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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 23. Mittwoch, den 19. März 1890.
Bestellungen aus das 2. Quartal 1890 (April, Mai, Juni) der
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S ch l ü ch t e r n, im März 1890. Der Herausgeber.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. März. Ein denkwürdiger Tag. Heute ist in Berlin die internationale Konferenz zum Schutze der Arbeiter zusammengetreten.
— In politischen Kreisen in Berlin erregt ein Besuch des Abg. Dr. Windthorst, den derselbe am Mittwoch oder Donnerstag dem Reichskanzler Fürsten Bismarck gemacht hat und der fast eine Stunde gedauert haben soll, großes Aufsehen. Die Sache erscheint auch bedeutungsvoll genug.
Elberfeld, 16. März. Ein von Vohwinkel kommender Güterzug ist heute von dem bei Elberfeld über die Wupper führenden Biaduct in den Flug gestürzt. Mehrere Personen sollen getöütet sein. Amtliche Meldungen stehen noch aus. Der „Elberfelder Zeitung" zufolge liegen 34 Waggons 12 Meter unterhalb des Brückenniveaus. Die Vermißten sind bis jetzt noch Nicht anfgefundcn.
Breslnu. Dieser Tage stürzte auf der Straße ein mit sieben Stieren beladener Wagen um; ein mächtiger Bulle wurde dabei in das große Schaufenster einer Droguenhandlung geschleudert und richtete dort eine arge Verwüstung an. Nur mit größter Mühe gelang es, das Thier, welches in dem Hause herum wüthete, zu fesseln. Dem Droguenhändler ist ein Schaden "von etwa 500 Mark erwachsen.
Königsberg i. Pr., 13. März. Ein hiesiger Fleischcrmeistcr hatte in Erfahrung gebracht, daß ein Besitzer in dem Dorfe P. ein fettes Schwein zu verkaufen habe, und begab sich sofort am andern Morgen zu demselben. Kaum hatte der Handel begonnen, als ein zweiter, bald darauf ein dritter, vierter, fünfter und sechster Fleischerwagen auf den Hof fuhr, deren Insassen gleichfalls von dem Vorhandensein dieses BorstcuthiereS gehört hatten. Der Handelskampf entbrannte, er wurde heftiger und heftiger, der Preis von 74 Mark war Allen zu hoch, nur dem Bauern und der Bäuerin nicht, welche keinen Pfennig von der Forderung abließen. Da glaubte der erste Fleischer- meister am besten zu thun, wenn er fortfahre. Und er hatte sich nicht geirrt; alle Wagen begaben sich nach ihm vom Hofe weg, und fuhren in verschiedenen Richtungen davon. Nun begab sich der Schlaumeier wieder auf den Bauernhof. Kaum hatte er jedoch aufs neue Versuche gemacht, das Schwein zu erstehen, als auch wieder nacheinander die anderen Wagen von allen Seiten auf den Hof kamen unter dem schallenden Gelächter des Bauernpaares. Aber auch jetzt kam der Handel nicht zum Abschluß. Da trat denn die Bäuerin mit dem Vorschläge vor, das Schwein zu — verloosen. Derselbe wurde nach langen Verhandlungen angenommen, jeder Fleischcrmcister zahlte 13 Mark für dasLoosein, aus dem Kruge wurde schnell der Würfel l echer beschafft und das Glück versucht. Und der erste Fleischer hatte in der That das Glück, das Schwein zu gewinnen.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 19. März. Am hiesigen Seminar findet die diesjährige Abgangsprüfung am 9. September und .den folgenden Tagen statt. Die Prüfung zur Aufnahme in das Seminar wird am 12. September ihren Anfang nehmen.
* Oberzell, 17. März. Dem Lehrer und Kirchendiener Gunkel ist als Anerkennung für seine langjährigen, treugeleisteten Dienste der Cantortitel verliehen worden.
Hünfeld, 14. März. Die Stadt Hünfeld ist schon wieder einmal durch eine größere Feuersbrunst heimge- sucht worden. Das Feuer entstand in der vergangenen Nacht um 12 Uhr im Gasthause „Frankfurter Hof" in dem unteren Stadttheile und verbreitete sich mit rapider
Schnelligkeit, sodaß bis gegen Morgen eine ganze Anzahl Häuser, etwa 8 eingeäschert waren, welche in der Nähe des Frankfurter Hofes standen. Es sind dies sämmtlich Gebäude, welche bei dem großen Brande im November 1888 verschont blieben. Der a-gerichtete Schaden ist sehr erheblich, die Entstehungsursache unbekannt.
Hünfeld, 10. März. Die im vergangenen Herbste in vielen Gemarkungen des hiesigen Kreises fast zur Landplage gewordenen Mäuse, sowohl in den Feldern als den Dörfern, sind seit dem Unwetter am Ende Januar d. I. wie verschwunden.
Frankfurt a. M., 14. März. Bei der Frankfurter Sparbank wurden Unterschlagungen entdeckt. Der Director Wahlkampf, der gestern nach stattgehabter Haussuchung verhaftet werden sollte, ist entflohen. Wahlkampf betrieb nebenher ein Ratenloosgeschäst und ließ sich Anzahlungen machen. Die Loosekäufer sind voraussichtlich alle um ihr Geld geprellt.
Geifenheim, 13. Mäiz. Eine Angorakatze von außerordentlicher Schönheit, welche, aus China eingeführt, jetzt 16 Jahre alt, dabei aber noch immer jugendlich graziös ist, hat im Laufe dieser 16 Jahre gegen 300 Junge zur Welt gebracht.
Ausland.
Antwerpen, 15. März. Bei den gestrigen Arbeiter- Cravallen Hieb die Polizei mit blanker Waffe ein, weil die Socialisten die Einstellung der Arbeit in den Cigarrenfabriken erzwingen wollten. Zahlreiche Exce- deuten und auch zwei Frauen wurden verwundet.
Sheffield, 14. März. Eine Versammlung von KohlenbergwerkSbesitzern in Aorkshire beschloß, die Forderungen der Bergarbeiter abzulehnen. Der allgemeine Ausstand beginnt morgen. 60,000 Arbeiter feiern. UeberaU herrscht große Aufregung. In verschiedenen Districten ist bereits Kohleumangel bemerkbar. Verschiedene Gruben haben bereits die Arbeit eingestellt. Ebenso beginnt der Strike morgen in Newcastle, Stockton, Hartlepool, Middleborough, Tyre und Wear.
Eine neue Schreckensbotschaft kommt aus Amerika, wo eine große Ueberschwcmmuvg des Mississippilhales ungeheure Verwüstungen angenchtet hat. Der Strom ist so hoch gestiegen, wie niemals zuvor, die Dämme halten fast nirgends mehr Stand, sodaß die Fluten sich unaufhaltsam über die Niederungen von Louisiana ergießen. Viele am Fluß gelegene Städte sind vollständig überschwemmt, unzähliges Vieh ist ertrunken und viele Baumwollfelder finb vollständig verwüstet. Alles befindet sich in wilder Flucht. Von Cairo und St. Louis ab ist die Bahnverbindung mit dem mexikanischen Golf gänzlich unterbrochen.
Die Launen des Stücks.
Ein Roman aus dem Leben von Paul Böttcher.
(Fortsetzung.)
Welch ein Bild: Vor dem Ofen stand Elwira und erwartete spannend den Augenblick, in welchem der Inhalt des Gefässes genießbar sei, während sich unaufhörlich die Freudenthränen in ihre Augen stahlen und auch wohl auf die heiße Platte des Ofens fielen, wo sie zischend in lichte Dampfwolken zerstieben, — hinter ihr ein Greis, welcher regungslos im Lehnsessel hingestreckt war. Er schlief noch immer, und seine Tochter, welche ihn in kindlicher Liebe mit diesem Mahl zu überraschen gedachte und deshalb ihre Arbeit so geräuschlos wie möglich vollendete, hatte keine Ahnung, daß dieser den Schlaf schlief, aus welchem es kein Erwachen mehr gab.
Endlich stand das einfache Mahl auf dem Tisch und Elwira näherte sich ihrem Vater — leise —
zögernd — wie wenn es ihr leid sei ihn jetzt wecken zu müssen. — Sie beugte sich über ihn und senkte ihre Lippen zu einem Kuß auf die seinigen.
Aber eine unnatürliche, ihr im ersten Augenblicke nicht erklärliche Kälte schreckte sie bei dieser Berührung zurück. Sie versuchte es, ihn bei seinem Namen zu rufen und erfaßte seine Hand, welche ebenso kalt war. — Er erwachte nicht. — Immer lauter rang sich der Name ihres Vaters von ihren Lippen und mit diesen vergeblichen Rufen erlangte sie die schreckliche Gewißheit, daß sie den Vater verloren, — daß sie eine Waise sei.
„Allmächtiger Gott! Vater! — hörst Du Deine Tochter nicht?" drang es laut jammernd von ihren Lippen. Ist es denn möglich, daß Du ohne Abschied von mir gehen konntest? daß Du scheiden konntest, ohne Dein Kind mit dir zu nehmen?"
Er hatte scheiden können — er hatte scheiden müssen, — der Arme! — In den Armen des Schlafes hatte ihn die Sichel des Todes erreicht. Wohl hatte er bei Lebzeiten den Wunsch geäußert, sein Kind mitnehmen zu dürfen; aber die Hand des Schicksals hatte es anders gewollt, ja sie war erbarmungslos genug, sein Leben hinwegzuraffen, ohne daß er seinem Kinde den Vatersegen zurücklassen konnte.
Eine tiefe, unheimliche Stille, welche anfangs durch ein lautes Schluchzen, später aber durch Nichts mehr unterbrochen wurde, herrschte in dem engen Raum. — In todesähnlicher Ohnmacht befangen, lag Elwira zu den Füßen ihres Vaters hingestreckt, der seine Hand nicht mehr tröstend auf ihren Scheitel legen, dessen Lippen sich nicht mehr zu dem Tochternamen öffnen konnten.
Nur noch ein kurzes Aufflackern der letzten Reste der Holzscheiter, welche sich im Ofen befanden, und sie sanken in Asche zusammen. — Leichter und leichter wurden die Dampfwölkchen, welche der unberührt gebliebenen Schüssel entstiegen, — Abermals war die Unschlittkerze niedergebrannt und warf ihren letzen Schein auf den Tisch mit den hingezählten Geldstücken, auf die freundliche Gabe, durch welche Elwira eine Zeit lang so glücklich gewesen, und welche eine freudige Ueber- raschung für den Vater bilden sollten. — Jetzt herrschte tiefe Nacht — völliges Dunkel und lautlose Stille, in diesem Raum, der von der alleräußersten Armuth, von dem entsetzlichsten Elend, — und doch — von Heiliger- Kindesliebe, von größtem Gottvertrauen reden konnte und nun einen entseelten Greis und seine ohnmächtige Tochter barg.
Erst die andern Tags ausgehende Wintersonne brächte wieder Leben in das Gemach, indem sie die Augen Der Ohnmächtigen wach küßte. Aber es war nicht ein Erwachen wie das anderer Sterblicher, sondern die Augen des Mädchens drehten sich unstät in ihren Höhlen, sie zeigten den Ausdruck einer dem Wahnsinn ähnelnden Krankheit. Sie irrten verständnißlos im Zimmer umher und hafteten ebenso verständnißlos auf der leblosen Gestalt des Vaters.
Und nirgends eine helfende Hand! — Verlassen und freudlos, wie bisher gelebt, zeigte sich auch jetzt keine helfende Hand.
Wo die Noth am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten, sagt ein altes, sich immer wieder bewährendes Sprüchwort. Wie es sich am vorhergehenden Abend schon bewährt hatte, so auch an diesem Morgen.
Ein junger Mann, welcher schon längere Zeit vergeblich an die Thür gepocht, öffnete dieselbe und trat in's Zimmer. Wir erkennen in dem Eintretenden denselben, welcher gestern Elwira das Geleit aus dem Kleiderladen gegeben.
Es war eine schlanke, von frühzeitigem Alter gebeugte Gestalt, jenes Alter, welches von Ge«