Abonnements-Einladung.
Bestellungen auf das 1. Quartal 1890 (Januar, Februar, März) der
„S ch I it ch t e r n c r Z e i t u «g"
bitten wir durch die Post (anch Landbriefträger) oder Boten gefälligst machen zu wollen und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Der Herausgeber.
N e u j a h r.
Nun laßt nach Brauch am Weihnachtsbaum Noch einmal hell die Kerzen flammen, Dann in dem festlich hellen Raum Rückt traulich um den Tisch zusammen! Schon zeigt die Uhr auf Mitternacht, Bald hat das Jahr den Lauf vollbracht) Gottlob! er ört wird unsere Bitte: Drum fei YWiet, scheidend Jahr!
Doch ward nicht allen vom Geschick Das gleiche Glück wie uns beschieden: Zum Himmel klagt manch' nasser Blick, Denn mancher schläft in Grabesfrieden, Der heut vor'm Jahr in rüst'ger Kraft Noch froh gescherzt, mit Luft geschafft. — Herr, leite väterlich die Deinen, Die heut auf Erden einsam weinen, Mit Deinem Trost ins Neue Jahr!
Die Uhr hebt aus. Jetzt Hand in Hand Dem Neuen Jahr getrost entgegen!
Dies volle Glas dem Vaterland, Und jedem Hause Heil und Segen! Seht wie's im Baum dort knisternd sprüht, Wie's in den Zweigen loht und glüht! Bei Glockenklang in Glanz und Helle, So tritt bad Jahr jetzt auf die Schwelle, Gott grüße dich, du junges Jahr!
Zur Zonentarif-Frage.
(Au« der Durfjeitunz )
Der Perrotsche Zonentarif, der sich in Ungarn so glänzend bewährt hat, ist auch auf der Strecke von Huelva nach Zasra in Spanien eingeführt. Auch der Wiener Geme indcrath und die Wiener Handelskammer haben bereits beschlossen, für seine baldigste Einführung auf den österreichischen Staatsbahnen einzutreten. Nach dem Vorgang Wiens sollten sich doch auch die deutschen Stadtvertretungen und Handelskammern mit dieser überaus wichtigen Sache beschäftigen, handelt es sich doch um nichts Geringeres, als um die Frage, ob jedermann für 1 Mark durch ganz Deutschland reisen kann, oder ob wie bisher nur der Wohlhabende im Stand sein soll, größere Reisen zu unternehmen. Welchem Thüringer z. B. sollte nicht daran gelegen sein, daß er für eine Mark nach Hamburg oder nach Konstanz am Bodensee reisen könne! Die zahllosen Bedenken, die wohl auch mancher Dorfzeitungsleser gehegt hat, müssen schon nach den ersten praktischen Versuchen in Ungarn wie Spreu vor dem Wind zerstäuben. Hat man nicht auch bei der Erbauung der ersten Eisenbahnen solche „Bedenken" getragen? An die damaligen Befürchtungen wird man erinnert, wenn man heute liest, daß die einen befürchten, der Zonentarif Wrdx einen übermäßigen Andrang nach den großen
Städten herbeijühren, während die Anderen, z. B. ein Antisemit im Wiener Gemeinderath, gerade die ent- gegengcsctzte Befürchtung hegen, nämlich die, daß die großen Städte entvölkert würden. Abgesehen davon, daß letzteres unserem deutschen Vaterland doch nur zum Segen gereichen könnte, wird der Zonentarif voraussichtlich weder das eine noch das andere thun, sondern den Verk hr viel gleichmäßiger als lisher nach allen Seiten hin ausbreiteu. Wie so oft »-theilt man auch hier ohne Kenntniß der Sache. Alle Unbefangenen seien daher nochmals auf P.rrots Schriften verwiesen, besonders auf das schon in Nr 291 der DZ. genannte Büchlein: „Billiges Reisen für eine Mark durch ganz Deutschland" (Frankfurt a. M., K. Brechert). Es wäre an der Zeit, daß auch in Deutschland die zunächst beteiligten weiten bürgerlichen Kreise sich dieser Sache annehmen und selbstständig vorgehen sollten. Man kann nicht alles lediglich von den Regierungen erwarten wollen, die sich in dieser Angelegenheit, wie ja der Versuch in Ungarn beweist, ganz unnöthig gesträubt haben, den Perrotscheu Vorschlägen näher zu treten. •
angelangt den sicher bewahrten Schatz hervorzieht, präsentieren sich die Scheine in kurz und klein geriebenen Fetzen. Natürlich wird seitens des Geschäftes die Annahme verweigert und es bleibt dem zum Tode erschrockenen „Sicherheits-Kommissarius" nichts übrig, wie an die Reichsbankstelle in Erfurt als Helferin in der Noth zu appelieren, die ihm denn auch, soweit Merkmale der Echtheit auf den Fragmenten festzustellen waren, die Summe umwechselte; ein Hundertmarkschein und zwei Zwanzigmarkscheine sind aber unwiderbi inglich dahin, und es ist noch als Glück zu bezeichnen, daß das eigenthümliche diebessichere Depositum nicht schon b^n Antritt der Fußwanderung erfolgte.
Lokales und Provinzielles.
Hanau. In der Slraskammersitzung vom 23. TM wurden ein Bauer von Reinhards und dessen Vat" angeklagt, am 24. März in der Klüh'schen Wirthschaft daselbst gemeinschaftlich den Wirth ohne jede Veranlassung mißhandelt zu haben, wobei der Sohn den Wirth, während der Mitangeklagte Vater ihn rücklings festhielt, zweimal mit einem Taschenmesser in den Kopf stach. Außerdem .sind die Angeklagten, weil sie sich auf die Aufforderung des Wirthes nicht entfernt hatten, des Hausfriedensbruches beschuldigt. Der hohe Gerichtshof hielt beide Angeklagte der ihnen zur Last gelegten Strafthaten für überführt und verurtheilte den schon 60jährigen Vater auf Grund der Paragraphen 223 und 123 Abs. 3 zu 2 Monaten und 1 Woche Gefängniß, den Sohn wegen bewaffneten Hausfriedensbruchs und schwerer Körperverletzung zu 1 Jahr Gefängniß und in die Kosten. Wegen Fluchtverdachts wurde der letztere Angeklagte sofort in Haft abgeführt.
Kassel, 24. Dec. Die Königl. Prüfungs-Commission der Lehrer an Mittelschulen und der Rektoren ist für das Jahr 1890 aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt: Provinzial-Schulrath Dr. Kannegießer, hier, Vorsitzender; Regierungs- und Schulrath Dr. Falkenheimer, hier; Regierungs- und Schulrath Dr. v. Fricken in Wiesbaden; Seminar-Direktor Wieacker in Schlüchtern; Oberlehrer Dr. Quiehl, hier; Oberlehrer Wagner, hier. Die Prüfungskommission tritt am hiesigen Ort zusammen.
Frankenberg, 26. Dec. Ein Fall ärgsten Aberglaubens wird aus dem Dorfe Alten-Lotheim mitgetheilt: Ein Bauer dortselbst, ein alter Mann von einigen 60 Jahren, schnitt sich, beim Futterschne.den beschäftigt, mit dem Messer der Maschine mit einem Ruck die Vordergelenke an zwei Fingern rein ab. Anstatt nun die Hülfe eines Arztes in Anspruch zu nehmen, verfällt unser Bauer auf ein angeblich ebenso sicheres und unfehlbares als billiges Heil- und Sympathie-Mittel: er hängt die beiden abgeschnittenen Finger zu den Würsten in den Rauchfang mit der ausgesprochenen Absicht und in dem festen Glauben, daß hierdurch die Wunden der abgeschnittenen Finger in kurzer Zeit nicht nur heilen, vielmehr die abgeschnittenen Finger wieder hervorwachsen würden. Und nun läuft der dumme Michel mit seinen Fingerstümpfen und Schmerzen herum, während die abgeschnittenen Finger im Schornstein hängen und wartet und wartet, daß das Wunder geschehe und ihm wieder zwei neue
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Dec.
— Der Kaiser hat die Berliner Schloßfreiheits-Lotterie genehmigt. Es sollen 200000 Loose zu 200 Mark ausgegeben werden und zwar sind die Loose in fünf Klassen cingetl)eilt, wobei die Preissätze für die Loose folgender maßen festgesetzt sind. Erste Klasse 52 Mark, zweite und dritte Klasse je 20 Mk., vierte Klasse 36 Mk., fünfte Klasse 72 M. Entsprechend sind auch die Gewinne vertheilt, die von 600000 M. bis 5OO M. hinabgehen. Die Ziehung erfolgt unter Kontrolle der preußischen General-Lotterie-Direktion. Die Ausgabe der Loose wird im Januar stattfinden.
München, 25. Dezember. Wie die Allgemeine Zeitung meldet, hat der Prinzregent genehmigt, daß die bayerischen Briefmarken in den für die Werthzeichen des Weltpostvereins geltenden Farben hergestellt werden. Die neuen Marken werden von Neujahr 1890 ab, respektive nach dem gänzlichen Verbrauch der alten bayrischen Marken verkauft werden.
Ratibor, 24. Dec. Als die Diebe der aus einem Geldbrief verschwundenen zehntausend Mark sind der Postgchilfe und der Briefträger in Annaberg im hiesigen Kreise entdeckt worden. Bei der angestellten Untersuchung hat sich herausgestellt, daß die jetzt bei Geldsendungen zulässigen Briefhüllen und deren Verschluß durch Gummi mit zwei Siegeln keine hinlängliche Sicherheit für den Inhalt bietet, indem in kaum zwei Minuten die Entleerung derartiger Briefe ohne Verletzung der Siegel bewerkstelligt werden kann.
Ilmenau, 26. Dezember. Ein Handelsmann aus der Gegend vnn Ilmenau unternahm zu Fuße die Reise nach Vieselbach (bei Erfurt), um einer dortigen Firma zur Begleichung ihrer Forderung 1500 Mk. zu überbringen, die er sich in 100 unb LOMarkscheincy, sowie Gold beisteckte. Da übersiel ihn mitten auf der Tour in einer düsteren Waldpartie heftige Angst, daß er der Werthsumme leicht beraubt werden könnte und schnell entschlossen stopfte er sie — in die Strümpfe. Als der biedere Gebirgsbewohner am Hiele glücklich