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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

As 15.

Mittwoch, den 19. Februar

1890

Berlin, 15. Februar. Es verlautet hier, daß der Kaiser in nächster Zeit den bekannten Großindustriellen V. Stumm in Neunkirchen besuchen und bei dieser Ge­legenheit eine Deputation der fiskalischen Bergarbeiter empfangen werde.

Berlin, 14. F-br. In der Eröffnungsrede des Staatsraths wird die vorliegende Aufgabe als eine ernste und verantwortungvolle bezeichnet. Der Schutz gegen die willkürliche schrankenlose Ausbeutung der Arbeitskraft, die Einschränkung der Kinderarbeit und die Berücksichtigung der Stellung der Frauen seien einer verbesserten Regelung fähig, wobei jedoch zu erwägen sei, in wie weit die Industrie die erhöhte Belastung der Produktionskosten zu tragen vermöge, ohne auf dem Weltmarkt beeinträchtigt zu werden. Nicht minder wichtig erscheine die Bildung von Arbeitervertretungen. Reben den Staat müsse aber auch der Schule und der Kirche ein weites Feld der segensreichen Thätigkeit bleiben. Für die Berathung der sofort einzubringenden Vorlagen bestimmt der Kaiser die Abtheilungen des Staatsraths für Handel und Gewerbe und für Ange­legenheiten der inneren Verwaltung, denen er sachver­ständige Personen zuweisen wird. Die Abtheilungen sollen am 26. Februar zusammentreten; zum Referenten ist der Oberbürgermeister Dr. Miguel, zum Korreferenten der Geheime Rath Jenke vom Kaiser bestimmt worden.

Eine Kabinetsordre erstreckt sich über die Be­strafung wegen Mißhandlung Untergebener. Jedem Soldaten solle eine gesetzliche, gerechte und würdige Behandlung zu Theil werden, weil dieselbe die Grund­lage der Dienstfreudigkeit und Hingebung au den Be­ruf ist und die Liebe und das Vertrauen zu den Vor­gesetzten -weckt und fördert. Falls Fälle fortgesetzter systematischer Mißhandlung Untergebener hervortreten, haben die kommandirenden Generäle zu berichten, wen die Verantwortung trifft und was gegen denselben ver­anlaßt werde. Eine weitere Kabinetsordre ordnet einen neuen Armecsattel sowie tragbares Schanzzeug bei der Kavallerie an.

Hamburg, 13. Febr. Auf dem DampferRhaetia" traf aus New-Dork Michael Schieber ein, welcher in Bayern zwei Morde verübt hatte und dann nach Amerika entflohen war. Schieber wurde in Minnesota verhaftet. Unterwegs war der Verbrecher in Eisen gelegt.

Oldenburg. Ueber die Verhaftung des Ober­bürgermeisters von Oldenburg, Frhrn. v. Schrenck, die natürlich allerwärts großes Aufsehen erregt, sind die verschiedensten Gerüchte im Umlauf. Der Oberbürger­meister soll einen Beamten zu bewegen gewußt haben, ihm aus dem von dem letzteren verwalteten Depositen- depot etwa 12 bis 15,000 Mk. ansznhändigen, welche letztere der Oberbürgermeister für sich verkauft und verwerthet haben soll. Ueber die Lebensführung des Herrn v. Schrenk heißt es im Gegensatz zu den ersten Nachrichten, daß derselbe seit Jahren einen Aufwand gemacht habe, der weit über seine Vermögensverhältnisse Hinausging. Bei Handwerkern und Kaufleuten wurde ihm schon seit langem kein Kredit mehr gewährt.

Aus Schleswig, 3. Februar. Ein düsteres Geheim­niß, das Jahre lang in tiefes Dunkel gehüllt war, hat sich endlich gelichtet. In den 70er Jahren fand man in der Schlei die Leiche des braven, arbeitsamen Fährmanns in Sieseby bei Schleswig. Ein mit einem Stein beschwerter Strick lag um den Hals des Alten, sein Fährboot, in welchem sich seine Holzschuhe be­fanden, trieb herrenlos auf der Schlei umher. In der Gegend verbreiteten sich allerlei unheimliche Gerüchte, doch war damals ein Verbrechen nicht nachweisbar. Man vermuthete einen Selbstmord, obwohl der Alte sich seines tadellosen Rufes erfreute, und die Leiche wurde als die eines Selbstmörders ohne Sang und Klang an der Kirchhofsmauer beerdigt. Jetzt ist nach einem halben Menschenalter Licht in die dunkle Angelegenheit gebracht. Nach schweren Leiden starb dieser Tage die Schwiegertochter des Fährmanns; von Gewissensbissen gefoltert, gestand dieselbe in ihren letzten Stunden, in Gemeinschaft mit ihrem Geliebten, einem pensionirten Sergeanten, den alten Schwiegervater in seiner Be­hausung erdrosselt und die Leiche in die Schlei ge­stürzt zu haben. Der an der Blutthat beseitigte Sergeant, ein verkommener Mensch, ist schon vor längerer Z it eines qualvollen Todes gestorben. Das jpätk Grstäudniß erregt großes Aufsehen.

Schleswig. Von einem seltsamen Unfall ist, wie man aus Satrup schreibt, die Familie des Hanshalters Schwansen auf Schönhagen betroffen worden. Der Mann, im Begriff eine Kuh zu schlachten, wurde von dem noch nicht verendeten Thier so unglücklich ge­stoßen, daß er sich das Schlachtmesser selbst tief in's Herz stieß und mit den Worten:Jetzt schlachtet Ihr doch die Kuhich sterbe" vor den Augen seiner Kollegen entseelt zu Boden sank. Der Bedauernswerthe hinter­läßt Frau und mehrere Kinder.

Leipzig. Die Polizei hat einen von auswärts wegen Unterschlagung steckbrieflich verfolgten Uhrmacher fcstge- nommen, welcher bei näherer Untersuchung außer einem Winterüberzieher und einem Tuchanzug nicht weniger als 9 Hemden, 4 Unterbeinkleider und auf der Brust wollene Socken und eine Anzahl Taschentücher trug. Die Antwort auf die Frage bes Polizeibeamten über das Auffällige dieser Bekleidung lautere dahin, daß sich der Aufgegriffene vor derInfluenza" habe schützen wollen. Die Sache klärte sich indessen anders auf, denn der fatale Steckbrief schildert den Verfolgten alsmager".

Aus Sachsen. DerApostel Petrus" verhaftet. Vor kurzer Zeit kam Abends zu einer Wittwe in S. bei E. deren Mann eben erst beerdigt worden war, eine Männergestalt in langem Kleide mit einer goldenen Krone auf dem Haupte und einem Schlüsselbund in der Hand, welche der Frau mittheilte, sie, die Gestalt, sei Petrus. Der verstorbene Mann habe nicht recht gelebt und könne nun nicht in den Himmel kommen. Es ginge dies aber noch zu machen, wenn die Frau 300 Gulden zahle. Die Frau hatte nur 30 Gulden im Hause, die herzugeben sie gern bereit war.Petrus" meinte nun, es wäre doch wenigstens etwas, da komme der selige Mann halt eine Stufe weiter. Die Frau hatte noch Sparkassenbücher und versprach, die fehlende Summe zu beschaffen.Petrus" versprach wiederzukommen und sich das Geld zu holen. Die Frau versuchte auf der Sparkasse das Geld zu erheben; es ging dies aber nicht so leicht; denn sie müsse, wie ihr mitgetheilt wurde, das Geld erst kündigen. Die Frau weinte und erzählte auf Zureden ihr Anliegen. Der Beamte gab der Frau einstweilen eine kleinere Summe, benachrichtigte aber die Gendarmerie, und als der Abend gekommen war, wo Petrus" das Geld abholen wollte und die Frau in dessen Gegenwart das Geld aufzählte, wurde der Gauner, welcher sich als ein Nachbar der gcängstigten Frau ent­puppte, von einnn Gendarmen verhaftet.

Görlitz, 8. Februar. Zwei Pfennige per Postan­weisung erhielt demN. Görl. Anz." zufolge vorgestern ein hiesiger Kaufmann aus einer auswärtigen Konkurs­masse zugesandt. Da für Abtrag bekanntlich fünf Pfen­nige zu entrichten sind, so mußte der Adressat wohl oder übel noch drei Pfennige zulegen.

Aus Schlesien. In Weichau trieb seit länger als einem Vierteljahr ein nächtlicher Ruhestörer sein Un­wesen. Derselbe schrieb Schmäh- und Brandbriefe, warf Fenster ein und verübte auch Brandstiftungen. Trotz ausgestellter Wachen war es nicht möglich, des Burschen habhaft zu werden. Wiederholt sind Ver­haftungen vorgenommen worden, doch resultatlos. Ende voriger Woche ist es nun gelungen, die Uebelthäter dingfest zu machen. Es sind zwei unreife Burschen im Alter von 14 und 15 Jahren, die Söhne eines Restaurateurs. Dem Amtsvorsteher gegenüber haben die Burschen angegeben, daß sie zusammen 26 Schmäh- und Brandbriefe abgesandt haben. Der eigene Vater hat, ohne es zu wissen, Bote sein müssen. Die Un­holde legten die mit einer bestimmten Adresse versehenen Briefe vor die Thür des elterlichen Hauses. Auf der Rückseite fand sich für den Finder der Vermerk, daß, wenn er den Brief nicht an seine Adresse besorge, ihm das Haus über den Kopfe angezündet werden würde. Zu ZawisS kam, wie derObcrschlcsische Anz." meldet, in voriger Woche ein Kind mit drei Augen zur Welt. Sechs Finger an jeder Hand hat ein Söhn- chen der Wittwe Gaida in Moschezenitz aufzuweisen.

VoA Rhein. Prophezeihungen, besonders solche über große europäische Kriege, sind schon lange vor dem seligen Schäfer Thomas gemacht und von zahlreichenGläubigen" als untrüglich mit ernstem Angesichte gelesen und gehört worden. In allen Gegenden finden sich derartige Prophezeiungen, die die zukünftigen Ereignisse ausmalend und die handelnden

Personen märchenhaft beschreibend, im Volksgemüth Jahrhunderte haften. Eine höchst sonderbare Prophe­zeiung dieser Art geht der Kreiszeitung" vom Nieder- rhein zu. Die Punkte sind als sichere Anzeigen des Kriegesdabelbesonders erwähnenswerth und charakteristisch:

1) Es wird ein Kongreß in Brüssel stattfinden.Alle Welt wird Frieden schreien und gerade dann steht der Krieg vor der Thür." 2) Ein kleines Land wird die Ursache des Krieges sein. 3) Dem großen Kriege wird ein ungewöhnlich warmer Winter vorhergehen. Schon im März werden sich die Kühe im Grase wälzen." Der Schauplatz des Krieges soll die Rheingegend sein. Die Preußen, heißt es, erlitten zu­nächst schwere Verluste, bis sie fast ganz aufgerieben wären, würden aber zuletzt siegen. Man werde sie vom Rhein bis an den Birkenbaum treiben, wo die Schlacht zum Stehen käme. Nach langem hin und her wogendem Kampfe bringt ein Mann auf weißem Schimmel dem siegreichen jungen Fürsten die Kunde, daß die Feinde den Rückzug antreten. Während er ihm die Botschaft bringt, schnapptdas Pferd desFürsten nach einer Hafergarbe, zugleich fällt ein Schuß und das Pferd wird demFürsten unter dem Leibe erschossen. Der junge Fürst trägt weiße Uniform und steigt rechts auf das Pferd, denn da er die linke Hand nicht ge­brauchen kann, hält er sich beim Aufsteigen mit der rechten an der Mähne des Pferdes fest. Die ent- scheidene Schlacht fällt aber zuletzt so siegreich aus, daß die Feinde fast vollständig aufgerieben werden. Der junge Fürst spricht knieend sein Dankgebet vor einem am Wege stehenden Kruzifix. Endlich läßt ein ungetrübter langer Frieden das verwüstete Deutschland in niemals zuvor gesehenen Glänze erstrahlen. So die am Rhein umlaufendenWeisagungen". Es ist begreiflich, daß das Volksgemüth viele Anknüpfungs- Dunfte findet, welche darthun, daßdie Zeit gekommen ist."

Oppenheim, 10. Februar. Vor etwa 5 Jahren brachen aus dem Mainzer Provinzialgefängniß vier be­rüchtigte Einbrecher in einer verwegenen, kaum glaub­lichen Weise aus. Diese vier Gesellen, welche sich im Gefängniß kennen gelernt hatten, verübten bald darauf in dem benachbarten Dexheim am hellen Tage einen Raub und nur dem Zufall war es zu danken, daß der Ueberfallene am Leben blieb. Drei dieser ge­fährlichen Einbrecher fielen der Polizei in die Hände, der vierte und schlimmste, Namens Gebhard, wußte sich so geschickt zu verbergen, daß er unbemerkt blieb, Tag und Nacht wurde nach ihm gefahndet; die Bauern zogen mit Pistolen und sonstigen Gegenständen be­waffnet aus, um ihn zu fangen, aber Alles vergebens. Er flüchtete sich in's Ausland, wo er sich mit falschen Papieren bis jetzt umhertrieb. In Paris wurde er krank und bald erlitt er einen Schlaganfall. Dieser Umstand zwang ihn, nach der Heimath zurückzukehren, wo er gestern Abend von der Polizei dingfest gemacht wurde.

Lokales und Provinzielles.

In Ulmbach bräunten am Samstag Abend zwischen 9 und 11 Uhr ein Wohnhaus und zwei Scheu­nen ab.

Gelnhausen, 11. Febr. Das HotelHessischer Hof" ist für den Preis von 60,000 Mark in den Besitz deS Herrn Rupperti aus Fulda übergegangen.

Hanau, 17. Febr. Im Wahlkampf werden die Gegensätze, welche zwischen den Anschauungen zu bestehen pflegen, gewöhnlich bis auf'S Aeußerste verschärft. Um so bemerkenswerther ist es, wenn solche Gegensätze auch einmal überbrückt werden. Hier hat sich ein derartiger Fall ereignet. Die Zentrumswähler erklären, bei der Wahl am 20. d. M. für den freisinnigen Bürgermeister Nickel hier zu stimmen. Herr Nickel gehört der Frei­maurerloge an und ist sogar Meister vom Stuhl.

Hanau, 12. Febr. In einer durch verschiedene Zeitungen gegangene Mittheilung über die Ausdehnung, welche die Diamantschleiferei in Antwerpen gewonnen, kam unter Anderem auch folgender Passus vor:In Deutschland werden Diamanten von geringerem Werthe in Hanau geschnitten." Eine Mittheilung des Hauses Gebr. Hony u. Co. in Hanau weist diese Angabe als durchaus falsch zurück. Weder seien die Preise, welche in Hanau an die Schleifer gezahlt werden, niedriger,