlung anberaumt worden. Die Gemeinde erklärte sich aber einstimmig gegen die Bewilligung des^Zuschusses, indem ausgeführt wurde, daß die Lehrernoch nicht das Minimum der täglichen Arbeitszeit von 8 Stunden arbeiteten" und daß außerdem durch Anschaffung von neuen Schulbüchern den Familienvätern große Lasten auferlegt worden seien."

Aus Thüringen. In Lauchröden bei Eisenach ist der Schuhmachermeister Schmidt beim Holzfahren im Walde verunglückt. Als er Die Deichsel ergriff, um den Wagen zu birigiren, kam letzterer ins Rutschen, warf Schmidt nieder und ging über denselben hinweg. Der kräftige Mann war sofort eine Luche. Imposant muß der neuliche Radlerzug im Coburg gewesen sein. Er maß nach dem Druckfehlerteufel desCob. Tagbl." 1000 Kilometer statt 1000 Meter. Ein recht schweres Unglück hat sich am 3. Pfingsttage Abends bei der in Gräfinau im Gasthofzum weißen Roß" statt- gefundenen Tanzmusik ereignet. Als sich die Paare noch fröhlich im Tanze drehten, fiel der große Kron­leuchter von der Decke, das Petroleum in den Lampen explodirte und richtete unter den Anwesenden schwere Verletzungen an. Im Gedränge wurden zwei Mädchen todt gedrückt, außerdem haben noch 13 Personen theil- weise recht erhebliche Verletzungen, Gehirnerschütterungen und Rippenbrüche, davongetragm. Eine gelungene Bekanntmachung", schreibt derThüringerHausfreund", bekam gestern ein Leser unseres Blattes in dem Orte V. zu hören. Dort verkündete der Gemeindediener durch Ausruf Folgendes:Höherer Anordnung zufolge wird