Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin sind Sonnabend 11 Uhr in Konstantinopel eingetroffen. Der Kaiser hat selbst seine Ankunft dem Fürsten Bismarck telegraphisch mitgetheilt und in dem kurzen Telegramm bemerkt, daß der Anblick unbeschreiblich schön sei. 33 Kanonenschüsse vom Bord der türkischen Kriegsschiffe begrüßten die Ankunft des deutschen Kaiserpaares. Die Begrüßung zwischen den Herrschern war eine äußerst herzliche. Die Abgesandten des Sultans hatten die kaiserlichen Gäste bereits auf der Höhe der Insel Tene- dos begrüßt. Der Kaiser drückte ihnen seine hohe Befriedigung darüber aus, in ein befreundetes Land zu kommen, ein Land, welches er seit seiner Jugendzeit zu besuchen wünschte. Sonnabend früh passirte das Geschwader San Stefano und wurde daselbst von drei Schiffen mit Mitgliedern der deutschen Kolonie und den deutschen Vereinen begrüßt. Unter Klängen vaterländischer Lieder fuhr das Geschwader weiter. Das Wetter war herrlich. Das Schauspiel war überaus großartig.
— Die auf den Preußischen Staats - Eisenbahnen in Masse zur Ausgabe kommenden Arbeiter - Rückfahrkarten gelten zur Fahrt am Montag Morgen von dem Heimathsort zur Arbeitsstelle und am nächsten Sonnabend Abend zur Rückfahrt von der Arbeitsstelle nach der Heimath. Wie wir erfahren, wird neuerdings nachgelassen, daß in dringenden Ausnahmefällen, bei Erkrankung, Unterbrechung der Arbeit durch ungünstige Witterung, Familienereigniffen usw., den Arbeitern die Rückfahrt nach dem Wohnort auch an einem dazwischen liegenden Tage durch den Stationsvorsteher gestattet werden kann. Die Fahrkarte wird in solchen Fällen von dem Stationsvorsteher für den betreffenden Tag gültig geschrieben.
Aus Ostfriesland. Der vor drei Jahren verstorbene Landwirth Grüneseld in Breinermoor hatte der ost- friesischen evangelischen Missionsgesellschaft sein gesummtes Vermögen im Betrage von 80—90000 Mk. vermacht. Doch waren von der Erbschaft nicht allein erhebliche Legate (etwa 30000 Mk.) vorweg zu bezahlen, es wurden auch von den Verwanden des Erblassers mehrere Kapitalien als ihnen mitgehörig in Anspruch genommen, und was das Schlimmste war, als die Missionsgesell- schaft sich an den Kaiser mit der Bitte um Genehmigung zur-Annahme der Erbschaft wandle, konnte ihr diese Genehmigung nicht ertheilt werden, weil sie keine Korporationsrechte besitze. Nun ergab sich eine ganz eigent- thümliche Sachlage. Die Verwandten klagten gegen den Testamentsvollstrecker auf Herausgabe, gegen die Mffsions- gesellschaft auf Verzicht, wurden aber von den Gerichten abgewiesen, weil die Missionsgesellschaft die berechtigte Erbin sei. Diese aber kann wiederum ihrerseits nicht klagen, weil sie nicht daß Recht juristischer Persönlichkeit besitzt und eine nachträgliche Erwerbung dieses Rechts nichts für die Vergangenheit austrägt. Unter diesen verzwickten Umständen muß es eine glückliche Lösung bezeichnet werden, daß die Missionsgesellschaft mit den Verwandten des Grünfeld einen Vergleich rechtsgültig abgeschlossen hat, nach welchem sie 16000 Mk. erhält, während diese das Uebrige erhalten, dafür aber sämmtliche Unkosten, Erbschaftssteuer u. s. w. zu bezahlen haben. Es werden jetzt aber Schritte gethan, um für die Missionsgesellschaft Korporationsrechte zu erlangen.
Pleß (Oberschlesien), 29. Okt. In einem Dorfe des hiesigen Kreises kam eine Bauersfrau zu der Gastwirthin und bat diese, ihr etwas Gift zu verkaufen, womit sie ihren Mann vergiften wolle, weil sie mit demselben nicht mehr leben könne. Die Wirthin war zur Erfüllung der Bitte gleich bereit und verkaufte der Frau Farinzucker als Gift mit dem Bemerken, sie möge Mehl dazu kaufen und aus dem Gemisch ihrem Manne recht gute und fette Klöße bereiten. Nachdem sich die Frau entfernt hatte, ließ die Gastwirthin den bedrohten Mann herbeiholen und erzählte ihm den Vorfall. Als dieser nun nach Hause kam, waren die Klöße bereits fertig, und er machte sich sofort daran, dieselben mit Wohlbehagen, unter vielen Dankesworten an seine Frau für das selten gute Gericht, zu verzehren. Kurze Zeit nach dem Genuß bemonftrirte nun der Mann die Wirkung des Giftes: er krümmte sich wie ein Wurm und verdrehte die Augen. Die Frau gerieth scheinbar in große Angst und empfahl dem Mann noch ein paar Klöße zu essen, worauf es schon besser werden würde. Der Mann kam natürlich dem Wunsche nach, um nach dem Genuß der zweiten Portion wie ein Wahnsinniger zu toben. Er ließ sich ins Bett bringen, schloß die Augen und — stellte sich todt. Kaum hatte sich die Frau davon überzeugt, als sie schleunigst ihren stillen Verehrer herbeiholte und sich mit demselben kurzweilte. Da wurde es dem „tobten" Mann endlich zu viel; zum Entsetzen des Liebespaares sprang er aus dem Bett, und was nun geschah, bedarf wohl keiner näheren Beschreibung.
Nordhausen. Julius Cäsar berichtet in seinem gallischen Krieg, daß im Hercynischen Wald indem zu ihm gehörigen Baceniswald (dem heutigen Harzgebirge) außer Alcen (Elch-Elen) und Auerochsen auch noch der Riesenhirsch lebe, „ein Thier von der Gestalt eines Hirsches, auf dessen Stirn ein gerades, hohes Horn sich erhebt, von
dessen Spitze aus sich, wie bei einer Palme, ungemein breite Zweige verbreiten". In mehreren Höhlen des Harzes hat man in älterer und neuerer Zeit Knochen und Geweihrcste vom Riesenhirsch oder „Schelch" gefunden. Vor einigen Jahren fand man 1km nördlich von unserer Stadt auf dem Hohenrode in einer Lehmgrube mehrere starke Theile von Geweihen des Riesen- Hirsches, welche unverkennbare Spuren von Bearbeitung und Verzierung durch Menschenhand zeigen und im hiesigen Alterthums-Museum aufbewahrt werden. In den letzten Tagen ist nun beim südharzischen Dorf Uftrungen bei den Erdarbeiten zur neuen Südharzsackbahn Berga-Rottleberode in einer Tiefe von etwa vier Metern das ganze Geripp eines Ricsenhirsches aufgefunden worden. Das riesige Geweih, welches über der „Rose" einen Umfang von mehr als 20 Centimetern hat, ist im "dortigen Büchnerschen Gasthaus auf einige Zeit zur Besichtigung ausgelegt worden.
Bielefeld, 26, Okt. Heute feierte hier Herr Rentner Jordan in bewundernswerther Frische des Körpers und Geistes seinen 111. Geburtstag. Sr. Majestät dem Kaiser, welcher mehrfach sein lebhaftes Interesse für das hohe Alter des Greises bekundete, wird demnächst ein Bild desselben überreicht werden.
Aus Franken, 30. Okt. Vom allgemeinsten Interesse ist ein Erfolg, den die deutsche und zwar speziell die bayerische Landwirthschaft in neuester Zeit errungen hat. Es gilt schon als hohe Belastung, wenn ein Ochsenpaar unter gewöhnlichen Verhältnissen das breb bis vierfache seines lebenden Gewichtes zieht; zieht es, wenn auch nur für kurze Zeit das 10sache des lebenden Gewichtes, so ist dies eine höchst respektable Leistung. Die Zugproben bei den Ausstellungen in Breslau und in Magdeburg hatten erheblich gesteigerte Leistungen ergeben. Bei den unlängst in Schweinfurt ausgeführten Zugproben brächte nun, wie aus einer der darüber veröffentlichten Zusammenstellung von Reallchrer Steinel zu ersehen ist, ein 25,40 Zentner schweres Ochsenpaar der rothbraunen Frankenrasse 481,20 Zentner, somit annähernd das 19fache seines lebenden Gewichtes zum Zug. Dieses alle Erwartungen übertreffende Resultat ist geeignet, in allen landwirthschaftlichen Kreisen Deutschlands Staunen zu erregen.
Aus Oberhessen, 27. Okt. Mit Rücksicht auf den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Gießen und einigen anderen Gemeinden wurde die Abhaltung des bevorstehenden Gießener Rindviehmarktes amtlich untersagt. — Bei einem dreitägigen Treiben in der Oberförsterei Feldkrücken, welches der seitherige Pächter dieser Jagd, der von Schotten nach Seligenthal übcrgefiebeUe Herr Oberförster Nullmann, abhielt, wurden vorige Woche nahezu 50 Stück Rehwild zur Strecke gebracht. — Se. Kgl. Hoheit der Großherzog wird sich nächsten Donnerstag den 31. v. M. zu einem 8tägigen Aufenthalt nach Romrod in Oberhessen begeben. — Während man sonst guten Grund hat, den Nachrichten über unerwartete überseeische Erbschaften von reich gewordenen Auswanderern Mißtrauen entgegenzusetzen, hat sich die Nachricht, daß der Gemeinde Ober-Mörlen eine ganz erhebliche Summe aus dem Nachlaß eines zum Millionär gewordenen früheren Gemeindegliedes zugefallen sei, im vollen Umfang bestätigt. In den 50er Jahren wanderte Adam Geck, ein armer Schuhmachergeselle, nach London aus; er war so arm, daß er sich sogar das Reisegeld von einer Verwandten leihen mußte. Das Glück war ihm hold, und im Verlauf der Zeit nahm das Schuhgeschäft, das er von seinen Ersparnissen errichten konnte, solche Dimensionen an, daß sein Nachlaß, als er in diesem Jahre starb, sich auf Millionen belief. In seinem Testament hat er nun 20 000 Pfd. Sterling (ist 400 000 Mark) für die Armen seines Heimathortes ausgesetzt. Die Zinsen sollen jährlich durch einen Verwandten des Erblassers, den Pfarrer und den Bürgermeister nach freiem Gutdünken unter die Ortsarmen vertheilt werden. Wie die „D. Ztg." meldet, ist eine weitere Summe für den Bau eines -Krankenhauses in Ober * Mörlen bestimmt. Von der Klausel des Testamentes, daß die Zinsen dieser Summe erst 15 Jahre lang auflaufen sollten, wird wahrscheinlich um deswillen Abstand genommen werden können, weil der in diesem Jahre verstorbene Ortsgeistliche Helfrich für den gleichen Zweck 16,000 M. hinterlassen hat. Das geflügelte Wort, „Glück muß der Mensch haben", läßt sich, wie man sieht, auch recht gut aus ganze Gemeinden anwenden.
Lokales und Provinzielles.
Hanau. Strafkammersitzung vom 31. Oktober. Ein Metzgerlehrling von Züntersbach, zur Zeit Strafgefangener in Preungesheim, woselbst er eine 1'/sjährige von der Strafkammer in Frankfurt ihm zudiktirte Gefängnisstrafe verbüßt, hatte im Jahre 1888 eine Urkundenfälschung durch Schreiben eines mit dem Namen eines Schneiders von Züntersbach unterzeichneten Briefes begangen und dadurch die Herausgabe einer dem Schneider gehörigen Uhr von dessen Bekanntschaft erschwindelt. Der Angeklagte wurde in eine Zusatzstrafe von 14 Tagen Gefängnis verurtheilt. — Das Schöffengericht in Schwarzenfels hatte einen Knochensammler von Alten-
gronau mit 14 Tagen Gefängnis bestraft, weil er am 7. März dieses Jahres in der Sperzel'schen Wirthschaft in MoltgerS einen 50-Markschein wechseln ließ und diesen 50-Markschein, während der Wirth und seine Frau beschäftigt waren das Kleingeld zu zählen, mi^ einem 5-Markschein vertauschte. Das Manöver des Angeklagten wurde erst zwei Tage nach dem Vorfall bemerkt, allein die WirthsleUte bekundeten auf das Be- ftimmtefte, daß Niemand Fremdes an die Kasse gekommen sei und daß sie auch in den genannten Tagen sein weiteres Papiergeld vereinnahmt hätten. Der Berufung des Angeklagten wurde nicht stattgegebett, nur nahm das Berufungsgericht in der Handlungsweise des Augcklagten nicht Betrug, sondern Diebstahl an, was aber für die Strafausmessung unerheblich ist. Die Kosten fallen dem Angeklagten zur Last.
Fulda, 31. Okt. Schon sechs Jahre sind heute (am Reformationstag) verstrichen, daß an die evangelischen Einwohner der StadtFulda die dringende Frage heran- trat: „Werden wir im Stande sein, mit Hülfe unserer Glaubensgenossen für unsere mehr und mehr wachsende Gemeinde ein würdiges Gotteshaus zu bauen?" Mit Vertrauen ging man ans Werk. Und viel, recht viel ist in diesen sechs Jahren schon geschehen! Die hiesige über 3300 Seelen zählende Gemeinde, von denen aber nur der vierte Theil (meistLis Beamte) leistungsfähig ist, während die übrigen drei Vierte! zumeist dem Fabrikarbeiterstande zufallen, hat bis dahin unter sich 9000 ^ aufgebracht. Durch auswärtige Sammlungen, Erträgen von Lutherfestspielen und Kirchenkonzerten in Kassel, Hanau, Marburg und Hersfeld, sowie durch freiwillige Gaben hochherziger Gönner ist im Ganzen» einschließlich der vorgenannten 9000 J& die Summe von 46 500 ^ zujämmengckommen. Aber was ist das den Ansprüchen gegenüber, die wir grade hier in Fulda an ein evangelisches Gotteshaus zu steilen gezwungen sind! Da erhebt sich der prachtvolle Dom, die Pfarrkirche, das engl. Fräuleinstift, lauter Prachtbauten! Ja selbst die kleine Gemeinde Horas, 10 Minuten von hier gelegen, hat ihre neue schöne Bonifatiuskirche. Und wir sollten diesen Denkmälern katholischer Opferwilligkeit nicht ein würdiges Gebäude an die Seite stellen können! Ein passender Bauplatz ist für den Preis von 10 500 J6 bereits erworben und nun ergeht nochmals an alle Bewohner der Provinz bie. herzliche Bitte: „Helft uns die noch fehlenden 250,000 ^ aufbringen; laßt eS Pich Allen wie uns eine Ehrensache sein, in der alten Bischofsstadt Fulda, dem Versammlungsorte aller deutschen Bischöfe, ein unserer evangelischen Sache würdiges Gotteshaus zu errichten I" Eine durch Se. Excellenz M Hrren Oberpräsidenten Grafen v. Eulenburg gütigst bewilligte Hauskollekte wird es Jedem leicht- machen, ein Scherfleiu zum Besten unserer Sache beizutragen.
Frankfurt a. M., 1. Nov. Ein Apothekergehilfe aus Gießen, welcher bis vor etwa 14 Tagen hier kon- ditionirte. hat eine verhcirathetr Frau in Limburg brieflich aufgefordert, ihren Mann zu vergiften und die nöthigen Mittel zur Verfügung gestellt. Auf erhobene .'wzeige bei der Staatsanwaltschaft in Limburg hat dieselbe erst hier wegen Verhaftung des Briefschreibers reguirirt. Der Apotheker war bereits nach Gießen abgereist, wo vor einigen Tagen seine Verhaftung erfolgte.
— Die Bockenheimer Husaren kommen nach Saarburg in Lothringen, während Bockenheim dafür das Rheinische Ulanen-Regiment Nr. 7 erhält. — Vor einigen Wochen kaufte ein Kutscher im Hessischen ein Pferd. Als er vorgestern das Thier einspannen wollte, war es aus dem Stalle verschwunden. Es stellte sich heraus, daß das Thier sich losgemacht, die Stallthüre aufgedrückt hatte und in der Nacht zu seinen früheren Herrn zurückgelaufen war.
— 29. Oktober. Die Morde und Selbstmorde scheinen in neuester Zeit in unserer schönen Mainstadt in Schwung zu kommen. Kaum fängt der Fall ElSner an, in Vergessenheit zu gerathen, und noch ist der Mordversuch- und Selbstmord des Lagerhaus - Aufsehers Maurer in aller Erinnerung, da haben wir schon einen dritten Fall innerhalb wenigen Wochen zu verzeichnen. Vergangene Nacht wurde nämlich vor dem Hause Musikantenweg 69 der Klempner Sauer von dem 22» jährigen Schlossergesellen Döll mittelst eines Brodmessers —. nach anderer Lesart mit dem Taschenmesser — niedergestochen. Der Stich traf die Lunge, so daß Sauer nur als eine Leiche in seine Wohnung getragen werden konnte. Der Getödtete ist verheirathet. Dersellbe soll, vor seiner Wohnung stehend, seiner Frau zugerufen haben, sie möge ihm den Hausschlüssel her unterwerfen. In diesem Augenblick traten der Mörder-Döll und sein Kollege Heinrich Dotzert aus einer gegenüberliegenden Wirthschaft und machten einige unütze Bemerkungen. Sauer wies die frechen Burschen zurecht, »vorauf Döll kurzer Hand das Messer zog und Sauer in die Brust stach. Noch während der Nacht wurden die beiden Messerhelden verhaftet. Döll hat, dem Polizeiberichi zufolge, die That bereits eingeftunben. Die dem Sauer beigebrachte Wunde ist sieben Zentimeter tief und vier Zentimeter breit. Der so frivol erstochene Familienvater hinterläßt Frau und zwei Kinder im Alter von fünf resp. dreiviertel Jahren. Das Vorkommniß erregt bis Gemüther nicht wenig.