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Die Botschaft des Kaisers.
Die Thätigkeit des vor drei Jahren gewählten Reichstags hat nunmehr ihren Abschluß gefunden. Der Bedeutung seiner Leistungen sowie der Zeit, während welcher er thätig war, entsprach es, daß der Kaiser das Bedürfniß empfand, dem Reichstage ein Abschiedswort zuzurufen, welches gleichbedeutend für das, was hinter uns liegt, wie für die Zukunft ist.
Der Kaiser hat den Reichstag noch einmal um sich versammelt, um ihm für das, was er gethan, seinen Dank auszusprechen. Er dankt zunächst dem Volke für die bei dem großen erschütternden Ereignissen des Jahres bewiesene Treue und starke monarchische Gesinnung, welche den jähen doppelten Thronwechsel überwinden half, und w-lche in dem Verhalten des Reichstags einen deutlichen Ausdruck fand. Weiter aber dankt er dem Reichstage für seine Thaten auf dem Gebiete der Vervollkommnung der Wehrkraft und der sozialpolitischen Reform. In der That überragen die Leistungen des Reichstags auf diesen Gebieten Alles, was bisher einer Volksvertretung in der kurzen Spanne dreier Jahre zu schaffen möglich gewesen. Auf dem ersteren Gebiete hat er sich durch das, was er bewerkstelligt, nach dem Zeugniß des Kaisers für die Erkaltung des Friedens und für die Stärkung der Welt- stellung des Reichs nach Außen verdient gemacht, während er auf dem Gebiete der Sozialreform für die Förderung des inneren Friedens hervorragend wirksam gewesen.
* Aber der Kaiser erkennt in seiner Botschaft auch an, daß namentlich in letzterer Beziehung noch Vieles zu thun übrig bleibt und daß er von dem zukünftigen Reichstag noch Manches zu erwarten hat. Die Wärme, mit der der Kaiser bei dieser. GelegLuheit von Neuem i stin Jntcrressc für die Befriedigung der berechtigt-n Wünsche der arbeitenden Klassen bekundet, bezeugt, welchen hohen Werth er gerade auf die befriedigende Gestaltung ihrer Lage legt. Er hofft, daß die arbeitenden Klassen aus dem, was bereits für sie geschehen, die Gewißheit erlangen werden, daß die gesetzgebenden Gewalten für ihre berechtigten Interessen ein warmes Herz haben und daß sie eine befriedigende Gestaltung ihrer Lage nur auf dem Wege friedlicher und gesetzmäßiger Ordnung erlangen werden. Angesichts der neuen Bewegung in den Kohlengebieten werden diese Worte gewiß allenthalben bei den Wählern und den zu wählenden Abgeordneten sowohl, wie bei den Arbeitern selbst, als väterlich mahnende erkannt und beherzigt werden, zumal der Kaiser erklärt, daß der folgende Reichstag für die auf diesem Gebiete nothwendigen Verbesserungen wirksame gesetzliche Formen zu schaffen berufen sein werde.
Hiermit hat der Kaiser deutlich auf die Bedeutung der bevorstehenden Wahlen hingewiesen: wie er es als seine „ernste und erhabene Aufgabe" betrachtet, auf die Erfüllung der hiermit verbundenen Hoffnung hinzu- wirken, so werden die Wähler es auch ihrerseits als eine ernste und erhabene Aufgabe betrachten, ihrerseits auch das Ziel verwirklichen zu helfen.
Es war zwei Tage vor seinem Geburtstage, daß unser jugendlicher Kaiserlicher Herr mit so deutlichen und mahnenden Worten sein hohes Jnterresse für die Arbeiterfrage bekundete. Wahrlich ein schöneres Zeugniß von der Auffassung seiner hohen Pflichten, die dem Monarchen gerade in dieser Zeit erwachsen, hätte er nicht ablegen können, als dadurch, daß er, fast alle anderen Fragen in den Hintergrund stellend, gerade nach dieser Richtung hin ein Bekenntniß ablegt, welches seiner Weisheit wie seinem Herzen in gleicher Weise zur hohen Ehre gereicht. Aber diese Kundgebung kaun denjenigen nicht überraschen, welcher auf die bisherige Regierungszeit und auf das letzte Lebensjahr des Hohen Herrn zurückblickt. Wie er bei seiner Thronbesteigung sich sogleich zu dem Antritt des sozialpolitischen Vermächtnisses seines Großvaters bekannte, so hat er seitdem keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um seine Gesinnung in dieser Beziehung auch zu bethätigen. Bei der Huldigung der Breslauer Arbeiter im Nov. 1888 betonte er von Neuem: „Ihm liege das Wohl der Arbeiter am Herzen." Die Einbringung und Verwirklichung des Jnvaliditats- und Altersversicherungs- gtsttzeS war vor Allem dem lebhafte« Interesse des
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Januar. Der „Neichsanzeiger" veröffentlicht folgenden Erlaß des Kaisers:
In Meinem Schmerze um den Verlust der erst vor Kurzem zur ewigen Ruhe Heimgegangenen geliebten Großmutter, der Kaiserin unö Königin Augusta Majestät, und unter dem ergreifenden Eindruck des so schnellen Hinscheidens mehrerer Meinem Herzen nahestehender Fürstlichkeiten konnte Ich Meinem diesjährigen Geburtstage nur mit wehmüthigen Empfindungen entgegen gehen. Wenn jedoch etwas geeignetes war, Mich an diesem Tage freudiger zu stimmen, so ist es die herzliche Theilnahme und die treue Anhänglichkeit gewesen, welche Mir wi derum aus dem engeren und weiteren Vaterlande, sowie von außerhalb lebenden Deutschen in mannigfaltigster Art zum Ausdruck gebracht worden sind. Es sind Mir von Gemeinden, Vereinen, Fest- gesellschaften und einzelnen Personen Glückwünsche, zum Theil in poetischer Form, und Spenden in einer Fülle zugegangen, daß es nicht möglich ist, alle diese Kundgebungen im Einzelnen zu beantworten. Ich wünsche aller Allen, welche Mir so liebevolle Aufmerksamkeiten erwiesen haben, Meinen innigsten Dank zu erkennen zu geben und ersuche Sie daher, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.
Berlin, den 29. Januar 1890.
An den Reichskanzler. Wilhelm R.
Berlin, 31. Jan. Se. Majestät der Kaiser hat den Reichskanzler Fürsten Bismarck auf sein Ansuchen von dem Amt als Minister für Handel und Gewerbe entbunden und den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Freiherrn von Berlepsch, zum Minister für Handel und Gewerbe ernannt.
— Die Ausgabe des neuen, kleinkalibrigen deutschen Repcticrgcwehres an die Truppen beginnt nächste Woche. Das Gardekorps macht den Anfang, man nimmt an, daß bis zum 1. April d. J. die gesammte Friedens- armee im Besitze der neuen Waffe ist, mit deren Einübung durch die Reserven diesmal ein von der bisherigen Weise abweichender Modus Platz greifen soll. Die zur Ausgabe gelangenden Gewehre sind ausschließlich in den Fabriken zu Sp^ndau, Erfurt und Danzig hergestellt, so daß die Lieferung durch die österreichische Waffenfabrik in Steyr ganz außer Betracht bleibt Es ist damit Deutschland zum zweiten Male gelungen, das Geheimniß über den Gang der Neubewaffnung bis zur vollendeten Thatsache zu wahren und die viel früher begonnene französische zu überholen.
Staßfurt, 2. Februar. Im Jlgensteinschen Lokale in der Zollstraße fand gestern Abend eine Volksversammlung statt, in welcher der sozialdemokratische Hutmacher Heine,Halberstadt über die Themata „Was uns der letzte Reichstag gebracht hat" und die „Wahlagitation
Kaisers an dies-r Organisation zu danken. Der Ausstellung der Unfallverhütung widmete der Kaiser seine besondere Aufmerksamkeit: den Ver-anstaltern erklärte er in einer Audienz, die Arbeiter seien so gut seine Unterthanen wie die Arbeitgeber, und man müsse den Arbeitern die Ueberzeugung verschaffen, daß sie ein gleichberechtigter Stand seien. Und als im Mai die.Arbeiterbewegung in den Kohlengebieten ihren Anfang nahm, gewährte er Deputationen von Arbeitern und Arbeitgebern Audienzen, das ungesetzliche Verhalten der Ersteren zwar energisch tadelnd, aber den Letzteren gegenüber die Pflicht betonend, für das Wohl der Arbeiter nach besten Kräften zu sorgen.
Die Botschaft, mit welcher der Kaiser den Reichstag entließ, ist ein neuer Beweis von der fürsorglichen Gesinnung des Monarchen, der immer und immer wieder die Nothwendigkeit betont, den bedürftigen Gliedern seines Volks Sicherung ihrer Zukunft zu verschaffen. Diese Kundgebung und die darin liegende Mahnung an das gesammte Volk ist wie ein Geschenk zu betrachten, welches der jugendliche Kaiser zu seinem Geburtstage den arbeitenden Klassen gemacht hat. Mögen diese Gesinnungen und Thaten bald auf fruchtbaren Boden fallen und erkennen lassen, daß das Volk auch in diesem Punkte mit seinem Kaiser einig ist, welchem Gott auch in seinem neuen Lebensjahre Kraft und Gesundheit für die Verwirklichung seiner hohen Ziele schenken möge!
zum neuen Reichstag" sprechen wollte. Lange vor Eröffnung soll nun der an und für sich für große Versammlungen wenig geeignete Saal derartig besetzt gewesen sein, daß die Polizei aus Gründen der persönlichen Sicherheit den ferneren Zutritt verweigerte. Die Straße war schwarz von Menschen, die noch hinein wollten. Um Ausschreitungen vorzubeugen, durfte Niemand vor dem Lokal still stehen bleiben. Durch einen noch jungen Arbeiter aufgehetzt, zog nun vom Bahnhof her ein Troß Menschen heran. Die Ermahnung, den Verkehr in der Straße frei zu lassen, wurde mit Pfeifen und dem Ruf: „Alle für Einen und einer für Alle!" beantwortet. Dies veranlaßte die Polizei, da durch die parallel gelegene Grenzstraße genügend für Kommuni- kation gesorgt war, die Zollstraße gänzlich zu sperren. Mit Hurrah und Johlen stürmte nun der ganze Schwärm, unter dem sich auch Weiber und Kinder und eineganzeAnzahl bekannter Radauhelden befanden, über den Grenzgraben nach Leopoldshall. Unter einem Heidenlärm wurde von dem neutralen Gebiet aus die Polizeimannschaft nach Kräften verhöhnt. Plötzlich vernahm man den Ruf nach Steinen. Hierauf trat der anwesende Polizeiwachtmeister dicht an die tumultirende Menge heran und sagte: „Ich kann Sie nur ernstlich warnen: beim ersten Stein, der kommt, machen wir von der Schußwaffe Gebrauch! Leider blieb auch diese letzte Mahnung ohne Erfolg, denn kurze Zeit darauf hatten geschäftige Hintermänner genügend Steine herangeschleppt vom Kanälbau, und nun wurde die Polizei mit einem Steinhagel überschüttet. ■ Selbst Weiber haben mitgeworfen. Da riß den Polizeibeamten die Geduld. Piff! paff! puff! knallten die Schreckschüsse mit Platzpatronen, die, da Niemand fiel, mit neuem Gekreisch und Hurrah und Steinwürfen beantwortet wurden. Dann fielen scharfe Schüsse, etliche in flagranti ertappte Rädelsführer wurden festgcnommeu. Die Polizei, mußte sich jedoch zurückziehen, einige Beamte waren durch Steinwürfe oder mit dem Messer verwundet worden. Einer von ihnen erhielt einen Stein gegen den Helm, einer wurde ernstlich im Gesicht verletzt. Zur Aushülfe mußte nun die städtische freiwillige Feuerwehr alarmirt werden, was natürlich, da es mit der großen Glocke stürmte, noch einen Haufen Menschen daneben auf die Beine brächte. Endlich aber konnte die Ruhe wieder hcrge- stellt werden, nachdem auch die Leopoldshaller Schutz- mannschaft thatkräftig mit eingegriffen hatte. Selbstverständlich sind auch mehrere der Excedenten verwundet, die sich j-doch noch nicht gemeldet haben.
Erfurt, 30. Januar. Ein baierisches Mädchen, welches in Hochheim bei Erfurt in Dienst stand, sah der Stunde ihrer Entbindung entgegen. Nach Hause durfte sie sich nicht wagen, sie fürchtete den Zorn ihres Stiefvaters. Sie irrte umher und nächtigte vierzehn Mal unter einer Brücke, welche im Erfurter Fortifi- kationsglacis über die Gera führt. Als heute Vormittag ein Gendarm die Bedauernswerthe entdeckte und anrief, sprang sie kurz entschlossen in das tiefe reißende Wasser und schwamm davon. Doch die Strömung trieb sie wieder dem Ufer zu, so daß der Gendarm sie retten konnte. Auf der Lagerstätte fand er ein Bündel Lumpen, in welche die Magd ihr Kind zu hüllen gedachte, sowie ein Körbchen, in welchem sich außer einer Photographie der Lebensmüden Kinderwäschestücke befanden. Man brächte die Gerettete in einem Krankenhause unter.
Aus Naumburg wird geschrieben was folgt: Noch ist nicht die Allerhöchste Entschließung endgültig erfolgt, ob und welche Jügei bataillone nach den Reichslanden verlegt werden sollen, aber schon treffen die Dienstmädchen alle Vorkehrungen, um von den Ereignissen nicht überrascht zu werden. Wie in anderen Häusern, so hat auch in einer Kaufmannsfamilie ein Mädchen, das fünf Jahre bereits treu ausgehalten hatte, gekündigt, um am 1. April bei einer Offiziersfamilie Dienst zu nehmen und mit dieser eventuell auszurücken. Warum? Darum!
Bolkenhayn, 30. Jan. Als dieser Tage in Bolken« Hahn aus Anlaß einer Beisetzung eine Familiengruft geöffnet wurde, vernahm der Todtengräber ein Geräusch in einem Sarge. Aufs höchste erschreckt, holte er schnell Hülfe herbei. Die Untersuchung ergab, wie das „Hirsch- berget Tageblatt" berichtet, daß ein Fuchs, der durch einen Abzugskanal in die Gruft hineingekommen war, das Fußende des Sarges durchbrochen und sich dann