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Samstag, den 31. Mai
1890.
Deutsches Reich
Berlin, 27. Mai. Ueber einen Unfall des Kaisers am Pfingstsonntag geben wir folgende genaue Einzel, heilen: $)tr Kaiser begab sich am Nachmittage, nach dem Frühstücke, in Gemeinschaft mit dem Erbprinzen von Meiningen und nur vom Kutscher begleitet, auf seinem kleinen Einspänner-Wagen, den er selbst kutschirte, wie dies ja sehr oft geschieht, vom Neuen Palais nach der Matrosenstaiion. Bon der Augustastraße kommend, fand er an der Ecke der Jäger-Allee und Marienstraße ziemlich viel Menschen angcsammclt. Um dem Publikum unszubiegen, fuhr der Kaiser — wahrscheinlich etwas zu schmf — um die Ecke, wobei der Wagen gegen einen Prellstein stieß und ins Schwanken gerielh. Der Kaiser sprang nun vom Wagen und kam dabei zu Fall. Der Kutscher besaß die Geistesgegenwart, noch rasch die Leine zu ergreifen, welche den Händen des Monarchen entfallen war. Er konnte jedoch nicht mehr verhindern, daß das Pferd mit dem Wagen der gcgerübcrli.gendcn Straßenseite zueilte und dort ebenfalls wieder an einen Prellstein stieß, wodurch das Gefühlt umschlug und der Erbprinz darunter zu liegen kam, während bei Kutscher einige Fuß foitgeschleudert wurde. Passant, n hielten das Pferd dann auf. Der Kaiser hat eine Kontusion am rechten Bein baoorgeiragen, die jedoch nur ganz leicht ist; auch der Erbprinz ist nicht schwer verletzt. Schlimmer scheint der Kutscher davongekommen zu sein. — Der Kaiser setzte später im Wagen der Kaiserin, welche dicht hinter dem Kaiser gefahren war und die beiden jüngsten Prinzen bei sich hatte, welche dann aber nach dem Palais zurückgeschickt wurden, die Fahrt nach der Matrosenstation fort, von wo die Dampferfahrt nach der Pfaneninsel angetreten wurde.
Berlin. 90,000 Mark durch ein Persthen ein.« gebüßt. In hiesigen Anwaltskreisen wild ein Ent- schädigungs-Prozeß vielfach besprochen, der gegen einen hiesigen Rechisanwalt angestrengt, jetzt in zweiter Instanz zu Ungunften des Beklagten entschieden worden ist. Bor etwa drei Jahren erhielt der betreffende Anwalt von einem seiner Mandanten bin Auilrag, im Grundbuche des Königlichen Amtsgerichts 1 sich über dir Hypothek-'n-Verhältnisse eines hiesigen Grundstücks zu informiren, und speciell f stzusteUcn, hinter welchen voreingeti eigenen Hypolh km ein von der» Besitzer erbetenes weiteres Darlehen in Höhe von 90,000 Mark zu stehen kommt. Der Rechtsanwalt ließ sich die Grundbuch-Acten vorlegen, machte sich Notizen daraus und ertheilte seinem Mandanten die gewünschte Auskunft. Da diese über die Höhe der voremgetiag nen Hypotheken günstig ausfiel, so erfolgte die Hingabe der 90,000 M. gegen hypothekarische Eintragung. Gleich nach erfolgten Eintragung der Schuld sollte sich aber heraus, daß vor den 90,00t) Mark noch eine größere Hypothek fest eingetragen war, die der R.chlsanivalt übersetzen hatte. Das Grundstück kam demnächst zur Subhastation, und bei der Versteigerung desselben fielen die zuletzt eingetragenen 90,000 Mark gänzlich aus. Der Gläubiger machte nunmehr den Rech sanwalt für diese Summe verantwortlich, und klagle dieselbe, da in Güte Zahlung nicht erfolgte, ein, indem er behauptete Und unter Beweis stellte, daß er die 90,000 Mark Nicht hingegeben hätte, wenn er von der Bor-Eintragung deS vom Rechisanwalt übersehenen Hypolheken-Postcns Kenntniß gehabt hätte. DaS Kammergericht hat denn auch ein grobes Versehen des Rechtsanwalts bei Durchsicht der Grundbuch-Acten für festgestellt erachtet und den Beklagten zur Tragung des Schadens in Höhe der eingetragenen Hypothek kostenpflichtig verurtheilt. — Der verurtheilte Anwalt, der glücklicher Weise zu den „gutfituirten" zählt, wird gegen die verurlhOlende Entscheidung die Revision beim Reichsgericht beantragen.
— Vorbereitungen für das deutsche Buiidesschießeu in Berlin. Zur Bedienung der Gäste auf dem FJI- Platze sind nicht weniger als 2 Obertünerinnen 1. Ranges, 10 Oberkellner 2. Ranges und 552 Kellner engagiert. Für die Küche sind 10 Kassenbeamten, 1 Oberkoch, 42 Köche, 8 Kochfrauen, 100 Abwaschfrauen fingt stellt. Den Keller versehen 20 Kassenbeamte, 4 Buchhalter und 15 Küfer. An Material sind bestellt 6000 Meter Schirting zu Tischdecken, 65000 Papiet- h'rvuttcn, 3000 Kaffeetassen, 56000 einfache Teller, 6000 Suppenteller, 18000 S:rvir-Platten, 8000 CoM- Potschüsseln, 450 Sauciklen, 3000 Kaffeelöff l, 360
Suppenterrinen, 4000 Rotbweingläser, 4000 Weißwein- gläfee, 3600 Cbampagi.ecgläser und 2000 Wass.rgläser.
Potsdam, 27. Mai. Bei einer Vergnügungs'ahrt, welche mehrere Soldaten und Äiädchcn gestern gegen Abend mit einem Segelboote auf dem Seddiner See unternommen hatten, fanden vier Personen durch Umschlägen des Bootes tu den Wellen ihren Tod, die übrigen wurden gerettet.
Die Stra ' r zu Magdeburg verurtheilte 8 Arbeiter, die bei einem Streit in der Föischeschen Zuckerfabrik zu Sudeaburg theils durch Anwendung töiper- licher Gewalt, theils durch Drohungen andere Arbeiter zur Niedertegulig der Arbeit zu bestimmen versuchi Hallen, zu G-sängnißstrafen von vier Monaten bis zu einem Jahre.
Die Enthüllung des auf der Rudelsburg bei Kösen von den deutschen Korpsstudenten dem Andenken Kaiser Wilhelm I. gewidmeten Denkmals hat am Sonntag unter großer B.theiligung jung r und alter Korpsstudenten staMefünüsn, An den Kaiser wurde ein Hudigungstelegramm der FJlth.ilmhmcr abgesandt.
Lübbenau, 22. Mai. Heute Nachmittag 2 Uhr 30 Minuten ist hier unter bonnerähnlichcm Getöse eine Erdfläche, über 3 Morgen groß, mit vier Gebäuden Der« sunkm. Drei Kühe und ein Pferd werden vermißt. Menschen sind nicht zu beklagen.
Hamburg. Der Stand der Hamburger Streiks ist im Großen und Ganzen unverändert. Die Schiffswerften sind thcilweise gesperrt, weil die Arbeiter den verlangten Austritt aus b<m Fachverein verweigern. Für die Eweriührer bihi fk man sich durch von Äus- wälts herangezogene Arbeiter, die streikenden Ewer- fühier bestehen auf ihren bisherigen Forderungen. Der Slrcikkassircr Täucke, der 40,000 Mk. unterschlagen haben soll, ist aus der Hast noch nicht entlasset!. Die Maurer und Zimmeilutr sind entschlossen, auszuharren, ebenso aber auch die Manier- und HnMermeistcr darin, die Forderungen zu verweigern. Es kommt nun darauf an, wer es am längsten aushält. Ferner streiken Maler, Schuhmacher, Schneider und Barbiergehilfen zum Theil.
Apeurade, 22. Mai. Daß eine Kuh eine Schwimm- partie von 5'/s Stunden macht, ist jedenfalls eine Seltenheit, aber wie man den „Fl. N." mittheilt, nicht unmöglich. Vor einigen Tagen wurden nämlich mit dem Dampfschiffe „See adler" 20 Stück Fettvieh, welches auf Alsen aufgi sanft war, nach Apenrade befördert. Da die See recht hoch ging, riß eine Kuh sich los und stürzte ins Wass r. Wegen der großen Fracht und der uniuhigen See war es nicht möglich, das Schiff zu stoppen, aber bei Warnitz gingen 2 Mann per Boot in See, um das verlorene Stück Vieh aufzusuchen. Von Morgens 8 — 1 ’/a Nachmittags ruderten sie umher, bis sie endlich unweit des Strandes bei Warnitz die Kuh erblickten. Nur der Kopf des Thieres war zu sehen, und oft wurde derselbe von den Wellen völlig bedeckt. Mit Hülfe eines Taues wurde die Kuh aus dem nassen Element befreit und anS Land gezogen. Nach dieser lang n Schwimmübung befand sich die Kuh sehr wohl und wurde nach Warnitzbucht gebracht und dort aufge- staUt. Nach Verlauf von einer Stunde kaute die Kuh ihr Futter und war in jeder Beziehung wohlauf. Da die Kuh sehr fett war, ist es wahrscheinlich diesem Umstände zuzuschreiben, daß sie sich ö1/» Stunden über Wasser halten konnte.
Anna i. W., 24. Mai. Der Bürstenmacher Klüting von hier hatte feine Frau und Kinder in rohester Weise mißhandelt, der Frau die Krampfadern durchirrten, einem Jungen einen Arm zerschlagen. Die Strafkammer in Dortmund verhängte gestern über den Unmenschen die höchste zulässige Strafe, 0 Jahre Gefängniß.
Oetzsch (Sachsen), 26. Mai. Auf dem in Gautzscher Flur liegeüd-n Gottesacker der Parochie Gautzsch (umfassend die Oreschaften Gautzsch, Eospuden und Lauer, Oetzsch mit Ra-chwitz) ist in vergangener Nacht von ruchlosen Menschen eine gar arge Verwüstung angelichtet worden. Nachdem das Thor zum Gottesacker ausge- Hobcu wviden ist, hat man fast sämmtliche Denkmäler umgeworfen, wobei dieselben größtenteils zerschlagen worden sind. Sogar in den vergitterten GrabstcUen find die Platten abgeh.bui, thc.ls daneben geworfen, theils ein Stück fortg tragen wo, den. Der ganze Gotlesacker zeigt ein Bits der Zerstörung.
Mainz, 26. Mai. Hier versuchte sich ein Unteroffizier des 88. Regiments zu erschießen. Der in den Mund abgegebene Schuß zerschmetterte einen Theil der Kinnlade und riß die Zunge ab, so daß der Bedauerns- werthe künstlich ernährt werden muß. Unglückliche Liebe soll das Motiv zu der unseligen That abgegeben haben.
In Darmstadt ist, nach dem „N. Hess. Volksbl.", ein aus Schlesien dorthin versetzter Unteroffizier, welcher zum Wachlmeister avavcirte, wegen fortgesetzter Vergehen, insbesondere Unterschlagung von Menagcgeldern, welche für die Verpflegung der Mannschaften bestimmt waren, durch kriegsgerichtliches Ei kenntmß zu einer empfindlichen Freiheitsstrafe, sowie z«r Degradation und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes verurtheilt worden. Das Urtheil unterliegt noch der Bestätigung des Korpskommandos, und die Vorkommnisse werden jedenfalls auch zur Kenntniß des Kaisers gelangen. Der genannte Unteroffizier soll gewissermaßen als „Muster" aus seiner fernen Garnison importirt worden sein, damit er den hessischen Unteroffizieren, von welchen die meisten bereits eine längere ehrenvolle Dienstzeit hinter sich haben, als Vorbild strammer Führung dienen möchte, weshalb er denn auch vielfach nur al« der „Musterwachtmeister" bezeichnet wurde.
Lokales und Provinzielles. * Schlüchtern, 30. Mai.
* — Aus unserm Leserkreise geht uns Nachstehendes zu: „Auf die unter „Lokales und Provinzielles" in der Nr. 43 gebrachten Mittheilung im 3. Satz möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß das Jagdpolizei- Gesetz von 1850 in den vorhinnigen Kurhessischen Landestheilen eine Geltung nicht besitzt und daß für diese Landestheile das Kurhessische-Gcsctz vom 7. Sept. 1865 noch zu Recht besteht." Für Juteressenten bringen wir dies zur Beachtung.
Aus Kurhessklt, 27. Mai. Noch fortwährend laufen von allen Seiten schlimme Nachrichten über Schäden ein, welche Gewitter und Blitzeinschlag auch im Hessen- lande in den jüngsten Tagen verursacht haben. In dem Dorfe Wittelsberg bei Marburg wurde ein jungt» Mädchen, welches während eines Gewitters in der Hausthüre stand, vom Blitze ebenfalls getödtet. Ferner wurde von den zwei Ziegen im Stalle, welcher sich in der Nähe der Hauslhür befindet, eine Ziege vom Blitz erschlagen, während die andere unversehrt blieb, trotzdem sie ganz dicht daneben gestanden hatte. — In Neustadt an der Main-Weserbahn schlug der Blitz in die evangelische Kirche, zündete aber nicht, nur einige Balken wurden zerschmettert. Auch in die Kirche zu Wasenberg schlug ein sog. kalter Schlag. In Edsdorf schlug der Blitz in zwei Gehöfte ohne zu zünden, ebenso in die Hainmühle bei Kirchhain. — In Fulda schlug der Blitz in der Nähe des Bahnhofes in einen mit Metallknopf versehenen Fahnenmast ein, zersplitterte diesen und demolirte das Gartenhäuschen, während die dicht an dem Gartenhäuschen stehenden Bienenstöcke völlig unberührt blieben. — In Helmscheid bei Corbach schlug der Blitz in das hoch über dem Dorfe gelegene Gasthaus von Baumann ein, sodaß das ganze Anwesen sofort in Flammen stand. Die Hausbewohner entgingen mit knapper Noth dem Feuertode. In einer Stunde waren die neuen Gebäude total eingeäschert Zwei Pferde wurden nur betäubt und erholten sich, wieder, indessen ist viel Kleinvieh in den Flammen umgekommen.
Bon der Rhön, 27. Mai. Bei der herannahenden Reisezeit wird sich mancher fragen: Wohin wirst du heuer deine Schritte wenden? Gewiß wird dies bei Vielen von der Beschaffenheit des Geldbeutels abhängen. Nur Wenigen ist es vergönnt, in die Schweiz, nach Tirol, in den Schwarzwald, an den Rhein oder sonst wohin zu leisen; sie müssen sich ein näheres Ziel stecken. Ein solches ist unsere Rhön mit ihren grünen Eichen- und Buchenwäldern und ihren romantischen Bergen, auf denen eine frische, herzstärkende Luft weht, und die sämmilich eine reizende, zum Theil sehr umfangreiche Aussicht gewahren. Da ist die hochromantische Milseburg, der Kreuzberg mit seinem gastlichen Kloster, die große Wasserkuppe, auf der sich eine ausgezeichnete Restauration befindet, der niedliche Wachtkuppel, der Eberszwackel mit seiner Burgruine, das Dammersfel»/