Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

; ^97

Samstag, den 7. Dezember

1889.

Deutsches Reich.

Berlin. Ein Raubmord, begangen an der 59jährigen Wittwe Stehle in der Grünauerstraße (am Görlitzer Bahnhöfe), setzt die Stadt in Aufregung. Ein Tele­graphenbeamter, der bei der Wittwe ein möblirtes Zimmer gemiethet hatte, fand bei seiner Rückkehr von einer mehrtägigen Reise ziemliche Unordnung in seinem Zimmer, auch fehlte ihm aus dem offenstehenden Kleiderspind ein Anzug. Da auf sein Rufen die Wirthin nicht erschien, begab er sich in deren Küche und fand hier die Wittwe in einer Blutlache am Boden liegend. Die schnell herbeigerufene Kriminal- polizei nahm den Thatbestand auf. Am Thatorte wurde eine birkene Dose gefunden, die frischen Schnupf­tabak enthielt und, da die Verstorbene nicht geschnupft, zweifellos ihrem Mörder gehört, nach dem nun auf das eifrigste gefahndet wird. Nach den neuesten Mel­dungen ist es gelungen, den Mörder in der Person deS ISjäbrigen Max Carlsburg, des Neffen der Er­mordeten, zu ermitteln.

Gemäß Befehl des Kaisers und Königs muß aucf) wie bei allen sonstigen Dienstschreiben bei den Sr. Mas. zu unterbreitenden Eingaben auf der ersten Seite des Bogens oben links in der Ecke sich die Bezeichnung des Absenders oder der absendenden Behörde befinden.

Durch kaiserliche Kabinetsordre ist bestimmt, daß die Sklavenblokade in Ostafrika als ein Feldzug anzusehen ist. Für die Betheiligung an demselben ist dem Stäbe des Kreuzergeschwaders, sowie den Be­satzungen der KorvettenLeipzig,"Sophie,"Carola," sowie der FahrzeugeMöwe,"Schwalbe," und Pfeil" ein Kriegsjahr in Anrechnung zu bringen. In demselben Sinne ist die am 18. Dezember 1888 auf den Samoa-Jnseln ausgeführte militärische Aktion für die Besatzungen der FahrzeugeOlga,"Adler," Eber" als ein Feldzug anzusehen.

Essen, 29. Nov. Der Kaiser ließ, denRh.-Westf.- Ztg." zufolge, den geretteten 224 Bergleuten von der 1 ZecheSchlägel und Eisen" durch den Minister Herr­furtb seinen Glückwunsch entbieten.

Dortmund, 2. Dezb. Obichon hier die Klagen, daß eine Anzahl Bergleute vergeblich von Zeche zu Zeche laufen und um Arbeit anhalten, nicht verstummen wollen, stößt man in entfernt erscheinenden Blättern immer von neuem auf Inserate, durch welche bald die eine, bald die andere Zechen - Verwaltung Bergleute suchen. So findet man in der polnischen Zeitung Dziennik Poznanski vom letzten Freitag wieder folgende Annonce:Auf den Schächten Helene und Nachtigall bei Mitten an der Ruhr (Westfalen) finden tüchtige Arbeiter dauernde und lohnende Beschäftigung. Aus­kunft ertheilt der Grubenvo-stand von Helene und Nachtigall." Ein Bergmann Margraf in Essen erläßt eine Erklärung, der zufolge der Abg. Dr. Natrop sich gegenüber der Abordnung, welche im Auftrage der Sonntag abgehaltenen Versammlung von Bergleuten sich zu ihm begab, dahin geäußert habe, daß die Zechen Verwaltungen schwerlich mit einer Abordnung der Bergleute verhandeln würden. Das soll wohl die vom Kaiser empfohlene Fühlung mit den Arbeitern sein? (Bergl. übrigens unter Tagesrundschau die Nachricht, daß die Industriellen ihren Widerstand gegen Arbeiter- Ausschüsse aufgeben wollen.) Der Bergmann Margraf richtet die Bitte an die Verwaltungen, doch nicht so abweisend zu sein, wie Dr. Natrop es in Aussicht ge­stellt. Es spricht für den Ernst der Lage im rheinisch- westphälischen Kohlenrevier, daß am 30. November Zechen im Essener Revier einigen Kunden in den Ruhr­häfen telephonisch mittheilen^' sie müßten die Lieferungen vorläufig einstellen und die geförderten Kohlenstürzen," d. h. auf eigenem Lager halten.

Von einem gewaltigen Brande wurde in der Nacht zu Sonnabend Erfurt heimgesucht. Gegen 12'/« Uhr schlugen aus der sogenannten Weidenmühle die Flammen. In kurzer Zeit war das ganze dreistöckige Gebäude von denselben ergriffen. Schon nach halb­stündigem Brande stürzte das MühlenhauS.zusammen. DaS daneben stehende Wohnhaus wurde ebenfalls nahe­zu völlig zerstört. Der Schaden ist erheblich, die Ver­sicherung soll den Verlust nur theilweise decken. Mehrere tausend Centner Graupen, Mehl rc. sind ver­brannt. Ueber die Ursache des Brandes ist noch nichts

bekannt. Zwei Mühlknappen sind mit genauer Noth dem Feuertod: entgangen. Der eine hat kurz ent- schlosseu den Sprung durch daS Fenster in den Mühl- strom gemacht und ist glücklich dadurch gerettet.

Aus Schlesien. Ein Fall von Curpfuscherei hat in der Gegend von Primtenau besonders Aufsehen erregt. Ein Mädchen bekam ein böses Bein. Nachdem allerlei Salben angewandt waren, suchte man die Hilfe eines Schäfers, eines Quacksalbers, nach. Derselbe quälte das Kind durch Einrenken des Beines und brächte es dahin, daß es überhaupt nicht mehr laufen konnte. Nach einiger Zeit stellten sich in dem Befinden des Mädchens bedenkliche Erscheinungen, hohes Fieber und Bruststechen ein. Nun brächte man das Kind zu Ver­wandten, die es alsbald in das Krankenhaus Bethanien gaben, wo festgestclll wurde, daß das Bein unterhalb des Knies gebrochen und der Knochen schon krank war. Wollte man das Kind retten, so mußte das ganze Bein abgenommen werden; dies geschah. Die Mutter des bedauernswerthen Kindes hat den Strafantrag gestellt. Q Walldorf bei Meiningen, 29. Nov. Welche zähe Lebenskraft einem Dachshund zu eigen ist, beweist wieder ein auf dem zum hiesigen Ort gehörigen Meierhof Breuberg jetzt stattgehadter Vorfall. Der Waldaufseher in dem v. Bibra'schen Forst schickte nämlich vor Kurzem mit Absicht noch vor erhaltenem Futter seinen Teckel in einen Dachsbau. Der Hund wird laut, kommt aber nicht wieder zum Vorschein; zuletzt hört man auch die Stimme des Hundes nicht mehr. Alle Anstrengungen, Lust in den Bau zu bringen, scheinen ohne Erfolg. Endlich nach 16 Nächten, am 17. Tag, kommt der Teckel zur größten Freude seines Herrn wieder zum Vorschein, freilich furchtbar abgemagert und im jammer- > ollsten Zustand. Das Thier war anfangs ganz un- ähig, Nahrung zu sich zu nehmen, später schlürfte es jedoch etwas Milch und erholte sich langsam wieder. Jedenfalls war nach dem Eindringen des Hundes in den Bau derselbe durch Zufall oder durch die Bemühungen des darin befindlichen Dachses ver­schüttet worden, sodaß es erst nach mehr als vierzehn- täjigem Abgeschlossensein dem Teckel gelungen ist, wieder an die Oberfläche zu kommen; fürwahr eine staunens- wcrthe Leistung!

Das Schöffengericht in Nürnberg hat einen Metz­germeister wegen fortgesetzten Vergehens und Betruges zu drei Tagen Gefängniß und 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Er hat nämlich Kuhfleisch für Ochsenfleisch verkauft.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 4. Dec. Versetzt: der Förster Gunde- lach zum 1. Januar f. J. von Mottgers nach Ahl, und der Förster von Czarnecki zum 1. Januar k. I. von Ahl nach Mottgers-Ost.

* Am vergangenen Montag trafen zehn Stück italienische Schweine, darunter wahre Prachtexem­plare, an die Adresse eines hiesigen Metzgers ein, die­selben kamen voi Fulda. Drei Stück davon gingen nach Steinau weiter, sieben Stück wurden hier ge­schlachtet, und ist man mit dem Ergebniß sehr zufrieden. Es wurden in Folge dessen bis jetzt weitere 12 Stück bestellt, darunter auch drei Stück von Privatleuten.

* Der heutigen Nr. liegt eine Preisliste der Firma Ferd. Fenner in Schlüchtern bei, worauf wir aufmerksam machen.

Das Reichs-Postamt richtet auch in diesem Jahre an das Publikum das Ersuchen, mit den Weihnachtsversendungen bald zu beginnen, damit die Packetmassen sich nicht in den letzten Tagen vor dem Feste zu sehr zusammen­drängen, wodurch die Pünktlichkeit in der Beförderung leidet. Die Packete sind dauerhaft zu verpacken. Dünne Pappkasten, schwache Schachteln, Ligarrenkisten rc. sind nicht zu benutzen. Die Aufschrift der Packete muß deutlich, vollständig und haltbar hergeftellt sein. Kann die Aufschrift nicht in deutlicher Weise auf das Packet gesetzt werden, so empfiehlt sich die Verwendung eines Blattes weißen Papieres, welches der ganzen Fläche nach fest aufgeklebt werden muß. Am zweck­mäßigsten sind gedruckte Ausschriften auf weißem Pa­pier. Dagegen dürfen Formulare zu Post-Packetadressen für Packetaufschriften nicht verwendet werden. Der Name des Bestimmungsorts muß stets recht groß und kräftig gedruckt oder geschrieben sein. Die Packetauf-

schrift muß sämmtliche Angaben der Begleitadresse enthalten, zutreffendenfalls also den Frankovermerk, den Nachnahmebetrag nebst Namen und Wohnung des Absenders, den Vermerk der Eilbestellung u. s. w., da­mit im Falle des Verlustes der Begleitadresse das Packet auch ohne dieselbe dem Empfänger ausgehändigt werden kann. Auf Packeten nach größeren Orten ist die Wohnung des Empfängers, auf Packeten nach Berlin auch der Buchstabe des Postbezirks (C., W., SO. u. s. w.) anzugeben. Zur Beschleunigung des Betriebes trägt es wesentlich bei, wenn die Packete frankirt aufge­liefert werden.

Am Sonntag Abend brach bei dem Hüttner Jakob Gärtner in Sannerz ein Brand aus, welcher so heftig um sich griff, daß in kurzer Zeit Haus, Scheuer und Stallung in Asche lag.

Aus Kurhessen, 1. Dec. (Ein ungetreuer Con- cursverwalter.) Ein sensationeller Betrugsprozeß ge­langte dieser Tage vor der Stafkammer zu Marburg zum gerichtlichen Austrage. Der in den weitesten Kreisen bekannte Concursverwalter W. Eppelsheimer dortselbst, ein Mann, der ein großes Einkommen hatte, da er fortwährend eine Reihe Concurse zu verwalten hatte, und als reich galt, stand unter der Anklage der Untreue, Unterschlagung und Betruges vor den Ge­richtsschranken. Die Beweisaufnahme ergab folgende Veruntreuungen des Eppelsheimer: In der Moses'schen Concurssache 6223 Mark, in dem Pitz'schen Concurse 5772 Mk.; Betrug zum Nachtheil des L. Guth 5 200 Mk., Unterschlagung zi m Nachtheil der Firma Albers und Comp. in Bremen 722 Mk. Im Weiteren förderte die Revision, die ganz plötzlich über ihn her- einbrach, noch 6 unerledigte Concurse, und nur einen Baa^-stand von weniger denn 400 Mk. zu Tage. Der Angeklagte war in der Hauptsache geständig, nur den Betrag der 5200 Mk. zum Nachtheil des Guth bestritt er. Er will mehrere Tausend Mark in Börsen­spekulationen verloren, einen Theil durch Darlehen an gute Freunde, endlich will er bei dem Kauf eines Hauses großen Schaden erlitten haben. Er habe die Gelder nur an sich genommer, um sich aus augenblick­lichen Verlegenheiten zu retten und später zurückerstatten wollen, was ihm bei seinem reichlichen Verdienste nicht schwer gefallen sein würde. Die Absicht, die fraglichen Firmen zu schädigen, habe er nicht gehabt. Die Straf­kammer erachtete auf Grund der Beweisaufnahme den Angeklagten der Untreue in 2 Fällen, des Betruges und der Unterschlagung in je einem Falle (insgesammt etwa 16,000 Mk.) für schuldig und, indem sie über den Antrag des Staatsanwalts hinausging, verurtheilte sie Eppelsheimer mit Rücksicht auf den groben Ver­trauensbruch, die sehr erheblichen Beträge und Schädigung der vielen Concursgläubiger, die nun zum Theil das Nachsehen haben, zu einer Gesammtstrafe von vier Jahren und sechs Monaten Gefängniß, sowie Aber­kennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren.

Vom Main. Bei einem wohlhabenden Schafzüchter sprach unlängst ein Mann vor und begehrte im Auf­trag einer bekannten Firma 120 Stück Hammel. Die Heerde wurde ihm anstandslos ausgeliefert, da die Firma schon lange Jahre mit dem Schafzüchter in ge­schäftlichen Beziehungen steht. Der Unbekannte trieb die Heerde von bannen, verkaufte unterwegs ver­schiedene Stück und brächte den Rest nach der Export- Hammelschlächterei zu Bischofsheim. Dort versilberte er die Hammel und verduftete mit dem Erlös von 2600 Mk.

Frankfurt a. M., 2. Decb. In unserer Stadt rüstet man sich in allen Kreisen der Bevölkerung, den Kaiserbesuch am 9. December würdig zu empfangen. Die alte, frühere KronungSstadt des deutschen Reiches wird gewiß Hinter der Reichshauptstadt in den Be­weisen patriotischer Begeisterung und Anhänglichkeit nicht zurückbleiben. Der Palmengartcu soll drei Tage lang vor dem festlichen Eingang des Kaisers geschlossen und daS Palmenhaus mit dem großen Gesettschaftssaal zu einer einzigen überraschend schönen Empfangshalle ver­bunden und umgestaltet werden. Maler, Dekorateure, Kunstgärtner und andere Künstler wetteifern jetzt schon in ihren Vorbereitungen nach festgesteütem Plan unter Anleitung mehrerer Herren des Städel'schen Kunst­instituts, um in glänzender Weise mit Benutzung des