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SchlWernerMtung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

^ 34.

Samstag, den 26. April

1890.

Deutsches Reich.

Zur Beseitigung der Kirchennoth in Berlin sind gegenwärtig von den zuständigen Behörden zwölf neue Berliner Kirchen theils in Angriff, theils in Aussicht genommen. Und doch reichen zwölf neue Kirchen so sagt man in kirchlichen Kreisen nicht weiter, als zur Deckung des Bedürfnisses, das jedes neue Jahr in Berlin dem bisherigen Nothstand hinzufügt. Jährlich ziehen etwa 50 000 Protestanten neu nach Berlin: rechnet man auf je 5000 eine Kirche, so wären jährlich zehn neue Kirchen zu vollenden, wenn der Nothstand wenigstens nicht größer werden sollte. Es könne des­halb so folgert man in jenen Kreisen neben der Freithäligkeit, sowie der kirchlichen SteneMaft und A leihe ein großartiger Staatsbeitrag schließlich doch nicht entbehrt werden.

Bremen, 22. April. Mehr als 800 Jahre waren verflossen, seit Bremen durch Kaiser Heinrich III. seinen letzten, seinen einzigen Kaiserbesuch erhalten hatte. Kein Wunder, daß die alte, mit den reichsten Mitteln aus- gcstattete Hansestadt es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihrem zweiten kaiserlichen Gast einen nach jeder Richtung würdigen und großartigen Empfang zu bereiten. Der Kaiser traf am Montag Morgen um 9 Uhr, vordem Generalfeldmarschall Grafen Moltke begleitet, sowie einem zahlreichen Gefolge, auf dem Centralbahnhof in Bremen ein, wo er von dem Präsidenten des Senats, Bürgermeister Buff, mit einer Ansprache begrüßt wurde. Der Kaiser bestieg alsbald den vor dem Bahnhof bereit- stehenden Wagen und fuhr in Begleitung des Bürger­meisters Buff unter dem Geläute sämmtlicher Glocken und dem unbeschreiblichen Jubel der Bevölkerung durch die festlich geschmückten Straßen nach dem Haus des Senators Dr. Luermann. Um 10 Uhr verließ der Kaiser sein Absteigequartier und trat mit seinem Gefolge eine Rundfahrt durch die Feststraßen an, in welchen die Kriegervereine, die Gewerkschaften und Schulen Spalier gebildet hatten. Ueberall wurde der Kaiser von der dichtgedrängten Menge enthusiastisch begrüßt. Bei der Ankunft im Freihafen begab sich der Kaiser an Bord des LloyddampsersLahn" und machte in Begleitung einer Dampferflotille eine Fahrt durch den Hafen. Nach Beendigung derselben kehrte der Kaiser über die Promenaden nach der Stadt zurück und fuhr nach der Börse, wo ihn der Präsident der Handelst kammer, Dr. H. H. Meier, mit einer Ansprache will­kommen hi-ß. Die Kaufmannschaft brächte ein tausend­stimmiges begeistertes Hoch auf den Kaiser aus, worauf Musik und Gesang folgte. Bon der Börse begab sich der Kaiser zu Fuß nach dem alten Börsenplatz zur Grundsteinlegung des Denkmals für Kaiser Wilhelm I. Die Feierlichkeit wurde durch eine Rede des Präsidenten der Bürgerschaft, Heinrich Claußen, eröffnet, worauf der Kaiser die üblichen drei Hammerschläge that und mit den Worten begleitete:Den Heimgegangenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Erinnerung und den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung." Es folgte eine Ansprache des Bürgermeisters Dr. Pauli, in welcher dieser Namens des Senats das Versprechen gab, den Grundstein in seine Obhut zu nehmen. Die Rede schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, welches von der Menge begeistert ausgenommen und wiederholt wurde. Nun begab sich der Kaiser auf kurze Zeit in den weltberühmten Rathskeller; Konsul Segnitz reichte ihm im alten Krystallpokal den Ebrentruuk, worauf die Keller der 12 Apostel, sowie der Keller der Rose be- sichtigt und verschiedene Sorten geprobt wurden. Kurz nach 2 Uhr fuhr der Kaiser mit dem Senator Luer­mann nach dem Rathhaus, in dessen großem Saal das Festmahl stattfand. Die Tafel zeigte große Blumen­pracht und bog sich förmlich unter der Masse des herr­lichen alten Silbergeräths. Den Glanzpunkt der De­koration bildeten im Rücken des Kaisers 3 Ka serbüsten von Bronze inmitten einer herrlichen Gruppierung von Blattpflanzen Die Festräume waren elektrisch beleuchtet.

Aus Thüringen, 19. April. Eine eigenthümliche Entdeckung machte ein Gerbermeister in Coburg dieser Tage. Derselbe kaufte in einer Auetion im Victoria- ein altes Oelgemälde; beim Reinigen desselben und nach Entfernung der Rückwand fand er ein einge- ^Res Schriftstück folgenden Inhalts:Wer Du auch fast, Glücklicher, der Du diese Zeilen lieft ^handle mit Vorsicht und Treue. In einer schweren Z-it habe ich

in diff-m Zimmer 4000 Thaler in Silber verborgen. Sie befinden sich in diesem Zimmer unter dem Ofen. 2000 Thaler sollst Du an die Armen geben, das andere behalten; möge es Dir Glück und Segen brinaen. Alexander von Rotheneck. Geschrieben im Jahre 1752 zu Coburg." Wo mögen wohl die 4000 Thaler stecken? In Erfurt feierte kürzlich eine Wittwe ihren 95. Geburtstag und hatte dazu ihre gesammte Nachkommen­schaft eingeladen. Die lebende Verwandtschaft belicf sich auf 370 Seelen. Ein Radikal-Mittel, um aus dem Dienst zu kommen, wandte die erst 15 jährige Magd Anna Büttner aus Teichröde bei Rudolstadt an. Sie steckte die Futtervorröthe in der Scheune ihrer Dienst­herrin mit einem Streichholz an und wusch dann in größter Gemüthsruhe das Geschirr in der Küche auf. Das Feuer legte außer dem Reichertschen noch ein anderes großes Bauerngehöft völlig in Asche. Die ins Uutersuchungsgefängniß eingelieferte Brandstifterin wußte keinen anderen Beweggrund anzugeben, als daß sie über ihre Dienstherrin unwillig war, weil diese sie nicht ohne die (versäumte) Kündigung ziehen lassen wollte.

Aus Thüringen. Der älteste dienstthuende Standes­beamte im deutschen Reich ist wohl der im 91. Lebens­jahr stehende frühere Bürgermeister Braun in Molsch- leben. Derselbe hat noch Grundstücke, die seinem Vater 1760 schon eigentümlich gehört haben, mithin in 121 Jahren nur einmal vererbt worden sind; in einer Nebenlinie kann er 8 Generationen bis jetzt nachweisen, die er persönlich gekannt hat. Seinen Stammbaum kennt er abwärts bis zum Jahre 1613. Das Haus, in dem Braun wohnt, besitzt er mit seinem Vater 104 Jahre.

lllm, 16. April. Letzte Woche wurde der zum Aus­bau des Münsterthurms nöthige letzte Theil des Ge- rüstes mit 17 Meter auSgebaut. Das ganze Gerüst hat nunmehr die Höhe von 162 Meter erreicht. In acht Tagen wild die große, aus vier Oberkirchener (Baden) Sandsteinen von je 86 Zentner Gewicht ge­arbeitete Kreuzblume versetzt werden. Im südlichen Seitenschiff des Münsters ist nun die Spitze zur Probe aufgestellt; der Eindruck der 12 Meter hohen Arbeit ist ein großartiger. Den Schluß der Pyramide macht ein Knauf; in dem Börblingerschen Entwurf zierte eine Marienstatue die Spitze. Der Vorschlag, eine Christus­statue als Schlußstein anzubringen, ging nicht durch. Das Münsterfest ist auf den 30. Juni und die folgenden Tage festgesetzt. Dem Fest wird der Kaiser nicht bei- wohnen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 25. April.

Das Comil^ zum Bau der Kapelle auf dem Friedhof labet die Mitglieder der evangelischen Kirchen­gemeinde Schlüchtern hierdurch auf Sonntag den 4. Mai d. I., Abends 8 Uhr, in die Bierhalle dahier, zur Berathung über den Bau einer Kapelle auf dem hiesigen Todt nhof freundlichst ein. Zahlreiche Be- thciligung ist sehr wünschenswerth.

* Der Königliche Rentmeister, RechnungSrath Kaiser zu Schlüchtern ist auf seinen Antrag vom 1. Mai ab pensionirt. Herr Rentmeister Schnegels- berg von Ziegenhain ist nach Schlüchtern versetzt worden.

* Sitzung der Hanauer Strafkammer vom 21. April. Am Montag beschäftigte die Strafkammer des Kgl. Landgerichts in Hanau eine Strafsache, deren Schauplatz unser Schlüchtern war, und welche hier und in der Umgegend viel Staub aufwirbelte. Im vorigen Herbst merkten nämlich die Eheleute Dehnhardt, welche in hiesiger Stadt eine Bäckerei und Wirthschaft betreiben, daß ihnen aus ihrer Kasse Geld wegkomme. In Er­mangelung einer Buchführung war es denselben jedoch nicht möglich, genau die Höhe der ihnen fehlenden Be­träge feststellen zu können. Als Aufbewahrungsort der Kasse wurde von Dehnhardt die obere Schublade einer Commode benutzt, welche in einer Kammer neben ihrem Schlafzimmer im oberen Stockwerk deS Hauses stand. Im November vorigen Jahres, behauptet nun die Ehe­frau Dehnhardt, habe sie bestimmt gemerkt, daß ihr in ler Kasse 10 Mark fehlten und hätte sich ihr Verdacht zuerst auf das Dienstmädchen gelenkt, allein die vorge- Nommenen Nachsuchungen in den Sachen des Mädchens und deren Unschuldbetheuerungen Hütten sie überzeugt,

daß der Verdacht unbegründet und das München un» schuldig sei. Am 22. November habe sie dann die Kasse am Morgen genau gezählt und wären 140 Mark in Gold, drei 20-Markstücke und acht 10 Markstücke, vor­handen gewesen. An demselben Tage sei der Weißbinder Iahn bestellt worden den Ofen in der Wirthsstube und den Ofen in dem Schlafzimmer oben zu reinigen und zu putzen. Iahn, welcher gegen 9 Uhr kam, putzte erst den Ofen unten, dann den Ofen oben und hatte die Ehefrau Denhardt, welche inzwischen dem Iahn nicht mehr recht traute, das Dienstmädchen beauftragt, sich während Jahn's Anwesenheit in dem Schlafzimmer auf- zuhalten und zu beschäftigen. Bevor Iahn mit dem Reinigen des Ofens begann, sagte er zu dem Dienst­mädchen, ihre Herrin habe ihm gesagt, sie solle gleich einmal hinunter kommen und auch das Kind mitbringen, weil es oben so zöge. Das Dienstmädchen entfernte sich hierauf, kehrte aber sofort wieder in das Schlaf­zimmer zurück, weil Jahns Angaben sich als unwahr erwiesen. Nunmehr schickte Iahn das Mädchen zum zweiten Male fort und zwar mit dem Auftrag, ihm in seiner Wohnung eine Kelle zu holen und ist Iahn be­schuldigt während der dadurch herbeigeführten etwa 10 Minuten dauernden Abwesenheit des Dienstmädchens mittelst Nachschlüßels aus der Commode in der an- grenzenden Kammer ein 20-Markstück gestohlen zu haben und wird angenommen, daß Iahn das Mädchen lediglich zu dem Zwecke fortgeschickt hat, um ungehindert den Diebstahl ausführen zu können, denn nach dessen Aussage ist derselbe bereits mit dem Reinigen des Ofens fertig gewesen, als sie mit der Kelle ankam und hat von der Kelle gar keinen Gebrauch mehr gemacht.; Iahn befreitet zwar diese Angabe deS Mädchens und behauptete erst, er habe mit der Stelle den geftvrenen- Lehm bearbeitet, als dies widerlegt und ihm nachge wiesen wurde, daß er ja den Ofen bereits mit den Fingern fix und fertig verschmiert gehabt hätte, will er schließlich die Stelle noch zum Ausputzer, d-S Rohres be­nutzt haben. Gegen 11 Uhr kam die Ehefrau Dehn- Hardt wieder an die Kasse und bemerkte sogleich, daß wieder ein 20-Markstück von den 140 Mark fehlte. Nunmehr lenkte sich ihr Verdacht bestimmt auf den im Hause sehr lokalkundigen Iahn und beschlossen die Dehnhardts denselben zu beobachten. Schon am anderen Tag kam Iahn wieder in das Haus, um in der Kammer, wo die Commode stand, den Fußboden auS- zumessen und um den Ofen im Schlafzimmer noch zu schwärzen. In dieser Zeit war die Ehefrau Dehnhardt gerade im Begriff ihre Toilette zu machen und mit den Worten:Ach da oben raucht ja auch der Ofen noch, da muß ich mir denn doch noch ein bischen Lehm holen," entfernte sich Iahn wieder. Diesen Moment benutzte die Frau nun, um schnell ihren Mann aus dem Backhaus zu holen, welcher denn auch auf den Zuruf: Komm einmal herauf, dem stecken noch die Goldstücke von gestern im Kopf" in das Schlafzimmer eilte und zur Beobachtung der Dinge, die da kommen sollten, sich unter eine Bettlade versteckte, während seine Frau, um Iahn ungehindert passiren zu lassen, sich wieder nach unten begab. Kaum war Dehnhardt in seinem Versteck, so trat auch schon Iahn wieder in das Schlafzimmer, ging ein paar mal auf und ab, dabei rufendBettchen oder Gretchen" (ob ersteres Wort oder letzteres konnte nicht genau festgesetzt werden), lauerte sodann nach der Treppe zu, offenbar um sich zu überzeugen, ob er allein sei und ging dann in die Kammer auf die Commode los. Hier will nun Dehnhardt eine Armbewegung des Angeklagten in der Richtung nach dem Schlüsselloch der Kassenschublade gesehen und ein Geräusch, als w nu Jemand einen Schlüssel in ein Schlüsselloch steckt, ge­hört haben. In diesem Augenblick sprang

Dehnhardt unter dem Bette vor und mit den Worten: Jetzt hast Du die Wette verloren", faßte er Iahn am Kragen und versuchte ihm den Schlüssel, welchen der­selbe, wie der Z uge behauptet, in der rechten Hand hielt, zu entreißen, was ihm jedoch erst gelang, als auf der Treppe die Ehefrau Dehnhardt und ein weiterer Zeuge hinzukam. Als die 3 Personen den Angeklagten festhielten und visitirten, wurden demselben 2 Schlüssel abgenommen, welche angeblich damals nicht in das Commodenschloß paßten, von denen aber einer in der Verhandlung das vorgelegte Schloß ganz schön auf- und zuschließt. Während die Zeugen behaupten, Iahn habe