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M 8.

Samstag, den 25. Januar

1890.

RostoNlirin^l auf bie »Schlüchterner Z-ilung ^viltUuciytH werden noch fortwährend von allen ..-- -^ Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Rudolstadt, 20. Januar. Gestern verstarb der regierende Fürst Georg Albert von Scywarzburg-Rudol- stadt in Folge eines SchlagflusseS. (Der Fürst ist am 23. Nov. 1838 geboren und hat somit ein Alter von nahezu 52 Jahren erreicht.)

In Altenburg ist der ProduktenhäMer Bärschneider zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt worden, weil er Magarine fürfeinste holländische Tafelbutter" ver­kauft hatte.

In Gotha sind im letzten Jahre 128 Leichen ver­brannt worden. Im Ganzen haben bis jetzt dort 917 Feuerbestattungen stattgesunden.

Weimar, 20. Januar. Ein reisender Handwerks­bursche hat kürzlich, von Gewissensqualen gefoltert, freiwillig das Geständnis; abgelegt, im Jahr 1884 in Rudolstadt, wo er ansässig war, seine Schwiegermutter erdrosselt und die Leiche in die Saale geworfen zu haben. Er heißt Eduard Müller und ist bereits mit 5 Jahren Zuchthaus vorbestraft. Natürlich ist der Verbrecher ins Landgerichtsgefängniß gebracht worden.

Aus Reichenbach i. V. ist seit dem 2. ds. Mts. die 23 Jahre alte Dienstmagd Fritzsche spurlos verschwun­den. Es ist dies seit dem 28. November 1888 der 3. Fall, daß aus dortiger Gegend junge Mädchen auf räthfelhafte Weise verschwinden.

Witteuberg, 18. Jan. Ein hiesiger Fischhändler hat an seinen Wirth, für die Erlaubniß, auf dem Hofe einige Fässer lagern zu dürfen, täglich einen Hering als Miethszins zu entrichten. Die Heringsmicthe wird pünktlich jeden dritten Tag vom Empfänger al gehoben.

Hamburg, 21. Januar. Die auf Veranlassung der hiesigen Rhedereien von Antwerpen requirirten, heute hier eingetroffenen Feucrleute weigerten sich, zu dem Lohne von 75 Mark die Arbeit aufzunehmen. Als sie von diesen Lobnverhültnissen Kenntniß erhielten, ver­langten sie von den Rhedern freie Rückreise und Ent­schädigung. Auch die Negerheizrr auf derElla Wör- mann" strikten ebenfalls und wollen nur bei einem Lohne von 85 Mark anmustern. Abends fand eine allgemeine Versammlung der Strikenden statt.

Küstriu, 20. Januar. In dieser Nacht wurden aus dem hiesigen Postgebäude vermittelst Einbruchs 3 Fässer Geld, welches hier für die hiesige Militärbe­hörde ciugegangcn war, gestohlen. Die Diebe hatten das Geld durch ein Giebelfenster in einen am Postge­bäude belegenen Garten hinausgewonen, von da halten sie die schweren Fässer über einen Zaun in einem zweiten Garten gebracht und dort in eine Vertiefung zwei der Fässer Hinciugcpackt, das dritte Faß hatten die Einbrecher ein Stück weiter in ein altes Wasserfaß hineingestellt. Jedenfalls sind die Diebe nicht ganz sicher gewesen und haben von den Weitertransport Ab- stand nehmen müssen. Der Diebstahl wurde schon Nachts 12 Uhr bemerkt,.und die hiesige Polizei besetzte die ganze Umgegend des Postgebäudes. Früh beim Absuchen des TerrainS fand man die Fässer unversehrt por. Das gestohlene Objekt betrug über 30000 Mk.

Kottbus, 19. Januar. Eine kaum glaubliche kühne That wurde von zwei Sträflingen auf dem Transport von Dessau in die hiesige Strafanstalt ausgeführt. Dieselben befanden sich in Gesellschaft von noch etwa b0 Gefangenen und zwar zu je zweien an einander geschlossen. Auf der Fahrt von Halle nach hier ge­lang es dem gedachten Sträflingspaar, das nch im letzten Wagen des Zuges befand, unbemerkt zwischen Gollmitz und Finsterwalde zu entspringen. Sie hatten sich auf die Plattform des Wagens geschlichen und von hier aus einen Sprung in die Freiheit, während der Zug in vollem Fahren war, gemeinsam ausgeführt. Die Flucht der beiden Verbrecher war so geschickt ein- gefädelt, daß dieselbe erst später bemerkt wurde, so daß erst von Kalau aus die Flucht telegraphisch ge­meldet werden konnte. Da dieselben an einander ge­schlossen, dürften sie allerdings nicht weit kommen.

Elbrrseld, 16. Jan. Am Montag starb hier plötzlich der Restaurateur Nehl. Derselbe hatte . zur Linderung rheumatischer Schmerzen ein von einem Dr

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 23. Jan. Der heutige Tag wird in der städtischen Chronik sicherlich roth angestrichen werden und in dem Gedächtniß der Bewohner unserer Stadt noch lange fortleben. Denn eine solch' gewaltige Wasserfluth, wie sie heute zu schauen war, ist nach dem Zeugniß der ältesten Leute unserer Stadt noch nicht dagewesen. Nachdem gestern und in voriger Nacht etwas Schnee gefallen war, trat heute Morgen ganz plötzlich Thauwetter ein, der Schnee auf den Bergen und Hängen schmolz rapide, dazu trat noch Regen und in Folge dessen waren alle Wasserläufe bald bis zum Ueberlaufen gefüllt. In der Stadt selbst stieg das Grundwasser in viele Keller, so daß dieselben schleu­nigst ausgeräumt werden mußten. Ein wolkenbruch- artiger Gewitterregen am Nachmittag verstärkte noch die Wassermassen und zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags trat die Katastrophe ein. Das ganze Thal wurde in kurzer Zeit ein See, inmitten dessen die Stadt auf einige Zeit von allem Verkehr mit der Außenwelt ab­geschlossen lag. Aber nicht nur über die Wiesen und Felder, auch durch die Straßen ergoß sich die wilde Fluth, besonders durch die Krämer-, Wasser- und Unter­gasse, sowie quer über die Bahnhofstraße. Der Elmbach, schon stets wegen seiner bösen Mucken von früher her gefürchtet, überflutete den Damm gegenüber der Jost- schen Mühle, welcher ihn beiHochwasser von dem durch!

Mylins in Leipzig in den Handel gebrachtes Mittel gebraucht, welches u. A. Colchicin enthält, einen aus der Herbstzeitlose hergestellten giftigen Stoff. Die Gebrauchsanweisung des Liquer Colchici cornpositus, wie das Mylius'sche Präparat heißt, warnt, innerhalb 24 Stunden mehr als zwei Theelöffel voll einzunehmen. Nehl hatte diese Dosis bedeutend überschritten und die Folge war eine Herzlähmung durch Vergiftung. Die Staatsanwaltschaft hat die Obduktion der Leiche an­geordnet.

Aus Bayern wird demB. T." geschrieben: Wie im vorigen Jahre, hat auch Heuer der Erzbischof von München-Freising am Sonntag die Verlesung eines Hirtenbriefes über die gemischten Ehen von allen Kanzeln seiner das halbe diesrheinische Bayern umfassen­den Erzdiözese angeordnet, in welchem den Katholiken kundgegeben wird, daß eine Dispensation von dem kirchlichen Verbote der Eingehung einer gemischen Ehe nur statt finden könne, wenn der katholische Ehetheil ge­lobt, mit allen Mitteln dahin zu streben, daß der protestantische in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche zurückkehre. Vergebens hatte das königlich pro­testantische Oberkonsistorium in München im Februar v. I. gegen dieses erzbischöfliche, die Protestanten in Bayern tief-verletzende, den ehelichen Frieden gefährdende Vorgehen Stellung genommen. Vergebens hat die protestantische Generalsynode im vergangenen Herbst eine ebenso bestimmte als ruhige Kundgebung dagegen erlassen. Der neue Erzbischof von München-Freising findet es trotz seiner vielgerühmten friedlichen Ge­sinnung für angezeigt, seine kaum begonnene Amts­führung durch diese ausdrücklich von ihm wieder ange- ordnete Verlesung deutlich zu charakterisiren. Aus diesem Anlaß wurde am Sonntag von allen pro­testantischen Kanzeln in Bayern eine Ansprache des königlichen protestantischen Oberkonsistoriums an die Ge­meinden verlesen, in welcher dasselbe diesen erneueten Angriff kennzeichnet und zum Festhalten am evange­lischen Glauben ermähnt. Ein solcher Schritt unserer obersten protestantischen Kirchenbehörde ist ein viel­sagender Beweis dafür, wie ernst auch von dieser Seite die gegenwärtige kirchliche Lage in Bayern angesehen wird.

Nürnberg, 19. Januar. Ein allerliebstes Ge- schichtchen wird aus der Gemeindevertretung unseres Nachbarstädtchens Schwabach berichtet. Auch dort war die Errichtung eines VolkSbades angeregt worden, diese Anregung wurde aber von einem der Stadtväter ganz entschieden bekämpft. Derselbe führte in längerer Rede überzeugend aus, daß durch solche Volksbäder die Lage der ärmeren Klassen nicht verbessert, sondern nur ver­schlechtert werde. Wenn nämlich so ein armer Teufel gebadet hat, so bekommt er auf das Bad stärkeren Hunger und ist dann übler daran, denn zuvor!

die Stadt führenden und zu einem Kanal umgebauten alten Flußbett abhalten und in das erst vor einigen Jahren mit großen Kosten um die Stadt herum aus­gegrabene neue Bett ableiten soll. In kurzer Zeit war die Krämergasse ein brausender Strom, der in seinem reißenden Laufe Balken, Baumstämme und Zäune mit sich führte und große Löcher ins Pflaster riß, dabei den Verkehr mit dem am Hcideküppel gelegenen Stadttheil unterbrechend. Die Anwohner dieser Straße, sowie der Schmieds-, Ober-, Unter- und Wassergasse schwebten in taujenb Acngsten, denn das wilde Wasser drang in die Häuser und mußte deshalb das Vieh ausquartiert werden. Eben so schlimm sah es an der Bahnhofstraße aus, welche vom Struthbach durchschnitten wird. Als die Wiesen und Gärten überschwemmt waren und die Durchlässe das steigende Wasser nicht alle fassen konnten, wurde die Straße 23 Fuß hoch unter Wasser gesetzt, ein reißender, 6700 Fuß breiter Strom, der mit dem frisch aufgeschütteten Gestein der Straße die dahinter liegenden Wiesen und Aecker überschüttete, dabei tiefe Löcher in das Banket reißend. Die Häuser in der Nähe des Baches liefen Gefahr, unterwaschen und fortgespült zu werden. Doch dauerte zum Glück die kritische Lage nicht lange, denn nach einer Stunde fing das Wasser an zu fallen und bald konnte die Bahnhofstraße wieder begangen werden. In der Krämergasse dauerte es je­doch länger, bis die Straße frei war. Erst am Abend konnten muthige Leute quer über die Straße durch den Strom malen, um auf die andere Seite zu gelangen. Die Fluchen des Herolzer Wassers verliefen ohne nennenswerthe Schäden anzurichten; ebenso hatten unter­halb der Stadt, wo die drei Wasserläufe sich zur Kinzig vereinigen, die Fluthen im Thale zum Ausbreiten ge­nügend Gelegenheit, so daß daselbst kein besonderer Schaden angerichtet würde.

t Schlüchtern, 23. Jan. Es ist 4 Uhr Nachmittags. Die Pforten der imKloster" befindlichen Schulen öffnen sich und hinaus strömt das fröhlicheJung Deutschland" im wilden Saus, dem die Schnee- und Regenschauer daher führenden Sturm- und Wirbelwinde Trotz bietend. Ihm folgen bedächtigeren Schrittes die Präecptoren, die des Tages Last und Hitze getragen, sich nach der unentbehrlich gewordenen Pfeife und dem würzigen Tränklein sehnen. AuchNäh-, Strick- und Stickschulen" schließen; im Kleidermacherkursus ruht die Nadel der jungen Kleiderkünstlerinnen; Mozart freut fich, in der Mappe der Klaviervirtuosin den Heimweg antreten zu können und in Ruhe gelassen zu werden. Doch bittere Täuschung! Schlüchtern ist ja urplötzlich zur Seestadt geworden. In riesigen Wassermassen er­gießt sich der durch die starken Regengüsse zum wilden Strom gewordene, sonst so friedliche Elmbach, dem man seit einigen Jahren nur noch gestattete, in einem schmalen Kanal unterirdisch die Stadt zu durchfließen, durch die Krämer-, Schmieds-, Ober-, Unter- und Waffergasse vomnassen Dreieck" und dem Hcideküppel bis zum Putz-Platz" hin.

In der großen Seestadt Leipzig war einst eine Wassersnoth", doch so arg hier nicht, wenn auch mancher in seine Klause eingeschlossen wurde und in stiller Wehmuth auf den gewohnten Dämmerschoppen imStern" verzichten mußte. Ja, das interessante Schauspiel weckte bei manchen Zuschauern die rosigste Laune, die kühnsten Jdeeen. So versetzte den einen das von der Natur dargebotene Bild an die Wasser­flüsse Babylons, an deren Weiden einst die Harfen trauernd hingen ; den andern erinnerte es an des rothe» Meeres hochgethürmte Wassermauern, manchen fröhlich dreinscheuenden, schwärmerischen Lockenkopf an die Kahn­fahrten in der Lagunenstadt Venedig, oder an die küh­nen Meeresfahrten, durch welche die im Elend schmach­tenden Gudrun befreit wurde, oder auch an das Schicksal derbeiden Königskinder", vor sich hinsummend O, Liebster, kannst Du nicht schwimmen? So schwimme doch her zu mir!" Herrlich wäre eine Kahnfahrt ge­wesen, und gewiß hätte mancher das ungewohnte Ruder ergriffen, die vonder Lagunenstadt, von der Gudrun, von dem Ertrinken des Jünglings" träumenden in ichern Hafen zu bringen. Doch des Fahrzeugs großen Mangels wegen mußte man sich mit des bekanntes Liedes schönen Worten trösten:

Behüt' Dich Gott, es wär' so schön gewesen, Behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein!"