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M 42.
Samstag den 24. Mai
1890.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser gedenkt am 23. ds. Mts. zur Abhaltung der großen Frühjahrsparade in Berlin ein» zutreffen. — Der Besuch Kaiser Wilhelms in Rußland wird neueren Anordnungen gemäß erst Mitte August erwartet. — Wie aus Kiel gemeldet wird, steht es nunmehr fest, daß der Kaiser gegen den 25. Juni seine Nordlandsreise von Kiel aus auf der kaiserlichen Dicht „Hohenzvllern" antreten wird. Das Uebungsgcjchwadcr wird den Kaiser auf dieser Reise begleiten.
— Das Gerücht, welches sich der „New - Dort Herold" telegraphieren läßt: der Kaiser habe der Wahl Forkenbecks zum Oberbürgermeister von Berlin seine Bestätigung versagt, findet wenig Glauben. Dasselbe gilt von den Demissionsgerüchten des Finanzministers von Scholz und von der Abdankung Stephans.
Berlin. Aus der Rede, die der Kaiser am zweiten Tag seines Aufenthaltes in Königsberg bei dem Festmahl der Provinz gehalten hat, mag folgende Stelle, die gewiß bemerkcnswerlh erscheint, hervorgehoben werden: „Wenn es auch zuweilen so scheinen mag, als ob die Sympathie oder das Verständniß für die Interessen der Landwirthschaft nicht da seien, so mögen Sie sicher sein: der König von Preußen steht so hoch über den Parteien und über dem Getriebe des Parlechaders, daß Er, unentwegt auf jeden Einzelnen Seines Landes schauend, auch für das Wohl j d.s Einzelnen und jeder Provinz beflissen ist. Ich weiß sehr wohl, wo es Ihnen gebricht und was für Sie zu thun bleibt, und ich habe auch Meine Wege dem entsprechend vorgezeichnet.
— Ueber den Organisationsplan für das deutsche Heer auf eine längere Reihe von Jahren, von dem der Kriegsminister v. Berdy im Reichstag bei der ersten Berathung der Militär-Vorlage gesprochen und auf den auch der Reichskanzler v. Caprivi hmgewicsen bat, verlautet jetzt, daß es sich dabei um eine vollständige Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht insofern handeln soll, als nach und nach thatsächlich alle dienstfähigen Mannschaften zum Dienst Herangezogcu werden sollen. Das würde natürlich eine Vermehrung der Truppenkörper voraussetzen und eine schließlich- Friedensstärke von ungefähr 540,000 Mann herbeiführen. Die „Vossische Zeitung" hört, daß aller Wahrscheinlichkeit nach noch zwei weitere Anueckorps errichtet werden und außerdem die Herstellung von Rescrvckadrcs für alle Waffengattungen, sowie die Vermchiung der Fußartillerie in Aussicht genommen ist. Die jetzige Militärvorlage wäre also eiu verhältnißmäßig kleines Vorspiel zu dem, was noch kommen soll. — Der Reichskanzler hat nun auch die Einfuhr ungarischer Schweine aus Steiermark in die Schlachthöfe von Ulm und Stuttgart unter den üblichen Vorsichtsmaßregeln gestaltet.
— Ein VerwendungSplan über die zu erhöhende Friedenspräsenzstärke von 18,574 Mann ist der Militär- kommission zugegangen. Darnach sollen die Etatsver- mchrungen im Ganzen sich belaufen auf 513 Offiziere, 32 Aerzte, 57 Zahlmeister, 34 Büchsenmeister und Waffenmacher, 36 Roßärzte, 18,574 Mann und 5345 Pferde. Von der Gefammtvermchrung entfallen insbesondere auf Preußen 386 Offiziere, 14,372 Mann und 4097 Pferde.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." behauptet in einer scheinbar offiziösen Notiz, daß Sisendahnarbeiter, die unoermuthet die Arbeit entstellen, unter Umständen mit schweren Strafen wegen Gefährdung eines Eisenbahntransportes cv. mit bis zu 10 Jahren Zuchthaus bestraft werden können. Es unterliege keinem Zweifel, daß gegebenen Falls tn diesem Sinn: mit allem Nachdruck vorgegangen werden würde.
Hamburg. Wie groß der Aufschwung der Margarine- Fabrikalwn ist, kann man daraus ersehen, daß eine einzige Fabrik, die von A. L. Mohr in Bahrenfeld bei Ottensen, täglich 100,000 Pfund liefert. Bei den steigenden Butterpreisen findet Margarine allgemein mehr Anwendung, namentlich sink die besseren Sorten als Ersatz für Tafelbutter sehr gesucht.
Düsseldorf. Der hiesige „Tägliche Anzeiger" be- richlet: „Allgemeines Aussehen, b.sonders in der hiesigen Geschäftswelt, erregt die plötzlich Abreise des Premier- Lieutenants btim hiesigen Husaren- Regiment Nr. 11, Sr. Hoheit des Prinzen Wilhelm von Sachsen-Weimar, Herzogs zu Sachsen, die auf Antrag und Befehl des Mjllchtn Onkels, des Großherzogs von Sachsen-
W.imar, gestern Vormillag um 9 Uhr erfolgte, nachdem Kuratel und Stelling ä la suite der Armee verfügt worden. Die priizliche Familie soll ein heimathliches Föisterhaus beziehen. Die deklarirte Schulden- Masse, welche zu drei V ei tel aus Spiel-Schulden bestehen soll, belauft sich auf 243,000 P ark, welche in 9 Jahres-Ralen abg- tragen wird.
Meißen, 18. Mai. Eine hiesige Familie läßt ihren! Sohn gegenwärtig in Heidelberg studiren und der wissens- burftige Jüngling sucht natürlich auch dem Heidelberger Faß alle Ehre anzuthun. Der Vater hatte nun schon oft voll Ingrimm den Geldkasten aufschließen müssen. Da kommt kürzlich ein Brief aus Heidelberg, mit der Meldung, der Sohn sei verstorben und mit der Anfrage, ob die Leiche nach X. gesandt oder in Heidelberg beerdigt werden solle; die Beerdigung koste alles in Allem 250 Mark. Der Vater sendet sofort das Geld und trifft die Bestimmung, daß der Todte in Heidelberg zu beerdigen sei. 8 Tage darauf erscheint aber ein ganz verzweiflungsvoller Brief des todten Herrn Studiosus, worin dieser 50 Mark erbittet, um den niederträchtigen Gauner, der ihn als tobt bezeichnet und das Beerdigungsgeld erschwindelt habe, dingfest machen zu können; er lebe noch und sitze nach wie vor eifrig in denHörsälen. Der Vater merkte natürlich jetzt den Studenten-Streich und schrieb seinem ungeratenen Söhne, daß er für ihn wirklich gestorben und begraben sei.
Koburg, 17. Mai. Grausame Mißhandlungen hat in einer hiesigen Blechschmiede-Werkstatt ein Geselle an dem Lehrjungen verübt. So klemmte er z. B- die Nase des Unglücklichen in einem Schraubstock, warf ihm einen Strick um den Hals und hing ihn so lange auf, bis der arme Junge im Gesicht blau wurde, groß ihm dann flüssiges Metall über das Gesicht und schlug ihm dann mit dem Löthkolben. Das Gesicht des Lehi jungen war kaum wieder zu erkennen. Der Geselle, Schulz mit Namen, wurde sofort nach Bekanntwerden der MPhaud- lungen festgenommen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchlern, 2 3 Mai.
* — Das Berl. Tagebl. schreibt: Wie uns aus Kurhessen geschrieben wird, treten jetzt auch die Kreis- behörden energisch gegen den Wucher auf. Nach einem Beschlusse des Kreisausschusses in Schlüchtern soll denjenigen Handelsleuten, von betten eine wucherische, unreelle oder betrügerische Handlungsweise glaubhaft nachgewiesen wird, der Sparkassenkredit entzogen, die Namen solcher Personen sollen eventuell veröffentlicht werden. An alle Orts-, Gerichts- und Polizeibehörden des Kreises ist zugleich das Ersuchen ergangen, alle wucherischen, betrügerischen, unreellen Handlungen zur Kenntniß des Kreisausschusses zu bringen. Diese Anregung wird von dem Verein gegen den Wucher im Regierungsbezirk Kassel für die ganze Provinz nutzbar gemacht werden.
* — Ueber das Geläute der Kuhheerden im Harze und auf dem Thüringerwald, das schon so manchen Reisenden entzückt hat, schreibt das „Ouedl. Kreisbl.": Die Kuhglocken werden aus gutem Eisenblech geschmiedet, mit Messing gelöchet und dann ganz rein gestimmt, Das Unfertigen und Stimmen derselben erfolgt in der Werkstatt des Glockenfabrikanten und erfordert viel Geschick und ein gutes musikalisches Gehör. Als Grundlage zum Stimmen dient meistens ein vorhandener reingestimmter Glockensatz von 4 Glocken (Quartsexakkord es-as-c-es). Zu einem vollständigen Glockensatz oder Glockenspiel gehören 24 bis 50 Glocken. In großen Viehheerden sind mitunter an 250 Glocken vor- I Handen, unter denen natürlich Glocken von gleicher Größe und gleichem Ton Mehrfach vorkommen. Von lZeit zu Zeit, zumeist im Frühjahr, kuiz vor dem Aus- Treiben, müssen die Glocken wegen der entstandenen Beulen Und Risse ausgebessert und nachgestimmt werden. Eine der ältesten Kuhglockenfabriken im Harze, welche jetzt noch den ganzen Harz mit guten Glocken für die Kuhheerden und mit kleinen für die Ziegenheerden versorgtest diejenige der Gebr. Slematenin Suderode a.H.
$K»a, 15. Mai. Eine ergötzliche Heirathsgeschichte passirte vor einigen Tagen in dem benachbarten Dorfe Petersberg. Ein liebendes Pärchen — er 18 und sie 19 Lenze zählend — halte sich entschlossen, den Bund für das Leben einzugeh-u. Der Hochzeitstag wurde festgesetzt, die Kuchen gebacken. Gäste und Musik waren
bestellt und so schien dcun nichts mehr im Wege zu stehen. Ehe die kirchliche Einsegnung vor sich gehen konnte, mußte erst vor dem den Standesbeamten reprä- sentirenden Bürgermeister dem Gesetz genügt werden. Dieser ließ aber die schöne Hoffnung zu Wasser werden. Er las beut erstaunten Paar den Gesetzesparagraphen vor, wonach das Mindestalter zum Heirathen 22 Jahre für den Bräutigam fein muß. So mußte das Paar unverrichteter Sache wieder abziehen. Den schönen Hochzeitsschmaus wollten sie sich aber darum doch nicht entgehen lassen, und so wurde trotzdem gefeiert.
Hersfcld, 19. Mai. Große Heiterkeit erregte ein Landwirth aus dem Geisgrunde, welcher mit seinem Geschirr am Pfingstmarkttage in unserer Stadt war. Massenhaft hatten sich die biederen Geisgründer bei der Börner'schen Wirthschaft eingefunden, um eine billige Fahrgelegenheit für sich und meistens auch für die ein- gekauften Schweinchen abzupassen. Soviel „fauleS" Fleisch zu fahren, war nun absolut nicht nach dem Geschmack unseres Landwirthes und da kam er denn auf den gewiß ebenso nützlichen wie famosen Gedanken, pro milfahrende Person 50 Pfennige zu beanspruchen, die jedoch in den bekannten Sammelkasten für die Wittwen und Waisen gefallener Krieger wandern sollten. Da schienen plötzlich die biederen Schweine- rc. Käufer daS Fahren nicht mehr vertragen zu können, denn nach Kurzem sah ich unseren Landwirth schmunzelnd seinen Wagen besteigen und nur mit wenigen Getreuen den Heimweg antreten. — Probatum est.
Hersfcld. Die am Sonntag stattgefundene offizielle Einweihung des Wippersheimer Aussichtsthurmes gestaltete sich zu einem wirklichen Volksfeste, so groß war die Betheiligung des Publikums. Aus der Festrede des Herrn Bauinspektors Lylander heben wir hervor, daß die Einweihung des Ausstchtsthurines zugleich mit der Begehung des Stiftungsfestes der Rhönclub-Sektion Hersfcld erfolgte, deren Mitgliederzahl aus den kleinsten Anfängen heraus nun bis auf 90 gewachsen sei. Dank dem Wohlwollen des Vorsitzenden des Rhönclubs, Herrn Landkrankenhausdirigenten Dr. Schneider in Fulda, seien die Arbeiten zur Erreichung der gesteckten größeren Ziele, wovon eines der nun vollende Aussichtsthurm auf Wippershain bilde, sehr gefördert worden. Bet Musik und Tanz nahm das Bergfest den schönsten Verlauf.
Kassel. Der „Niederhessische Touristenverein" hat mit großen Opfern einen Aussichtsthurm auf dem 600 Meter hohen „Hohen Gras", dem höchsten Punkte des Habichtswaldes, errichtet. Dieser Berggipfel, welcher die prachtvollste Rundsicht nach allen Richtungen der Wiudiose bietet, war, wie man uns schreibt, ein von Kaiser Wilhelm gern ausgesuchter Aussichtspunkt, als er mit seinem Bruder Prinzen Heinrich das hiesige Gymnasium als junger Prinz besuchte. Man *ann hier bis in die waldeckischen Berge, Sauerland, Teutoburger Wald, Harz, Thüringische Berge, Rhön rc. rc/ sehen, jedoch mußte man verschiedene Punkte des Berges auf» suchen, was jetzt durch den ca. 100 Fuß hohen Thurm unnöthig gemacht wird. Der Kaiser hat zu den großen Kosten des Baues (die sich auf einige 30000 Mk. belaufen) ein namhaftes Geschenk bewilligt, ebenso Prinz Heinrich von Preußen. Gestern wurde der fertiggestellte Thurm feierlich eingeweiht. Das Fest war so großartig, wie Kassel noch keines gesehen hat. 20000 Menschen hatten sich auf dem „hohen Gras" eingcfuuden Und voller Jahrmarkts- und Volksfest-Zauber entfaltete sich — Eine merkwürdige Fahrt machte kürzlich ein junger Mann, welcher früh Morgens ein Schwein in einem von Hunden gezogenen Wagen zum Schlachthaus fahren sollte, beim Besteigen des Wagens aber das Üebergewichl besam und in denselben stürzte, worauf der Deckel zu- schlug Und die Hunde, denen dies das wohlbekannte Zeichen zur Abfahrt war, mit dem Wagen und dem unfreiwillig Gefangenen auf und davon trabten. Erst als sie an einem Eckstein mit dem Wagen hängen geblieben, konnten Nachtwächter hinzuspringen und den Gefangenen befreien.
Die Launen des Ktücks.
Ein Roman aus dem Leben von Paul Böttcher. (Fortsetzung.)
„Ich bitte Euch, ihr lieben Freunde, gönnt dem
Arthur Kallmaun dieses Glück, er hat es verdient