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1890.
Deutsches Neich.
Berlin, 22. Februar. Tie Zahl der bekannten Wahlergebnisse (wobei einzelne Aenderungen noch immer nöthig werden dürften) belauft sich jetzt auf 367; davon gelten 136 als Stichwahlen. Gewühlt sind bisher 46 Deutschkonscrvatioe, 15 Freikonservative, 24 Nationalliberalc, 84 Klerikale, 18 Deutschfreisinnige, 20 Socialdemokraten, 13 Polen, 12 Elfässer, 3 Demokraten, 1 Däne. — Die Verluste der konservativen Fraktionen werden b:s jchk etwa auf 10, die der Nationalliberalen auf 15 geschätzt. Die Sozialisten, die bereits 20 Mandate fest in Händen haben, stehen noch in über 50 Kreisen zur Stichwahl.
Berlin. Noch steht das Gesammt-Relultat der am 20. Februar vollzogenen Reichstagswahlen ziffermäßig noch nicht fest, aber schon weiß man: das Kartell ist zertrümmert, die Opposition ist an Stimmenzahl und Mandaten gewachsen, vor allem aber hat die Sozial- demokratie einen geradezu riesigen Aufschwung genommen. Diese Thatsache steht fest und ist, wie die noch ausstehenden Wahlen auch sein mögen, nicht mehr zu bezweifeln. Die Opposition stimmt dieserhalb denn auch Helle.Jubellieder an, die Blätter des Kartells suchen sich mit der unangenehmen Thatsache abzufinden, so gut es geht und bemühen sich vornehmlich, nunmehr ein Bündniß aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozial- demokratie zu Stande zu bringen.
— Die Stichwahlen zum Reichstag sollen am 1. März stattfinden.
— Eine Aufsehen erregende Reiterschaar begab sich am Donnerstag Mittag um 1 Uhr vom Königlichen Schlosse in Berlin nach dem Tempelhofer Felde. Es war S. M. der Kaiser in Generalsuniform mit Helm und Mantel, drei höhere Offiziere und dahinter die königlichen Diener und zwei Leibgendarmen, von denen der eine die Kaiserstandarte trug. Der Kaiser hatte, wie sich bald herausstellte, die ganze Garnison alarmirt.
Von allen Seiten rückten bald die Truppen heran, die Infanterie im Laufschritt, die Kavallerie und Artillerie im Trabe, ein ungewöhnlicher Anblick, der allgemeines Aufsehen erregte. Die mehrfach verbreitete Nachricht, daß vielleicht Ruhestörungen den Anlaß zu dieser Alar- mirung gegeben, erwies zum Glück als unbegründet. Auf dem Templlhofcr Felde traf mit den ersten Truppen der Kaiser ein und ließ dieselben einige Uebungen vornehmen. Durch diese Alarmierung, von welcher auch die in den Vororten liegenden Truppen betroffen wurden, gelangten die Bewohner der Umgebung Berlins zu den tollsten Vermuthungen über die Vorgänge bei den Wahlen in Berlin. Und solche Vermuthungen fanden umsomehr Nahrung, als man in einzelnen Vororten merkwürdigerweise am Vormittag bereits größere Ka- valleriemassen felddienstübcnd gesehen hatte.
— In Berlin kam es bei der Wahl mehrfach zu argen Ausschreitungen seitens der Sozialdemokraten. Die Polizei war stellenweise zum Gebrauch der blanken Waffe gezwungen. Am schlimmsten ging es in der Andreasstraße her. Hier sammelten sich um 10 Uhr einige Hundert Arbeiter, verhöhnten und attaquirten, mitunter die Arbeitermarseillaise singend oder Hochs auf die Sozialdemokratie ausbringend, die Schutzleute. Die Schutzmannschaft machte ab und zu einen Vorstoß von vorübergehenden Erfolg gegen die Ruhestörer, wobei mehrere Personen umgeritten, einzelne auch mit der stachen Klinge bearbeitet, aber nur sehr wenige arretirt worden sind. Ecke Grüner Weg kam es zu einem sehr ernsthaften Zusammenstoß mit dem Publikum. Schutzleute wurden vom Pferde gerissen, während Fußschutz- lcute einhicben. Ein Schutzman verlor, als man ihn vom Pferde riß, einen seiner langen Reitstiefel und brach beim Sturz einen Fuß. Nachdem derselbe in der Sanitätswache Zuflucht gefunden, warf man ihm den Stiefel durch die Scheiben der Glasthüre nach. Selbst der Leiter der Sanitätswache wurde mißhandelt. Erst um 12 Uhr war hier die Ruhe wieder hergestellt.
Bernburg, 21. Februar. In Heckling en sollen nach dem „B. T." Wahlkrawalle vorgekommen sein. Die Socialisten haben das Wahllokal gestürmt und die Wahlzettel vernichtet. Die ganze Wahlhandlung ist deshalb ungiltig.
Altona, 21. Februar. Ueber Wahltumulte wird berichtet: An der Hamburger Grenze war in letzter Nacht Militär mit aufgepflanzten Bajonett zusammen
gezogen. Die Sozialdemokraten brachten fortwährend Hochs auf die Soldaten aus. Als die Menscheumasseu nicht auseinandergehen wollten, drangen die Soldaten auf dieselben ein. Den „Altonaer Nachr." zufolge wurden etwa acht Personen durch die Soldaten zum Theil schwer verwundet.
Flensburg, 22. Febr. Die Personenpost von Son- derburg nach Flensburg wurde gestern Abend 10 Uhr bei Gravenstein beraubt. Die Räuber hatten die Landstraße durch umgehauene Bäume gesperrt, schlugen den Postillon nieder und erbrachen das Werthgelaß, aus dem sie Werthe in Höhe von etwa 10,000 Mark entwendeten. Die Gendarmerie ist in voller Thätigkeit, um der Räuber habhaft zu werden.
Oldenburg, 18. Febr. In der letzten Sitzung des Sladtraths dahicr wurde festgestellt, daß der Oberbürgermeister Freiherr von Schenk aus der Stadtkasse 14 800 Mark entwendet hat. Dafür ist jedoch von der Familie volle Deckung gegeben, so daß die Stadt keine Einbuße erleidet. Der Vorsitzende theilte alsdann mit, daß auch der verstorbene Stadtkämmerer den Stadtsäckel um 33 653,25 Mark erleichtert habe! Auch dieser Fehlbetrag wird gedeckt, da die Erben des Kämmerers sich zur Aufbringung der Summe verpflichteten.
Aus Pommern. Ein Monstrum von Kalb ist am 29. Oktober v. I. in Binom bei Greifenhagen zur Welt gekommen. Dasselbe hat vor anderen Kälbern den Vorzug voraus, daß es 2 Köpfe, 4 Augen, 4 Ohren, 2 Hornansätze, 2 weiße Stirnen, 2 Mäuler, 2 Zungen, 2 Nasen, 4 Nasenlöcher besitzt. Das merkwürdige Thier ist gut gepflegt worden und ist gesund und lebensfähig. Dasselbe wurde von einem Unternehmer für den Preis von 1200 Mark erworben, um zu Schaustellungen zu dienen.^
Aus Sachsen. In dem Dorfe Marienthal bei Zwickau haben die Sozialdemokraten neuerdings auch im Kirchenvorstande die Majorität erlangt, denn bei der jüngst stattgehabten Neuwahl siegten die sozial- demokratischen Kandidaten mit ca. 90 gegen 80 Stimmen. In Marienthal verfügen die Sozialdemokraten auch im Gemeinderath und im Schulvorstande schon seit längerer Zeit über eine Mehrheit von Stimmen.
Aus Thüringen. Das Coburger Tageblatt erzählt: Im Dorfe E. unseres Ländchens spielte sich vor einigen Tagen ein Vorgang ab, der geeignet ist, das Interesse aller Landwirthe in Anspruch zu nehmen. Zu Nutz und Frommen derselben sei er hier mitgetheilt. Ein Landwirth halte ein junges Kalb; dasselbe hängte auf einmal den Kopf. Der abgehaltene Familienrath der Hausbewohner, präsidirt vom Chef der Familie, entschied sich dahin, daß sich das Kälblein eine Erkältung zugezogen habe und nur durch eine Schwitzkur zu kuriren fei. Aber wie diese veranstalten? Auch hier wußte der Herr des Hauses wieder Rath. Das Kalb wurde fest in wollene Tücher gehüllt und — in's Bett des Hausherrn gebracht. Dort schwitzte es — nach Aussage des Hausherrn — seine Erkältung aus. Pro- batum est.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 24. Febr. Das heute festgestellte Resultat der Wahl zum Reichstag im Wahlkreis Fulda- Gersfeld-Schlüchtcru ist folgendes: Graf von Droste- Bischering auf Schloß Darfeld (Centr.) 9904 Stimmen, Landrath von Trott zu Svlz zu Fulda (konservativ) 4019 Stimmen Tischlermeister Wilhelm Pfannkuch zu Cassel (Sozialdemokrat) 600 Stimmen. Außerdem, fielen auf Drechslermeister Bebel in Leipzig 17 und auf Dr. Harmening in Jena (Freisinn) 15 Stimmen. — Auf den Socialdemokraten Bebel entfielen im Kreise Schlächtern 17 Stimmen undzwar in Kerbers- dorf 3 und in Romsthal 14; auf den Socialdemokraten Pfannkuch im Kreise Fulda: in Fulda 338, in Bronzell 4, in Eichenzell 10, in Ellers 7, in Engelhelms 6, in Großenlüder 7, in Harmerz 5, in Horas 28, in Jstergicsel 8, in Kohlhaus 11, in Künzell 38, in Löschenrod 5, in Neuenberg 28, in Petersberg 3b, in Pilgerzell 22, in. Salzschlirf 5, in Steinhaus 6, im Kreise Gersfeld: in Hetten- hausen 19.
* — Nachstehende Angelegenheiten von Interesse für die Bewohner des Kreises Schlüchtern kamen in den vom 10.-13, d. Mls. stattgefundenen Sitzungen des
Landesausschusses zur Berathung und Beschlußfassung Die ersten Einrichtungskosten der im Oktober v. I. zu Hofgeismar eröffneten landwirthschaftlichen Winterschule hatten in Folge des erfreulicherweise eingetretenen sehr starken Besuches dieser Schule bedeutend größere Kosten, als ursprünglich vorgesehen waren, erfordert, zu welchen aus Fonds des Bezirksverbandes noch ein Beitrag von 1500 Mark bewilligt und weiter, auf ein Gesuch des Kreisausschusscs zu Fulda, zur Errichtung einer gleichen Schule für die Kreise Fulda, Hünfeld, Gersfeld und Schlächtern ein Zuschuß zu den ersten Einrichtungskosten von 4000 Mark und zu den Unterhaltungskosten von jährlich 3000 Mark in Aussicht gestellt wurden.— Nach Vorlage eines Projektes und Kostenanschlages über die geplante Korrektion der Kinzig, welche nach und nach zur Ausführung gelangen soll, wurde zunächst für die in den am meisten' gefährdeten Gemarkungen Sal- münster und Soden gelegene Strecke eine Beihülfe von 15000 Mark bewilligt und für die spätere Korrektion bis Hanau eine solche bis zu 90000 Mark in Aussicht gestellt.
* — Zum Kapitel der unleserlichen Unterschriften. Daß die Forderung des Fürsten Bismarck in Bezug auf deutliche und leserliche Namensunterschrift bei amtlichen Schriftstücken nicht nur für die Beamten von Wichtigkeit und Interesse, sondern auch als eine berechtigte und nützliche für den Geschäftsverkehr des großen Publikums anzusehen ist, dürfte ein Vorkommnis beweisen, welches sich in Bebra ereignete und trotz seiner Einfachheit eine recht lehrreiche Sprache redet. Ein dortiger Kaufmann hatte von der Bahn eine Sendung Waaren avisirt erhalten und schickte nun einen Boten nach der Güter-Expedition, die Kollis abzuholen. Die Quittung auf dem Avis hatte der Geschäftsmann nun so flüchtig „hingekritzelt", daß der dienstthuende Beamte erklärte, die Namensunterschrift nicht lesen zu können, die Aushändigung der Sendung deshalb beanstandete und den Boten beauftragte, zunächst eine leserliche Unterschrift des Empfängers zu beschaffen. Der Bote that wie ihm geheißen, der Adressat, etwas ärgerlich über diese Forderung des Eisenbahnbeamten, korrigierte zwar die Namensunterschrift in deutliche Buchstaben, indessen ließ er sich dazu verleiten, auf den Zettel den Zusatz zu machen: Verstehen Sie kein Deutsch? — Durch diese unnöthige Bemerkung fühlte sich aber der Beamte in seiner Ehre gekränkt, machte der Staatsanwaltschaft Anzeige, und diese erhob Anklage gegen den Kaufmann wegen Beamtenbeleidigung. Das Gericht hielt ebenfalls unter den obwaltenden Umständen und nach Lage der Sache eine Ehrenkränkung des Beamten für thatsächlich festgestellt, nahm aber mildernde Um« 'tände an und verurteilte den Kaufmann zu einer Geldbuße von 30 Mark und in! die sehr erheblichen Kosten.
* — Ueber den Brand in Ulmbach, von dem wir in Nr. 15 kurz berichteten, gehen uns aus Ulmbach noch folgende Mittheilungen zu: Das Feuer entstand in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gegen 9 Uhr in der Heil'schen Scheune und war, wie man allgemein glaubt, durch böswillige Hand angelegt. Die Scheune stand dicht an einer der frequentirtesten Ortsstraßen. Leute, die noch einige Minuten vor dem Brandausbruch hier vorüber gegangen, haben weder Feuer noch Rauch wahrgenommen. Wie vom Blitz getroffen stand plötzlich das ganze Gebäude in Flammen. Bald bräunte es auch in dem ca. 20 Schritte entfernten Wohnhaus der Gebrüder Denhard. An ein Löschen war gar nicht zu denken. Die beiden Gebäude bräunten sammt ihrem Inhalt bis zu den Grundmauern nieder. Die Thätigkeit der Ulmbacher und der herbeigeeilten auswärtigen Feuerwehren, von denen besonders die von Sarrod ein doppeltes Lob verdient, war nun darauf gerichtet, das Weitergreifen des Feuers zu verhindern: doch gelang es nicht, das schöne, erst vor wenigen Jahren neu erbaute Heilsche Gasthaus zu schützen. Der Dachstuhl bräunte nieder und der übrige Theil des Hauses wurde erheblich beschädigt. Gegen 4 Uhr des Morgens war dem Feuer Einhalt gethan. Von den durch das Brand- unglück betroffenen Eigenthümern ist Denhard gar nicht und Heil nur schlecht versichert. Ersterer, der an sich in dürftigen Verhältnissen stand, ist nun um all seine Habe gekommen; doch hofft man, daß mitleidige Leute sich dieses schwer heimgesuchten Familienvaters erbarmen.