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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Mittwoch, den 15. Januar
1890.
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auf die „Schiüchterner Zeitung,, MtMtUNNtAt!^ werden noch fortwährend von allen esw"...................!._!.= Postanstalten undLandbrieftrügern owie von der Expedition entgegen genommen.
? Mutter). Doch sei diese nur schwägerliche Verwandtschaft hier nicht weiter hinunter verfolgt in ihre Abstufungen und zahlreichen Verzweigungen. Es genüge, daran zu erinnern, daß auch innerhalb ihres Kreises Kaiserin Augusta längst die ehrwürdige Urgroßtante war in Rußland, Mecklenburg, Dänemark, sowie innerhalb des Descendenz ihrer Schwester in Altenburg, Oldenburg und Indien.
— Wie die „Weserzeitung" wissen will, liegt die Absicht vor, für das ganze Reichsgebiet eine einheitliche Zeitrechnung herzustellen, und zwar nicht allein für Post, Telegraphie und Eisenbahnen, sondern für alle Verhältnisse.
— Die „Berliner Politischen Nachrichten" schreiben: Anläßlich der jüngsten Hereinziehung des Kaisers in die Bielefelder Wahlangelegenheiten habe der Mißbrauch der kaiserlichen Autorität, zur Beeinflußung von von Wahlen und die darin liegende Jdentisizirung des Kaisers mit der „Kreuzzeitung", die übrigens schon aus der bekannten Veröffentlichung des „Reichsanzeigers" genügend gekennzeichnet, das allerhöchste Mißfallen erregt. Der Kaiser hat den Befehl ertheilt, daß die „Kreuzzeitung" in den königlichen Schlössern nicht mehr aufliegen ober gehalten werden soll.
Dresden. Bei einem Mitglied des Dresdener Vereins „gegen Armennoth und Bettelei" sprach kürzlich ein Bettler vor, wurde aber mit seiner Bitte um ein Almosen unter Hinweis auf die Mitgliedschaft bei genanntem Verein abgewiesen. „In diesem Fall", sagte der Bettler in strengem Ton, „muß ich Sie bitten, mir Ihre Mitgliedskarte vorzulegen!"
Leipzig. In der letzten Woche hat sich die Sterblichkeit hierselbst verdoppelt, ein Beweis, daß die Influenza nicht so ungefährlich ist, wie man sie anfangs genommen hat.
Altenburg, 9. Januar. Eine eigenthümliche Ge- bietsvcrivirrung hat das altenburg - sächsische Dorf Rückersdorf aufzuweisen. Nicht nur, daß man abwechselnd den Fuß auf altenburgisches und sächsisches Gebiet setzt, ist es bis jetzt noch nicht aufgeklärt, welchem Landesherrn Kirche, Pfarre und Schule gehören. So übt das Patronachisrecht über die Pfarrei das sächsische Rittergut.Licbjchwitz bei Gera aus, während das der Schule sowie die Verwaltung der geistlichen Anst alten in den Händen der altenburgischen Regierung liegt. Zwei Wirthschaftshäuser aber, im östlichen Theile des Ortes etwas abgesondert gelegen, von welchen Niemand weiß, auf welchen Grund und Boden sie errichtet sind, gehören keinem Landesherrn an, kein Staat hat bis jetzt Anspruch erhoben: unter Schutz und Schirm des Königreiches Sachsen gestellt, zahlen die Glücklichen bis auf den heutigen Tag noch keine Steuern, und die Militärpflichtigen werden auch nicht zum Eintritt in das Herr herangezogen.
Gera, 8. Januar. In der hiesigen Buch- und Steindruckerei von Stier sprach im Sommer v. Js. ein Handwerksbursche um ein Geschenk an. Er erhielt dies, nachdem er seine Papiere, die er in einer verschlossenen Brieftasche bei sich trug, vorgezeigt hatte. Als sich Der arme Reisende entfernt hatte, gewahrte man, daß er seine Brieftasche zurückgelassen hatte. Diese wurde wenig beachtet und in irgend einen Winkel geworfen, wo sie bis jetzt geruht hat und von dem Druckereibesitzer bet einer gründlichen Ausräumung wieder aufgefunden wurde. Nun wurde sie einer eingehenden Durchsicht unterworfen und stehe da, der Inhalt der Tasche repräsentirte einen Werth von etwa 60,000 Mark, welche Summe auf Grund der Papiere am 1. September d. J. in London zu erheben ist. Ob der arme Reisende rechtmäßiger Besitzer dieser Werthpapiere war, oder ob Jemand anderes Anspruch darauf erheben wird, muß vorläufig dahingestellt bleiben.
Sommerfeld, 9. Januar. Auf dem hiesigen Bahnhöfe wurde am Dienstag ein 10 Jahre alter Knabe aus Liegnitz fcstgenommen, welcher seinen Eltern die Summe von 3900 Mark entwendet und damit das Weite gesucht hatte. Der kleine Hausdieb wurde nach Liegnitz zurückgebracht.
Eisenach, 9. Januar. Die Influenza hat hier in den letzten Wochen derart gewüthet und um sich gegriffen, daß nach zuverlässigen Schätzungen hiesiger Aerzte nahezu % sämmtlicher Einwohner von dieser
Deutsches Reich.
Berlin. Am 11. d. hat Kaiserin Augusta ihre letzte Ruhestätte neben ihrem unvergeßlichen Gemahl, dem Kaiser Wilhelm I., im Mausoleum zu Charlottenburg gefunden. Der Leichenzug, der sich von der Kapelle des königlichen Schlosses ab über die Schloßbrücke und dann denselben Weg entlang bewegte, wie derjenige des der Kaiserin im Tode Dorangegangenen Gatten, zeigte noch einmal die irdische Majestät, umflort von der Majestät des Todes. Was aber auch an offiziellem Prunk aufgeboten war, es wurde übertroffen von den fast zahllosen Beweisen an Berehrung und Liebe, die sich in Kranz- und Blumenspenden für die verewigte Wohlthäterin so vieler Tausender äußerten.
Perlin, 11. Jan. Unter tiefster Theilnahme der Bevölkerung verlief bei herrlichstem Wetter die Feier der Ueberführung der sterblichen Hülle der Kaiserin Augusta in programmgemäßer Weise.
— Es möge gestattet sein, die dahingeschiedene Kaiserin Augusta hier noch einmal als Das in's Auge zu fassen, was ihr letztes Glück und ihr letzter Stolz in diesem Leben war, als das ehrwürdige Altershaupt einer blühenden Familie, welche sie noch in ihrem Todesjahr (darunter die zwölf Monate vom Januar 1889 bis 1890 verstanden) sich um zwei Sprossen, hoffnungsvolle Knaben, vermehren sah: den Prinzen Waldemar von Preußen und den Prinzen Erich von Schweden. Kaiserin Augusta ist 'mir 20 Jahren, 1831*, Mutter geworden; 1857, mit 46 Jahren, Großmutter; 1879, mit 68 Jahren, Urgroßmutter. Die Mutter überleben die Tochter, Großherzogin Luise, der Schwiegersohn, Großherzog Friedrich von Baden, und die Schwiegertochter, Kaiserin Friedrich. Das älteste Enkelkind ist der Erbgroßherzog von Baden — ihm folgen dem Alter nach Kaiser Wilhelm II., Erbprinzessin Charlotte von Meiningen, Kronprinzessin Bictoria von Schweden, Prinz Heinrich, sowie die Prinzessinen Bictoria, Sophie (Kronprinzessin von Griechenland) und Margarethe von Preußen. (Die bereits wieder Verstorbenen blieben hier unerwähnt.) Es sind das acht Enkelkinder, drei Enkel und fünf Enkelinnen, wozu drei Schwieger- rnkel (Erbprinz von Meiningen, Kronprinz von Schweden und Kronprinz von Griechenland), sowie drei Schwiegerenkelinnen (die Erbgroßherzogin von Baden, unsere Kaiserin Auguste Victoria und Prinzessin Irene von Preußen) treten. Das älteste Urenkelkind der Verewigten ist Prinzessin Feodora von Meiningen — beiläufig : dieselbe hatte, wie s. Zt. vielfach besurochen, in ihren ersten Lebensjahren das kaum je schon dagewesene Glück, vier lebende Urgroßmütter zu besitzen, nämlich die Kaiserin Augusta, die Königin von England, die Herzogin-Mutter von Meiningen und die Prinzessin Marianne der Niederlande — heute ist nur eine übrig geblieben, die Königin Bictoria. Nach dieser Urenkelin, die ihrem Geschlecht nach die einzige blieb, sind der Kaiserin Augusta aber noch neun Urenfei geboren worden, fünf Söhne des Kaisers, drei Söhne des kronprinzlich Schwedischen Paares und- der Sohn Prinz Heinrichs von Preußen — eine so stattlich blühende Zahl, deren gewiß nur wenige Urgroßmütter sich rühmen dürfen. Dies die drei Generationen, welche die direkte Descendenz Kaiserin Augusta's bilden. Was ihre nächste Verwandtschaft von Geburt her, die Weimarische, anlangt, so überleben sie der einzige Bruder, Großherzog Alexander, die Schwägerin, Großherzogin Sophie, der Neffe, Erbgroßherzog Carl August, sowie die zwei Nichten, Prinzeßin Reuß in Wien und Herzogin Johann Albrecht von Schwerin, nebst den Familien dieser drei. Von ihrer verstorbenen Schwester her, sowie zugleich ihrem Schwager, dem Prinzen und der Prinzessin Carl von Preußen, war Kaiserin Augusta die Tante Prinzessin Luisens von Preußen, der verwitlwcten Landgräfin von Hessen, und resp, der Prinzessin Friedrich Carl. Die Kinder der drei Töchter der Letzteren verlieren in ihr die Urgroßtante. Von ihren angeheiratheten preußischen Schwägern und Schwägerinnen lebt eine einzige noch, die Schwägerin Alexandrine in Schwerin (Großherzogin-
Krankheit ereilt worden.sind und hier wohl kein Haus ist, in welchem sie nicht eingekehrt. Wohl im Zusammenhänge damit steht die außerordentlich große Sterblichkeit, welche wir Ende voriger und Anfangs dieser Woche zu verzeichnen hatten. Lagen doch am Montag nicht weniger als 16 Leichen im Leichenhaus, ein Fall, der, soweit man sich erinnern kann, noch nicht dagewcsen ist.
Aus dem Saalthal, 8. Januar. Eine beliebte Weihnachtsgabe ist in Thüringen „der Borsdorfer Apfel." Ein Liebhaber desselben hatte sich zum diesjährigen Weihnachtsfest in einem Borsdorf (bei Kassel?) einen Korb Borsdorfer bestellt, erhielt aber die Antwort, dort existire nur ein einziger Borsdorfer Apfelbaum, und man sei dort der Meinung, der „Borsdorfer" stamme aus einem Borsdorf bei Dresden. Das ist aber ein Irrthum! Das milde Saalthal ist seine wirkliche Heimath, und zwar das zwischen Jena und Dornburg belegene Rittergut Porstendorf, seit der Mitte des 12. Jahrhunderts ein Klosterhof („Börsen- dorf" urkundlich) des Cisterziensermönchsklosters Pforta (Schulpsorta). Die Cisterziensermönche bezogen aus Frankreich und Italien Pfropfreiser edler Obstsorten und veredelten mit ihnen in den großen Obstgärten ihrer zahlreichen Klosterhöfe die einheimischen wenig- werthigen Obstbäume. Die graue Reinette und der Borsdorfer Apfel werden ausdrücklich als Erzeugnisse der gärtnerischen Thätigkeit der grauen Cisterzienser- Mönche bezeichnet.
München, 10. Jan. Professor Döllinger ist Abends neun Uhr gestorben.
Mainz, 8. Januar. Ein unglaublich frecher Raub ist gestern Abend auf dem hiesigen Hauptpostamte verübt worden. Der Ausläufer einer hiesigen Kleider- fabrik mußte einen Betrag von 1100 Mk. auf der Post einzahlen. Er halte gerade die Summe in 11 Stück Hundertmarkscheinen an dem Schalter aufgezählt, als ein bis jetzt noch nicht ermittelter Mensch im Alter von vielleicht 17—18 Jahren sich unbemerkt dem Schalter näherte und mit einem kühnen Griff die ganze Summe von 1100 Mk zusammenpackte und ehe es sich der Ausläufer versah, davoneilte und unter den Passanten auf dem Brand verschwand. Der Ausläufer lief ihm zwar sofort nach, konnte aber den Dieb nicht mehr einholen. In der Vorhalle der Hauptpost befand sich zur Zeit des Raubes nur ein junges Mädchen, welches sah, wie der Räuber sich des Geldes versicherte und davoneilte.
Mainz, 10. Januar. Vor etwa zwei Monaten brachten die Zeitungen eine Notiz, daß ein Soldat des 118. Regiments während des Exerzierens sein Gewehr zu Boden geworfen habe und davongelausen sei; von einer Patrouille verfolgt, wurde der Soldat gleich darauf festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht. Jetzt ist der Soldat vom Kriegsgericht zur Ausstoßung aus dem Heere und zu einer Gefängnißstrafe von 8 Jahren verurteilt worden. Der das damalige Exerzieren leitende Vorgesetzte wurde zu einem „Verweis" verurtheilt.
Aachen, 10. Januar. Das „Echo der Gegeuw." meldet einen tragischen Fall aus dem benachbarten Vervicrs. Drei Stöpserinnen einer Tuchfabrik, durch gleiches Alter und gleiche Beschäftigung eng befreundet, wurden am letzten Tage des verflossenen Jahres von der Influenza befallen, zeigten sich jedoch noch am Neujahrstage in ihrem Putz auf den öffentlichen Spazier, wegen. Der nächste Tag fand zwei der jungen Mädchen bereits als Leichen vor, und die dritte ist ihnen am Montag in den Tod gefolgt.
Solingen, 6. Januar. Im vorigen Monat hausirten hier zwei Barmer Blumenhändler, Gebrüder S., mit Pflanzen, welche zu billigen Preisen verkauft wurden. Später fanden die Käufer, daß die Pflanzen keine Wurzeln hatte», sondern an deren Stelle Bindfaden angebracht waren; wegen dieser Schwindelei sind dir Händler zur Anzeige gebracht worden.
Hannover, 9. Januar. In welch' schändlicher Weise noch immer leichtgläubige Personen von sogenannten Wahrsagerinnen betrogen werden, ist wieder einmal aus Nachstehenden zu ersehen. Die Köchin M. lernte im Spätsommer v. I. die schon vielfach bestrafte Malerwittwe K. kennen, welche sich erbot, ihr aus der Hand wahrzusagen. Als das junge Mädchen