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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 25. Mittwoch, den 26. März 1890.

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Bestellungen auf das 2. Quartal 1890 (April, Mai, Juni) der

8^Schlüchterner Zeitung" "ME bitten wir durch die Post (auch Landbriefträger) oder dieBoten gefl. aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten die Zeitung vorn Tage der Bestellung bis Ende d. Mts. gratis.

Schlächtern, im März 1890. Der Herausgeber.

abermals vor. Hierbei wurde der Gensdarm Müller von zwei Revolverschüssen getroffen. Er nannte als seinen Mörder den Tischler Biene; dieser hat noch kein Geständniß abgelegt. Der erschossene Gensdarm, ein eist 31 jähriger Mann, hinterläßt eine Frau und drei kleine Kinder. In den nächsten Tagen wollte er aus dem Dienst als Gensdarm scheiden und sein neues Amt als Küster der Köpenicker Stadtkirche am 1. April antreten.

Außer dem Rücktritt des Ministers des Innern Herrfurt erwartet man in Berlin auch den des Eisen­bahnministers v. Maybach. Dieser hat bei mehreren Anforderungen von militärischer Seite an sein Sieffort am Fürsten Bismarck bisher einen Rückhalt gehabt und man glaubt, daß er nunmehr mit dem Kanzler gehen werde. Graf Herbert Bismarck wird dauernd nicht an der Spitze des Auswärtigen Amtes bleiben; er soll einen Botschafterposten erhalten, doch ist es noch fraglich, ob er überhaupt geneigt sein wird, einen solchen aiizunehmen.

Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, soll der Fürst Bismarck, mit herzlichem Danke für die kaiserliche Gnade, die Ernennung zum Herzog von Lauenburg sowie eine ihm angebotene Rotation abge- lchnt haben.

War der Rücktritt des Reichskanzlers von allen Aemtern eine Ueberraschung, so folgt eine noch größere nach: Es wird als Thatsache betrachtet, daß der Kaiser eine großartige militärische Reformgesetzgebung plant, und zur Vertretung derselben vor dem Reichstage ist gerade ein General und parteilose Persönlichkeit zum Reichskanzler berufen: Unter gewissen Vorsichtsmaß­nahmen soll die Einführung der zweijährigen DienfOeit für die Infanterie versucht, dann aber auch alle waffen­fähigen Männer ausgebildet werden. Es würde also das Septennat ganz fortfallen. So viele brauchbare junge Leute, so viele Soldaten. Durch den Fortfall des dritten Dienstjahres wird zudem eine so hohe Er- sparniß erzielt, daß gute Aussicht vorhanden ist, damit ein für alle Male die Militärausgaben zu decken, und die Reichssteuergesetzgebung in und durch sich selbst zu reformiren. Weiter sollen die Ausbildung und Behand­lung der Soldaten auf neue, feste und sehr humane Grundlagen gestellt, zugleich aber auch die höchsten An­forderungen an die Leute gestellt werden, um in zwei Jahren ein durch und durch tüchtiges Heer auszubilden. Das Institut der Einjahrig-Freiwilligen wird völlig geändert; wer keine Fähigkeit mindestens zum Unter­offizier zeigt, dient zwei Jahre. Auch die Militär- Gerichtsbarkeit wird neu geordnet. Selbstverständlich sind diese Ideen noch in der ersten Prüfung begriffen. In Preußen will der Kaiser die Steuerreform unbe­dingt durchsetzen, auch außerdem soll der ganze staatliche Apparat zeitgemäßen Neuerungen unterworfen, unnützer Ballast beseitigt, die ganze Maschinerie Handlicher ein­gerichtet werden.

Kustrin, 17. März. Von der Gänsezucht im Oder- bruche geben nachstehende Zahlen ein Bild. In den letzten fünf Monaten des vorigen Jahres sind in Neu- Trebbin 247 Eisenbahnwagen mit lebenden Gänsen aus­geladen worden, welche eine Gesammtzahl von 263,886 Stück ergaben. Rechnen wir einen Durchschnittspreis von 3,20 Mk. pro Gans, so ergibt dieses 844 330,20 Mk., hierzu kommen 49.850 Mk. an Fracht, sodaß der Gc- sammtwerth der mageren Gänse 894.185 Mk. betrügt, wenn man das Durchschnittsgewicht von 5 Kilo pro Gans berechnet, 1.319.430 Klg., hierfür den Durch­schnittspreis von 1,14 Mk. pro Kilo gerechnet, erg-bt eine Summe von 1.504,120,20 Mk., hierzu 29.544,56 Mk. nach Berlin, ergibt einen Gesammtwerth von 1,538,664,76 Mk. Das Durchschnittsquantum an Hafer zur Mästung einer Gans beträgt 16 Kilo, mit­hin wurden 4.222.176 Kilo Hafer gebraucht. Rechnet man das Kilo Hafer mit 16 Pfg., so ergibt dieses 675,548,16 Mk. Da nun auf 2'/» Gans 1 Pfund

Fürst Bismarck.

So ist es also Thatsache, Fürst Bismarck geht, er hat auf sein Gesuch, aus dem deutschen Reichs- wie aus dem preußischen Staatsdienst scheiden zu dürfen, von Kaiser Wilhelm II. die Entlassung erhalten. Nun wird im Reichskauzleramt in Berlin gepackt, der 75 jährige Greis zieht still aus den Räumen, die für das große Vaterland erst dadurch Bedeutung erhalten hatten, daß ein Bismarck sie bezogen und von dort aus nicht nur das Deutsche Reich, sondern Europa beeinflußt, gelenkt, ja regiert hat. Er geht, der hochbetagte Kanzler, und mit ihm geht die Zeit, die große Zeit, in der aus einem zerrissenen, von seinen Feinden verachteten Staatswesen, das im Grunde gar keines war, aus einem Mischmasch von kleinen sich unter einander bekämpfenden Staaten ein mächtiges, ein weltgebietendes Ganze, das Deutsche Reich, geworden ist. Mit ihm, dem Fürsten Otto von Bismarck, demeisernen Kanzler," mit ihm, dem Mann der kühnen, ja bis zur Verwegenheit kühnen Entschlüsse, der doch der vorsichtigste aller geblieben ist, wenn es sich um die Ausführung handelte, mit diesem Riesen von Gestalt und Ideen geht Kaiser Wilhelms I. große Zeit erst ganz hinunter. Seit Jahren schon steht Moltke abseits, sein Werk in der Armee anderen zur Fort­führung überlassend; die Generale alle, die uns geführt im Kriege gegen den Erbfeind, sie sind hinabgesunken ins Grab oder haben sich schon langeauf das Alten- theil" zurückgezogen. Auch Kaiser Wilhelm I. ist dahin und wenige Monate nur später ist sein herrlicher Sohn ihm im Tod gefolgt. Wie auserkoren vom Geschick, das Werk zu hüten und vor Gefahr zu schützen, so hat bisher der Kanzler noch allein inmitten dieses Wechsels scstgestanden. Er war es, der vor 20 Jahren sein deutsches Vaterland hineingchoben hatte in den Sattel, er ist es gewesen, der all die Zeit über sich mit allen feinen Kräften gemüht hat, dem jungen Reich das Reiten zu lernen; wird Deutschland nun, da der Kanzler geht, auch reiten können? Wir wollen es hoffen, wenn es auch heute gerade gilt, sich sattelgerechter denn je zu zeigen!

Doch, nur getrost! So lange wir im Innern einig sind, so lange haben wir von außen nichts zu fürchten. Erst dann, wenn jene recht eigentlich deutschen Unge= Heuer, die Zwietracht, der Neid, die Schelsucht ihre Häupter wieder erheben, erst dann wird's schlimm stehen um uns, und erst dann werden wir uns eines Bismarck unwürdig erweisen, wenn wir nicht Kraft genug mehr haben, sie, unsere Erbfehler, zu bekämpfen und zu unter­drücken. So ist die Mahnung also, die heute beim Rücktritt eines Bismarck an alle Deutschen ergeht, nur jene eine, die der Dichter vorahnend einem Schweizer in den Mund gelegt hat: seid einig, einig, einig! Und ruhig wird, so lange dies der Fall ist, von seinem Ausgedinge" aus der Kanzler denen, die nach ihm kommen, zuschauen können; er hat das Schwerste und das Größte gethan, er hat die Deutschen unter einen Hut gebracht, den deutschen Kaiserhut, nun ist es an uns, ihm zu zeigen, daß wir klug genug sind, unter diesem gemeinsamen Hut bleiben zu wollen. Das wird der beste Dank sein, den wir ihm erweisen.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. März. Socialdemokratische Tumulte schlimmster Art sind gestern im benachbarten Köpenick vorgekommen; ein Gensdarm wurde meuchlings er­schossen. 100 Mann Militär sind angekommen. Die Ursprüngliche Ursache der Tumulte soll die Nichtge- nehmigung einer für Montag angesagten socialdemo­kratischen Versammlung gewesen sein. Die Social­demokraten hatten sich diesem Verbote nicht gefügt, sondern waren versammelt geblieben, so daß die Polizei sie auseinandertreiben mußte. Seitdem wiederholten sich die Ausschreitungen täglich. Gestern Abend war Zuzug auch aus Rixdorf gekommen; die Excesse kamen

Federn gerechnet werden, so ergibt dieses 105.555 Psd. im Durchschnitt mit' 1,20 Mark gerechnet, ergibt 126.764,80 Mk. Frauen, welche die getödteten Gänse rupfen, erhalten für das Stück 121/2 Pfg. und wird hierfür folglich ein Lohn von 32.985,75 Mk. ausge­zahlt, Die Total-Umsatzsumme in diesem Handelsge­biete würde also für Neu-Trebbin und Umgegend 3.283.048,66 Mk. ergeben.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 25. März. Hierorts erregt bie eigenthümliche Erkrankung einer Frau viel Aufsehen- Dieselbe wurde von einer starken Schlafsucht befallen und schläft schon 23 Tage ohne Unterbrechung tief und schwer. Ob man es hier mit einem vereinzelten Fall:ber aus Südeuropa heranziehenden und schon in Schwaben beobachteten Schlafsucht-KrankheitNona," oder nur mit einem Sympton außergewöhnlicher Schwäche zu thun hat, ist noch zweifelhaft, doch ist man auf den Ausgang begreiflicherweise sehr gespannt. Hierzu theilen wir noch mit, daß die Nona nach Viethens Beschreibung und Geschichte des Landes Dith- marschen, Hamburg 1733, schon vor Jahrhunderten ausgetreten zu sein scheint. In dem genannten Buche heißt es:Anno 1439 war eine große Pest weit und breit, fing an in der Ernte und endete um Weihnachten. Die Menschen lagen im Schlaf drei Tage und drei Nächte und wenn sie erwachten, rangen sie mit dem Tode."

* Dem hier stationirten Gendarmen Nebel ung wurde das allgemeine Ehrenzeichen verliehen; desgleichen dem Waldwärter N a g e l s ch m i b t in der Oberförstern Niederkalbach.

Mit dem 1. April d. I. werden die seither be­stehenden Landwehr-Kompagnie-Bezirke aufgehoben und wird von dem genannten Zeitpunkte ab für die Kreise Schlüchtern und Gelnhausen ein Melde-Amt mit dem Sitze in Salmünster errichtet werden. Meldungen seitens der Mannschaften des Beurlaubtenstandes, Re­serve, Landwehr I. und II. Aufgebots und Ersatz-Re­serve, welche ihren Wohnsitz in den genannten Kreisen haben, sind daher vom 1. April d. J. ab bei dem Melde-Amt Salmünster zu machen; jedoch ausschließlich der Gemeinden Hintersteinau, Reinhards, Oberkalbach, Uttrichshausen, Heubach, Gundhelm und Hütten des Kreises Schlüchtern, welche dem Hauptmeldeamt Fulda zugetheilt sind und sich daher nach Fulda zu melden haben.

Daß muthwillig beschädigtes Geld von keiner Staatskasse als Zahlungsmittel angenommen wird, scheint im Publiktim wenig bekannt zu sein. Da der Staat kein beschädigtes Geld auSgibt, hat er auch keine Verpflichtung, beschädigtes einzulösen. Es existiren jedoch so viel solcher Münzen und werden- bei Steuer­zahlungen ic. mit abgegeben, daß sie für die Kassen» beamten eine wahre Last geworden sind. Es wäre wünUenswerth, wenn das Publikum selbst dazu bei­tragen wurde, dem Unfuge des Beschädigens von Münzen entgegenzuarbeiten und zwar damit, daß jeder Geschäfts­mann, jede Kassenstelle, überhaupt jede anständige Person sich verpflichtet, beschädigtes Geld als ungiltig zurück- zuweisen.

In der Untersuchungssache gegen den Direktor der Frankfurter Sparbank, Theodor Eduard Wahlkampf, werden alle diejenigen, welche bei der genannten Bank ober dem Beschuldigten Gelder oder Wertbpapiere hinter­legt oder dort noch Loosc zu beziehen haben, von der hiesigen K. Staatsanwaltschaft aufgefordert, schleunigst unter Darstellung des Sachverhalts zu den Akten J. 518/90 Anzeige zu erstatten.

Die Durchschnittspreise für im Monat März d. I. gelieferte Fourage stellen sich für die Kreise Fulda, Hünfeld, Gersfetd und Schlüchtern wie folgt: Hafer 8 Mk. 36 Pfg., Heu 2 Mk. 95 Pfg Stroh 2 Mk, 91 Pfg. pro Zentner.