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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 28. Samstag, den 5. April 1890.
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H^" „Schlüchterner Zeitung" *^
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Deutsches Reich.
Berlin. Die Berliner Arbeiterschutzkonferenz wurde am Sonnabend Nachmittags um 2 Uhr geschlossen. Minister v. Berlepsch hielt in französischer Sprache die Abschiedsrede. Zwar sind nicht, führte der Minister aus, internationale Vereinbarungen getroffen worden; es handelt sich vielmehr lediglich um Gutachten und Wünsche. Wir glauben aber die Grundlage für einen gedeihlichen Arbeiterschutz gefunden zu haben. Wir sind sicher, daß es einheitliche internationale Gesichtspunkte der Lösung gibt. Für den Arbeiterschutz gibt es nur eine Grenze, die Existenzsicheiheit der Industrie. Wir können mit Befriedigung auf unsere Arbeit zurück- blicken. Der Saifer läßt Ihnen seinen Dank sagen. — In einer Erwiderung dankte der englische Vertreter John Gerat dem Kaiser für seine Initiative und sprach die Hoffnung aus, daß diese Konferenz nicht die letzte sein würde. — Die Beschlüsse der Konferenz sind alle in die Form gekleidet: es ist wünschenswerlh. Die Bergarbeit unter Tage wird für Kinder bis zum Ablauf des 14. Jahres, für das weibliche Geschlecht überlappt untersagt. Die Einschränkung der Arbeitsdauer bleibt jedem Lande nach den Grundzügen jedes Volkes überlassen. Für den Betrieb werde eine staatliche Aufsicht, möglichst unmittelbare Beziehungen zwischen Bergarbeitern und Betriebsingcnicurcn und organisiere Bor- dcugungs- und Hilfseinrichtungen gewünscht. Die Sonntagsarbeit wird im Allgemeinen untersagt; Ausnahmen werden mit Rücksicht auf die Kontinuität der Produktion und auf Betriebe, die an bestimmte Jahreszeiten gebunden sind, zugelassen. Hier soll eine feste Regelung durch Uebereinkommen zwischen den verschiedenen Regierungen hergestellt werden. Die Kinderarbeit ist ganz ausgeschlossen. Die Altersgrenze wird auf zwölf, in südlichen Ländern auf zehn Jahre fest, gesetzt. Die jugendlichen Arbeiter sollen weder des Nachts noch am Sonntag und nicht über 10 Stunden arbeiten. Dieselben Bestimmungen gelten auch für die Mädchen und Frauen, nur daß die Arbeitszeit die Maximalgrenze von 11 Stunden hat. — Die Durchführung der Beschlüsse soll durch eine ausreichende Zahl besonders geeigneter von den Regierungen zu ernennenden Funktionären überwacht weroen. Die Berathungen der thcilnchmcnden Staaten zum Zweck der gegenseitigen Mittheilung der Beobachtungen werden, wenigstens ist es „wünschcnswerth", sich wiederholen. — Aus dem Trinkspruch des Herrn v. Berlepsch beim Abschiedsmahl der Konserenzmitglieder verdient einiges hervorgehoben zu werden. Die Lösung der Frage sei nur denkbar, wenn Herz und Kopf, Gemüth und Verstand als gleichberechtigte Faktoren angerufen werden. Die Grenzen der Länder seien keine unüberwindliche Hindernisse. Kein Mißton habe die Eintracht zwischen den Vertretern der verschiedenen Nationen getrübt. Die Konferenz habe den Beweis geführt, daß es große und wichtige Gebiete gibt, Gebiete, die sowohl materielle wie sittliche und religiöse Interessen umfassen, auf denen die Nationen Europas sich ohne Vorurtheil und Mißtrauen brüderlich die Hand reichen können zur Anbahnung, Fortsetzung und Vollendung eines großen und guten
— FriedrichSruh, 1. April. Wie die „Hamburger Nachrichten" melden, brachten anläßlich des heutigen Geburtstages des Fürsten Bismarck die Kapellen des 2. Hanseaten Infanterie-Regiments No. 76 (Altona), des Hannooerschen Husaren-Regiments No. 15 (Wands- becf), des Lauenburgifchen Jäger-Batallions No. 9 (Ratze- burg) vor dem Laudhause abwechselnd Morgenständchen. Zahlreiches Publikum hatte sich ebendaselbst versammelt und brächte dem Fürsten, der wiederholt auf dem Balkon erschien, begeisterte Ovationen dar. Aus allen Tbeileu der Welt liefen Glückwunschtelegramme ein und hatten sich bis Abends 5 Uhr über 2000 Personen in ben auf» lügenden Listen eingeschrieben. Der Flügel-Adjutant Dr, Majestät des Kaisers, General-Major Graf
v. Wedell, überbrachte ein Allerhöchstes Glückwunschschreiben nebst dem lebensgroßen Bildniß Se. Majestät. Mittags erschien Fürst Bismarck, umgeben von seiner ganzen Familie, sowie den anwesenden Gästen, unter welchen unter Anderen auch der General der Infanterie v. Lesczinski und dee preußische Gesandte v. Kusserow bemerkt wurden, auf der Wiese nächst dem Landhause und wurde stürmischst begrüßt. Der Fürst brächte ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus, welches donnernden Widerhall fand. Später unternahm der Fürst mit dem Flügel-Adjutanten Grafen v. Wedell eine Spazierfahrt durch den Sachsenwald, worauf größere Mittagstafel im Landhause erfolgte.
— Aus Sachsen. Ein Streik des landwirthschakt- lischen Gesindes ist in der Gegend von Lommatzsch im Königreich Sachsen ausgebrochen. Man weigert sich, zu den bisherigen Lohnsätzen fort zu arbeiten.
— Aus dem Hirschberger Thale. Wie der Streik gemacht wird, darüber berichtet das „Hirschberger Tageblatt" Folgendes: Am vorigen Sonnabend ersuchten bei der Lohnauszahlung drei Arbeiter einer Holzschleiferei in unserem Thale den Chef um einen Vorschuß von je 15 Mark. Das Ersuchen wurde bewilligt, da es sich um drei treue und tüchtige, bereits seit langen Jahren in dem Etablissement beschäftigte Leute handelte. An die Bewilligung des Gesuches knüpfte sich die gelegentliche Frage, wozu das Geld dienen solle. „Ja, wir wollen halt streiten!" sagte der Wortführer des Triumvirats. Ueberrascht blickte der Fabrikherr auf. Er glaubte nicht recht verstanden zu haben und fragte: „Was wollt Ihr?" „Nu, streifen woll-n wir!" war die Antwort. „Gestern war hier ’n Bekannter aus Cunnersdyrf auf'm Platz, der damals so schön geredt hat in der Versammlung, und sagte, am 1. April geht der Streik los und wir müssen mitmachen, weil wir sonst schlechte Kerls sind, und wir müssen Geld schaffen, damit wir die Geschichte aushalten können." — „So wollt Ihr also zum 1. April die Arbeit niebertegen ?" war die weitere Frage. ,,S' wird wohl nit anders geh'n?" — „Und dazu soll ich Euch noch Vorschuß geben?" — „Nu, wenn's so gut sein wollen!" war die naive Antwort. „Ja, verdient Ihr denn nicht genug bei mir?" — „O ja, verdienen thäten wir schon genug!" — „Habt Ihr Euch denn über die Behandlung hier zu beklagen?" — ,,O nein, die Behandlung ist ja gut!" —„Aber um des Himmels Willen, warum wollt Ihr denn sinken?" — „Nu, weil's so sein muß, der Cunnersdorfer sagt's ja!" war die intelligente Antwort. Daß die Drei den Vorschuß nicht erhielten und ihnen, und zwar mit Erfolg, der Staar gestochen wurde, brauchen wir wohl kaum zu erwähnen. Man sieht aber an diesem buchstäblich wahren Vorgang, wie's gemacht wird!
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 3. April. Versetzt wurde Lehrer Geschwinder zu Uttrichshausen nach Oberkalbach,L-Hrer Knöll zu Elm nach Großenmoor, Kr. Hünfeld, und Lehrergehülfe Schöppner aus Orb nach Kerbersdorf. — Lehrer Brand zu Wallroth trat mit dem 1. April in den Ruhestand. — Lehrer Jffland zu Kerbersdorf wurde auf sein Nachsuchen auS dem Schuldienste entlassen.
* — (Jagdkalender.) Im Monat April dürfen nur Auer-, Birk- und Fasanenhähne, sowie Trappen, Schnepfen, wilde Schwäne tc. (conf. § 1 Nr. 10 des Ges.) geschossen werden; alles übrige Wild hat Schonzeit.
Kassel, 31. März. Ein solch' kr-egerisches Bild hat in Friedenszeiten unsere Stadt wohl noch nie geboten als am heutigen Tage. Von Frühmorgens bis spät in die Nacht hinein glich der Central-Personen-Bahnhof ' einem Truppenlager; in der Stadt selbst eilten Offiziere ' und Adjutanten, Ordonnanzen und Mannschaften mit fliegender Hast durch die Straßen, gingen und kamen ' Truppen. Gleich nach 8 Uhr Morgens traf mittelst i
Extrazuges das Hannoversche Jägerbataillon Nr. 10 aus Goslar am Harz hier ein; der Aufenthalt war jedoch nur kurz und wurde die Reise nach dem Elsaß alsbald fortgesetzt. Um 9 Uhr zog, um nach Metz abzu- reisen, mit klingendem Spiel die 7. Batterie des Hess. Artillerie-Regts. Nr. 11 durch die Straßen nach dem Bahnhöfe; außer der Generalität und dem Offizierkorps gab ein vieltausendköpfiges Publikum den nach langjährigem Aufenthalte scheidenden Truppen das Geleite, um ihnen noch einen letzten Abschiedsgruß zuzuwinken. Dieses Schaulpiel wiederholte sich nun noch mehrere Male im Laufe des Tages. Um 2 Uhr rückte die 8. Batterie des Hess. Artillerie-Regts. Nr. 11 an, um 4 Uhr nochmals Mannschaften desselben Regiments und zuletzt gegen 5 Uhr das 4. Bataillon des Jnfanterie- RegimentS Nr. 83, jetzt 143. Infanterie-Regiment. Diesem Bataillon unter Führung des Majors Melms, welches, 700 Mann stark, sich nach Kehl a. Rhein in Garnison begibt, ritt die gefammte Generalität und das Offizierkorps voran; eine ungeheure Menschenmenge wogte nebenher; in den Straßen waren alle Fenster dicht besetzt. Eine AbschiedSrede an das scheidende Bataillon hatte vorher in der Kaserne der Brigadekommandeur, General von Seyfried gehalten. Das Bataillon wurde insgesammt in einem einzigen Extrazug untergebracht, nahezu 100 Achsen, ein Zug von außergewöhnlicher Länge, den 3 Güterzug - Lokomotiven befördern. Beim Einsteigen mußte er getheilt werden, denn er war doppelt so lang als der Perron. Um 6V2 Uhr erfolgte die Abfahrt, die Ankunft wird morgen Nachmittag 2 Uhr in Kehl erfolgen. Zur Beförderung der oben erwähnten Bataillon-Abtheilungen waren drei Extrazüge nothwendig, welche sich um 11, 3 und 5 Uhr in Bewegung setzten. Morgen rückt das Füsilier-Bataillon vom 32. Regiment aus Hersfeld hier ein.
Frankfurt a. M. Ein Husaren - Unteroffizier in Bockenheun, welcher einen seiner Untergebenen in uner- Hörter Weise gemartert hatte, ist, nachdem das Urtheil, welches ihm lange Festungsstrafe und Degradation zudiktiert, nunmehr die lästerliche Bestätigung erhalten, am Mittwoch früh unter militärischer Bedeckung von Frankfurt a. M. nach Köln ins Festungsgefängniß transportirt. Die schnelle und strenge Bestrafung hat unter der Bevölkerung einen sehr guten Eindruck gemacht.
Ausland.
Amsterdam. Wie deutsche Tapferkeit auch in fremden Armeen geehrt wird, konnte man kürzlich bei Ankunft pensionirter Soldaten aus Indien sehen. Der Sergeant Lösl — ein Bayer — und der Soldat Schienhorn aus Magdeburg waren zu Rittern jdes Militär-Wilhelmsordens ernannt worden, und Letzterer unter Umständen, die ihn zum Nationalhelden gestempelt haben. Alle großen und kleinen Blätter feiern ihn tn schwung. vollen Artikeln, was um so mehr bemerkenswerth ist, da Kolonialsoldaten ungerechter Weise stets als Abschaum der menschlichen Gesellschaft betrachtet werden. Schienhorn war im Gefecht bei Edis Allen voran in einen atchinesischen Laufgraben gesprungen und hatte sechs Atchinesen mit Selben und Bajonett niedergemacht. Er erhielt sechs Kugelwunden im rechten Oberarm, 4 Sie» wanghieve über den rechten Unterarm, und die linke Hand war zwischen Daumen und Zeigefinger gespalten. Glücklicher Weise kamen ihm sein Lieutenant und ein Kamerad zur Hülfe. Die Atchinesen ergriffen die Flucht und ließen 18 Todte am Platze. Schienhorn wurde pensionier und erhielt den Militär-Wilhelmsorden, der ihm jährlich 200 Mk. Ehrensold erbringt, außerdem vom Staat 700 Mk. Pension. Die' ganze Generalität und einige Delachcmems Infanterie und Kavallerie mit der Regimentsmusik holten unsere tapferen Landsleute ab und Amsterdam schwärmt im Augenblick für dir tapferen Deutschen.