Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
■ —_.—i»aM—W I„h um iwnmiTi"[|,ir II E»«^^««^.««^^^i».»»^^^.««»-^!-»-»-.-^^-^°->"..^^--^.'^----.^'---^^'-^ n-^^-^------ ^- ^------ »----^>----'-^"-'-^^''°^^'-^^-"-- ^^--'-----^ ni'nWtiMI^'iai'BmiiHuininHitm^^in—MwiHBat—mwn«^ffin^—^——RnflWWWFMWH!BBt—1——M
M 27. Mittwoch, den 2. April 1890.
Bestellungen auf das 2. Quartal 1890 (April, Mai, Juni) der
MT6 „Schlüchterner Zeitung" "WW
bitten wir durch die Post (auch Landbriefträger) oder die Boten gest, aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Der Hn'illltzgeher.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. März. Die „Nationalzeitung" erfährt verbürgt, daß Fürst BiSmarck den Titel eines Herzogs von Lauenburg abgelehnt hat.
— Ueber die PensionsverhWnisse des Fürsten Bis- mmck lausen in den Blättern die übertriebensten Ge- rüchlc um. Obwohl jeder Beamte Auskunft über die Berechnung der Pension geben könnte, wird sie auf nicht weniger als drei Viertel von 54000 Mk., nämlich auf 41500 Mk. angegeben. Das ist ein gewaltiger Irrthum. Vom Gehalt des Reichskanzlers ist nur pensionsfähig der Betrag von 36000 Mk. und von dieser Summe wird der 12000 Mk. übei steigende Betrag uur zur Hälfte berechnet. Der Fürst wird sonach höchstens eine Jahrespension von 18000 Mk. vom Reich beziehen, wahrlich wenig genug für solche fast bOjährrae Dienste!
— Auf drei Agenten, w-lchc für die Massevaus- Wanderung nach der Insel Hawai (Polynesien) Propaganda machen, wird von den Polizeibehörden eifrig gefahndet. EsList festgestellt, daß dieselben in sog. Prospekten das Land in den verlockendsten Farben schildern. Die Insel Hawai ist mit das ungünstigste Ziel für Auswanderer'; in den. Formen wird nur Zuckerrohr gebaut, zu dessen Kultur nicht nur tüchtiges Verständniß, Tongern auch die härteste Arbeit erforderlich ist. Die Besitzer sind zum größten Theil Japaner, die ausschließlich wei ße Sklaven suchen.
— Eine allgemeine Bismarck- Feier für die ganze Pfalz findet kommenden Sonntag in Kaiserslautern statt. Sämmtliche Reichstagsabgeordnete haben ihr Erscheinen zugcsagt. Miquel und Bürklin werden sprechen.
Im Nnhrkvhlcurktzier ist abermals ein Streik unter den Bergleuten ausgeMochen. Ursache: Die allbi kannten Forderungen. In den umliegenden Garnisonslädten ist das Militär in Marschbereitschaft gesetzt, da man wieder Kravalle befürchtet.
Ostcrscld, 30 März. Gegen die Mitglieder des in. Eoneuis gerathenen VorschußverrmS hierselbst ist nun der so gerichtete Einzelangriff in Kraft getreten, indem die Gläubiger von diesem ihnen zustehenden Rechte nur zu.schnell G brauch gemacht haben. Tagtäglich ftnden Äbpfändungen bei Mitgliedern statt und lassen diese letzteren, um in ihren Geschäften und Existenzen nicht ganz und gar zu Grunde gerichtet zu werden, ihr. Besitzthum gerichtlich taxiren und den Rest nach Abzug daraufstehender Schulden zur Verfügung der Gläubiger stellen. Manche Mitglieder werden auf Beträge abgepfändet, die zu ihrem Besitzthum in gar keinem ■ Verhältniß stehen. Wurde doch in einem nahen Dorfe ein Handwerker aufgesordert, 4u000 Mark zu schaffen, während er in Wirklichkeit kaum den zehnten Theil besitzt.
Mainz, 27. März. Ein blutiges Drama hat sich am Mittwoch Nachts 12 Uhr in Mai'z abgespielt. Als um diese Zeit der Hauptmann Salm von der 2. Kompagnie des hessischen Infanterie - Regiments Nr. 118 sich nach seiner in der Strickergasse gelegenen Wohnung begeben wollte, trat ihm dicht vor der Hausthüre der Premier-Lieutenant Stoll von der 4. Ingenieur-Inspektion mit einem Revolver entgegen und schoß ihm, ohne ein Wort zu sagen, zwei Revolver- kugeln in den Leib. Der Hauptmann Salm schrie in Schmerzen laut auf und wollte nach der HauSthür zu- gehcii,mls ihm Stoll noch einen Schuß in den Rücken beibrachle, so daß der Unglückliche anscheinend leblos zusamipenstürzte. Durch die Schüsse wurde die Nachbarschaft aUarmirt und mehrere Serien, die des Weges daher kamen, eilten nach dem Thalort. Herr Wein- häudlc.r Ottd, der den Lieutenant Stoll davonlaufen sah, eilte diesem nach, um ihn festzunehmen ; während des Laufens drehte sich aber der Lieutenant um und schoß nach Otto, dem die Kugel dicht am Kopf vorbei- flog, dann krachten noch zwei Schüsse und Stoll, der
die Waffe gegen sich selbst gerichtet hatte, stürzte todt zur Erde. Die Schutzmannschaft, welche alsbald zur Stelle war, brächte sowohl den schwerverwundeten Hauptmann als auch den Todten nach dem Hospital. Ueber die Ursache dieser schrecklichen That verlautet Folgendes. Lieutenant Stock war im Jahr 1888 zur Dienstleistung in das Hess. Jnf.-Regt. Nr. 118 versetzt worden und vor ganz kurzer Zeit in sein früheres Militärverhältniß zurückgetreten. Zwischen dem Hauptmann Salm und dem Lieutenant Stock soll nun kein gutes Einvernehmen geherrscht haben, woraus geschlossen wird, daß die Thar aus Rache verübt worden ist. Stock war von Köln anscheinend eigens zu dem Zweck nach Mainz gekommen, um die That auszuführen. Während bei Hauptmann Salm als ein überaus friedliebender und ruhiger Offizier allgemein bekannt war, galt Stoll als von jähzornigem und aufbrausendem Charakter. Stoll ist im Jahr 1855 als der Sohn wohlhabender Eltern in Heidelberg geboren; Salm stammt aus Aachen. Der Zustand des Verletzten ist sehr bedenklich, auch kann er bis zur Stunde noch nicht vernommen werden.
Dresden, 28. März. Auf dem Leipziger Bahnhof entnahm gestern ein elfjähriger Knabe an der Billetkasse einen Fahrschein 1. Klasse nach Leipzig. Da der Knabe auch sonst ausfällig war, unterzog man ihn einer Prüfung und es ergab sich, daß er ziemlich 500 Mark bauten Geld, eine Remontoiruhr mit goldener Kette, eine Schachtel Cigaretten und Streichhölzchen bei sich führte. Auf Vorhalt räumte er schließlich ein, daß er die Baarschaft seinem hier wohnhaften Pflegevater entwendet hatte und im Begriffe war, über Leipzig nach Samoa zu reift«. Der jugendliche Durchbrenner wurde zu seinen Eltern zurückgebracht.
Tübingen. Johann Adam Röhrte von Zwerenberg (Oberamt Backnang) und fein achtzehnjähriger Sohn Eduard, welche beide der bestialischen That beschuldigt waren, die Ehefrau Karoline, bczw. Mutter gemeinschaftlich durch Messerstiche gelödtet zu haben, wurden der „Franks, ^tg." zufolge, heute zum Tode veruitheilt.
Gollub. Im Dorfe Wolle verheirathete sich kurz nach Neujahr der Sohn des Käthners RaboczynSti mit einem hübschen jungen Mädchen. Unter den jungen Eheleuten herrschte stets das größte Einvernehmen. Eines Nachts wurden nun deren Nachbarn wiederholt durch lautes Aufschreien gestört, das jedoch bald wieder verstummte. sorgend fand man die Thür verschlossen; man drang gewaltsam in's Zimmer. Schnarchend lag dort der Ehemann, mit Blut besudelt und Schaum vor dem Munde, neben seinem todten Weibe, das Bett war zerrissen und mit geronnenem Blute bedeckt. Die Nase und die Ohren waren der Frau at gebissen, ihre Fingerglieder zerbissen, die Brust zerfleischt. Angestellte Untersuchungen ergaben, daß der Ehemann vor kurzer Zeit von einem Hunde gebissen, und daß in dieser verhäng- nißvollen Nacht die Tollwuih zum Ausbruch gekommen war. Nach heftigem Kampfe wurde der Mann üver- wältigt; bald darauf starb er.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 1. April. „Jedermann sein Eigner Arzt" ist heutzutage die Losung. Darum kauft der kluge Mensch B-andt's Schweizer-Pillen, die helfen gegen alle Gebrechen. Die Hauptsache dabei ist freilich, daß man sie in richtiger Verpackung erhält, man achte also auf das rothe Knuz mit Apotheker Richard Brandts eigenhändiger Unterschrift. In richtiger Werthschätzung dessen werden auch seit neuerer Zeit in hiesigen Kiäutergcwölben gewisse Mittel, statt in Schachteln und Büchsen, in richtig gedrehten Düten verabreicht. Das Papier dazu muß, um die Wirkung nicht zu be- einträchkigen, von gesinnungstüchtigen antisemitischen Zeitungen herrühren. Zeugnisse darüber können an geeigneter Stelle ungesehen werden.
* — Diejenigen Mannschaften des Beurlaubten- standes, welche in diesem Jahre das .SS, Lebrasjahr
erreichen, sind am 1. April d. Js. zum Landsturm 2. Aufgebots übergetreten. Zum Landsturm gehören dieselben bis zum 45. Lebensjahr.
— Alle Personen, die mit oder nicht mit der Eisenbahn fahren, dürfte Folgendes interessiren: Durch unbefugtes Verbleiben auf dem Bahnsteig einer Eisenbahn wird Hausfriedensbruch begangen. Das Reichsgericht hat auf eine eingewendete Revision ein die Verurtheilung einer Anzahl von Angeklagten aussprechendes Erkenntniß bestätigt.
* — Um sich von der Güte des Klecsamens rasch und sicher zu überzeugen, schütte man etwas davon auf ein heißes Eisen, in eine heißgemachte Kohlenschaufel oder in einen erhitzten silbernen Löffel. Die guten keimfähigen Körner zeigen ihre vortreffliche Beschaffenheit durch einen kühnen Luftsprung an, während die schlechten träge und verdrossen liegen bleiben.
Steinau, 1. April. Um die von Windthorst so rührig verfochtene Gleichberechtigung der Bekenntnisse zu wahren, soll an dem neu zu errichtenden Krankenhause ein lutherischer, ein katholischer und ein jüdischer Arzt angeftellt werden. Im Gehalt soll der von Slöcker verfochtene Grundsatz nach Procenten der betreffenden Bevölkerung zur Geltung kommen.
Salmünster, I. April. Unter Trommelschlag und mit w.hepden Fahnen ist die neue Garnison am heutigen Tage ringt rückt. Der Exercierplatz wird geebnet, der alte Schießstand der Tragweite der neuen Gewehre gemäß erweitert und der südöstliche Befestigungsthurm IM Zuge der Stadtmauer ist zum rauchlosen Pulverthurm bestimmt. "
Kassel, 31. März. Ein Prinz von Waldeck unter Kuratel gestellt. Berechtigtes Aufsehen erregt im ganzen Fürstenthum Waldeck folgende Bekanntmachung deS „Regierungsblattes": „Seine Durchlaucht der Fürst haben Kraft der Ihm nach dem Fürstlichen Hausgesetze vom 22. April 1857 (Reg.-Blatt Seite 53 ss.) über die Mitglieder des Fürstlichen Hauses zustehenden Gewalt durch Erlaß vom 22. Februar d. J. Höchstseinen Vetter, den Prinzen Albrecht zu Waldeck und Pyrmont, Durchlaucht, Königl. Preuß. Major ä la suite der Armee, zur Zeit in Plappeville bei Metz wohnhaft, in Rücksicht auf seine verschwenderische Lebensweise entmündigt und gleichzeitig den Königl. Rechtsanwalt Martin aus Kassel zum Kurator des Prinzen ernannt.«
Ausland.
In Nordamerika, besonders in den östlichen Staaten' hat ein gewaltiger Wirbelsturm furchtbare Verheerung angerichtet. Ganze Städte wurden zerstört und schätzt man den Verlust an Menschenleben aufmindestens 1500. In den Wäldern sind große, viele Quadratmeilen weite Strecken umgeworfen und in den Ebenen viele Farmhäuser völlig weggeweht. Bomlingreen, eine Stadt von 7000 Einwohner, wurde völlig in Trümmer gelegt und beim Zusammenbruch der Stadthäuser in Loisville fanden über 200 Personen den Tod.
Australien. Ein Eldorado für Dienstmädchen scheint Australien zu sein. In Melbourne ist die Dienstboten- noty so groß, daß die angesehensten Hausfrauen der Stadt eine Versammlung hielten und einen ansehnlichen Geldfonds zusammenbrachten, um sich Dienstmädchen aus England kommen zu lassen. Ein Dienstmädchen in Melbourne wird besser besoldet, als ein Commis oder Lehrer in Europa.
Aie Launen des Glücks.
Ein Romän aus dem Leben von Paul Böttcher- (Fortsetzung.)
Elwira nickte wie zur Bestätigung des von dem Doktor Gesagten nur mit dem Kopf. Zu sprechen getraute sie sich in diesem Augenblick nicht, weil sie aufs Neue die durchdringend - musternden Blicke der alten Dame auf sich gerichtet fühlte.