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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

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Jf 99. Samstag, den 14. Dezember 1889.

Die volkswirthschaftlich^ Bedelrtuug der stehenden Heere.

Jedes Jahr bringt bei den Etatsberathungen heftige Scenen im Reichstage. Vom Regierungstische werden Neuanforderungen gestellt, und von der Opposition werden diese Steigerungen des Heeresbudgets jedesmal heftig befehdet.

Jedem Steuerzahler ist sicher schon einmal das Bedenken aufgesliegen, ob in der That eine so unge­heure Ausgabe für Heeccszmecke unumgänglich noth­wendig sei. Aber alle Bedenken gegen die Bewilligung neuer Mittel werden beseitigt durch den Gedanken, daß die unglückliche' geographische und politische Lage Deutsch­land zu einem von allen Seiten bedrohten Staat macht, der gefaßt sein muß, sich seiner Existenz nach mehr als einer Seite hin zu wehren. Aber immer und immer wieder glaubt die Opposition daran erinnern zu müssen, daß die ungeheuren MckW, die für das Heereswesen aufgcwcndet werden müssen, für die nationale Pro­duktion ebchfo verloren seien, wie die Hunderttansende von unbeschädigten kräftigen Arme der Soldaten. Bedenkt man nun, daß diese Hinderung einer Armee von Arbeitern, ihr Gewerbe auszuüben, für die Gesammtheit unter heutigen Verhältnissen eher vortheilhaft ist, da die Zahl der Arbeitsuchenden nicht noch mehr vermehrt wird, so wird fcm Einsichtiger länger über die Zurück­haltung so vieler Arbeiter von der Produktion sich beklagen.

Ebenso dürfen bei näherer Beleuchtung der That­sachen auch die unzähligen Millionen, die in die Mili­tärsäckel stießen, dem Naiionalwohl nicht als verloren gelten. Denn abgesehen von dem goldenen Bestand der im Juliusthurm zinslos aufgespeicherten Millionen, kehrt doch die ganze Einnechmc der Heeresverwaltung an die Produzenten zurück, da die Militärbehörden keinerlei Lieferung an das Ausland vergeben. Also dienen die Heeresausgaben sogar dazu, die einheimische Produktion zu befruchten. Und dann vor Allem ist die Erwerbsthätigkeit unseres ganzen Volkes auf das Heer angewiesen.

Die erste Bedingung für den großen, das ganze Volksleben beherrschenden Prozeß, durch welchen aus der Arbeitskraft das Produkt wird, ist die Unve-rsitzlich- Mt desselben in allen seinen Momenten, ebenso im Ganzen. Ist diese gesichert, dann schreitet derselbe nach den in ihm liegenden lebendigen Gesetzen durch sich selber fort; wird er zerstört oder gar vernichtet, so j st ht mit ihm das Leben selber still oder hört auf. Gäbe es nur einen einzigen Staat/ so würde die damit hergcstellte absolute Gleichheit Aller jene Unverletzlich- Lit von selber herstellen; da nun aber der ganze Fort­schritt alles Lebens ohne Ungleichheit nicht zu denken ist, so wird diese Ungleichheit zu einer beständigen Ge- fährdnng ber Unverletzlichkest. Deshalb muß jeder Einzelne so wie der Staat einen Organismus entfalten, welcher diese Gefährdung zurückzuweisen bestimmt ist.

Die rein nalionalökonvmische Konsequenz davon ist, wie der berühmte Rationalökonom Lorenz von Stein nachwies, daß die Eihaltung eines solchen Organs auch rein wirthschastlich gerade so viel werth ist, wie die 'Sicherheit der, aus der Arbeitskraft die Güter erzeugenden Produktion. Wie viel dieser Werth betrügt, läßt sich' daraus einiger Maßen bestimmen, daß es gerade'jener Prozeß ist, der die Bedingungen der ge­wöhnlichen Konsumtion bei dem Einzelnen, wie im Staate hersteUt, und der täglich Hunderte von Millionen produziren muß, damit die produzir.nde Kraft am nächsten Tage wieder Hunderte von Millionen für die KüitsümtwN erzeugen könne. Diesen Zustand ber Um

. Veiletzlichkeit, das ist also der ungestörten Selbstsländig- keit der Völker und ihrer " Individualität, nennen wir den Frieden. Diejenige Kraft, welche diesen Frieden erhält, ist eben das Heer. Das Heer ist also nicht werth, was eStoftet, sondern so viel, als die llnvcr- letzlichkeit des individuellen Staates gegenüber der Kraft, durch welche ein anderes Volk seine Arbeitskraft be­drohen könnte.

Das Heerwesen bedeutet in nationalökouomischer Beziehung also nicht allein eine Befruchtung der hcimrjcheu Industrie dadurch, daß es derselben Arbeit und Ver­dienst verschafft- sondern es ist auch derjenige Faktor, welcher allein die Bedingung aller Volkswilthschaft ist,

Deutsches Reich.

Berlin, 10, Dec. In der Petitions-Kommission des Reichstages wurde heute über die Petition um Gewährung von Wittwenpensionen auf Grund des kur- hessichen Staatsdienstgesetzes verhandelt. An der Dc- balte beteiligten sich als Regierungs - Kommissarien G.h. Regierungsrath Plath, Geh. Postrath Spilling und Geh. Kriegsrath Pomme. Auf Antrag des Referenten Abg. v. Gliszczhnski wurde beschlossen, dem Plenum zu empfehlen, die Petition dem Herrn Reiche-kanzler zur Erwägung zu überweisen.

Zwischen dem Kaiser und Herrn Miquel, dem Führer der Nationalliberalen, hat unlängst eine Unter­redung stattgefunden, über die mannig ache Lesarten kursireu. Stöcker's Volk" willaus zuverlässiger Quelle" folgendes wissen: Der Kaiser sagte zu Miquel, ihm zutrinkend:Sie sind mein Mann. Was Sie in Ihrer Frankfurter Rede gesagt haben, daß alle bestehenden Parteien ein wahrer Trödel sind, ist voll­kommen meine politische Ansicht. Ich kenne nur zwei politische Parteien: die für mich und die wider mich sind."

Der frühere Justizminister Graf Lippe, aus der Konfliktzeit sehr bekannt, ist am Sonntag in Berlin im Alter von 74 Jahren gestorben. Derselbe bekleidete den Posten eines preußischen Justizministers von 1862 bis 1867. Sein Nachfolger war Leonhard. Seit 1862 bekleidete Graf zur Lippe auch die Stelle eines Kronsyndikus. Der Verstorbene war Mitglied des preußischen Herrenhauses.

Drei Offiziere und dreiundzwanzig Mann, welche zur Vervollständigung der Wißmann'fchen Truppe in Afrika bestimmt sind, reisten dieser Tage hier ab. Die­selben fuhren zuerst nach Basel. und dann yia Genf nach Mmseille, um von dort auf einem französischen Dampfer sich nach Sansibar einzuschiffen.

Hamburg. ö. Dezember. (Chinesen und Kru Neger.) Für die Kmgsiu-Lmie trafen wiederum eine größere Anzahl von Chinesen in Hamburg ein, schon die dritte sSendung. Ebenso kam hier ein Trupp Kru-Neger an, welche auf den Wörmann'schen Dampfern ver­wendet werden sollen. Letztereinstallirte man bei ihrer Ankunft im hiesigen Seemannshaus, doch opponnten die dort logirenden deutschen Seeleute derart, daß man unsere schwärz n Landsleute aus Kamerun wieder aus- quartiren mußte. Sowohl die Chinesen wie die Kru- Neger sollen als Heizer und Kohlenleute Verwendung finden. Nach und nach w rden die deutschen Arbeits­kräfte auf diesen Dampferlinien für gewisse Arbeiten wohl ganz Verdi ängt werden.

Aus Sachsen. Ein großer Färberstrike ist in Chemnitz ausgebrochen. Von den iir ben 25 Färbereien der Stadt beschäftigten Arbeitern fanden sich am Montag nur ctwa lO°/o ein. Gegen 1500 Arbeiter haben die Arbeit niedergelegt, sie verlangen eine Lohnerhöhung von-SSVa^o.

Görlitz. Ein merkwürdiger Kampf zwischen Sperlingen und einer Ratte fand dieser Tage auf dem Hofe eines Grundstücks am Obermarkt statt. Ein Spatz wurde von einer Ratte gefaßt. Auf sein Ge­schrei kam eine ganze Schaar von Spatzen herbeigeeilt und suchte den Gefährten zu befreien. Fürchterlich wurde von ihnen auf die Ratte eingehackt, die dabei beide Augen verlor. Die geblendete Ratte lief dann auf dem Hofe umher, bis sie todtgeschlagen wurde.

Erfurt. Eine nette Ueberraschung wurde kürzlich einem alleinstehenden Herrn in Erfurt zu Theil. Als er Abends nach Hause kam fand er in seinem Bette einen Säugling vor, an dessen Aermchen auf einem Zettel die Worte zu lesen waren:Da hast Du Deinen Jungen." Das Kind wurde seitens der Armendirektion untergebracht.

Mannheim. Der amerikanische Konsul in Mann­heim erwähnt in seinem letzten Bericht der Entdeckung eines fettigen Surrogats für Butter in der Cocosnuß seitens deutscher Chemiker. Eine Fabrik in Mannheim

und in diesem Sinne unschätzbar. Jedenfalls erscheint unter diesem Gesichtspunkte die Anfeindung des Heer­wesens als eine völlige Verkennung des Werthes, der in der Sicherung der nationalen Arbeit liegt. Man wird daher von diesem Gesichtspunkte aus die erhöhten Heeresanforderungen nicht als eine Schädigung am Nationalvermögen bezeichnen können.

bereite jetzt täglich über 6000 Pfund Cocosnußbutter, welche Oleomargarines ersetzen dürfte, da sie frei von Säuren, von angenehmen Geschmack und leicht verdau­lich sei. In Deutschland gebe es 50 Fabriken, welche verschiedene Arten von Kunstbutter erzeugten.

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern, 12. Dec. (Theater.) Die Schubert'sche Theater-Gesellschaft brächte vergangenen Mittwoch das Prixsche SchauspielDie Blinde von Paris" zur Auf­führung. Wir können von der zwar kleinen, aber sehr gut zusammengestellten Gesellschaft nur das Beste sagen. Die Rollen waren nur in guten Händen. Die Marquise Appiani wurde von Frau Natalie Herms mit einer Wärme und' Natürlichkeit dargestellt, die alles Lob ver­dient. Ebenbürtig ihr zur Seite standen Herr Emil Schubert als Graf St. Germain, Herr A. Donato als tDiarceL Der Papillon der Frau Käthy Schubert war eine sehr gelungene Figur, welche die Zuschauer in Heiterkeit versetzte. Frl. Elly Amelie stellte die blinde Waise, Johanna, mit sehr vielem Fleiße dar; der Pietro des Herrn Herms zeigte uns, daß wir es mit einem geschulten Schauspieler zu thun hatten. Im Ucbrigen ging das Stück zur vollsten Zufriedenheit der Zuschauer von stakten, und war nur zu bedauern, daß der Besuch kein besserer war, woran wohl die naheliegende Weih­nachtszeit die Schuld tragen mag.

* Es sollen die noch lebenden Veteranen aus den Feldzügen von 181315 resp, deren hinterlassenen Wittwen ermittelt werden. Da es sich um irgend eine denselben zu gewährende Unterstützung' handelt, so werden dieselben gut thun, sich schleunigst bei ihren Orts­behörden unter Vorzeigung der Mililärpapiere oder eines anderen entsprechenden Ausweises zu melden.

* Vor einigen Tagen, am 30. November, ist die neue Polizeiverordnung^ betreffend die bauliche Anlage und die innere Anlage von Theatern, Zirkusgebäuden und öffentlichen Versammlungsräumen für die preußischen Staatsgebiete in Kraft getreten. Bei der großen Be­deutung dieses Erlasses, der dazu bestimmt ist, die über­aus traurigen Folgen von Theaterbränden und ähnlichen Katastrophen möglichst zu verhindern, oder wenn einge- treten, zu mildern, ist es wohl von allgemeinem Interesse, die Einzelheiten kennen zu lernen. Die Verordnung gliedert sich in Vorschriften für Neubauten und in Mindestanforderungen für bestehende Anstalten. Am einschneidendsten erscheint die Verfügung, daß die elek­trische Beleuchtung obligatorisch gemacht wird für Neu­bauten, wenn sie mehr als 800, für bestehende Theater rc., wenn sie mehr als 1200 Personen fassen. Letztere Maßregel muß binnen 2 Jahren ausgeführt sein. Die geforderten Schutzmaßregeln fassen nicht nur die unmittelbaren Gefahren in's Auge, wie sie etwa bet Entstehung eines Brandes das in geschlossenen Räumen versammelte Publikum durch Verbrennen oder Ersticken bedrohen, sondern auch in Folgen bei einer wirklichen oder vermeintlicher Gefahr entstehenden Panik. Als entscheidend für die Rettung von Menschenseelen bei Unglücksfällen und für die Verhütung von Lebensgefahr überhaupt ist vor Allem die Sicherung einer schnellen und gefahrlosen Entleerung der Räume erachtet worden; sie soll erreicht werden durch die Anlage hinlänglich breiter Gänge, Thüren, Treppen, Flure und Durch­fahrten, sowie durch die Fürsorge, daß das Publikum unter allen Umständen leicht, schnell und sicher die AuSgänge in's Freie erreichen kann. Die Maßregeln gegen Feuersgefahr bezwecken vornehmlich auch eine Verqualmung der menschenerfüllten Räume und der zu den Ausgängen führenden Gänge, Treppen und Flure zu verhindern oder doch wenigstens thunlichst zu ver­zögern. Alle diese Vorschriften richten sich gegen Be- kämpfung der Panik bei einem nicht mehr zu bewälti­genden Feuer. Ebenso sind umfassende Vorkehrungen gefordert, um ein entstehendes Feuer im Keime ersticken zu können. Es ist die Forderung gestellt, daß Vor­hänge, Koulissen, Stofftten, Hinterhänge, Versatz- und sonstige Dekorationsstücke thunlichst aus unverbrennlichen oder schwer entflammbaren Stoffen hergestellt werden müssen.

Hanau, 10. Dez. Zur ersten der beiden gestern vor dem Schwurgericht verhandelten Strafsachen stand