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^ 83. Samstag, dm 19. Oktober 1889.

Spnrgcons*) Reden hinter dem Pflug, allerlei Leuten ans Stadt und Land dargeboten von A s m u s Mahner.

1 . Bon sehr dummen Menschen.

Ich habe von einem Menschen erzählen hören, der nicht einmal ein großes A von einem Kuhfuß unter­scheiden konnte, und ich kenne genug Leute, die jedenfalls nicht sagen können, was ein großes A und ein kleines a bedeutet; und doch sind das nicht die AUerdümmsten in der Welt. So z. B. können sie schon am Schwanz erkennen, was eine Kuh ist. Sie wissen, daß weiße Rüben nicht auf Bäumen wachsen, und sie können einen Rettig sehr wohl von einer Dickwurzel unterscheiden, und es giebt seine Leute, die Klavier spielen, aber jenes nicht können. Können jene Dummen nicht lesen, nun so können sie doch ackern und mähen, ernten und säen und sieben Kinder mit zwei Thaler die Woche, ohne Schulden zu machen, durchbringen, und es giebt eine Menge Leute, die viel zu dumm dazu sind. Nicht lesen können ist sehr schlimm, aber nicht tüchtig arbeiten können ist noch schlimmer. Die Weisheit spricht nichi immer lateinisch. Man lacht über die Zipfelmützen, die im Vogelsberg die Bauern tragen, und daß sie schön wären, kaun man nicht behaupten; aber einige von denen, die sie tragen sind, nicht halb so große Narren, als wofür sie gehalten werden. Wenn keine andere dummen Leute Brot aßen als die, welche Nagelschuhe tragen, so wär' die Frucht ein gut Theil billiger. Weisheit bei einem Armen ist wie ein Diamant in Blei gefaßt, nur Kenner können seinen Werth beurtheilen. Die Weisheit geht oft in gerifterten Schuhen einher und die Leute bewundern sie nicht. Mir aber M der Marsch lieber als der Rock; was die Nuß für eine Schaale hat, ist einerlei, auf den Kern kommt's an. Man braucht nicht erst in die dicke Rhön oder den hohen Vogels- berg zu gehen, um Dumme zu finden, Schlüchtern, Steinau und Salmünster liefern deren auch.

Ich wünschte, daß Jedermann lesen, schreiben und rechnen könnte, ja, ich glaube auch nicht, daß Einer zu viel wissen kann; allein Kenntnisse, das behaupte ich, sind noch keine Bildung, und es giebt Millionen, die lesen und schreiben können und dabei doch so unwissend sind, wie Nachbar Hannes sein Kalb, das nicht einmal seine eigene Mutter kannte. Diese Wahrheit tritt so deutlich hervor wie die Nase im Gesicht, wenn man nur ein wenig Nachdenken will. Lesen und schreiben können heißt: Werkzeuge besitzen, mit denen man arbeiten kann; wenn man aber diese Werkzeuge und seine Augen und Ohren dazu nicht gebraucht, so ist man nichts gebessert. Jedermann sollte das wissen, was ihn am meisten au- geht und ihn am ersten zu einem brauchbaren Menschen macht. ES kann dem Ochsen nichts nutzen, wenn er fliegen lernt; wenn er ordentlich ziehen kann, versteht er genug. Ein Bauer sollte alles lernen, was sich auf die Landwirthschaft bezieht, ein Schmied sollte Pferde­hufe studieren, eine Milchmagd sollte im Abrahmen und Buttermachen bewandert sein, und eine Arbeiterfrau sollte sich vortrefflich auf die Wissenschaften des Kochens und Backens, Waschens und Flickens verstehen; und Bauer Hans**) erlaubt sich zu bemerken, daß diejenigen Männer und Frauen, die ihre Berufspflichten nicht verstehen, sehr dumme Leute sind, auch wenn sie wissen, wie das Krokodil auf Griechisch heißt, und ein lateinisches Lobgedicht auf eine Kellerassel machen können.

Wenn ein Mensch ins Wasser fällt, so wird es ihm viel nützlicher sein, wenn er schwimmen kann, als wenn er Mathematik studirt hat; und doch wie wenige Knaben lernen schwimmen! Mädchen lehrt man Tanzen und Französisch, während Nähen und eine gründliche Kennt­niß ihrer eignen Sprache ihnen viel nützlicher sein würde. Wenn man in unseren schlechten Zeiten sich seinen Lebensunterhalt verdienen soll, so wird man mit einem guten Handwerk und guten, haushälterischen Ge­wohnheiten weiter kommen als mit aller Gelehrsamkeit der hohen Schulen. Darum sollen Kinder fürs Leben, fürs Praktische erzogen werden. Wenn man einen Hund Ä»r wilden Entenjagd oder zur Hetzjagd gebrauchen will, so richtet man ihn dementsprechend ab. Warum

*) Sprich: Spöldschen.

**) So nennt sich der Verfasser in diesen Reden selbst, weil l den Acker des Lebens pflügen und bestellen will.

ü aller Welt macht man's mit bau Menschen nicht geradeso?Jeder bei seinem Geschäft und jeder Meister in seinem Geschäft!" so sollte die Losung heißen. Laßt Max und Moritz immerzu Geographie lernen, aber vergeht nicht, sie zu lehren, sich die Stiefel zu putzen und, wenn's Noth thut einen Knopf anzunähen; und Elfe und Elly mögen meinthalb Klavier spielen und singen, aber nicht eher, als bis sie Strümpfe stopfen und Hemden nähen können. Da ist der arme Herr Nobel mit sechs Töchtern und kaum 300 Thalern Ein­kommen das Jahr, und doch kann keine von ihnen eine Hand rühren, weil ihre Frau Mutter die Krämpfe besame, wenn Fräulein Eleonore rauhe Hände von der Wäsche bekommen, oder Fräulein Adelaide sich ihren Teint mit Garten- und Küchenarbeit verderben würde. Eine Katze kann das Lachen kaum verbeißen, wenn man die armen Dinger über Mode und Etiquette sprechen hört, während sie sich doch nicht einmal halb so gut stehen als ihr Dienstmädchen, das sich sein eigenes Brot verdient und Geld spart auf die Zeit, wo ein schmucker Bursche mit ihm einen tüchtigen Hausstand gründet. Glaubt mir, wer eine von diesen enggeschnürten Modedamen heirathet, macht ein schlechteres Geschä-t, als wenn er sich eine Wachspuppe zur Frau nähme. Frau Nobel würde nicht schlecht aufbrausen, wenn sie mich's sagen hörte, aber ich sage es dennoch, daß sie und ihre Töchter dumm, sehr dumm sind, weil sie das­jenige nicht wissen, was ihnen am nützlichsten wäre.

Jeder Frosch hält sich heutzutage für einen Ochsen; jeder Esel hält sich für tüchtig im Marstall des Kaisers zu stehen, jede Kerze meint die Sonne zu sein. Wenn aber ein Mann mit seinem besten Rock an, einen Papierkragen und einem Deckschlips um, einem Zwicker auf der Nase und eine Talmikette auf der Weste, einem Stückchen in der Hand und einem leeren Raum im Schädel sich citibitbet, daß man sein Schwadroniren und seinen Fremdwörterschwall nicht durchschauen kann, so muß er dumm, äußerst dumm sein, denn er kennt sich selbst nicht. Stutzer, die nach der neuesten Mode gehen, halten sich selbst für große Herrn, aber Niemand sonst thut es. Tanzmeister und Schneider verstehen es, einen Lasten prächtig aufzustutzen, aber sie können nicht aus einem Nichts einen Mann machen. Man kann einen Mühlstein anstreichen, so viel man will, aber ein Käse wird nicht daraus.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. DieNa t i o n a l- Z e it u n g" ver­öffentlicht folgende Zuschrift: DieNational-Zeitung" schreibt in ihrer Nr. 556 vom 10. d. M., bezogen auf einen Artikel desDeutschen Wochenblatts" :Wir halten es für das Beste, wenn der Inhaber einer Stellung, wie die des Chefs des Generalstabs, über­haupt außerhalb aller öffentlichen politischen Erörte­rungen bleibt, selbst keinen Anlaß zu solchen giebt und dann von Anderen nicht in solche hineingezogen wird." Dazu bemerke ich: Ich gebrauche überhaupt keine Berather für mein Verhalten, und muß den Rath derNational-Zeitung", daß ich keinen Anlaß zu poli­tischen Erörterungen geben soll, als in hohem Maß ungebührlich auf das Entschiedenste zurückweisen. Ge­rade dieNational-Zeitung" hat neben anderen Blät­tern dazu beigetragen, mich ohne jeden Grund in öffent­liche politische Erörterungen hineinzuziehen. Ich diene S. M. dem Kaiser und König als Soltdat und bin nicht Parteimann. Ich bitte um Veröffentlichung dieser Erklärung. A. W aldersee, General der Kavallerie, Generaladjutant Sr. M. des Kaisers und Königs, Chef des Generalstabes der Armee."

Der Hofprediger St öck er hat in einer am Freitag Abend in Berlin abgehaltenen Versammlung der christlich-sozialen Partei im Namen deS Vorstandes die Erkärung abgegeben, daß er und die Partei unter dem Zwang der heutigen inneren politischen Lage die öffentliche Thätigkeit einfteUen würden.

München. 14. Okt. Wie die hiesigen N. Nachrichten aus Arnbach melden, überfielen gestern zwei Handwerks burschen ein dortiges Wirthshaus, ermordeten 2 Frauen und 2 Mädchen, raubten das Haus aus und zündeten es schließlich an; nur ein Kind entkam. Die Thäter sind angeblich bereits verhaftet.

Dessau, 9. Okt. Im Jahre 1870 wurde ein hier ansässiger Reservist Namens Wicp zum Militär ein­gezogen und machte den Feldzug 187071 gegen Frankreich mit; nach dem Friedensschluß wurde derselbe als vermißt und verschollen angegeben. Gestern kam Wiep, welcher von seiner Frau und seinen Eltern längst für todt gehalten wurde, hier wieder an. Nach seiner Angabe ist er in französische Gefangenschaft gerathen und nach Algier geschafft worden, wo er fast 19 Jahre zu Zwangsarbeiten verwandt wurde, bis es ihm gelang, zu entfliehen.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 18. Okt. Bei dem in diesem Jahr so massenhaften Auftreten der Maul- und Klauenseuche wird uns vielleicht mancher Landwirth Dank wissen, wenn wir auf nachfolgende bewährte Heilmethoden auf­merksam machen. Zur Behandlung des Rindviehs schlägt dieAllgemeine Zeitung für Land- und Forstwirthe" vor, bald nach Auftreten der Seuche sofort jedem er­wachsenen Stück 20 bis 25 Tropfen Schwefelsäure zu geben, und zwar zweimal täglich ins Trinkwasser, dem Jungvieh die Hälfte oder ein Drittel, je nach der Größe, und dies 3 bis 4 Tagen fortzusetzen. Dieses Mittel ist nicht nur ein gutes Vorbeugungsmittel gegen die Ansteckung, sondern es trägt auch dazu bei, die Krank­heit bedeutend abzukürzen. Bei Klauenseuche müssen die Geschwüre in den Klauen mit dem Schwefelsäurewasser öfters ausgewaschen werden. Man macht es zu diesem Zweck etwas stärker. Seitens der k. k. Landwirthschaft- lichen Gesellschaft zu Salzburg ist vor längerer Zeit folgendes Mittel bekannt gegeben worden. Man nimmt auf ein Maß 1,4 Liter Wasser, ein halbes Pfund vo».. gemeinen Haidekrant (Erica vulgaris), läßt dies in einem Kessel sieden, bis die Hälfte der Flüssigkeit eingekocht ist. Hiervon giebt man den erkrankten voll­jährigen Rindern morgens und abends eine halbe 0,7 Liter, dem JungviehM Maß = 0,35 Liter, den Schafen ein Glas voll Einguß. Als Vorbeugungsmittel leistet der Einguß auch gute Dienste, nur muß eine geringere Menge verabreicht werden, z. B. bei ausge­wachsenen RindernM Maß und so abnehmend für jüngere Stücke. Die Klauen müssen gereinigt werden, und zwar thut da Arnikawasser die besten Dienste. Ferner noch theilt Herr Gerlich-Bankau inder Thier­zucht" folgendes Mittel, mit zur Beseitigung der Klauen­seuche bei Schafen. Man grabe vor der Schafstallthür ein fast so breites Loch, als die Thür des Stalles breit ist, zirka 10 bis 15 Fuß (3,15 bis 4,6 Meter) lang, zirka 8 Zoll (21 Zentimeter) tief; bei leichtem Boden muß man es mit flachen Ziegeln aussetzen und mit Kalk vergießen, bei festem Lehmboden ist das nicht nöthig. Dann fülle man das Loch mit Wasser, thue Chlorkalk hinein und streue etwas Stroh darüber. Jetzt lasse man die Schafe heraus, sie gehen nun natürlich sämmtlich durch das Wasser und waschen sich auf diese Weise selber die Füße. Man muß dieses Loch öfters mit Wasser und etwas Chlorkalk wieder füllen und so einige Tage hinter einander die Schafe durchtreiben; bald wird man die Besserung merken. So füllt das zeitraubende Waschen und Einschmieren fort. Sind einzelne Thiere schon veraltet 'lahm, so schneide man die faule Stelle etwas aus, damit das Wasser besser eindringen kann. Es ist dies ein ebenso einfaches wie gutes Mittel.

* Uebertr agen wurde: dem zum König­lichen Oberförster ernannten Forst-Assessor, Premier- Lieutenant und Oberjäger im reitendenFcldjäger-CorpS Wagner die Oberförstelle in Steinau.

* Verliehen: dem Pfarramtskandidaten Richard Horst aus Steinau auf erfolgte Präsentation die evangelische Psarrstelle zu Mannsbach.

* An Diphteritis und Croup sind nach den Fest­stellungen des Reichsgesundheitsamtes in den Jahren 1875 82 im Königreich Preußen 334 541 (!) Per­sonen gestorben.

Gleichwie die Post hatten auch die Eisenbahnen schon eine Art Packetbesörderung in der Weise^ daß kleinere Gegenstände, wie Kisten, Tönnchen, Packete und dergl. bei den Gepäckexpeditionen aufgegeben wurden und dann mit dem nächsten Schnell- oder Personenzuge nach der Bestimmungsstation befördert und dort ent­weder an den sich meldenden Adressaten auSgehändigt