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SchlWernerMung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 6. Samstag, den 18. Januar 1890.

i^ftJhtttrtOtl auf dieSchlüchterner Zeitung,, werden noch fortwährend von allen !'!"." i. -ii- "s= Postanstalten undLandbrieftrügern owie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. In Folge der Hof- und Landestrauer in Preußen um die Kaiserin Augusta wird auch der Geburts­tag des Kaisers am 27. Januar nur still gefeiert werden. Der Berliner Magistrat hat bereits beschlossen, von der geplanten Festfeier der städtischen Behörden in diesem Jahre Abstand zu nehmen.

Berlin, 13. Januar. Der Präsident des Reichs­tags Frhr. v. Levetzow hat in der heutigen Sitzung dem Haus über die gestrige Audienz beim Kaiser Mittheilung gemacht. Der Kaiser habe betont, daß die allgemeine politische Lage zur Zeit den Weltfrieden als völlig gesichert erscheinen lasse. Zur Wahrung des Friedens sei aber durchaus erforderlich, daß Deutschland in seiner geographischen und politischen Stellung nicht versäume, für seine militärischen Rüstungen im besten Stand zu sein, um für Heer und Flotte unablässig sorgen zu können.

Berlin, 13. Januar. Es verlautet, der ReichsÄg werde Anfang Februar aufgelöst werden.

Die unteren Beamten können für diesmal weder im Reich noch in Preußen auf eine Zulage rechnen. Der Schatzsekretär von Maltzahn bat in der Budget- Kommission erklärt, daß die Regierungen zunächst die unaufschiebbaren Ausgaben für die Vertheidigungs- fähigkcit des Landes in den Bordergrund schieben zu müssen geglaubt hätten und daß deshalb zu Lohnauf­besserungen augenblicklich kein Geld vorhanden sei.

Wie auf den mit dem 1. Oktober o. J. neu« ein geführten Postwerthzeichen, so ist auch auf den Münzen der Reichsadler einer Abänderung unterzogen und demselben eine mehr den Anforderungen der Heraldik entsprechende Gestalt gegeben worden. Zwanzig-Mark- stücke mit dem neuen Reichsadler sind bereits in diesen Tagen im Verkehr erschienen.

Der Andrang zum Studium des Baufaches hat, wie dieBaugewcrksztg." mittheilt, in ganz erheblicher Weise nachgelassen. An Regierungs-Bauführern ist thatsächlich schon jetzt Mangel vorhanden und müssen vielfach die BauführerstcUeu mit Baumeistern besetzt werden, an welchen allerdings noch kein Mangel ist. Dieser Mangel dürfte im Laufe der nächsten Jahre noch größer werden, weil nur verhältnißmüßig wenige Leute sich dem Baufache zuwenden. Die Bedingungen zur Ablegung der Prüfungen sind erschwert worden und das Studium selber dauert länger als irgend ein anderes. Auch an Privatbautechnikern ist kein Ueberfluß; die guten Kräfte sind sämmtlich untergebracht und es hält schwer, nach kleineren Städten bautechnische Kräfte zu bekommen. So ist jetzt die Aussicht sowohl für das Staatsbaufach, wie für das Privatbaufach gut.

Vor dem Schwurgericht in Berlin wurde am Dienstag gegen den 19jährigen Max Cartsburg verhandelt, welcher Anfang Dezember seine Tante erschlagen hat. Der Gerichtshof erkannte, nach dem Anträge des Staals- anwalts wegen Mordes auf Todesstrafe, wegen Raubes auf zwei Jahre Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre. Der Angeklagte, welcher sich während der ganzen Verhandlung äußerst gleich- giltig benommen hatte, hörte auch dies Urtheil so ruhig an, als ob die ganze Sache ihn nichts anginge. Die Mutter und Schwestern des Angeklagten wohnten in Trauerkleidern der Verhandlung bei.

Stuttgart. Der Oderhofprediger Karl Gerok ist am 14. d. M. daselbst gestorben. Der Verstorbene, geboren am 30. Januar 1815 in Vahingen, Württem­berg, war ein bekannter Kanzelredner und religiöser Dichter. 1868 wurde Gerok zum Oberhofprediger und Prälaten in Stuttgart ernannt. Von seinen Dichtungen sind am meisten bekannt seinePalmblätter", eine Sammlung geistlicher Gedichte, welche Bibelstellen poetisch erläutern. Weltlichen Inhalt haben dieBlumen und Sterne" und die patriotischen DichtungenDeutsche Ostern" undEichenlaub". Außer mehreren Predigt- Sammlungen veröffentlichte Gerok auch andere erbau« iiche Schriften von kirchlich-konservativer Tendenz,

Schltttfladl, 14, Januar. Bei der Niedrrlegung

der alten Festungswerke von Schletistadt hat es sich gezeiot, daß ein kompakter Haupttheil derselben, eine der Stadt Schlettstadt gehörige etwa 160 Meter lange und ca. 3000 cbm. Mauerwerk haltende Futtermauer, den Zerkleinernngs-Bersuchen durch Handwerkszeug so energischen Widerstand leistet, daß sich die Stadtver­waltung entschlossen hat, die Beseitigung des wider- svenstigen Bollwerks durch Sprengung herbeizuführen. Das Bürgermeisteramt hat sich daher an das in Straß- burg garnisonirende Pionier-Bataillon Nr. 15 mit dem Anstichen gewendet, die Sprengungen ausführen zu wollen, wogegen sich die Stadt verpflichtet hat, die sämmtlichen entstehenden Kosten zu tragen, sowie für Unterbringung und Verpflegung eines zu diesem Zwecke nadi Schlettstadt zu entsendenden Kommando's von 1 Offizier, 5 Unteroffizieren und 40 Pionieren zu sorgen. Da sich derartige größere Objekte für Sprengungen nicht häufig darbiete» und daher die auszuführenden Arbeiten Anlaß zu Versuchen aller Art geben werden, ist das Pionier-Bataillon Nr. 15 im dienstlichen Interesse bereitwilligst auf das Anerbieten eingegangen, auch ist die erforderliche Genehmigung des zuständigen General- KoMmandos bereits ertheilt worden. Wie wir hören, werden die Ladungs- und Sprengungs-Arbeiten ca. 6 Tage in Anspruch nehmen und bereits in der nächsten Zeit beginnen.

Rappoltsweiler, 12. Januar. Die 23 Jahre alte Fabrikarbeiterin Guly hat ihren Mann mit 3 munteren Knaben überrascht; vor zehn Monaten hat sie ihren ältesten Jungen zur Welt gebracht, in einem Jahre also 4 Kinder geboren.

Neunkirchen, 12. Januar. Durch Anschlag am Werksthore macht die Firma Gebr. Stumm bekannt, daß sie mit Rücksicht auf das fortwährende Steigen der Preise der nothwendigen Lebensrnittel den ihren Ar­beitern schon länger gezahlten Theuerungszuschuß von monatlich 3 auf 5 Mark vom 1. d. M. an erhöht hat. (Bei dieser Gelegenheit möge erwähnt werden, daß die Schlosserinnung zu Saffet laut Bekanntmachung in den Casseler Zeitungen die Preise für gelieferte Arbeiten um 152O°/o erhöht hat, ebenso hat der deutsche Schuhmacher-Verband Schritte gethan, um allerorts eine Erhöhung der Preise für Schuhwaaren Herbeizu- führen. Auch ans anderen Erwerbskreisen kommen dies­bezügliche Nachrichten üb r Preiserhöhungen. Alles auf Grund das immer theurer werdenden Lebensunter­halts und der damit naturgemäß in Verbindung stehenden Erhöhung der Rohmatexialpreise und der Arbeitslöhne.)

Boppard, 13. Jan. Den Villen Kreitz und Mall- manu gegenüber sank in verflossener Nacht ein großer von Disch geschleppter KahnArche Noah." Die ganze für Mannheim bestimmte Ladung, 15000 Zentner Hafer, die versichert ist, geht verloren. Der Hafer beginnt mit den Rheinfluthen fortzuschwinimen.

Düsseldorf, 13. Januar. Ein sonderbarer Bittsteller wandle sich an die hiesige Armenverwaltung mit der Bitte, ihm man höre und staune 3000 Mk. auS irgend einem Wohlthätigkeits-Fonds als einmalige Unterstützung zu überreifen. Der Chef der Armen« Verwaltung antwortete, laut demDüsseld. Vbl.": Wir unterstützen nur verschämte, aber nicht unver­schämte Armen."

Altenessen, 13. Januar. Die gestrige Versamm­lung der Bergarbeiter ist für eine 5O°/oige Lohner­höhung und Einführung der Astündigen Schichtdauer eingetreten.

Dransfeld, 13. Januar, Der vereitelte Kälber- diebstahl könnte folgende Geschichte betitelt werden. In einem an >er Landstraße allein stehenden Gasthof togirte vor wenigen Tagen eine mit einem Sameel und einem Bär herumziehende Zigeuncrbande; den Bär, ein ziemlich bissiges Vieh, steckte man in eine große Futterkiste, die bis dahin ein Kalb, um welches bereits der Schlächter handelte, innegehabt. In der Nacht entstand nun auf dem Hof, wo sich die Kiste mit dem Bären befand, ein furchtbarer Lärm, man hörte den Bären gräßlich brüllen und dazwischen einen Menschen angstvoll jammern. In aller Eile wurde Licht gemacht, man stürzte hinunter auf den Hof, wo sich augenschein­lich ein großes Unglück ereignet haben mußte, und kam gerade noch zur rechten Zeit, um aus dem offenstehcnden Hosthorr einen Mann in wilder Flucht hinausrasen zu

sehen. Ein Dieb hatte die Gelegenheit benutzen wollen, um das nach feiner Ansicht noch auf dem Hofe stehende Kalb zu stehlen, hatte die Kiste aufgebrochen, dadurch natürlich den darin liegenden Meister Petz aufgeweckt, der, über solche Störung wenig erbaut, den Kerl tüchtig anpackte, welker nun seinerseits entsetzt über den Muth desKalbes" ein fürchterliches Gebrüll anhob. Man glaubt, dem Dieb auf der Spur zu sein.

Eisenach, 13. Januar. Maurer und Zimmerer hier haben höhere Löhne gefordert.

Erfurt, 13. Januar. In hiesiger Gegend bilden die Feldmäuse eine wahre Landplage. Stellenweise haben sie die Saat ganz abgegrast. An verschiedenen Stellen in Erfurt lassen sich schon jetzt Staare blicken.

Zwickau. Vor einigen Wochen stürzte in Zwickau i. S. ein zweijähriger Knabe beim Spielen im elter­lichen Hause in die unverdeckte Dunggrube und erstickte. Vom Landgericht in Zwickau wurde jetzt der Besitzer des betreffenden Hausgrundstücks deshalb, weil er unter­lassen, die nöthigen bezüglichen Schutzvorkehrungen an der Dunggrube zu treffen, wegen fahrlässiger Tödtung zu dreimonatlicher Gefängnißstrafe verurtheilt.

Thnrmannsbang (Nied.-Bayern), 2. Jan. Ein Bauer in Entschenreith hatte den Winter hindurch in seiner Scheune den hungrigen Vögeln Futter gestreut. Täglich sah er zu seiner Freude am frühen Morgen ganze Schaaren herbeikommen und das dargereichte Futter aufpicken. Heute fand sich kein einziger Vogel mehr an der Futter­stelle ein. Das Räthsel war bald gelöst. Außer 21 Hühnern fand man eine große Anzahl Vögel todt um­her liegen. Eine boshafte Hand hatte Gift unter das Futter gemischt.

Lokales und Provinzielles.!

Schlächtern, 17. Jan. Zur Reichstagswah l Mit Rücksicht aus die nun schon so nahe bevor­stehenden Wahlen zum Reichstag stellen wir die haupt­sächlichsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes im Nachfolgenden zusammen:

Wähler ist jeder Deutsche, welcher das 25. Lebens­jahr zurückgelegt hat, in dem Bundesstaate, wo er seinen Wohnsitz hat. Für Personen des Soldatenstandes des Heeres und der Marine ruht die Berechtigung zum Wählen so lange, als dieselben sich bei der Fahne be» finden. Die Militärbeamten dürfen wählen. Von der Berechtigung zum Wählen sind ausgeschlossen: Per­sonen, welche unter Vormundschaft oder Kuratel stehen, oder über deren Vermögen der Konkurs gerichtlich er­öffnet ist, oder welche eine Armenunterstützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder 1889 bezogen haben, oder denen in Folge rechtskräftigen Erkenntnisses der Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte entzogen ist.

Wählbar ist jeder Deutsche, welcher das 25. Lebens­jahr zurückgelegt und einem Bundesstaate seit mindestens einem Jahre angehört hat, sofern er das aktive Wahl­recht besitzt.

Jeder Wahlkreis wird in kleinere Bezirke getheilt, welche möglichst mit den Ortsgemeinden zusammen- fallen sollen.

Wer das Wahlrecht in einem Wahlbezirk auSüben will, muß in demselben, oder im Falle eine Gemeinde in mehrere Wahlbezirke getheilt ist, in einem derselben zur Zeit der Wahl seinen Wohnsitz haben. Jeder darf nur an einem Orte wählen.

In jedem Bezirke sind Listen anzulegen, in welchen die zum Wählen Berechtigten nach Zu- und Vornamen, Alter, Gewerbe und Wohnort eingetragen werden. Diese Listen sind spätestens vier Wochen vor dem Wahltage zu Jedermanns Einsicht auSzulegen. Die Listen werden nach Ablauf von drei Wochen geschlossen. Nur wer in die Listen ausgenommen ist, ist zum Wählen berechtigt. (Die Behörde trägt den Wähler in die Liste ein, ohne daß er dazu aufzufordern braucht; nur kommt es vor, daß Namen einzutragen vergessen werden, und deshalb empfiehlt sich, daß jeder Wähler die Liste selbst Nachsicht und sich überzeugt, daß sein Name darin steht; Kosten sind damit nicht verbunden.)

Die Wahl ist direkt (d. h. der Wähler wählt direkt den Kandidaten) und geheim. (Der Wühler schreibt den Namen des Kandidaten auf einen Zettel und wirst ihn in die Wahlurne.)