1889.
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^ 100. Mittwoch, den 18. Dezember
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Schlächtern, im Dezember 1889. Der Herausgeber.
Deutsches Reich.
Gera, 13. Dec. Unter ben Schwurgerichtsver- handlungen der letzten Wochen war die erschütterndste die letzte gegen den Fabrikweber P. Kirmse von hier, angeklagt des Mordes seines 3jährigen Sohnes. Er ist zum Tod verurtheilt worden, denn die Verhandlungen ergaben, daß er völlig zurechnungsfähig war, obwohl ein Professor einen Unterschied zwschen Normal- und Defekt-Menschen aufsteUte, zu welchen letzteren der Mörder zu rechnen fei, da er aus einer Familie stamme, in der Epilepsie n. s. W. häufig vorkomme. Während vergangene Jahrhunderte die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit gar nicht aufgestellt und auch im offenbarsten Wahnsinn begangene Thaten ebenso wie andere bestraft haben, führt die heutige alljufein sondernde Wissenschaft uns an eine Grenze, an der die Verantwortlichkeit des Einzelnen aufhö^t und man schließlich dahin kommt, Erziehung und L-bensper- Hältnisse für Verbrechen verantwortlich machen zu wollen. Aber allzuscharf und allzufein macht schartig und zuletzt stumpf. Wie ehedem die Trunkenheit gar oft als Entschuldigung für Strafthaten in Anspruch genommen worden ist, so. möchte jetzt jeder Verbrecher sich mit Unzurechnungsfähigkeit straflos machen. Kirmse hat im Verhör erklärt, er habe gemeint, er werde mit Gefängniß davon kommen. Dagegen hat die Untersuchung ergeben, daß er mit fremden Frauen Nächte hindurch sich herumgetrieben hat, während sein armes Eheweib sich Brotrinden und Kaffeesatz bei ihrer Schwester geholt hat, um nicht zu verhungern! Die Verhandlungen haben die gemeine Vergnügungssucht und arbeitsscheue Frechheit, die wie ein ätzendes Gift sich bis in das Maik des Volkes eingefressen hat und solche Früchte trägt, gehörig gebrandmarkt. Gar mancher Lump, der eine Familie gründet ohne den guten Willen, für sie zu arbeiten und zu sorgen, kann sich en warnendes Beispiel an Kirmse nehmen.
Aus Baden. Ein peinliches Vorkommniß in der Kirche zu Neuerweg (Diärese Schopfh eim, Baden) am Buß- und Bettag schildert die „Bad. LandeSpost" aus Grund eingehender Erkundigung: Pfarrer M., früher Missionar, besprach schonungslos die großen Schäden und Sünden in seiner Gemeinde in seiner Predigt in scharfen Ausdrücken. Da stand der Bürgermeister auf und rief zur Kanzel hinauf: „Stille!" Der Pfarrer fuhr aber fort, und der Bürgermeister rief zum zweiten Male: „Stille!" Und als der Pfarrer seine Predigt doch nicht beendigte, ging der Bürgerin ister zur Kirche hinaus und ihm nach die ganze Gemeinde, auch die Schulkinder, die über die Bänke wegsprangen. Am folgenden Sonntag, dem Adventsfest, ging Niemand in die Kirche, und so mußte der Gottesdienst ausgesetzt werden. Der Bürgermeister wird der Bestrafung nicht entgehen, aber auch der Pfarrer hat sich unmöglich gemacht.
Aus Württemberg. 12. Dezember. Unter der Spitzmarke „Der Herr Zeuge oder der Lieutenant im Gerichlssaat" erzählt der Stuttgarter „Beobachter" folgende hübsche Geschichte: „Es war in einer süddeutschen Garnisonstadt und Festung. Ein Fuhrmann war angeklagt, dem Militär auf der Straße nicht richtig ausgewichen zu fein; der Mann erklärte sich für schuldlos; das Schöffengericht hörte den Herrn Lieutenant B. als Zeugen, zog sich zurück, berieth und verkündete die Freisprechung des Angeklagten. Auch die Erwägungsgründe wurden, wie vorgeschrieben, mitgetheilt und dabei auch der Aussagen des Zeugen B. ehrenvolle Erwähnung gethan. Dieser aber trat, als die Verkündigung zu Ende war, vor und redete das Schöffengericht und den vorstehenden Richter also an: „Urtheilen können Sie wie Sie mögen, aber wenn Sie von mir rcdtn,so sagen Sst „nicht der Zeuge", sondern
„der Herr Zeuge!" Sprach's und wandte sich zum Gehen. „Halt," sagte der Richter, „wir sind noch niilit z l Ende," zog sich mit seinen Schöffen zu nochmaliger Berathung zurück, und als er wieder eintrat, verkündete er, daß der Zeuge mit einer Ordnungsstrafe von 30 Mark belegt sei. Das war der erste Akt, Nun kam der zweite. Das ganze Korps ist entrüstet — nicht über das Auftreten ihres Kameraden, sondern des Amtsrichters. Der Herr Zeuge B. ließ sofort ein- spannen, fuhr bei einem satisfaktionsfähigen Rechtsanwalt vor und erhob Beschwerde bei dem Oberlands- gericht, weil — man höre — das Amtsgericht einen Lieutenant gar nicht strafen könne, dieser vielmehr allein der Militärgerichtsbarkeit unterstehe! Das Kommando s lbst soll sich an das Kriegsministerium, und dieses der merkwürdigen Anregung folgend an das Justizministerium gewendet haben. In diesem Stadium schwebt der denkwürdige Fall, der ein Seitenstück zu jener anderen Klage ist, in welcher ein württembergischer Offizier einen Bürger deshalb verklagte, weil er ihn nur „Herr" und nicht „Herr Major" genannt habe. Man sieht eine Ordnungsstrafe von 30 Mark setzt gar Vieles in.Bcwegung, wenn es sich um einen Herrn Lieutenant handelt. Der Amtsrichter aber, sagt man, werde von Infanterie, Kavallerie und Artillerie als persönlicher Feind angesehen. Hübsche Zustände! Und das Hübscheste ist, daß die Garnison und Festung im Königreich Württemberg liegt.
Friedrichsthal (Saargebiet), 13. Dec. Die Inspektionen 1, 2 und 3 haben gestern die Arbeit niedcr- gelegt. Auf den übrigen Inspektionen herrscht eine hochgradige Gährung. Die Bergleute lassen sich nicht mehr halten, alle Beschwichtigungsversuche der Führer haben sich als vergeblich erwiesen. Bis Montag wird aller Voraussicht nach der Streik im ganzen Revier ausgebrochen sein.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 17. December.
♦ — Der „Reichsanzeiger" stellt fest, daß die Steigerung der Kohlenpreise für die Deutschen Eisenwerke gegen die ersten drei Monate d. Js. sich auf 50 bis 60 Prozent, diejenige der Coakspreise auf 100 Prozent belauft.
*— Der Papst Leo hat dem Verleger der Trier. Landesztg. und neugewählten Landtags-Abgeordneten des Wahlkreises H ü n f e l d - G e rs fel d, K ap lan Da sb ach, einer der verbissensten ultramontanen Agitatoren, die Auszeichnung „Pro Ecclesia et Pontißce“ verliehen. Der Decorirte suchte bei dem Kaiser die Erlaubniß nach, diesen Orden tragen zu dürfen. Durch Schreiben des Herrn Regierungspräsidenten in Trier wurde ihm jedoch, wie die „Germania" erfährt, mitge- theilt, daß „Se. Majestät mittelst Allerhöchsten Erlasses vom 18. Nov. diese Erlaubniß zu versagen geruht haben"!!!
* — Wie viel ist ein Vogelnest werth? Die Antwort beruht auf einem sehr einfachen Nechenexempel. Nimmt ein Knabe in seiner Einfalt ein Grasmücken- oder Rothschwänzchen - Nest mit fünf Eiern oder Jungen aus, so werden täglich 250 Raupen unverzehrt bleiben, und sich auf Kosten unserer Obstbäume weiter entwickeln, und zwar mindestens 30 Tage lang, das macht für jedes solcher Nester nach Adam Riese 7500 Stück. Jede Raupe frißt täglich ihr eigenes Gewicht an Blättern und Blüthen. Gesetzt, sie braucht gleichfalls 30 Tage, bis sie sich zur Puppe entwickelt, und sie verzehrt täglich nur eine Blüthe, die eine Frucht gebracht hätte, so macht daS in dieser Zeit 30 Früchte. Die 7500 Raupen vernichten somit 225,000 solcher Früchte, die unS im Herbst sehr zu Stätten gekommen
wären, selbst wenn der Verlust nur dieHälfte in Wirklichkeit betragen würde.
Fraukfurt a. M., 12. Dec. Die Kaisermanöver finden nächstes Jahr bei dem 11. Armeekorps statt. Das kaiserliche Hauptquartier wird voraussichtlich nach Mainz kommen.
Marburg, den 12. Dec. Am Sonnabend Mittag gelangte die hiesige königl. Staatsanwaltschaft in den unfreiwilligen Besitz eines Kindes. Am Freitag wurde in der hiesigen Umgegend die steckbrieflich verfolgte Zuhülterin eines herumziehendcn Schirmflickers aus Sosfenheim bei Frankfurt a; M. festgenommen Md mit ihrem wenige Monate alten Säugling hierher in Haft gebracht. Tags darauf erschien der Schirmflickcr Mit einem 2jährigen Knaben auf der hiesigen Staatsanwaltschaft und verlangte die Freilassung seiner Reisege- geiährlin. Da seinem AnsinueA jedoch nicht entsprachen werden konnte, so entfernte ^fidj der Mann schnell allein, indem er äußerte, „hahe ihm der Staatsanwalt die Frau und ein Kind genommen, so möge er daS zweite Kind auch behalten." Letzteres mußte vorläufig auf Kosten der Stadt in einem hiesigen Versorgungshaus untergebracht werden.
Marburg. Die sämmtlichen 4procentigen Schuldverschreibungen der Stadt Marburg aus der Anleihe vom 10. Dezember 1856 werden zur Rückzahlung am 1. Februar 1890, welche in der Kämmereikasse erfolgt, gekündigt.
Cassel, 14. Dezember. In der Husarenkaserne vor dem Frankfurter Thore sind drei weitere Pferde von der gefährlichen Rotzkrankheit befallen und sofort auf dem Forst in der Nähe von Bettenhausen erschossen worden. Wie man hört, sollen die Pferde während der diesjährigen Manöver im Marsch-Quartier in der Umgegend von Marburg, in einem Stalle, wo vorher kranke Pferde gestanden, angesteckt worden sein. Uebrigens stehen alle krankheitsverdächtigen Thiere schon seit einiger Zeit gesondert, und man hofft, daß die Krankheit, durch die getroffenen weitgehendsten Vorsichtsmaßregeln, nicht weiter um sich greift. — Das hiesige Husarenregiment soll, wie die H. M. Z. hört, vom 1. April n. I. ab nach Saarburg im Elsaß und das dortige Ulanenregiment Nr. 7 nach Kassel verlegt werden. Ebenio kommt das dritte Bataillon des 32. Jnf.-RegtS. aus Hersfeld hierher.
Cassel, 12. Dezember. In der gestern Abend im Stadtbausaale an der Fulda stattgchabtenVersammlung der Delegirten des Konservativen Verein sprach man sich im Allgemeinen für den Abschluß eines Kartells mit den Nationalliberalen aus, von einigen Delegirten wurden aber auch bte großen Schwierigkeiten hervorgehoben, welche sich der Verwirklichung desselben ent- gegenstellten. In vier Wahlkreisen wurden die aufzu» stellenden Kandidaten benannt, in den anderen vier Wahlkreisen konnte solche« nicht geschehen, weil eS hierzu noch einer Verständigung mit den Nationalliberalen, event. nach einer Einigung durch die Zentral- vorstände der Kartellparteien bedarf. In der sich an» chließenden General-Versammlung hielt Herr LandcS« Tredit-Kassen-Dircktor Lotz einen eingehenden Vertrag über die Ziele und Aufgaben der konservativen Partei ür die Zukunft, die hauptsächlich darin gipfelten, daß ras alte Programm der Konservativen endlich sich Bahn brechen und zur Wirklichkeit werden möge. Der Vortrag fand allgemeinen Beifall. Ein späterer Redner wies allerdings darauf hin, daß durch Abschließung des Kartells mit den Nationalliberalen die Erfüllung >cS konservativen Programms in weite Ferne gerückt, a gewissermaßen zur Unmöglichkeit werde, da die Ziele md Aufgaben der konservativen Partei denen der Nationallicberalen gerade in den wichtigsten LebenS- Verhältnissen z u w i e d e r l i e f e n.