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Mittwoch, den 27. November
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist von der Hosjagd bei Letzlingen zurückgekchrt. Donnerstag und Freitag wird der „Schlei. Z'g." zufolge der Kaiser als Gast des Fürsten von Pleß bei Pleß jagen. Von dort wird der Kaiser am Freitag Abend in Breslau eintreffen. um im Palais zu übernachten. Sonnabend früh begielu sich der Kaiser mittelst Sondcrzugcs nach Ohlau, um in Fürstenwalde eine Jagd abzahalten; nach deren Beendigung erfolgt die Rückfahrt nach Breslau, wo tm königl. Palais das Jagdessen gegeben werden soll. Die Rückreise nach Berlin dürfte in der Nacht Dom Sonnabend zu Sonntag stattfinden. Aus der Reise nach Darmstadt wird der Kaiser auch in Frankfurt a. M. Aufenthalt nehmen.
— Im Reichstage kamen die Anträge der deutsch- konservativen, freikonservativen und Zentrums-Partei wegen Eimührung eines Befähigungsnachweises für den selbstständigen Betrieb eines Handwerks zur ersten Berathung. Der Antrag der deutschkonservativenPaitri bringt ein Gesetz in Borschlag, w.lch>s anordnet, daß zum selbstständigen Betriebe folgender Gewerbe:
Barbiere (Rassirer) und Friseure, Bandagisten, Böttcher (Faßbinder, Schäffler).Brunnenmacher (Brunnenbauer), Buchbinder, Buchdrucker, Bürstenbinder, Konditoren und Pfeffei kuchler und Lebküchlcr(Ledzelterküchler), Drechsler, Färber, Feilenhauer, Friseure und Perücken- macher, Gelb- und Rothgießer, Zinn- und Zink- und Metallgießer, Gerber, Glaser, Glockengießer, Gold-, Silber- und Metallschläger, Gürtler, Handschuhmacher und Beutler, Hulmacher, Kammmacher, Klempner (Spengler), Korbmacher, Kürschner, Kupferschmiede, Maler, und Bergolder undLackirer, Maurer, Mechaniker, Optiker, Messer- und Zeugschmirde, Fleischer (Metzger), Müller, Mühlenbauer, Nadler, Siehmacher, Posamentierer, Sonn- und Regenschirmmacher, Sattler und Riemer und Täschner, Schieferdecker, Schlosser, Schmiede, Schneider, Tischler (Schreiner), Stuhlmacher, Töpfer (Häfner), Schornsteinfeger, Schuhmacher, Schiffbauer, Seifensieder (Kerzenzieher), Wachszieher (Wachsarbeiter), Seiler,Stcinmetze, Stuckateure, Tapeziere (Dekorateure), Uhrmacher, Wagner (Rad- und Stellmacher), Weber und Wirker, Zimmerlente — Der Nachweis der Befähigung erbracht werden muß. Dieser Antrag ist auch von den Abgeordneten der Zentrumspartei unterschrieben.
— Der Plan, chinesische Arbeiter nach Deutschland einzuführen, der vor Jahresfrist zuerst von einem wcst- preußischen landwirthschaftlichen Verein angeregt wurde, ist neuerdings im Stettiner Zwcigvcrein der Pommer- schen ökonomischen Gesellschaft erörtert worden. Es wurde eine Kommission gewählt, die sich mit dem chinesischen Gesandten in Berlin in Verbindung setzen soll, um zu erfahren, unter welchen Bedingungen Arbeiter aus China zu beschaffen sein würden.
— Ein glänzendes Schriftsteller - Honorar, nämlich 20,000 Mk. für eine Arbeit von zwei Oktavseiten, hat Professor Lazarus in Berlin erhalten. Die Arbeit besteht aus 15 Sätzen, welche als Grundlage der „jüdischen Ethik" gelten wollen. Der deutschisraelitische Gemeindebund verbreitet die Arbeit und Ritter von . Gutmann hat das Honorar gegeben. Die in Magdeburg erscheinende „Israelitische Wochenschrift" meint zwar, daß die Leistung Lazarus', welche im Voraus honoriert worden sei, nur eine magere Abschlagszahlung bilde, während Lazarus sich bezüglich der eigentlich erwarteten Arbeit für insolvent erklärt habe.
— Zur Zunahme des Pferdefleischkonsums theilt die „Allg. Fleischcrzeitung" noch die aus weiteren sieben Städten cingeholten amtliche Angaben mit. Im Oktober dieses Jahres ist der Pferdefleischkomum gegen den im Oktober 1888 gestiegen in Köln um mehr als 25 pCt., in München um fast 30 pEt., in Dresden um ca. 40 pCt., in Frankfurt a. M. um ca. 50 pCt., in Linden bei Hannover um mehr als 50 pCt., in Kiel um ca. 80 pSt. und in Hannover um 90 pCt. Das Pferdefleisch muß jetzt fast theurer bezahlt werden als vor dem Einsuhrverbor das Schweine- und Rindfleisch, die Arbeiter aber können nur noch an Pferdefleisch sich satt essen.
— Kein Hund ist wegen der theueren Fletsch- preise in Berlin vor dem Abfangen durch die armen Leute sicher. In Riporf bei Berlin soll sich sogar
'Ausland.
Oesterreich. In dem westgalizischen Städtchen Wadowice hat dieser Tage ein Prozeß begonnen, dessen Bedeutung weit über die Grenzen, nicht nur Galiziens, sondern der österreichisch-ungarischen Monarchie reicht. Die den Angeklagten, fast sämmtlich Juden, zur Last gelegten Verbrechen, nämlich ein sörmlicher Menschenhandel mit Amerika-Auswanderern, wurden gleichzeitig in Oesterreich, Ungarn und Deutschland gegen dieselben Personen von benfelbeu Thätern begangen. Die Anklageschrift, welche ca. 200 Druckseiten in Großformat umfaßt, enthält geradezu ungeheuerliche Dinge, die man selbst an der Pforte Halb-Asiens nicht für möglich halten sollte. Augeklagt sind im Ganzen 65 Personen. Sämmtliche Angeklagte, welche über ein Jahr in Untersuchungshaft zubrachten — denn die Verhaftungen begannen am 24. Juli 1888 — werden in 26 Gruppen eingetheilt und die ihnen zur Last gelegten Verbrechen lauten auf: OesfentUche Gewaltthätigkeit durch unbefugte BtschAinkung der persönlichen Freiheit, auf Erpressung, Mißbrauch Per Amtsgewalt, Geschenkannahme in Amtssachen, Verleitung zum Mißbrauche der Amtsgewalt, Raub, Betrug, fälschliche Annahme des Charakters eines Beamten, Verbrechen des Betruges mit einem 200 fl. übersteigerten Schaden, Betrug durch Beilegung eines falschen Namens, Charakters oder Standes, Verhehlung und Begünstigung eines Deserteurs und Verteilung eines Soldaten zur Verletzung der militärischen Dienstpflicht und Vorschub- kyhiiig zu militärischen Verbrechen. Angeklagt sind u. a.; der Bahnrestaurateur in Oswiecin; Jakob Klausner, Kaufmann; Simon Herz, Viehcxporteur; Julius Löwen, berg, Kaufmann; Marcell Jwanicki, K. K. Zollamts, kontroleur. Die Judenschasl hat vergeblich versucht, den Prozeß zu unterdrücken. Dem Krakauer Polizei- kommissar Swolken, welcher die haarsträubende Geschichte aufdeckte, hat dem „Deutschen Volksblatt" zufolge, die „Alliance Jsraelite" nicht weniger als 200,000 Gulden angeboten, wenn er die ihm Vorgesetzte Behörde durch falsche Berichte über den Erfolg seiner Nachforschungen irreführen wollte. Der wackere Mann hat der Ver- suchuug widerstanden und seine Pflicht gethan. Da man fürchtet, daß die übermächtige Judenschaft, um ihre Genossen zu retten, die Prozeßakten und das Be- weismaterial zu beseitigen versuchen wird, wird der Verhandluiigssaal in Wadowice während der Nachtzeit burdi Militär sorgfältig bewacht.
London, 29. Nov. Der Brauereibesitzer Edward Guiueß in Dublin stiftete für den Bau von Arbeiter- wohnungen 250,000 Pfd. Sterling und zwar 200,000 Pfd. für London und 50,000 Pfd. für Dublin.
Amerika. In Baltimore ist zu Feier des 100jährigen Bestehens der katholischen Kirche in Amerika ein Katholikcnkongrcß zusammengelreten. Vor 100 Jahren gab es nur 40,000 Katholiken in den Vereinigten Staaten, jetzt beträgt ihre Zahl 9 000 000 mit 80 000 Priestern, 10 000 Kirchen und 650 Lehranstalten. Die „Hierarchie" besteht aus 1 Kardinal, 17 Erz- bischöfen und 71 Bischöfen.
Capstadt. In dem Bergwerksbezirk von Johannis- burg tu Transvaal herrscht, wie aus London berichtet wird ein schrecklicher Nothstand. Die Leute haben kaum etwas zu essen. Ein Sack Mehl kostet 100 Mk., ein Laib Brot, so groß wie ein Semmel, anderthalb Mark. Die Ursache dieser fulchtbaren Theurung ist in der seit acht Monaten beständig herrschenden Trockenheit zu suchen. Es giebt kein Viehfutter mehr und Ochsen und Maulthiere fallen zu Hunderten. Und doch sind diese Thiere das unentbehrliche Beförderungsmittel des Landes, ohne welche keine Lebensrnittel ein« geführt werden können.
Nach Berichten aus China ist durch eine Ueber» schwemmung im Gebiete des Nantsekiang eine schreck« liche Katastrophe erfolgt. Der Fluß trat am 11. Okl. in einer Strecke von etwa 100 Meilen aus seinen Ufern. Mehr als tausend Menschen sind ertrunken; etwa 15,000 Menschen sind ohne Unterkunft und ohne Lebensrnittel. Die Ernten sind vernichtet.
eine Hundeschlächterei etablirt haben. Die Nachfrage nach Hunden ist groß. Uebrigens schmeckt Hundcfleisch besser als Pferdefleisch und die Chinesen glauben fest daran, daß der regelmäßige Genuß des feisten Hundefleisches ein Mittel gegen die Schwindsucht sei. Auch die Katzen schmecken, nach Hasenarl zubereitet, demjenigen, der einen Hasen zu essen vermeint, ganz gut. In Spanien werden unzählige Katzen als Hasenbraten selbst in guten Gasthöfen servirt.
Aus Schlesin. Ein interessanter Prozeß wird demnächst vor dem Gericht in Ratibor zum Ausgang kommen. Der Sachverhalt ist kurz folgender: Bei einem „Tempel" war einem der Mitspielenden das Geld ausgegangen. Um seine Spiellust trotzdem zu befriedigen, setzte er gegen den Bankier ein Zehntel- Loos der sächsischen Lotterie, welches der Letztere an- nahm und einftrieb. Bei der letzten Ziehung ist das Loos mit 50,000 Mark herausgekommen. Zum Um glück des V.rli rcrs des Looses war dieser aber nicht Alleinbesitzer desselben; er hatte sogar den größten Theil des Loo'es an andere Personen vergeben. Letztere erh.ben j tzt Anspruch auf Auszahlung des Gewinnes; der Gewinner aber weigert sich, das Loos herauszu- geben. Auf das Urtheil des Gerichtshofes darf man gespannt sein.
Aus Gera schreibt man: In unseren Vororten Cuba und Untermhaus erkrankten in voriger Woche kurz nacheinander 25 Personen in Folge des Genusses von Rindfleisch, welches von einem dortigen Fleischer gekauft war. Wie sich jetzt herausgcstellt hat, stammte das Fleisch von einem blutarmen Ochsen und war des besseren Aussehens halber stark mit Anilin gefärbt worden. . Ein zweijähriges Kind ist inzwischen der Vergiftung erlegen.
Stafffurt, 18. November. Ein schwerer Dieb stahl wurde nächtliche, weile in dem benachbarten Neundorf versucht, indem aus dem Bureau des Pfaffenberg der eiserne Geldschrank entwendet wurde. Die Diebe hatten die Scheibe eines nach dem Hofe führenden Fensters mit Seife beschmiert und dann eingedrückt. Mittels Walzen hatten sie dann den schweren Schränk mit den wcrthvoUen Inhalt von 40,000 Mk. Löhnungs- geld auf den hinter dem Bureau befindlichen Acker geschafft. Bei dem ferneren Transport wurden die Diebe durch den Nachtwächter gestört: einer entfloh ins Dorf, die anderen fünf in das nahe Gehölz, so daß vor der Hand leider ihre Spur verloren ging.
Dortmund, 19. November. Dieser Tage wurde der jugendliche Bursche, welcher kürzlich vorsätzlich die Erziehungs- und Rettungsanstalt „Haus Nazareth" bei Hamm in Brand gesteckt hat, um entfliehen zu können, vom hiesigen Untersuchungsrichter vernommen. Der jugendliche Verbrecher, ein vergnügt dreinschauender Knabe hat, wie wir hören, die That rückhaltlos einge- standen und dabei mit der unschuldigsten Miene von der Welt die Vorbereitungen und die schließ iche Ausführung des Verbrechens, wodurch so entsetzliches Unglück angerichtet werden konnte, geschildert.
Ludwigshafen, 22. November. Eine Maffenver- giftung durch den Genuß von Brod setzte kürzlich alle Gunülher in Erregung. Jetzt ist constatirt, daß in dem Backhaus eine Düte mit Arsenikpräparaten zur Rattenvergiflung gelegen hat, welche seit dem kritischen Tage fehlt. Jedenfalls ist der Inhalt der Düte durch ein Versehen oder einen Irrthum in das Gebäck Mehl gerathen. Die Erkrankten sind sämmtlich genesen bis auf den Rentier Grünebaum, der dieser Tage gestorben ist, ob in Folge des Arsenikgenusses, oder in Folge der ihm anhaftenden Krankheit, wird die Sektion der Leiche ergeben. — Wie man einem kranken Magen zu Hilfe kommt. Ein stämmiger Ochfenknecht in der Nähe von Mittertcich besam jüngst so heftige Unterleibsschmerzen, daß er laut aufschrie. Um sich Linderung zu verschaffen, nahm er kurz nach einander folgende Mittel zu sich: einen halben Liter eingemachte Preiselbeeren, einen «viertel Liter Branntwein und zwei Eßlöffel voll Pfeffer, dann geriebenen M erretlig mit Essig, einen viertel Liter bitteren Branntwein und eine halbe Flasche Kornbranntwein mit Wiesenkümmel, einen viertel Liter Salalöl unter Kaffee gemischt, Kümmelsuppe und schließlich ein Gläschen voll Carmelilengeist, und siehe da, er war gerettet. Am andern Morgen war er frisch und munter.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtcrn, 26. Nov. Dem Buchbinder W. Baist sen. ist am Freitag Abend ein sehr bedauerlicher Unfall begegnet. Derselbe befand sich auf einer Geschäftstaux