Vielleicht daß auch Euch einmal in einer glücklichen Laune Fortuna die Ärme öffnet, dann versäumet die Gelegenheit nicht, das Glück zu ergreifen, vorausgesetzt, daß Ihr das wahre Glück erkennt, — „denn Armuth ist keine Schande und Reichthum macht nicht immer glücklich!"
* *
Der nun folgende Abschnitt unserer Erzählung bildet sozusagen einen kleinen Roman für sich und wäre am besten mit der Ueberschrift „Ein weiblicher Blaustrumpf" bezeichnet.
Ein weibliches Wesen, wie wir es unter einem Blaustrumpf verstehen, tritt uns in Gestalt der bei ihren Großeltern erzogene Elwira Hellert entgegen.
Zu der Zeit, wo dieser Abschnitt unserer Erzählung sich abspielt, zählte sie bereits 18 Sommer und erblicken wir in ihr ein Weib von derselben anmuthigen Schönheit und demselben Liebreiz, wie einst deren Mutter, welche mit ihrem Gatten außerordentlich glücklich und zufrieden lebte.
Natürlich hatte Elwira Hellert nicht nöthig gehabt, in ihrer Jugend eine so bittere Lebensschule durchzu- kämpfen, wie ihre Mutter. Sie war im Wohlstand auferzogen und hatte von Existenzsorgen nur in sofern Kenntniß, weil sie, von Natur gutherzig, sich die Leiden Anderer zu Herzen gehen ließ und überall half, wo irgend ihre Hilfe benöthigt und angebracht war.
Dagegen hatte sie sich von frühester Jugend eine gewisse Selbstständigkeit in allen ihren Handlungen angeeignet, welche durch nichts, am wenigsten durch die sehr nachgiebige Erziehung ihrer Großeltern eingeschränkt wurde. Zudem zeichnete sie sich durch einen ungeheuren Wissensdrang aus, so daß sie im achtzehnten Lebensjahre bereits die höchste Stufe des weiblichen Bildungsgrades, zu welcher ihr die Mittel hinreichend zu Gebote standen, erklommen hatte.
Vor diesem Wissensdrang wurden sogar alle weiblichen Regungen ihres Herzens in den Hintergrund gedrängt und sie zürnte der Männerwelt, welcher es allein vergönnt war, alle höheren bildungsbenöthigten Stellungen auszufüllen; sie zürnte mit ihrem Vater- lande, daß es den befähigteren Frauen nicht die gleichen Rechte im Staate und in der Gesellschaft einräuwte, wie den Männern und stellte sich in der damals zur Hellen Flamme entbrannten Emanzipations-Frage auf Seite ihrer gleichg-finnten weiblichen Genossinnen, während sie sich von allen unselbstständig denkenden Freundinnen fern hielt und gegen alle diejenigen Männer Front machte, welche ihr das Recht, gleichberechtigt mit ihnen auf treten zu dürfen, bestiitlen,
Dagegen lobte sie das freie Amerika, in welchen sie alle Ideale, in die sie sich hineingelebt, verkörpert wähnte und es zog sie mit Macht dorthin, und wäre vielleicht auch schon längst nach dorthin abgereist, wenn nicht die Großeltern und Eltern ihr energisches Veto gegen dieses Vorhaben eingelegt hätten.
Allein gegen den Starrsinn des jungen Mädchens war nicht gut anzukämpfen und die Gelegenheit, ihren Vorsatz auszuführen, sollte ihr bald durch eine andere Veranlassung werden.
Eines Tages nämlich war in dem amtlichen Berliner Blatt eine Bekanntmachung zu lesen, durch welche die Ehefrau oder die Erben des in Philadelphia verstorbenen Jakob Martens aufgefordert wurden, die Hinterlassen- schaft des Testators im Betrage von etwa Zehntausend Dollars zu erheben, bezw. einen Bevollmächtigten zur Erhebung der Erbschaft einzusetzen.
Wie der geneigte Leser sich aus dem Anfang unserer Erzählung erinnern wird, hatte der alte Martens einem Sohn seines Bruders, resp, seinem Schwiegersöhne den Verfall seines Vermögens zu verdanken und derselbe, welcher damals nach Amerika entflohen, war jetzt gestorben und hatte seine Errungenschaft in der neuen Welt gleichsam als Schadenersatz seinen Erben zurückgelassen.
Elwira Hellert, welche die Bekanntmachung zuerst gelesen, berichtete sofort ihren Eltern von diesem Vorfall nach Frankfurt und in einem darauf abgchaltenen Familienrathc wußte sie sich die Erlaubniß zu erringen, selbst nach dem längst ersehnten Amerika reisen zu
dürfen und die Erbschaft als elterliche Mitgift zu d erheben. t
Der Abschied von den Eiern und Geschwistern — k sie hatte noch einen Bruder rnd eine Schwester, die i natürlich den Namen Sadmam führten — wurde dem S jungen Mäochen, welches, dabei diesen nicht erzogen, l nie wahre Elternliebe kennen gelernt, nicht schwer, und s unter den Segenswünschen d>r Mutter, vornehmlich i aber der Großmutter, welche die Trennung von ihrem s Liebling nicht überwinden zu kennen v rmeinte, befand l sie sich eines Tages auf dem Qean. i
Nach mannigfaltigen, durch heftige Seestürme herbei- ' geführten Abenteuern landete sie glücklich in der Haupt- ( stadt Pensylvaniens, wo sie natürlich die reiche Erbschaft unverkürzt ausbezahlt erhiet, und wenige Wochen später sehen wir sie — höre uid staune — auf der | Pensylvania-Universität immatricüirt und Vorlesungen über Jurisprudenz anhören.
Natürlich wäre das damals auf einer deutschen Hochschule nicht möglich gewesen and sie bedachte wohl kaum, daß der Doktorhut einer solchen Universität in Deutschland überhaupt nicht für vollwichtig anerkannt wird.
Uebrigens hielt sie sich in Pliladelphia nicht lange auf, sondern machte gleich einem „Fahrenden Schüler" ( seligen Gedenkens eine Steife durch das ihr noch fremde 1 Land, um Leben und Leute kennen zu lernen; verweilte längere Zeit in der Hauptstadt des amerikanischen Freistaats Massachusetts, in Boston, dem sogenannten Athen Neu-Englands, wo sie an der amerikanischen Akademie der Künste und Wissenschaften ebenfalls Vorträge hörte und begab sich, um ihre Studien zu vollenden, schließlich nach Newyotk.
(Fortsetzung folgt.)
Markt- und Handelsnachrichten.
Fulda, 19. Mai. Der heutige Schweinemarkt war mit 180 Läufern und 250 Ferkeln betrieben. Der Durchschnittspreis stellte sich bei Läufer auf 50—80 M., bei Ferkel auf 25 40 M. per Stück.
Lasset, 20. Mai. Weizen (ü 100 Kilogr.) 19 M. 60 Pf. bis vO Mk. 35 Pfg. Roggen (ä 100 Kilogr ) 18 Mk. 35 Pfg. bis 18 Mk. 65 Pfg. Hafer (a 10p Siloar.) 17 Mk. 50 Pfg. bis 18 Mk. 40 Pfg.
Hanau, 20. Mai. Der 5. Zucht- und Fettviehmarkt war heute ungemein statt befahren. Es waren zugetrieben: 10 Pferde, 5 Ochsen, 416 Kühe und Rinder, 142 Kälber, 14 5 Lchweine und geriet.
Frankfurt, 19. Mai. Der heutige Viehmarkt war mit 412 Ochsen, 28 Bullen, 45 > Kühen, Rindern und Stieren, 28t Kälbern, 142 Hämmeln, 192 Schweinen befahren. Die Preise stellten sich wie folgt: Ochsen 1. Oual. Mark 64 - 66, 2. Oual. 58 60, Bullen 1. Oual. 5- 51, 2. Oual. 47 48, Kühe Rinder und Stiere 1. Oual. 60 62, 2. Oual. 46 50. Alles per 101 Pfd. Schlachtgewicht. Kälber 1. Oual. 65 — 70 Psg., 2. Oual. 55-60, Hämmel 1. Oual. 62 -64, 2. Oual. 40-45, Schweine 1. Oual. 59—61, 2. Qual. 57—58 Psg. Alles per 1 Pfd. Schlachtgewicht.
Frankfurt, a. M. 19. Mai. Hiesiger Weizen 22,--- 29,25. Russischer 21.50 - 22,50. Surb. 21,40 - 2180 Nordd. 21,40 - 21,80. Hiesiger Roggen l8, -18,25. Russischer 17,25-17,35. Pfälzer 18,--18,25. Hiesige Geiste 20.50
21,75. Pfälzer 22,25- , - . Hafer je nach Qualität 17,75- 18, . Alles per 100 Kilo.
Eingesandt.
„Schildert die Lage, Umgebung, Luft und sonstige Verhältnisse unseres Städtchens , ist in der letzten No. d. Bl. gebeten worden. Der Wahrheit die Ehre! Lage, Umgebung und Luft lassen Nichts, die sonstigen Verhältnisse jedoch noch Manches zu wünschen übrig.
Seit Jahren ist bei dem notorisch gesundheitsschädlichen Wasser der meisten Brunnen der Stadt die Anlage einer Wasserleitung für dringend nothwendig erachtet, bis jetzt aber aus unbekannten Gründen nicht zur Ausführung gebracht. Ein Fremder erkundigt sich zunächst darnach, ob in dem Orte, in welchem er sich zu erholen und zu 5 ästigen längere Zeit aufhalten möchte, gutes, gesundes Truikwasser ist; wenn ihm die zeitige Beschaffenheit der hiesigen Brunnen der Wahrheit entsprechend geschildert wird, wird er sich bedenken, hierher zu kommen, selbst wenn ihm gesagt wird, daß von der chemischen Untersuchungsstation in Marburg das Wasser aus den Quellen der Bernhartswiese in vorzüglichem Maße zur Anlage einer Wasserleitung geeignet befunden ist, in vorzüglicherem Maße noch als das Wasser aus
der Quelle am Hohenzeller Berg, weil eS nur halb so viel mineralische Bcistoffe enthält als dieses, denn was hilft das alles, wenn das schöne Wasser nicht verwerthet und in die Stadt nicht geleitet wird? Zwar soll dem Vernehmen nach noch in diesem Jahre die Wasserleitung hergeftcllt und die g-sundheilsichävlichen Brunnen geschlossen werden, ob es aber geschieht? Wer kann hinter die Koulissen gucken? Soviel aber ist sicher, die Fremden werden nicht herbeigezogen werden können, so lange sie von dem schlechten, gesundheitsschädlichen Wasser in Schlüchtern hören und ihren Wasser- und sonstigen Durst, wie jetzt auch mancher Schlüchterner, lieber in Soden stillen. _______________________________________f
Eingesandt.
Dem noch zu gründenden Verein für Fremdenverkehr erlaube ich mir folgenden Tarif voi zuschlagen. Also:
Reglement
für den klimatischen und Terrain-Kur-Ort X—.
§. 1. In Folge übergroßen Fremdenandranges sind wir genöthigt, die Kurtaxe um das Dreifache zu erhöhen. Für einen Tag des Aufenthalts bei Sonnenschein erheben wir einen Zuschlag von einen Thaler pro Person. Regnet eS nur Vormittags oder nur Nachmittags, so wird lediglich ein Zuschlag von 2 Mark pro Tag und Person erhoben.
§. 2. Für das Einathmen der Luft nach einem erquickenden Gewitter wird Die doppelte Kurtaxe erhoben. Für das Brüllen eines Stieres nebst Kuhglockengeläute (beides künstlich) berechnen wir ä Person 25 Pfg. Vereinzelte Jodler, von Fremden unter. wegS vernommen, werden mit 10 Pfg. auf die Rechnung gesetzt. Schwerhörige bezahlen die Hälfte. Wird ein Fremder auf einem Aussichtspunkte ohne Eintrittskarte betroffen, bezahlt derselbe fünf Mark Strafe.
§. 3. Für Waffersälle, welche im Sommer gewöhnlich einzu- trocknen pflegen, haben wir zur Besichtigung Vergrößerungsgläser bereit gestellt und kostet deren Benutzung bei zehnfacher Vergrößerung 20 Pfg., bei fünfzigfacher Vergrößerung 50 Pfg. für die Person und die Minute.
h. 4. Die neu angelegten Wege Dürfen weder zum Gehen, noch zum Reiten oder Fahren benutzt werdeng jedoch können Karten dazu gelöst werden.
h. 5. DaS Abstürzen von Felsen und Anhöhen ist bei empfindlicher Strafe verboten. Die Angehörigen von Verunglückten haben ein Schmerzensgeld von 10 Mark pro Petton zu bezablen.
§. 6. Da die Ruinen in der Umgegend aus verschiedenen Jahrhunderten bis zurück ins neunte mit großen Kosten erbaut wurden, kann deren Besichtigung nur gegen Eintrittskarten gestattet werden. Kurzsichtige bezahlen die Hälfte.
h. 7. Luft, Licht und Temperatur werden eigens berechnet; Blumen, Deren Geruch übrigens gratis genossen werden kann, ab' zupflücken, ist verboten.
§. 8. Für den Aufenthalt im Freien, auf der Promenade und in der Kolonnade außerhalb der Kurstunden muß besonder- bezahlt werden.
§. 9. Die Brunnen dürfen von den Fremden nur gegen Lösung einer sichtbar zu tragenden Karte 4 3 Mark getrunken werden. Zeigt sich hernach eine Wirkung ä la Kissinger Rakoczp- Brunnen, so ist für die gehabte Erleichterung von Fall zu Fall l Mark extra zu zahlen.
§. 10. Wohnungen, welche direkt über einen Kuhstall belegen sind, stehen um 150 S höher im Preise wie solche, die keine Gelegenheit zu fortwährender Inhalation veS milden, amoaiakhaltigen StalldusleS bieten.
§ 11. Fremde, welche sich massieren lassen wollen, haben dem damit beauftragten Bäckergesellen jedesmal ein Faß Localbier zu spendieren; wollen Düfelben den Genuß der Motion durch Momentdruck auf specielle Körpertheile erhöhen, so erhalten die dazu bestellten Drescher pro Mann t Liter Schnaps und - Pfund Speck als Ho orar. Außerdem sind jedesmal 5 Mark in die Kasse der Kurverwaltung zu erlegen.
fP 12. Fremde, welche sich nur auf der Durchreise befinden und sich weniger als 2 Stunden ausbalten, haben nur ein Drit st ! der Kurtaxe zu zahlen. Der Eintrag in das täglich veröffentlichte Fremden-Register ist gratis. Bei längerem Aufenthalt gilt jeder angefangene Tag für eine volle A'oche und wird als solche berechnet.
$. 13. Kurgäste, welche in Folge der Aufenthalts an unserm ! weltberühmten Luftkurort genesen oder deren Befinden sich wenigstens beffert, übernehmen die vertragsmäßige Verpflichtung, für die , Dauer von 10 Jabren jeder Jahr wiederzukommen. Diese Vec- , pflichtung gebt im Falle des Todes auf die Erben über.
Die löbliche Lust- und Terrain-Kur-OrtS-Kommission.
' Diese vorstehenden 13 Paragraphen werden uns bald 6 auf unsere Kosten bringen, sind daher zur Einführung 1 zu empfehlen. Könne Schippen stiel,
1 FremdenkätirMerchen-Vermiether in spe.
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- Kirchlicher Anzeiger für Schlüchtern
- Sonntag, den 25. Mai, 1890. 1. Pfingsttag.
r Morgengottesdienst: Herr Pfarrer Hartmann.
r Nachmittagsgottesdienst: Herr Kandidat Schoener,
r Montag, den 26. Mai. 2. Pfingsttag, t Morgengottesdienst: Herr Superintendent Heck.
i Nachmittagsgottesdienst: Herr Pfarrer Hartmann.
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