Mit ber Ausschreibung der Reichstagswahlen ist die Bestimmung des § 43 der Gewerbeordnung in Kraft getreten, wonach zur Vcrtheiluug von Stimmzetteln und Druckschriften zu Wahlzwecken auch auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder an anderen öffentlichen Orten eine polizeiliche Erlaubniß in der Zeit von der amtlichen Bekanntmachung des Wahltages bis zur Beendigung des Wahlaktes nicht erforderlich ist.
* — Für den 7. Wahlkreis, bestehend aus den Kreisen Fulda Schlüchtern und Gersfeld, sind Landrath Trott zu Fulda und zu dessen Stellvertreter Landrath Roth zu Schlüchtern als Wahlkommissiäre ernannt worden.
* — Die Zahl der ländlichen Darlehnskassen nach Raiffeisen im Regierungsbezirk Kassel ist vom November 1888 bis Juli 1889 von 58 auf 96 gestiegen; eine Anzahl weiterer Kassen ist tn der Bildung begriffen. Zu den Anfangs 1888 vorhandenen 66 Vieh- versicherungsvereinen sind 42 neue hinzugetreten, von denen 2, zu Weisungen und zu Schlüchtern, die gesamm- ten Kreise umfassen und schon eine bedeutende Betheiligung gefunden haben.
* — Die Einberufung des Provinziallandtages der Provinz Hessen-Nassau nach der Stadt Cassel ist zum
3. Februar in Aussicht genommen.
□ Henbach, 16. Jan. Gestern, Vormittags 10 Uhr stürzte der Sohn des Hüttner Karl Kirst beim Spielen aus dem First des Hauses in dieScheune herab, wobei derselbe den linken Arm zweimal und den rechten einmal brach; auch der Hirnschädel auf der linken Seite ist sehr beschädigt, so daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.
Vom Vogelsberg wird dem „Franks. Gen.-Anzeiger" geschrieben: Ein interessanter Fall kam unlängst vor der Sitzung des Provinzial-Ausschusses zur Entscheidung. In einem Dorfe des oberen Vogelsberges war der s itherige Beigeordnete mit 62 gegen 39 Stimmen zum Bürgermeister gewählt worden. Da erhob die geschlagene Partei Einwand und machte geltend, daß der Gewählte dem Trunke ergeben sei. Infolge hiervon versagte auch der Kreisausschuß die Bestätigung. Nun wandle sich der Beigeordnete an den Provinzial-Aus- schuß, welcher das Erkenntniß des Kreis-Ausschusses aufhob und den Erwählten bestätigte, zumal erklärt worden war, daß in dem in Rede stehenden Orte alle so viel tränken, wie der neue Bürgermeister.
Hanau, 14. Januar. Wie wir aus bester Quelle erfahren, hat die Kgl. Eisenbahndireklion Frankfurt auf Antrag der Handelskammer zu Hanau angeorbnet, daß vom 1. Februar d. I. ab, zunächst versuchsweise, die seitherigen Beschränkungen in der Benutzung der Blitz- züge Frankfurt a. M. -Berlia (via Bebra-Eischenberg- Nordhausen-Belzig), sowie umgekehrt aufgehoben werden. Bisher wurden nämlich nur direkte Billets zwischen Frankfurt und Berlin ausgegeben, nunmehr wird man versuchsweise auch an den Zwischenstationen, (Elm) an welchen diese sogen. Blitzzüge anhalten, dieselben von und nach Berlin bezw. Frankfurt benutzen. Besonders ist noch daS reisende Publikum darauf aufmerksam zu machen, daß zu diesen Blitzzügen Retourbillets wie Rundreisebillels ohne Ausschlag benutzt werden können.
Marburg, 15. Januar. Ein Bubenstreich niederträchtigster Art wurde heute Morgen von dem hiesigen Dachdeckermeister D. entdeckt. Als derselbe nämlich sein an einem Neubau in der Haspelstraße angebrachtes Gerüst abnehmen wollte, gewahrte er zu seinem nicht geringen Schrecken, daß der dasselbe haltende Strick dergestalt durchschnitten war, daß der Erste, der das Gerüst betreten hätte, unfehlbar in die Tiefe gestürzt wäre. Die Polizei wurde von diesem Vorfälle alsbald in Kenntniß gesetzt. Da die That nur bei Nachtzeit ausgcsührt sein kann, so läßt sich annehmen, daß dieselbe von einer mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Person ausgeführt wurde.
Stuslaud.
Ein seltsamer Civilproceß wird demnächst in Reval, wie ein dortiges Blatt meldet, zur Entscheidung gelangen. Es handelt sich um eine Forderungsklage des Herrn V. gegen den Großkaufmann Herrn B. G. im Betrage von über dreitausend Rubel, welche Summe den Schaden, den Kläger bei Vermiethen seines Speichers erlitten hat, decken soll. Der Thatbestand ist kurz folgender: Herr V. vermiethete Herrn G. einen Speicher zum Zweck der Aufbewahrung von Korn. Nach einigen Jahren fand der Miether des für angemessen, statt des Kornes Flachs im Speicher unterzu- bringen. Durch diesen Umstand nun fühlt sich der Bermiether genöthigt, auf Schadenersatz klagbar zu werden, aus dem Grunde — weil die Ratten, welche sich zur Zeit der Aufbewahrung von Getreide im Speicher angesammelt hatten, beim Einbringen von Flachs, ihrer Nahrung beraubt, sich über seine, des Klägers, im Nebengebäude befindlichen Colonialwaaren Hermachten und dieselben in Ermangelung der ihnen entzogenen gewohnten Speise verzehrten. Es handelt sich also geradezu allen Ernstes um die Entscheidung der Frage, ob der Inhaber eines Gebäudes für die in demselben befindlichen Stätten die Nahrungsmittel zu Verschaffen verpflichtet ist oder nicht.
Eine Betrachtung aus vergangenen Tagen.
AuS den Blättern eines Heimgegangenen v. C. K.
(Fortsetzung.)
Damals war der Zug der Handwerksburschen gar groß, so auch der der Fuhrleute, Ihre mit weißem Tuche überspannten Güterwagen bildeten wohl eine ganze Gasse, und nicht selten waren es solche, die zwölf bis sechzehn Pferde nöthig hatten, um hinauf auf den Sattel der Brciteufirst, den Distelrasen, zu kommen. Die Fuhrleute, die damals noch allein den später so allgemein gewordenen blauen Kittel trugen, kehrten im „Weißen Roß", im „Goldnen Engel" und im „Goldnen Stern" ein. In letzterem stiegen vorzugsweise die vornehmen Reisenden ab. Weil das Vorspannen bis zur „Ausspann" auf den Distelrasen von den Fuhrleuten gut bezahlt wurde, so hielten sich zu dem Zwecke mehrere Bürgersleute Pferde, ganze Ställe voll aber die Besitzer der soeben genannten drei Gasthäuser. Das Vorspannen ging reihum, und der darüber bestellte „Anhcißer" hatte darauf zu sehen, daß niemand über« hüpft wurde. Mit Ausnahme eines Großhändlers, der zugleich Pottasche sieben (anzellieren) ließ, gab es zu Schlüchtern kaum einen Kaufmann. Der Kramladen war nur ein Nebengeschäft, und die Juden, wenn sie sich nicht mit dem Viehhandel befaßten, wären noch größtenteils „Bündeljuden", d. h. sie trugen ihre > Waaren feil. In Parenthese sei hier bemerk daß das Original des im Kunsthandel jetzt selten gewordenen
Im Hafen von Marseille hat zwischen den Matrosen des deutschen Dampfers „Capri" und des französischen Dampfers „Colombo" eine blutige Schlägerei stattge- funden. Die französischen Blätter verschweigen die Details, weil ihre Landsleute nämlich im Unrecht waren, und versichern, die Sache sei höchst unbedeutend gewesen. Auf die Klage der deutschen Seeleute hat der Generalkonsul in Marseille dem Rheder des „Colombo" für die Ausschreitungen seiner Matrosen verantwortlich gemacht und den Deutschen sind darauf 150 Franken Schmerzensgeld gezahlt, womit sie sich befriedigt erklärten. Aus dem ganzen Verlauf der Affaire scheint sich zu ergeben, daß die an Zahl schwächeren Deutschen von den Franzosen überfallen sind, denn hätte es sich um eine gewöhnliche Matrosenschlägerei gehandelt, so würden die Matrosen schwerlich kein Schmerzensgeld erhalten haben.
Madrid, 12. Januar. Die Aerzte haben im Befinden des Königs eine fortdauernde Besserung konstatiert. Die Temperatur ist normal, der Puls geht regelmäßig und die Atmung ist wenig behindert. Der Kopf ist frei und die Mattigkeit ist im Abnehmen begriffen.
Belgrad, 13. Januar. Unter den montenegriniscken Ansiedlern ist der Fleckentyphus ausgebrochcn. Die Regierung hat energische Maßregeln gegen die Ausbreitung der Krankheit getroffen.
New-Dork, 15. Januar. Aus Rio de Janeiro brieflich eingetroffenen Nachrichten zufolge sollen bei der Revolte am 18. Dezember v. I. gegen 100 Meuterer getödtet worden fein; am nächsten Tage wären 21 Aufrührer hingerichtet worden.
Süd-Afrika. Das „Wiener Tageblatt" veröffentlicht einen interessanten Bericht über die Zustände im Goldlande Transvaal, dem wir folgende Stelle entnehmen: „Fand ich schon bei meiner Herkunft die Preise exorbitant, so leben wir im jetzigen Augenblicke noch in ganz anderen Verhältnissen. Seit 7 Monaten ist kein Tropfen Regen gefallen und wir sehen einer Katastrophe entgegen. Der Transport von Lebensmitteln hat auf- gehört, da die Ochsen, die ihn bisher besorgten, auf dem Wege verenden, weil weder ein Grashalm, noch ein Tropfen Wasser zu finden ist. Man zahlt heute 60 Gulden für einen Sack Kartoffeln, 7 Gulden für eine Gallone Petroleum, 60 Kreuzer für ein kleines Brod. Thee, Butter sind nicht mehr zu bekommen. Eine Büchse condensirter Milch, sonst für 60 Kreuzer erhältlich, kostet jetzt 4 Gulden. Alles ist im Preise gestiegen, nur die Goldminenantheile, da alle Arbeit wegen Wassermangel eingestellt werden mußte, beinahe auf Null rebucirt. Die entlassenen Arbeiter haben keine Unterkunft, die Noth steigt von Tag zu Tag und es stehen entsetzliche Ereignisse bevor, wenn der bis jetzt noch wolkenlose Himmel nicht bald sein Aussehen ändert. Das Gouvernement hat sich bereits entschlossen, die Zuchthaussträflinge von Johannesburg und Prä- toria nach Cimberley zu senden und dort vor die Wagen zu spannen, um nur die allcruöthigsten Lebensmiltel hierher zu bringen; aber das ist nur ein Tropfen auf eine glühende Pfanne! Wie lange braucht dies, damit diese Leute eine Wagencottonne über 300 englische Meilen herbeischaffen und wie wenig vermögen sie nur zu bringen für eine Einwohnerzahl von 35,000 Menschen! Im Wasserreservoir sind jetzt nur mehr 2 Fuß Wasser, wie lange kann dies noch Vorhalten? Der Veal-River ist wohl nicht mehr weit von hier, etwa 12—14 Meilen, aber die Transportkosten werden es zu unerschwinglichen Preisen steigern. Sodawasser ist so ein gesuchter Artikel, daß man das Glas mit 1 fl. 80 kr. bezahlt. Das Waschen der Wäsche ist bereits eingestellt. Ich trage Wollhemden und Papierkragen.
Bildes das „Preusje aus Schlüchtern" war.(Daheiml88^, Seite 812). Die städtischen Würden und Aemter brachten wenig ein. Die damit Bedachten, wie z. B. der Bürgermeister, bzw. Mairc, der Stadtrentmeister und Stadtschreiber, konnten nicht von ihrem Gehalte leben, noch weniger diejenigen, welche, wie das vorzu- kommen pflegte, mehrere Aemtchen wie das der Hospital-, Salz- und dgl. Verwaltung in einer Person vereinigten. Da eine Art von Bürgerwehr bestand, so gab es auch einen „Herrn Kapitän", zwei „Herrn Leutenante" und einen „Herrn Fähndrich." Sie wurden jedoch nur in Uniform, ober aus besonderer Höflichkeit so tituliert, sonst aber von ihren Mitbürgern gleich jedem anderen bei ihrem Taufnamen angcredet, Kasper, Michel, Hannes, Klaus, wenn sie so und anders, wenn sie z. B. Lepsje, Fritzjc, Hannömje hießen. Die Subalternen waren der Stadtdiener, die Flur- und Wald- schützen und die ihre Stunden auf einem blechernen Hörne blasenden Nachtwächter. Der Schornsteinfeger wohnte zu Steinau. Der einzige herrschaftliche Diener der zu Schlüchtern seinen Wohnsitz hatte, war ein Forst- lauser. Er baute sich ein Häuschen, dessen ich deshalb Erwähnung thue, weil er als Wetterfahne auf die Firste desselben einen nach einem Hirsch zielenden Jäger aus Blech setzte, der in der Knabenwelt ein ungemeines Aufsehen erregte und wie niedrig sein Standpunkt, doch es in der jugendlichen Phantasie getrost mit dem Storch auf dem Rathhause und den Hähnen auf den drei Kirch- thürmen aufnehmen konnte.
Die Honcratioren bestanden aus dem Rector, Konrecior und Kantor des Gymnasiums, aus dem lutherischen und den zwei reformierten Predigern, dem Kaiserlichen und dem Hessischen Postmeister, dem Klosterkeller, dem Apotheker, dem Wundärzte, dem Bürgermeister. Die Justiz-, Forst- und Renterciveamten sowie der Arzt hatten ihren Sitz in Steinau, welches Städtchen noch aus den Zeiten der Grafen von Hanau her, die es bisweilen in ihrem dortigen Schlosse be- wohnrcn, bei der Regierung einen gewissen Vorzug genoß.
Die Vornehmen zeichneten sich sehr zu ihrem Vortheile durch ihr einfaches, leutseliges Wesen aus. Gleichwohl war es ihnen nicht angenehm, wenn sie an ihre plebejsche Herkunft erinnert wurden, namentlich wenn sie in Gesellschaft von fremdem Besuche einherwandelten. Das „Gun Dag, Herr Vetter oder Fra Waas'!" konnte dann sehr übel genommen werden. Der „Herr Vetter" suchte dann lächelnd durch einen offeriert accentuierten „Großen Dank!" seine Verlegenheit zu verbergen; die „Fra Waase" aber wußte sich gar nicht zu helfen, sie wurde feuerrot!; und stolperte, wenn auch gerade kein Stein im Wege lag. Abgesehen von dieser Schwachheit, minder eine Bosheit als eine Geistesunbeholfenheit, waren die Vornehmen ganz liebenswürdige und anspruchslose Leute und rechneten sichs zum Vergnügen und zur Ehre an, manches mit dem Bürgerstande gemein' zu haben. Die Frau Pfarrerin besorgte die Küche, die kleine Wäsche, die Obstdörre, und wenn es gerade fein mußte, so molk sie auch die Kuh. Sie spann, stopfte dem „Baterche" die Strümpfe, flickte ihren Kleinen die Kleidchen, und in Gesellschaft hatte sie stets ihr Strickzeug bei sich. Die Flamme des häuslichen Herdes, an welchem sie besorgt waltete, verklärte ihr Haupt, der Ranch aber flog zum Schornstein hinaus. Es wurde viel gelesen. In jedem Hause befand sich cincBiblio- ihck, in jeglichem circulierte eine Menge Zeitschriften, die in Gemeinschaft mit den Dorshonoratioren gehalten wurden: das Morgenblatt, der Freimüthige, die Zeitung für die elegante Welt, die Abendzeitung, die Frauen- zcilung, der Gesellschafter, die Jugendzeitung, Tschockes Ueberlieferungen zur Geschichte, Unterhaltungen für Welt- und Menschenkunde, Journal der Land- und Seereisen, Jcnasche Literatur-Zeitung, die Minerva, die Zeitung von Voß, der Landwirth, der Allg. Anzeiger, das Hamburgische politische Journal u. a. in. Auch befand sich in jedem Hause ein Klavier. Von Bravourarien, Gitternund Trillern wußte man aber noch gar nichts. Außerordentlich war die Liebe zur schönen Natur. In jedem Garten hatte man eine Laube, an jedem Bache ein Lieblingsplätzchen, in jedem Walde einen Lieblingsbaum, in jedem Dorfe einen guten Freund, dessen Thüre zu malerischen An- und Aussichten führte. Sollte so recht im Freiengeschwärmt werden, so begab man sich zusammen zum" Maientrank in den Kloster- wald oder zur Schlüppmilch auf den Drasenberg, auf welchem dann die Gelehrten der Gesellschaft den Drusus begruben. Wollte man sich einmal die große Welt ansehen, so wurde zusammen auf einem Leiterwagen auf den Sauerbrunnen nach Brückenau gefahren, und wer sich auch einmal die ganze Welt betrachten wollte, der setzte sich in den Postwagen, der wöchentlich einmal durchkam, und fuhr zur Frankfurter Messe.
(Fortsetzung folgt.)
Kirchlicher Anzeiger für Schluchten».
Sonntag, den 19. Januar 1890.
Morgengottesdienst:
Herr Kandidat Schocner. Nachmittagsgottesdienst: füllt aus, .
Wochendienst in der Stadt: Herr Supermtendenl Heck,