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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 20.

Samstag, den 8. März

1890.

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Teutsches Reich.

Die Einberufung des Reichstags erfolgt nach Ostern, nicht schon im März. Es darf nahezu als beschlossene Sache angesehen werden. Ebenso die sofortige Vor­legung des Sozialistengesetzes.

Der ultramontaneOberschlesische Anzeiger" sagt in einem bemerkenswerthen Artikel über die Wahlen, daß die beiden Parteien, die bisher am wenigsten dem Wechsel unterworfen gewesen seien, das Zentrum und die Konservativen wären und findet den Grund darin, daß beide den Gedanken vertreten, daß der Staat nur auf christlicher Grundlage seine Zwecke gedeihlich er­füllen könne. Dann heißt es weiter: Es existieren in der gegenwärtigen Gesellschaft zwei thätige Kräfte: eine Kraft der Erhaltung, deren Prinzip das Christenthum ist, und eine Kraft der Zerstörung, die Alles durch- dringt, um Alles aufzulösen. Diese beiden Kräfte sind im Kampfe miteinander. Hier handelt es sich aber nicht um katholische oder protestantische Interessen, sondern um die Interessen beider Bekenntnisse,, um die Zukunft Deutschlands, ja Europa's. Da müssen die Patrioten beider Bekenntnisse, so getrennt sie sonst marschieren, vereint schlagen. Deutschland ist kein Reich der Protestanten und kein Reich der Katholiken, wo die eine Konfession über die andere herrschen kann, sondern die christlichen Konfessionen müssen nebeneinander leben, sich mit einander vertragen, sich b'ide aufrichtig, ehrlich und von Herzen gegenseitig respektieren.

Aus Kirchhain bei Frankfurt a. O. wird unterm gestrigen Datum geschrieben: Seit heute streiken in der durch seine große Gerbereien bekannten Stadt Kirchhain sämmtliche Gerbergesellen, 260 Mann stark. Die Hc- fetlen beanspruchen 18 Mark statt der bisherigen 15 Mark pro Woche. Ferner 50 Pfennig für jede Mehr­arbeit und für Sonntagsarbeit 3 Mark. Unter den Streikenden befinden sich alte Gesellen, die 14 bis 15 Jahre bei einem und demselben Arbeitgeber Lohn und Brod gefunden. Ein großer Theil der Gesellen und das ist das Merkwürdigste, haben am Sonnabend trauernd von ihren Meistern sich verabschiedet; aber sie fürchten sich vor bett andern, deshalb wagten sie nicht, weiter zu arbeiten. Sämmtliche Meister, 7 an der Zahl, haben unter Deponirung von je 100 Mark sich kontraktlich verbindlich gemacht, den sich zu häufig wieder­holenden Forderungen der Gesellen mit aller Kraft sich zu widersetzen. Vier Gendarmen sind zur Aufrecht­erhaltung der Ordnung in der Stadt eingetroffen was um so mehr zu billigen sein dürfte, da am ver­gangenen Montag ein Trupp Gesellen sich nicht scheute, eine durch Zusammenknüpfen von rothen Taschentüchern gebildete Fahne durch die Gassen der Stadt zu tragen. Selbstredend trug auch jeder Einzelne eine rothe Hals­binde. Gegen diese offen zur Schau getragene Liebe zur rothen Farbe" hat die Polizei Strafantrag ge­stellt. Decken dürfte sich die Zahl der 260 streikenden Gesellen mit den 25.8 Stimmen, welche am 20. Februar für den sozialdemokratischen Wahlkandidaten Stadt­verordneten Zubeil aus Berlin abgegeben wurden.

Dortmund, 3. März. Nach dem Bekanntwerden des Wahlsieges der national-liberalen Partei entstanden hier derRhein. Wests. Ztg," zufolge durch Sozialdemo- kraten hekvorgerusene Krawalle weitesten Umfanges. Jemehr es zür Gewißheit wurde, daß Tölke unterlegen, stieg die Erbitterung. Die Polizei, die mit Stein­würfen angegriffen wurde, mußte von der blanken Waffe Gebrauch machen und verhaftete über 30 Personen. Auf beiden Seiten sind Verwundungen vorgekommen. In allen benachbarten Straßen wurden GaSlatcrncn und Fensterscheiben zertrümmert. Die Münsterstraße bot ein Bild roher ZerstörungSwuth. Gestern würden im nördlichen Stadttheil sämmtliche Wirthschaften mit Eintritt der Dunkelheit geschlossen. Dasselbe Blatt meldet auch Unruhen aus Duisburg, wo ultramontane Wähler einen Fackelzug zu Ehren Dr. Liebers vor- . bereitet hatten. Nach dem Bekanntwerden deS Wahl­sieges Dr. Hammacher's vereinigte sich eine Anzahl von Bürgern, ebenfalls zu einem Fackelzuge zu Ehren des Gewählten. Derselbe wurde jedoch überall Mit gegnerischen Kundgebungen empfangen, die zu einem Straßenkrawall ausarteten. Die Polizei war auch hier genöthigt, von der blanken Waffe G-brauch zu machen und mehrere Verhaftungen vorzunehmen.

München, M Februar. Ein Beispiel außergewöhn­

Lokales und Provinzielles.

* Schliichtrttt, 7. März. In der Nacht vom Diens­tag auf Mittwoch gegen 2 Uhr ertönte der Feuerruf. Es brannte die Scheune des Schneidermeisters Feuer­stein. Dieselbe brannte vollständig ab und auch der Dachstuhl des angrenzenden Wohnhauses wurde zerstört. Gegen Morgen war das Feuer gedämpft. Die Ent­stehung ist unbekannt.

* In Bezug auf das ZüchtigungSrecht der Lehrer heißt es in einem Erkenntniß des preußischen Oder- Verwaltungsgerichts tDer Lehrer ist zur Vornahme empfindlicher körperlicher Züchtigung berechtigt. Eine wirkliche Verletzung ist eine solche, - durch welche Ge­sundheit und Leben des Schülers gefährdet erscheint. Blutunterlaufungen, blaue Flecken, Striemen für sich allein gehören nicht hierzu; denn jede empfindliche Züchtigung, und zu einer solchen ist der Lehrcr berechtigt, läßt derartige Erscheinungen zurück. Der Lehrer ist nicht straffällig, wenn er einen Schüler, der einer anderen Klasse angehört, züchtigt, auch kann die Züchtigung außerhalb des Schullokals stattfinden. Das Verhalten des Schülers außerhalb der Schule unterliegt ebenfalls der Schulzucht, was so oft von den Eltern geradezu beftritten wird. Dasselbe ZüchtigungSrecht hat auch der Geistliche bei Eitheilung des Konfirmanden- Unterrichts. Die Schulzucht kann nur dann Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens werden, wenn eine wirk­liche Verletzung deS Schülers ftattgefunben hat.

Eaffel, 1. März. In Folge eingettetener Hindernisse findet die Montag den 10. März Vormittags 10 Uhr beginnende Generalversammlung des landwirthschastlichen EeMralvemns nicht im GasthofPrinzen Friedrich

lich widerstandsfähiger Konstitution zeigt Professor Ge- Hermrath v. Nußbaum, der bekinntlich anläßlich der Influenza-Epidemie schwer erkrankt war. Der gefeierte Chirurg erkrankte nach überstandener Influenza an Bronchitis, Diphtherie, Augenentzündung, Ohrenschmerzen rc., war mehrmals sterbend und befindet sich, trotzdem er in hohem Grade taub und mit Asthma behaftet ist, beide Beine gebrochen hat, sich mühsam auf Krücken dahinschleppen muß, so daß er Alles in sitzender Stellung arbeitet und in den Hörsaal getragen werden muß, trotz all den unsäglichen Leiden auf dem Wege voll­kommener Besserung.

Gotha, 1. März. Zur Geschichte derAnspruchs­losigkeit" unserer heutigen Dienstboten hat hier ein junges, in Haus- und Küchenwirthschaft gänzlich uner­fahrenes Mädchen, freilich ein Mädchen aus der Stadt, ein neues, interessantes Kapitel geliefert. Das Mädchen hatte sich zu einer hiesigen Herrschaft nur unter der ausdrücklichen Bedingung vermiethet, daß ihm erlaubt wurde, in die Tanzstunde zu gehen. Von dieser ihm zugestandenen Erlaubniß machte das anspruchslose Dämchen im weitesten Umfang Gebrauch. Auf das Feinste aufgeputzt, in rosafarbenem ausgeschnittenem Kleid verließ die Holde am Abend um 6 Uhr das Haus ihrer Dienstherrschaft, um erst am nächsten Morgen um 8 Uhr wi der dahin zurückzukehren. Daß das Mädchen bei solcherAnspruchslosigkeit" auch noch auf hohen Lohn hielt und den Versuch machte, für diegröbere" Arbeit noch eine zweite Dienstperson engagirt zu er­halten, darf nicht Wunder nehmen. Und dabei besteht die bürgerliche Herrschaft nur aus Mann, Frau, noch dazu einer sehr fleißigen, und zwei Kindern.

Osterfeld, 28. Februar. Die Genossenschaft der ver­krachten Osterfelder Bank hatten im vorigen Jahre zur Deckung des entstandenen Fehlbetrages von über 200 000 Mark eine Hülfskasse ins Leben gerufen ; da nun selbige aufgelöst, seitens der Genossenschaftsbank nur eine Beihilfe von 5000 Mark erfolgt, sowie die Genehmigung der geplanten Lotterie zu Gunsten der bedrängten Mitglieder von der oberen Verwaltungs­behörde nicht ertheilt worden ist, werden die Gläubiger sich an die einzelnen Genossenschafter halten, welche da­durch in eine prekäre Lage gebracht werden dürften.

Oüerbetschdorf, 23. Febr. Es sind jetzt gerade zwei Jahre, daß von hier eine erste Abtheilung junger Leute nach Florida ausgewandert, und ein Jahr, daß ihnen eine zweite Abtheilung, bestehend aus ganzen Familien, dorthin gefolgt ist. Jetzt erst hört man, wie die Leute getäuscht wurden. Sie durften ohne Controle keine Briefe hierher schreiben.

Wilhelm", sondern imHanusch'schen Saale" und das Mittagsessen im Casseler Hof statt.

Neumorschen (Kreis Weisungen). Die ungetreue Frau eines hiesigen Gastwirths ist kürzlich unter Mit­nahme eines Baarbetrages und verschiedener Wertsachen ihrem Mann durchgegangen, man sagt nach Amerika. Die zärtliche Mutter hat ihrem Gatten 2 kleine Mäd­chen, im Alter von 3/a und 5 Jahren, zurückgelassen.

Gelnhansen, 1. März. Wegen Verdachts der Er­mordung des Bauern Jinhof sind der Landmann Hof­rock, die mit ihm lebende Jmhof (Schwester des Er­mordeten) und deren Söhne Carl und Jakob verhaftet worden. Der Erschlagene wurde in einem von Nieder- gründau nach Rothenbergen führenden Hohlwege auf­gefunden und war dessen Kopf so zugerichtet, daß er nicht zu erkennen gewesen wäre, wenn nicht in seiner Tasche ein Vorludungsschein, auf denselben Tag lautend, vorgefunden worden wäre. Der Umstand, daß die Fa­milie des Verhafteten mit dem Erschlagenen stets in Prozeß lag, ließ den Verdacht aufkommen und erfolgte in Folge dessen die Verhaftung. Ein Geständniß ist jedoch bis jetzt noch nicht von dem oder den Thätern abgelegt worden.

Bom Main, 2. März. Zahlreiche Landwirthe unserer Gegend, welche vorgestern Nacht mit Kartoffelladungen nach den Märkten zu Hanau, Offenbach und Frank- furt fuhren, erlitten theilweise bedeutende Verluste, in­dem ihre Kartoffeln, trotz sorgfältiger Strohverwahrung, in der kalten-Nacht total erfroren und zum Verkaufe ungeeignet wurden.

Ems, 2. März. Es ist in hohem Grade zu ver­wundern, daß bis jetzt die Blätter über eine Katastrophe, welche die zwischen hier und Oberlahnstein befindliche Blei- und SilbererzgrubeFriedrichssegen", im Volks­munde dieKölnischen Löcher" genannt, betroffen hat, vollständiges Stillschweigen beobachten. Ist durch die­selbe auch nur der Verlust eines Menschenleben herbci- geführt worden, so sind durch sie doch Hunderte von braven Bergleuten vor eine unsichere Zukunft gestellt, da sich nicht sagen läßt, ob es überhaupt wieder mög­lich sein wird, den Betrieb der Grube, welcher seit dem 19. Februar in Folge eines in ihr ausgebrochenen Brandes, wie die einen behaupten, oder wie von anderer Seite versichert wird, des Einströmens von lebens­gefährlichen Gasen (bösen Wettern") aufgegeben werden mußte, wieder aufzunehmen. Nach der von fachmännischer Seite ausgesprochenen Ansicht ist vor Ablauf eines Vierteljahres an ein Befahren der Grube überhaupt nicht zu denken. Seit dem 19. Februar, als, wie oben erwähnt, ein Bergmann seinen Tod fand, während vier andere Bergarbeiter noch rechtzeitig an das Tageslicht befördert w-rden konnten, hat Niemand mehr die Gruben betreten. Die in demselben zum Schleppen der Erzwagen verwendeten kleinen Pferde mußten, nach derRhein. Wests. Ztg.", ihrem Schick­sale überlassen werden; sie haben jedenfalls durch die Gase und Schwaden einen raschen Tod gefunden. Bis jetzt ist es nicht gelungen, einen sicheren Anhaltspunkt zur Aufklärung des beklage. swerthen Ereignisses zu gewinnen. Versuche mit Hühnern, welche man nur eine kleine Strecke in die Schächte hinabgelassen hatte, haben ergeben, daß die Gase höchst gefährlicher Natur ind, indem die Thiere, obwohl nur kurze Zeit unten gelassen, ganz betäubt wurden. Die um das Wohl ihrer Arbeiter sehr besorgte Direktion, welche erst neuer­dings eine Kirche für dieselben erbauen ließ, nachdem bereits vor vielen Jahren von ihr eine Schule, an welcher gegenwärtig zwei Lehrer wirken, errichtet worden war, sucht denselben durch andere Arbeiten: Wegebauten U. s. w. einen Verdienst zuzuweisen, doch war es nicht zu umgehen, daß die auswärts wohnenden Arbeiter entlassen werden mußten. Sollte es sich bestätigen, daß ein auf der sechsten Sohle ausgebrochener Brand des Gebälkes die Ursache des Unglückes ist, dann kann, falls es nicht gelingt, denselben rechtzeitig zu bewältigen, dadurch die ganze Existenz des bis dahin so blühende» Werkes, welches einer ausländischen Gesellschaft gehört, in Frage gestellt werden.

Selbst in Rußland, das gewiß nicht im Ruf be» übereilten Fortschritts steht, kann man sich der fegen» bringenden Wirkung der Arbeitrrschutz-Gesetzgebung nicht länger verschließen, und nimmt bgher einen ernsten An,