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Jf 82. Mittwoch, den 16. Oktober 1889.

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Der Zar in Berlin.

Der russische Hofzug, in welchem der Zar die Reise von Kiel nach Berlin zurückgelegt hat, ist am Freitag Vormittag 10 Uhr mit einer Berspätung von einer halben Stunde auf dem Lehrtet Bahnhof eingetroffen. Kaiser Wilhelm, welcher russische Generalsuniform trug, war bereits um *M 0 auf dem Bahnhof erschienen, etwas später der Reichskanzler, der etwas leidend aus- gesehen haben soll. Als der lange, von zwei Lokomo- tiven gezogene Hofzug in die reich geschmückte Bahn­hofshalle einfuhr, präsentirtcn die in derselben ausge­stellten Truppen das Gewehr und die Musik spielte die russische Nationalhymne. Der Zar in der Uniform seines preußischen Garde - Grenadierregiments entstieg schnell dem Salonwagen, gefolgt von seinem zweiten Sohn, dem 18jährigen Großfürsten Georg, und um­armte und küßte wiederholt pinen kaiserlichen Gastgeber. Dem Reichskanzler reichte der Zar mit huldvollem Lächeln die Hand. Kaiser Alexander, dessen hohe Ge­stalt die unseres Kaisers um halbe Kopfeslänge über­ragt, sah etwas abgespannt aus, was wohl den Neise- strapatzen zuzuschreiben war. Darauf erfolgten die üblichen Vorstellungen und der Vorbeimarsch der Ehren- kompag iic. Die Monarchen begaben sich alsbald auf den Platz vor dem Bahnhof, wo sie von der daselbst harrenden Volksmenge mit brausenden Hochrufen, ver­mischt mit den Fanfaren der Kavallerickapellen, emp'angen wurde». Kaiser Wilhelm führte seinen Gast nadboem offenen Vierspänner und dann setzte sich der von Küras­sieren und Ulanen eskortierte Wagenzug nach der Fest- straße in Bewegung. Die Ansammlung des Publikums in den Straßen, welche der Zug zu passiren hatte, war infolge der vollständigen Absperrung, welche auch nicht die geringste Annäherung an den vielbedrohten Selbst­herrscher aller Reußen zuließ, eine mäßige. Durch ein waffcnstarreudcs Spalier fuhr der Zar nach seinem Absteigequartier, und in die befohlenen Hurrahs der Truppen mischten sich erst am Brandenburger Thor die Hochs des auf dem nördlichen Bürgerstieg der Linden geduldeten Publikums. Als die beiden Kaiser durch das Brandenburger Thor einfuhren, begannen die Salut­schüsse der Artillerie. Sobald die Monarchen vor dem Gebäude der russischen Botschaft dem Wagen entstiegen waren, schüttelten sie sich unter den Klängen der rus­sischen Nationalhymne die Hände und nahmen unter dem Portal Aufstellung, um hier den Vorbeimarsch sämmtlicher Truppen abzunehmen. Der Zar musterte, fast fortwährend die Hand am H lm, scharfen Auges Und mit augenscheinlichem großen Interesse die im Pa­rademarsch defilierenden Prachtgestalten der preußischen Garde. Nach dem Vorbeimarsch, der über eine halbe Stunde dauerte, traten die Majestäten in das Botschafts­gebäude ein und zeigten sich später wiederholt an einem Fettster der ersten Etage. Das treu ausharrende Pub­likum erwartete diese Momente mit Spannung, um jedes Mal in laute Hurrahs auszudrechen. Der Reichs­kanzler, der mit seinem Sohn Herbert ebenfalls in das Botschaftsgebäude eingetreten war, verweilte nur kurze Zeit in demselben. Bei dem den Herrschaften vom russischer Grafen Schuwalow bargebotenen Frühstück brächte Kaiser Alexander in kurzen, in französischer Sprache gesprochenen Worten die Gesundheit deS deutschen Kaisers aus. Es zeigte sich überhaupt im Verkehr der beiden Herrscher große Herzlichkett und Kaiser Alexan­der gab auch wiederholt seiner großen Befriedigung über den ihm bereiteten Empfang Ausdruck. Bei der Rück­fahrt deS Kaisers Wilhelm nach dem Schloß, die gegen halb 12 erfolgte, erprobte sich dann die echte und wahre Berliner Begeisterung für das angestammte Fürsten­haus. Die dichte Schutzmannskette war bald von der Menge durchbrochen, welche den Kaiser mit nicht enden wollenden Jubelrufen begrüßte. Der Unterschied wird auch dem Zaren schwerlich entgangen sein. Um 1 Uhr fuhr der Zar mit seinem Sohn nach dem königlichen Schloß, um dem Kaiserpaar seinen Besuch abzustatten. Dann begaben sich die russischen Herrschaften nach dem Palais der Kaiserin Friedrich, bei welcher am Sonn-

Deutsches Reich.

Berlin. DerDeutsche Kriegerbund" umfaßt gegenwär­tig 4179 Vereine, die 361.967 Mitglieder zählen und über ein Vermögen von 441,008,81 Mark verfügen. Die Kriegervereinigungen in Deutschland weisen jetzt zusammen 9854 Vereine mit 611.608 Mitgliedern auf.

In Leipzig hat Mittwoch Nacht der dreizehnjährige Schulknabe Stelzner mit einer Axt seine im Bett schla­fende Mutter erschlagen. Der jugendliche Mörder meldete sich darauf selbst bei dem patrouillirenden Schutzmann. Nach demB. C." hat sich bereits herausgestellt, daß der Knabe stets gut von seiner Mutter behandelt worden ist. Es wird eine momentane Geistesstörung vermuthet. Der Landregen, der vom 2. bis zum 3. Oktober das Königreich Sachsen heimgesucht, gehört, sowohl was seine Stärke als seine Ausdehnung betrifft, zu den be­deutendsten, die man je dort beobachtet hat. Gegen 12 Uhr begann am 2. Oktober dieser 24stündige Landregen, erreichte während der folgenden Nacht seinen Höhepunkt, um am Vormittag des 3. Oktober wieder mehr und mehr nachzulassen. Laut Bekanntmachung der König­lichen meteorologischen Anstalt fielen an jenem Tage in Bautzen 48, in Dresden 68, in Döbeln 63, -in Frei- burg 64, in Chemnitz 66, in Zwickan 72, in Plänen 21, in Schneeberg 71, in Annaberg 56 und in Raitzen- Hain 64 Liter Wasser auf den Quadratmeter. Hiernach ergibt sich für ganz Sachsen in dieser kurzen Zeit 8 881500 000 hl Wassermenge. 1 hl zu 2 Centnei berechnet, wurde in diesen 24 Stunden Sachsen mit einem Extragewicht von 17 763 Millionen Ctr. belastet. Nach statistischen Berechnungen würde die Wassermenge, die sich vom 2. zum 3. Oktober d. J. über Sachsen ergoß, ausreichen, ein Flußbett von 1 m Tiefe und 20 m Breite zu füllen, das l,i mal um den Aequator der Erde herumreichen würde.

Eisenach. Die dritte Generalversammlung des Evan­gelischen Bundes beschloß, wie aus Eisenach gemeldet wird, einstimmig die folgende Resolution : Die in Fulda versammelten römischen Erzbischöfe Und Bischöfe haben in einem durch die Zeitungen veröffentlichten Hirten­briefe den Versuch gemacht, die thatsächliche konfessionelle Lage in Deutschland in Bezug auf den Angriff und Vertheidigung vollständig umzukehren, und insonderheit die protestantischen Bestrebungen, wie die des Evange­lischen Bundes als solche Hinzuftellen, durch welche der unserem Vaterlande hochnöthige konfessionelle Friede muthwillig zerstört werde. Die zum dritten Jahrestag deS evangelischen Bundes versammelten deutschen Pro­testanten weisen diesen Versuch, die thatsächliche Wahr­heit auf den Kopf zu stellen, mit denjenigen Gefühlen zurück, welche der vollendete Widerspruch zwischen Worten und Thaten hervorrufen muß. Wenn Deutschland seit Jahren erfüllt ist mit Angriffen auf jede gemischte Ehe, mit Brandmarkung evangelisch eingefegneter Ehen als Konkubinate, mit den niedrigsten Schmähungen des deutschen Reformators, mit wirksamen Versuchen, jede geistige Gemeinschaft beider Konfessionen zu zerstören, so machen wir die in Fulda versammelten Erzbischöfe und Bischöfe sammt ihren gleichgesinnten Vorgängern hierfür in erster Linie verantwortlich ; denn es geschieht theils auf ihre unmittelbare Veranlassung, theils lag eS in ihrer Macht und Pflicht, die ihnen untergebenen Geistlichen und Laien, von denen dies unchristliche und gemeingefährliche Treiben ausgeht, von demselben ab- zuhalten. Was unS angeht, die wir in bitterer Noth­wehr uns zusammengethan haben, um diesen seit Jahr­hunderten sich steigernden Angriffen gegenüber die deutsch-evangelischen Interessen zu wahren, so können wir es allerdings nicht lassen, den Protest der Refor-

abend zu Ehren des Kaisers Alexanders ein Familien- diner stattgefunden hat. I n Lauf des Nachmittags hat sich der Zar nach dem Mausoleum in Charlottenburg be- geben. Um 6 Uhr hat im Weißen Saal des könig­lichen Schlosses ein großes Galadiner zu 140 Gedecken stattgefunden, nach welchem die Herrschaften der Gala- Vorstellung im Opernhaus beigewohnt haben. Sonn­abend Morgen wurde eine Jagd in der L>chorfhaide abgehalten. Am Sonntag war der Zar zum Besuch des Großherzogs und der Großherzogin von Mecklen­burg in Ludwigslust.

mation gegen die römischen Irrthümer und Mißbräuch* fortzusetzen, welche oer Hirtenbrief in einer verschleiern' den Weise als römische Kirchenlehre vorträgt. Wir be' kennen uns aber nicht minder zu den Grundsätzen der Glaubensfreiheit, der evangelischen Duldung und christ­lichen Bruderliebe, welche gegenüber einer Jahrhunderte alten Verfolgungssüchtigen römischen Praxis durch den deutschen Protestantismus zum Gemeingut unseres Vaterlandes erhoben worden sind. Unsere römisch-katho­lischen Mitbürger können gewiß sein, daß es uns fern liegt, irgend Jemanden um seines aufrichtigen Glaubens willen zu kränken oder zu verachten. Wir erklären wiederholt, wie schon in unserem Programm, daß wir allen wahrhaft christlichen Regungen im Katholizismus die brüderliche Hand zu reichen bereit sind. Auch da, wo um der Wahrheit und Liebe willen und um des gemeinsamen Vaterlandes willen gestritten werden muß, billigen und gebrauchen wir nur Waffen der Gerechtig­keit, und wir Pollen den Tag segnen, an dem es uns vergönnt sein wird, auch diese aus der Hand zu legen. Der Verstand, das Gedächtniß und das Gewissen des deutschen Volkes wird zwischen uns und unsern Ver­dächtigern richten.

Wiizburg, 10. Okt. Ein durch ein Kind entstan­denes Feuer im Dorfe Stetten äscherte 12 Wohnhäuser, 20 Nebengebäude und 30 Scheunen ein. Mehrere Personen wurden verletzt.

Gießen, 5. Okt. Sein 60jähriges Amtsjubiläum beging am 1. Oktober Herr Rabiner Dr. Levi im hohen Alter von 83 Jahren in fast jugendlicher Frische und Rüstigkeit. Die allseitige Theilnahme an dem Ehrentage des Jubilars bekundeten die zahlreichen prachtvollen Blumenbouqucts, die Menge von Glück« wünschen, die im Laufe des Tags eingegangen waren und ebenso die verschiedensten Deputationen, welche er­schienen waren, den Jubilar zu beglückwünschen. Herr Prov. Direktor Frhr. v. Gagern gratulirte im Auftrage des Großherzogs und des Ministeriums, sowie in eigenem Namen mit den besten Wünschen für den grei­sen Jubilar, und überreichte dabei die von dem Groß« Herzog verliehene Krone des Philippsordens. Eine De­putation der Stadt Gießen, bestehend aus dem Herrn Bürgermeister Gnauth, den Herren Haustein, Baist uud Hoch, ferner der ganze Vorstand, der hiesigen isra­elitischen Gemeinde überbrachten die herzlichsten Wün­sche und insbesondere dankte der Letztere dem Herrn Dr. Levi für sein bisheriges segensreiches Wirken in der Gemeinde. Auch die zwanzig Lehrer der auswär­tigen Gemeinden des Rabbinats mit dem Vorstände des israelitischen Lehrervereins der Provinz Oberhessen an der Spitze, waren zur Beglückwünschung erschienen und Herr Dr. Levi machte als Zeichen seiner Theil­nahme an den Bestrebungen dieses Vereins für die Bibliothek desselben eine Anzahl werthvoller Bücher zum Geschenk. Am Abend fand im Hotel Einhorn ein gesellschaftliches Essen statt. Erst nach Mitternacht endigte diese Festlichkeit, welche den Schluß der einfach und würdig verlaufenen Jubiläumsfeier bildete. Möge Herrn Dr. Levi ein freundlicher Lebensabend beschie« sein!

Stuttgart, 5. Okt. Ein Schwabe, Herr Reinhold Leypoldt in Eßlingen, hat den Ehrenpreis (20 M.) erhalten, welchen die Redaction desEcho" in Nr. 343 für Junggesellen über 30 Jahre ausgeschrieben hatte für die beste Beantwortung der Frage, weshalb sie nicht heiratheten. Das Preisgericht, zusammengesetzt aus einer jungen unverheiratheten Dame in Berlin, einer jungen Frau in Leipzig und einer Schwieger­mutter in München, hatte über 145 Einsendungen zu entscheiden. Nach mehrmonatlicher Prüfung und nach lebhaften Erörterungen einigten sich die Preisrich­terinnen dahin, daß die Beantwortung des Herrn Leypoldt in Eßlingen die würdigste sei. Diese lautet: Ich war von Jugend auf ein ehrgeiziger und streb­samer Mensch, dem das Gute nicht genügte, sondern nach Besserem verlangte und dabei unwillkuhrlich auch )em biblischen Worte 1. Epistel St. Pauli an die Korinther Capitel 7, Vers 38:Wer freiet, der thut wohl; welcher aber nicht freiet, der thut besser" (Luther's lebersetzung) gerecht wurde. Als Idealist könnte ich geltend machen, daß ich die Erfüllung der Worte des Dichters:Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag" nicht erleben durfte. Als Realist