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Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtcrn, 30. Sept. Eine Diebesbande scheint sich in unserem sonst so idyllischen Städtchen etablirt zu haben, denn in letzter Zeit sind in kurzer Folge mehrere Diebstähle mittelst Einbruch verübt worden, ohne daß man von den Thätern eine Spur hat; nur an einem Thatorte, einem Keller, blieb ein defecter Unterrock liegen, wofür diverse Viktualien ein­getauscht wurden.

* Aus der Hanauer Strafkammer vom 26. September. Ein Knecht von Herolz wurde vom Schöffengericht in Meerholz freigcsprochcn von der An­schuldigung, das Vermögen des Gutspächters vom Hof Träges dadurch geschädigt zu haben, daß er am 18. März 1888 ein Miethgeld von 3 Mark unter dem Versprechen annahm, am 25. März in Dienst zu treten, dieses Versprechen aber nicht hielt. Der Angeklagte behauptete, daß er bei.Annahme des Miethgeldes wohl die Absicht gehabt habe, in den Dienst zu gehen, es sei ihm aber in Somborn abgerathen worden und da habe er erst seinen Entschluß geändert. Die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen dieses Urtheil wurde ver warfen, weil der Angeklagte sich sonst gut geführt hat

Unteroffiziere und Mannschaften der Landwehr zweiten Aufgebots ziehen sich immer noch militärische Strafen dadurch zu, daß sie folgende Bestimmung de« neuen Wehrgesetzes nicht überall beachten. Obgleich diese Mannschaften nämlich an Kontrol-Versammküngen nicht mehr thcilnehmen, find : sie doch nach wie vor streng verpflichtet, jeden Uchzug aus einem Ort in den andern, Veränderungen in ihrem Familienstände durch Geburt und Tod bis zum 39. Lebensjahre jedes­mal dem zuständigen Bezirks-Feldwebel zu melden.

Gelnhausen, 26. Sept. Der hiesige Gartenbau- Verein erhielt auf der Jubiläums - Obstausftellung zu Stuttgart bei starker Konkurrenz den ersten Preis, be­stehend in einer prachtvollen Ehrengabe.

Orb, 26. Sept. Vorgestern sind die letzten Pfleg­linge der hiesigen Kinderheilanstalt entlassen worden und werden die beiden Diakonissinnen, denen die Pflege derselben anvertraut war, noch im Laufe der Woche nach Kassel zurückkehren. In diesem Sommer fanden 87 Kinder daselbst Aufnahme; von diesen zahlten den vollen Pflegesatz mit 50 Mark nur zwei Kinder, eins zahlte 30 Mk., für 40 Kinder wurden je 20 Mk. be­zahlt und die übrigen 44 Kinder wurden ganz unent­geltlich ausgenommen und verpflegt. 39 konnten als geheilt und 44 als gebessert entlassen werden und nur bei 4 Kindern blieb die Kur völlig erfolglos. Diese kurzen Zahleneingaben dürften wohl genügen, den Mützen und Segen dieser Anstalt für so biete kranke KinDer aufs Neue jedermann klar und deutlich vor Augen zu stellen.

Fulda, 25. September. Eine Bäuerin von Ober- nüst im Kreise Hünfeld, welche eine größere Zahl junger Hühner zum heutigen Markte bringen wollte, machte beim Oeffneu ihres zu engen Behälters die unangenehme Entdeckung, daß nicht weniger als sechs Hühnchen erstickt waren. Zu dem Schaden wird sie, wie dieFuld. Ztg." schreibt, noch eine Strafe wegen Thierquälerei hinnehmen müssen.

Fulda. Zu Rimlos bei Lauterbach ließ der Land­wirth Wiege! durch sein 13jähriges Töchterchen seinen aus 15 Stück bestehenden Viehbestand zur Weide treiben. Nachdem sich das Vieh am Stoppelklee gütlich gethan hatte, litten 13 Stück an der sogenannten Trommeljucht. Im Stalle verendete sofort ein Stück, während zwei geschlachtet und fünf einer Operation unterzogen werden mußten.

Cassel. Ein erschütternder Unglücksfall hat sich vor­gestern Nachmittag auf der Bahnstrecke Kassel-Paderborn zugetragen. In der Nähe von Elfen befindet sich an einem Uebergange der Standpunkt des Bahnwärters Lössecke. Der Mann hat gewöhnlich Aufsichtsdienst des Nachts, an Tagen löst ihn zu gewissen Stunden seine Ehefrau ab und versteht gegen Endgelt den Bahnwärter­dienst. So auch am vorgestrigen Nachmittage vor der Durchfahrt des Kasseler Personenzuges. Als der Zug in Sicht war, schließt die Bahnwärterin die Schlagbäume des UeberfahrtSweges, während ihr Kind, ein kleines Mädchen, in der Nähe spielt. Die Frau degiebt sich auf ihren Posten, umden Zug abzunehmen." Da bemerkt sie zu ihrem Schrecken, daß ihr Kind sich noch zwischen den Geleisen befindet und der Lebens­gefahr nicht achtend, springt sie hinzu, um es zu retten, jedoch leider zu spät, sie wird mit dem Kinde von der Maschine erfaßt und zermalmt.

Die Schuhmacher der alten hessischen Innung haben vor einigen Tagen die Innung aufgelöst und das Vereinsvermögen getheilt, es entfielen aus jedes Mitglied an 67 M., auch wurden die Wittwen der Schuhmacher reichlich bedacht. Die alte hessische Schnei­der-Innung war mit diesem Beispiel vorangegangen.

Die Kartoffelernte ist, wie man allgemein hört, eine recht gute, schwarze Kartoffeln gibt es sehr wenig. 300 Pfund kosten bis jetzt 4,50 M. Ein hiesiger Gärt­ner erntete auf einem halben Acker sogenannte Riesen- kartoffeln 59 Sack.

Eschwege, 23. Sept. Ein tragisches Geschick hat eine Zimmererfamilie im benachbarten Abterode betroffen. Vor zwei Jahren starten zwei Kinder derselben im

Alter von 20 und 14 Jahren im Laufe von 14 Tagen und diesen Sommer in demselben Zeitraum beide Eltern. Einer von den Hinterbliebenen Söhnen, der sich verlobt hatte und nun nach Bochum begab, um dort als Zim­merer sich noch etwas zur Gründung seines Hausstandes zu verdienen, fiel dieser Tage von einem Baugerüst und blieb auf der Stelle todt.

Erinnerungen aus Kinzigthal. Von Dr. G. Anders.

Es ist eine Gegend voll entzückender land­schaftlicher Reize, die sich dem Auge, zumal in des Lenzes Blüthezeit, darbietet, wenn wir der ehe­maligen Heeresstraße von Leipzig nach Frankfurt a. M. folgend in das liebliche Kinzigthal bei Schlächtern ein­treten. Von den waldbewachsenen Ausläufern der Rhön, des Spessarts und des Vogelberges umschlossen, von denen aus an besonders geeigneten, zum Theil auch künstlich angelegten Plätzen eine weite, reizende Umschau möglich ist, von der kleinen Kinzig durchflossen, die durch das saftige Grün der Wiesen hinfließt und zur Rechten und zur Linken genährt wird von den, wie silberne Fädchen von den Bergen herab zum Thal sich schlän- gelnden Bächen und Bachlein, die Athmosphäre noch nicht verpestet noch vergiftet von dem Kohlenranche der Fabrikschornsteine, vielmehr durchduflet von dem aroma­tischen Dnfte der Wälder und Wiesen, an sich gesund und Gesundheit spendend, das Herz erhebend, das Ge­müth erheiternd, den Geist erfrischend, den sterblichen Menschen wunderbar neu belebend, ein Idyll des Frie­dens und des Stilllebens, so steht das schöne, liebliche Kinzigthale noch immer vor dem Auge meiner Er­innerung, und es hat mir jedes Mal das Herz vor Freuden geklopft, wenn ich nach einiger Abwesenheit wieder in das friedliche, freundliche und gesunde Thal zurück^ehren und aus weiter Ferne schon die grüßenden Thürme des alten, ehemaligen Benediktinerklosters in Schlüchtcrn erschauen konnte.

Leider ist dies an Naturschönheiten so reiche und so anmuthige Thal nur so wenig bekannt, und die Zahl derer, die es als Luftkurort benutzen, ist so bescheiden klein, daß man kaum davon reden kann. Wenn man aber Jahr ein Jahr aus die bitteren Klagen hören muß aus dem Munde derer, die Monate lang den Kohlenstaub der Städte haben einathmen müssen und aus dem nerventödtendem Getriebe derselben und aus der Vielbeschäftigung in Amt und Würden nach Er­holung und Kräftigung für kommende Strapazen sich sehnen, daß sie in so manchem Luftkurorte bei den Hunderten Gleichbedürftiger, die sich an einem Ort^ zusammendrängen, und bei den abermals Hunderten, die gar keine Erholung nöthig hätten und lediglickf'doch die Reisemanie, wie sie znm guten Taue in der Gesell­schaft zum Entsetzen aller Leidenden zu werden droht, zum Verlassen der heimischen Penaten getrieben werde, in ihrer Erholungszeit das doch nicht gefunden haben, was sie so heiß ersehnt, nämlich Ruhe, Friede und ländliches Stillleben, und darum unbefriedigt wieder heimkehren müssen oder wenn man den welterfahrenen. vielgereisten Emil Frommel, der ähnliche Erfahrungen gesammelt haben mag, deshalb in bitterer Ironie klagen und fragen hört:Wo wird denn nur in einigen Jahren noch ein stiller Ort sein in der Welt, wo man sich vor den Menschen einerseits und an wahren Men­schen andererseits erholen kann? Schließlich wird der vernünftige Mensch im Sommer zu Hause bleiben und die Unvernünftigen reisen lassen, dann ist er,sie,los". Ja, dann möchte man allerdings ein menschliches Rühren empfinden und antworten:Wollt Ihr immer weiter schweifen? Seht, das Gute liegt so nah!" Es giebt noch einen stillen, friedlichen Ort, eine Erholungsstätte für den abgejagten Erdenpilger in unserem Vaterlande, nicht angepriesen durch vielsagende Prospekte, nicht über« fluchet von dem Strome der Reisenden, nicht überthcuert durch eine mitleidslose Concurrenz, einen Ort, wo man sich vor den Menschen erholen kann, ob aber auch an den Menschen, das läßt sich ja eben doch nur subjektiv feststellen und diese Stätte ist das Kinzigthal.

Aber noch mehr als Ruhe, Friede, Stillleben und Naturgenuß bietet dem gebildeten Wandrer dieses lieb«, liche Thal. Redet eine Gegend noch ganz anders zu uns, wenn wir erfahren, was sich dort zugetragen und an dem geistigen Auge die lichten oder dunkleren Bilder verflossener Zeiten vorüberziehen, ja, ist geradedie Poesie einer Stätte ihre Vergangenheit", auch in dieser Beziehung wird ihm hier Befriedigung, denn das Kin­zigthal ist überreich an Geschichte und Sage. Und wenn ich nun heute Erinnerungen an's Kinzigthal schreiben will, so gelten dieselben weniger den landschaftlichen Reizen, als vielmehr der historischen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die ich zwar an Ort und Stelle nicht mit erlebt, die ich aber, weil ich an Ort und Stelle mehrere Jahre gelebt, um so besser mir repri- stiniren und reconstruiren konnte.

Seid uralten Zeiten zieht durchs Kinzigthal die schon oben erwähnte Heeresstraße, die vor der Zeit der Schie- nenstraßen Nord- und Süddeutschland auf direktem Wege allein verband und bis in die Mitte dieses Jahrhunderts so riesig frequentirt war, daß fast täglich dem Haupt- i Postwagen mehr als ein Dutzend Beichaisen folgten, 'ja, eS soll in der Sommerzeit oftmals vorgelommen

sein, daß der Sternwirth so viele Reisende, wie ich aus dem Munde seiner Nachkommen gehört, habe beherbergen müssen, daß nicht nur sämmtliche Fremdenzimmer doppelt und dreifach besetzt gewesen seien, auch das Gastzimmer noch nicht dazu gereicht habe und die Familienzimmer zu Herbergsstuben hätten hergerichtet werden müssen, und er selbst, der Wirth, die Steinbank vor dem Hause als Nachtquartier bezogen habe.

Was Wunder, daß auf einer solchen Straße Ereig­nisse sich abspielen mußten, die mehr als ein lokales Interesse in Anspruch nahmen?

Aber, wie wäre es möglich, auch nur andeutend eine zusammenhängende und alle historischen Ereignisse recht würdigende und erschöpfende Geschichte des Kinzigthals in diesem Rahmen zu liefern, wo der hessische Ge- schichtSverein, der auf eine mehr als 50jährige ruhm­reiche Arbeit mit Stolz zurückblicken kann, und andere hessische Historiker starke Bände über einzelne Stätten dieses Thales edirt haben!

(Fortsetzung folgt.)

3m lieröadjte.

Erzählung von Karl Schwel lin g

(Fortsetzung.)

Der General verbeugte sich. Der Oberst that das­selbe,7 Machte eine Kehrwendung und verließ geräuschvoll das Zimmer. Ehe er die Thür desselben schloß, wurde ein Ton laut, den man für einen chervorgestoßenen Fluch halten konnte. Dann polterte er im Corridor davon.

Noch ehe der alte Kanonendonner aus dem Gange verschwunden war, ward die Thür eines Nebenzimmers geöffnet. Hier befand sich die Garderobe des Generals und aus derselben trat der Diener Heinrich hervor. Vermuthlich steckte er schon lange in diesem Raume und hatte Alles gehört, was zwischen den beiden Herren zur Sprache gekommen war.

Aber wie sah der Mensch jetzt aus! Er schien mehr todt als lebend zu sein und schwankte haltlos in das Zimmer des Generals.

Was willst Du?!" fuhr der Letztere den Diener zornig an. Sein bisher verhaltener Unmuts brach sich jetzt erst Bahn.

Excellenz," stotterte Heinrich,ich glaube, mir steckt eine schwere Krankheit in den Gliedern. Es wäre vielleicht gut, wenn ich dieselbe bei meinem Bru­der abwarte und durchmachte. Hätten Excellenz wohl dse^Gna.de, mirzu diesem Zwecke ein paar Wochen Ur§>üb zu ertheilen."

Der Anblick des unzweifelhaft schwer erkrankten Menschen schien den Generat wieder zu besänftigen.

Zu Deinem Bruder?" fragte er verwundert, doch weniger barsch als zuvor.Kann der Dir die nöthige Pflege angedeihen lassen, ein Unterofficier, der soviel ich weiß, nicht einmal verheirathet ist.?"

Nicht zu dem will ich. Excellenz," erwiderte der Diener,sondern zu unserem ältesten Bruder, dem Förster in der Nähe Lühne"

Ach so!" meinte der General, als erinnere er sich des Genannten,das wird auch das Beste sein. Rappele Dich nur bald wieder heraus; ich habe mich zu sehr an Dich gewöhnt, um lange ohne Dich fein zu können. Bleibe aber so lange im Walde, wie Du willst. Bist Du mit Geld versehen?"

Ich habe meinen letzten Vierteljahreslohn noch nicht angebrochen, Excellenz," antwortete Heinrich.

Herr und Diener standen einander einige Zeit gegenüber, als ob jeder von ihnen noch etwas zu sagen hätte. Doch Beide unterließen es, dem, was sie auf dem Herzen hatten, Ausdruck zu verleihen.

Es ist gut!" brummte endlich der General, und Heinrich Seeger wankte hinaus.

Sieht wirklich elend aus der Bursche !" murmelte Excellenz von Huldringen.Würde dem jetzt, ohne daß er schuldig wäre, der Diebstaht auf den Kopf zu gesagt, könnte er leicht daran zu Grunde gehen. Da­mit mag ich mein Gewissen nicht beschweren!"

Nachdem der General seine gewöhnlichen täglichen Geschäfte mit Einschluß des Glanzpunktes derselben, der unvermeidlichen Wachtparade, erledigt hatte, begab er sich in das Ministerium des Krieges, um Seiner Excellenz dem Kriegsminister über die uns bekannten Angelegenheiten, in denen der Lieutenant von Weil- mann eine so bedeutende Rolle spielte, Meldung zu machen und Vortrag zu Hallen.

Die entsetzliche Furcht vor politischen Umtrieben, welche so viele Leute am Hellen Tage Gespenster suchen läßt, hatte dem General von Huldringen jedenfalls den geistigen Scharfblick völlig getrübt.

8.

Als der CommissionSrath Reuser den Tag bestimmte/ an welchem die Verlobung des jungen PaareS statt« finden sollte, hatte er nichts über die sonstigen Veran­staltungen zu demselben geäußert. An den Lieutenant von Weilmannn wurde nur die Aufforderung gerichtet, sich zu dem feierlichen Akte, wenn nicht früher, pünkt­lich um zwei Uhr Nachmittags einzufinde»