SchlüchternerMung
Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 26.
Samstag, den 29. März
1890.
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Schlächtern, im März 1890. Der Herausgeber.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. März. Se. M. der Kaiser hat heute Bormittag um 11 Uhr den Fürsten Bismarck empfangen. Die Audienz hat a/< Stunden gewährt.
— Wie Kaiser Wilhelm II. über Fürst Bismarcks Rücktritt denkt. Die „Weimarische Zeitung" theilt ein Telegramm des Kaisers an den Großherzog von Sachsen- Weimar mit. Nach Erwähnung der schmerzlichen Stunden bitterer Erfahrungen führt der Kaiser fort: „Ihm sei so weh ums Herz, als ob er nochmals seinen Großvater verloren hätte. DaS von Gott Bestimmte habe er zu tragen, auch wenn er zu Grunde gehen sollte. Er sei der wachthabende Offizier auf dem Staatsschiffe. Der Kurs bleibe der alte. Nun mit vollem Dampf voran."
— Der Kaiser hat durch Kabinetsordre vom 17. März ein neues Ehrenzeichen, das „Allgemeine Ehrenzeichen in Gold," gestiftet, welches solchen Personen des Civil- und Militärstandes verliehen werden soll, die bereits das „Allgemeine Ehrenzeichen" besitzen und sich einer weiteren Auszeichnung würdig machen. Dasselbe besteht in einer runden goldenen Medaille, ähnlich dem früheren Allgemeinen Ehrenzeichen 1. Klasse, welches von Friedrich Wilhelm III. durch Kabinetsordre vom 18. Januar 1830 in den Rothen Adler-Orden 4. Klasse umgewandelt worden ist. Die Vorderseite des Allgemeinen Ehrenzeichens in Gold trägt den gekrönten königlichen Namenszug und die Jahreszahl 1890, die Rückseite die loorbecrumkränzte Inschrift „Verdienst um den Staat." Es wird am Baude des jetzigen Allgemeinen Ehrenzeichens getragen, welches letztere von dem Inhaber bei Verleihung des Allgemeinen Ehrenzeichens in Gold nicht abgelegt wird.
— Ein besonders auszeichnendes Schreiben hat Fürst Bismarck zu seinem Rücktiitt vom russischen Kaiser erhalten. Der Czar nimmt Bezug auf seine letzte Unterhaltung in Berlin mit dem Fürsten und wünscht diesem in sehr herzlichem Tone noch viele ruhige und frohe Jahre. Ebenso haben Kaiser Franz Joseph und König Humbert, sowie die Minister von Gicrs, Kalnoky, Crispi sehr warme Zuschriften an den bisherigen deutschen Reichskanzler gerichtet, der in gleicher Weise geantwortet hat. — Der Großherzog von Baden stattete am Dienstag Mittag dem Fürsten Bismarck einen längeren Besuch ab.
— Den Titel eines Herzogs von Lauenburg hat bekanntlich schon Kaiser Friedrich dem Fürsten Bismarck verleihen wollen, doch hat sich der Kanzler damals diese Ehre verbeten, da er die Mittel nicht besitze, um wie ein Herzog auftreten zu können. Nun, da der ehemalige Reichskanzler fern von den Geschäften hinter seinem Pfluge herschreiten kann, bedarf er der übermäßigen Repräsenlationskosten nicht mehr, doch steht auch jetzt noch nicht fest, ob er den Herzogstitel annehmen wird.
Berlin, 26. März. Der Staatsminister Graf Herbert Bismarck wird, bis ein Nachfolger für ihn ernannt ist, durch einen der älteren Gesandten vertreten werden. Auch Herr v. Alvensleben soll erklärt haben, nur provisorisch die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten übernehmen zu wollen. 5000 Bürger Hamburgs werden dem Fürsten Bismarck am 1. April in Friedrichsruh einen Fackelzug bringen.
— General v. Caprivi hat äußerlich viel Aehnlich- keit mit dem Fürsten Bismarck. Er besitzt dieselbe Hünengestalt und der runde nur spärlich behaarte Kopf Mit dem weißen Schnurrbart erinnert lebhaft an den Reichskanzler Fürsten Bismarck. Unter den buschigen Brauen blicken ein paar kluge Augen hervor.
— In welcher Weise Trunksucht Und Verbrechen in nächster Berührung stehen, ergab ein lehrreicher Vor- krag, welchen der langjährige Anstaltsarzt des Straf- gcsängmsfls in Plötzensee, SanitälSrath Dr. Baer, am Montag über di-ses Thema hielt. Aus demselben sind
folgende Daten von allgemeinem Interesse: Nach einer sorgsam in den Krankenhäusern des deutschen Reiches angestellten Statistik haben im Jahre 1881 4200 Personen. 1882 5003, 1883 7040, 1884 8954 und 1885 10360 Personen in den Krankenhäusern an Säuferwahnsinn und chronischem Alkoholismus gelitten. Im Jahre 1885 waren in den preußischen Krankenhäusern allein 8163. In den letzten 3 Jahren hat sich diese Zahl etwas vermindert. Außerdem sind in dem letztgenannten^ Jahre auch noch 1614 Deliranten in die Irrenanstalten gebracht, und unter den Selbstmorden befanden sich allein 700 von Trunkenbolden. In Deutschland sind von 100 Geisteskranken 25 Trinker! Daß die Trunksucht eine Haupt quelle für die Zunahme von Verbrechen ist, zeigt die tägliche Erfahrung. Es sind in dieser Beziehung in 32 Strafanstalten Deutschlands Ermittelungen angestellt und ist das Material von 32837 Gefangenen beigebracht wo rden. Von ihnen hatten 13706 oder 41 pCt. ihr Verbrechen unter dem Einflüsse des Alkohols begangen. Speciell in Plötzensee sind 3227 Gefangene nach dieser Richtung hin inquirirt worden. Es ergaben sich unter denselben 1174 Trinker, von denen 51 pCt. bei Körperverletzungen, 70 pCt. bei Widerständen, 55 pCt. bei Hausfriedensbrüchen, ferner bei Sittlichkeits-Vergehen und Sachbeschädigungen betheiligt waren. In 61 Strafanstalten sind auch Untersuchungen angestellt worden, an welchem Tage die betreffenden Verbrechen begangen sind, und da hat sich bei 2178 Personen, welche wegen Körperverletzung, Todtschlag und bergt, verurtheilt sind, ergeben, daß die Verbrechen in den meisten Fällen auf den Sonnabend Abend, Sonntag oder „blauen Montag" fielen.
— Ein Akt unerhörter Grausamkeit hat sich auf dem Gute Sevitzow bei Teterow ereignet. Dort wurden in einer Nacht von einem Unbekannten einer Anzahl Enten die Füße abgeschnitten. Zwölf der unglücklichen Thiere mußten sofort getödtet werden. Als der That verdächtig ist ein Arbeiter gefäuglich eingezogen worden.
Leipzig. Ein famoser Scherz passirte dieser Tage hier. In einem Pferdebahnwagen sitzen 2 Arbeiter einer Dame gegenüber, deren elegante Toilette ihr lebhaftes Mißvergnügen erregt. Nachdem sie dieselbe von oben bis unten gemustert haben, macht endlich einer derselben seinem Ingrimm Luft und wendet sich an die Dame mit den Worten: „Das Kleid kostet doch gewiß 200 Mk." „Dreihundert Mark," versetzte die Gefragte stolz, ohne eine Miene zu verziehen, worauf die Arbeiter erwidern, „das wird schon anders werden, wenn wir an die Reihe kommen; jetzt müssen wir das alles verdienen." Die Dame wußte darauf nichts zu erwidern und schwieg. An ihrem Ziele angelangt, verließ sie den Wagen, wobei ihr der Kondukteur mit den Worten behilflich ist: „Adieu, Frau Liebknecht, kommen Sie gut nach Hause." — Die elegante Dame war Niemand anders gewesen, als die Frau des bekannten socialistischen Führers Liebknecht, der in Reudnitz eine recht hübsche Villa besitzen soll.
Halle. Blutvergiftung durch eine kleine Ursache. In der chirurgischen Universitätsklinik zu Halle starb Frau Doktor Sichler aus Wcißcnfcls (Königreich Sachsen), welche bei einer Handarbeit, um den Seidenfaden an- zufeuchten, denselben in den Mund genommen hatte. Derselbe muß mit giftiger Substanz gefärbt gewesen sein.
Aus Thüringen. In Krauschwitz bei Hamburg ist ein junger Mann, wie die Dorfzeitung meldet, an der „Nona" gestorben.
Stuttgart, 24. März. Aus verschiedenen Städten werden Erkrankungen an Nona gemeldet. Glaubwürdig sind besonders zwei Fälle, die sich in Ludwigsburg und Frankenhofen zugetragen. In Ludwigsburg erkrankte am 14. plötzlich während einer TanzunterhaltUng ein Bürgersohn, der als Einjähriger bei der Artillerie in Dienst steht. Nach Hause und zu Bett gebracht, ver
fiel er in tiefen Schlaf, in welchem er nun mit ganz kurzen Unterbrechungen seit zehn Tagen verharrt. Er wurde seit seiner Erkrankung von drei Militärärzten beobachtet; die Aerzte sind völlig rathlos, da es ihnen nicht gelingen will, dem Kranken Nahrung beizubringen; derselbe befindet sich jetzt in einem Schwächezustand, der baldige Auflösung erwarten läßt. Der Fall in Franken- Ho'en hat bereits mit Tod geendet und zwar nach achttägigem Schlafe der von der Krankheit ebenfalls ganz plötzlich befallenen Frau.
Stuttgart. Wegen 35 Pfennig drei Monate Gefängniß. Ein junger Gürtler M. Weitmann von Cannstalt hatte eine 35 Pfennig kostende Eisenbahnkarte von Cannstatt nach Solingen zum richtigen Zuge unbenutzt gelassen. Er wollte nun dieselbe Karte am anderen Tage gebrauchen und schnitt, damit der Kondukteur nicht merke, daß die Karte bereits ungiltig geworden, das Datum weg. Der Schaffner merkte dies aber und erstattete Anzeige, in Folge dessen Weitmann heute vom Schwurgericht zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt wurde. Das Gericht nahm nur Fälschung an, verneinte die Schuldfrage des Betrugs und billigte dem Angeklagten noch mildernde Umstände zu.
M-Gladbach, 24. März. In den letzten 10 Tagen sind 2 neue Erkrankungen an Pocken zur Anmeldung gekommen; 4 Personen wurden als geheilt entlassen, während 14 sich noch im Konlagienhause in Behandlung befinden. Insgesammt sind bisher an Pocken erkrankt 94, 8 waren nicht geimpft, von denselben starken 4; 48 waren nur einmal geimpft, von denselben starben 9; dagegen ist von 38 zweimal geimpften nur 1 gestorben.
Münster. Die Gefahren, welche unseren gefiederten Sängern in Wald und Flur durch die im Freien umherlaufenden Katzen drohen, finden hier in unserm Kreise eine wirksame Bekämpfung durch den Antikatzen- vercin, der sich im letzten Jahre auch über die umliegenden Ortschaften ausgedehnt hat und nun fünf auswärtige Sektionen umfaßt. Im verflossenen Jahre sind, der „Köln. Ztg." zufolge, dem Vereine im Ganzen 513 Katzen schwänze eingeliefert und von demselben prämiirt worden. Nachdem das Reichsgericht ausgesprochen hat, daß frei im Felde umherstreifende Hauskatzen von dem Eigenthümer des Grundstückes getödtet werden können, ergibt sich für die Bekämpfung der auf Jagd ausgehenden Katzen eine rechtliche Grundlage.
Hamburg. Der Fang der kleinen Heringe und Breitlinge auf den an der Elbmündung und an den Küsten belegenen Gründet! ist in diesem Frühjahr ein so außergewöhnlich ergiebiger, daß ein großer Theil der an die Stadt gelangenden Fische an die Landwirthe als Dünger verkauft werden muß. Da dieser Dung sehr geschätzt wird, erzielen die Fischer, wie der Hamb. Korr. mittheilt, immerhin für die sonst der großen Mengen halber nicht zu verwerthenden Fische einen verhällnißmüßig hohen Preis. Ein am St. Pauli- Marktplatz liegender Fischer verkaufte vor einigen Tagen eine aus 600 Körben bestehende Ladung Heringe für 300 Mark an einen Bauern in Flottbek.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 28. März. Nächsten Montag kommt der gesummte Bestand an Gerätheu rc. der ehemaligen Kohlenzeche „Kohlenhof" bet Elm unter den Hammer. Diese Kohlengrube, die einzige im Kreise Schlüchtern, wurde in den Gründerjahren in Betrieb genommen und hielt sich an zehn Jahre, bis die Katastrophe eintrat und sie bezw. ihre Actlvnäre verkrachten.
In Fulda sind wieder falsche Geld-(Mark)stücke im Umlauf. Die Falsifikate sind aus Blei tiergeftellt und von geübterem Auge nicht schwer zu erkennen. Dennoch ermähnen wir die Handels- und Geschäftsleute bei Geldeinnahmen zur Vorsicht.