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Die kaiserlichen I Tochter
Berlin, 7. Jan. Ihre Majestät die derwittwete Kaiserin - Königin Augusta ist um 4 Uhr 30 Minuten gestorben.
Ein Jahr und zehn Monate nach dem Heimgang des großen Heldenkaisers Wilhelm ist seine erhabene Lebensgeführlin, Kaiserin und Königin Augusta, aus diesem Lcbcu geschieden. Dem ersten deutschen Kaiser ist nunmehr die erste deutsche Kaiserin im Tode gefolgt. Wohl konnte nach menschlicher Berechnung daS Lebensziel der Wittwe Kaiser Wilhelm I. nicht mehr so ferne gesteckt sein, und doch hatte nach den schmerzlichen Ereignissen des Jahres 1888, in welchem Kaiserin Augusta den Gemahl und den Sohn, das deutsche Woll seine zwei ersten Kaiser in das Grab sinken sah, die Hoffnung wieder Raum gewonnen, daß der tiefgebeugten Kaiserin Augusta noch ein längerer Lebensabend beschicken sein werde. Es hat nicht sollen sein. Die durch schwere Leiden ermatteten körperlichen Kräfte haben dem Einflüsse der Krankheit, welche wie eine Heimsuchung durch Europa, durch die Welt geht, nicht zu widerstehen vermocht. In dem Alter von 79 Jahren drei Monaten und stebcnundzwanz'g Tagen ist Ihre Majestät die ver- witvvcte Kaiserin-Königin Augusta gestern in der Hauptstadt gestorben. Tiefe Trauer senkt sich auf die deutschen Lande und ein schmerzliches Weh durch- zittert die Herzen von Millionen Preußen und Deutschen bei der Kunde von dem Tode der erhabenen Frau und Fürstin, deren Leben und Wiiken an der Seite des großen Kaisers ein so reich gesegnetes und bedeutsames in der Ausübung der Herrscher- pflichten gewesen ist, deren aufopfernde und werk- thätige Theilnahme am Loose der Leidenden und Bedrängten alle Unterthanen mit dem Gefühl dankbar ster Verehrung erfüllte.
Kaiserin Augusta ist Nachmittag 4 Uhr 30 Min. sanft und selig entschlafen. Es war kein Todeskampf mehr, hin Anzeichen von Beklemmungen oder jener Angst, die den letzten Prozeß des Lebens, die Trennung der Seele von dem Leibe, begleitet. Gott hat sie die Angst des Todes nicht empfinden lassen. Es war ein sanftes Ausgehen des Lebens, ein schmerzloses Hinübergleiten von diesem Leben in das Jeuscirs.
Im Momente des Todes war die ganze Königliche Familie um das Sterbelager versammelt. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin, der Groß- herzog und die Großherzogin von Baden, die Erb- prinzlich "Meiningen'schen Herrschaften, Prinz Friedrich L opotd, Prinzessin Friedrich Carl, Prinz Georg, Prinz Alexander, Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein, Herzog und Herzogin Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin, Prinz Wilhelm von Baden, der Erbprinz von Hohenzollern. Im Momente, wo der Geheimrath Doctor Welten constalirte, daß das Herz zu schlagen aufgehört habe, knieten sämmtliche Anwesenden nieder in schluchzendem und stillem Beten und Oberhosprcdigcr Dr. Kögel erhob seine Stimme zum Gebet und Segen an der sterblichen Hülle.
Nachdem die ärztlichen Meldungen über das Befinden der erkrankten Kaiserin gestern noch einigermaßen hoffuungevoll lauteten, waren in der Nacht schwere Athmungsbeschwerden eingetreten und die Kräfte in b sorgnißcrregcnder Weise gesunken. Unter diesen Umständen hielten es die Leibärzte Dr. Welten und Dr. L-chli p für geboten, Se. Majestät den Kaiser gegen 5^4 Uhr Morgens von dem besorgniß- erregenden Zustand der Kaiserin Augusta zu benachrichtigen. Der Kaiser, welcher noch bis 12 Uhr halbstündlich Nachricht von dem Krankheitszustande seiner Großmutter erhalten, erschien Punkt 6 Uhr mich also ein; Viertelstunde nach erhaltener Botschaft, im Palais der Kaiserin Augusta und wenige Minuten
später traf auch die Kaiserin ein.
Herrschaften weilten von frühester Morgenstiude an am Bette der mit dem Tode Ringenden. Vormittag schien eine leichte Besserung einzutreten, aber bald Nachmittags trat wiederholt Bewußtlosigkeit ein und jede Hoffnung auf Besserung mußte schwinden. Umgeben von ihrer Familie, von der einzigen Tochter und den Enkelkindern hat die greife Frau Nachmittags 4 Uhr 30 Min. ihr Leben vollendet. In das bescheidene Heim, das ihr zum Wittwensitz geworden war, wo sie liebevoll das Andenken an den vor nahezu zwei Jahren beimgegangenen Galten pflegte, ist abermals Trauer eingezogen, eine Trauer, an der Reichshauptstadt, Preußen und das Reich innigen Antheil nehmen.
Geboren am 30. März 1811 als Tochter des Großherzogs Karl Friedrich und der Großfürstin Marie Paulowna zu Weimar, hat Deutschlands erste Kaiserin ein Alter von 79 Jahren erreicht, ein hohes Alter, wenn man es nicht vergleicht mit demjenigen ihres vorangegangenen Gemahls.
Welche segensreiche Thätigkeit Augusta als Königin und später als Kaiserin entfaltet hat, wie sie die Anregung zur Ausbildung der Pflege im Kriege Verwundeter und Erkrankter gab, wie sie der Mittelpunkt aller humanitären Bestrebungen zur Besserung des Looses der Armen und Unglücklichen wurde, das stehi auf leuchtenden Blättern eingezeichnet in dem Buche der Geschichte.
Schmerz und Trauer blieben ihr nicht erspart. Während sie selbst mit einem hartnäckigen Leiden zu lämpfen hatte, sah sie blühende Enkelkinder, sah sie den greisen Gemahl und endlich auch den mä änlichen Sohn in das Grab sinken. Dulderin und Heldin zugleich, blieb sie dem Werke ihres Lebens, der aufopjernben Liebe treu bis an ihr Ende und diese Liebe wird ihr jetzt und immerdar gelohnt sein in dem Andenken des Volk S. ■
Wenige Frauen haben so viel Leid zu dulden gehabt, wie die Kaiserin Augusta seit mehr als einem Jahrzehnt. Seit jenem unglücklichen Falle im Schlosse zu Babelsberg war sie nur wenig mehr vom Krankenbett und vom Rollstuhl heruntergekommen. Allnächtlich wachte eine Krankenschwester an ihrem Lager, in dem sie sich selbst staubig kaum bewegen konnte. Nie hat sie g. jammert und gemurrt, nie hat sie in ihren Schmerzen auch nur einen Augenblick vergessen, als deutsche Kaiserin, als preußische Königin ihren Pflichten gerecht zu werden. Ihr letztes Schreiben ist den Vereinen vom rothen Kreuz gewidmet. Als sie bereits an der tückischen Kraukyen erkrankt war, die für sie verhäng- uißvoll werden sollte, da ließ sie sich doch nicht abhalten, die Vertreter des Heeres wie alljährlich bei sich zu empfangen und ihnen nochmals für die Dienste zu danken, die sie dem Kaiser und dem Vaterlande gewidmet. Welche Anhänglichkeit und Verehrung bewies sie noch bis in die letzten Tage den Jugendgenossen, Freunden und höchsten Dienern ihres Gemahls, vor Allem dem Feldmarschall Grafen Moltke, für die sie noch bei dem letzten Weihnachtsfeste geschmackvolle und reiche Andenken ausgesucht hatte. Was hat nicht zumal in den letzten Jahren auch seelisch die hohe tapfere Frau Alles erduldet und erlitten, die Mordanfälle auf ihre,n kaiserlichen Gatten, das entsetzliche Schicksal ihres einzigen Sohnes, die Unglücksfälle im Hause ihrer erlauchten Tochter, Schlag auf Schlag traf die Kaiserin, aber sie hielt ihnen, so niedergebeugt sie auch war, unerschütterlich Stand. Wer wird das erste Wiedersehen zwischen der Kaiserin-Wittwe und Kaiser Friedrich vergessen, wo der unglückliche, schon sterbende Sohn zu den Knieen der im Rollstuhl sitzenden schmerzübcrhäuften Mutter niederfiel, sein Haupt in ihren Schoß legte und bitterlich weinte. Und wer wird des Augenblicks vergessen, wo an jenem schneidig kalten Märztage des Jahres 1888 die Leiche des verstorbenen glorreichen Gemahls an den Fenstern ihres Schlosses vorbei zur letzten Ruhestätte geführt wurde. Dumpf klangen die Klänge der Trompeten, der Schall der Trommeln zu ihr hinauf, ruhelos schleppte sie sich am Arm ihrer
zum Fenster, der herabgelassene Vorhang mußte halb hinaufgezogen werden, eine Hofdame mußte die Eisrosen aufthaueu, die am Fenster in der kalten Nacht üppig emporgeschossen waren, und durch die kleine Lücke warf sie damals den letzten Blick auf den Sarg, der den geliebten Gefährten ihres Lebens ihr entführte. Jetzt verläßt sie die Räume, die sie sich selbst gebaut und geschmückt hatte, auf Nimmerwiederkehr.
Deutsches Reich.
Berlin. Bezüglich der Landestrauer ist in einer vom ReichSanzeiger heute Nachmittag verbreiteten Extra-Ausgabe folgende Bestimmung publizirt worden:
„Ich bestimme hierdurch, daß die Landestrauer um Ihre Hochselige Majestät die Kaiserin und Königin Augusta auf sechs Wochen eintritt. Oesfent- liche Musiken, Lustbarkeiten und Schaulspielvor- stellungen sind bis zum Tage der Beisetzungsfeier einschließlich verboten. Die Landestrauer beginnt mit dem heutigen Tage. Das Staats-Ministerium hat hiernach das Weitere zu veranlassen.
Berlin, den 8. Januar 1890.
Wilhelm R.
Für den Präsidenten des Staats-Ministerums: von Maybach.
— Aus Anlaß des Hinscheidens der Kaiserin und Königin Augusta sind nach Vorschrift des Trauerreglements vom 7. Cctober 1797 in allen Kirchen der evangelischen Landeskirche die Glocken vierzehn Tage lang Mittags von 12 bis 1 Uhr zu läuten.
— Als Termin für die Reichstagswahlen soll dem Vernehmen nach der 20. Februar in Aussicht genommen sein.
— In Berlin ist am Sonnabend Staatsminister Dr. Freiherr von P a t o w gestorben. Freiherr von Patow wurde im Jahre 1866 an die Spitze der Verwaltung Hessen-Nassaus gestellt, um die Organisation der Provinz durchzuführen.
Hamburg, 6. Januar. Von welchem Umfange hier der Radau iu der Neujahrsnacht gewesen ist, davon legt wohl am besten die heute bekannt gewordene Bestrafung der kleineren „Sünder" durch die Polizeigerichte den besten Beweis ab. Es sind nämlich weit mehr als 200 Strafmandate vom Polizei- herrn erlassen. Interessant ist es dabei, den von der Polizeibehörde beobachteten Preiskourant für die einzelnen Vergehen kennen zu lernen. So wurden z. B. circa 200 Huteinknicker, von denen 116 Stück, die allein der Jungfernstieg geliefert hatte, bereits um 1 Vs Uhr Nachts das Polizeigefängniß auf dem Neuenwall bevölkerten, mit je 15 Mark event. fünf Tagen Haft bestaft. Zwölf Personen, welche Feuer- werksköipcr abgebrannt hatten, erhielten Strafmandate in Höhe von 50 Mark und zwei, die geschossen hatten, sollen 100 Mark zahlen oder 25 Tage sitzen. Dem Polizeiinspektor Carlsen, der persönlich einen Radaumacher beim Kragen faßte, wurde dabei ein Finger halb abgebiffen.
Lübeck, 5. Jan. Durch einen verhängnißvollen Irrthum kam hierselbst ein junger Lehrer Namens Bartelmanu um's Leben. Eines leichten Halsübels wegen war ihm eine Flüssigkeit zum Gurgeln verordnet, gleichzeitig hatte er eines andern Leidens wegen eine Tinktur zum Einreiben im Gebrauch. In letzter Nacht, als Bartelmann wiederum von seinem Halsleiden Beschwerde verspürte, ergriff er versehentlich die Flasche mit der äußerlich zu verwendenden Tinktur und schluckte von der giftigen Substanz eine volle Portion hinunter. Sofort herbeigerufene ärztliche Hülfe erwies sich als vergi blich und der hoffnungsvolle 25jährige Mensch, Sohn einer armen Wittwe, verstarb unter entsetzlichen Qualen nach wenigen Stunden.
Züllichau, 7. Jan. Gegen zwanzigtausend Morgen : Acker unte£ Gift befinden sich gegenwärtig im Kreise Züllichau-Schwiebus, und war diese Maßregel dortselbst g troffen worden, um die immense Mäuseplage zu bekämpfen. Behördlicherseits sind deshalb die