Volksmund ja eine sehr zutreffende Bezeichnung hat) ist mir vollkommen unverständlich. Herr H. glaubt vielleicht, daß ich mit meinem abfälligen Urtheil über sein Auftreten gänzlich isolirt dastünde; ich kann ihm im Gegentheil versichern, daß man täglich ähnliche, mitunter aber noch viel schärfere Aeußerungen hierüber hören kann. Wenn es au Leuten fehlt, die ihre abweichende Mei nung über die „Iudeufrage" öffentlich an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, so mag dieses wohl hauptsächlich darin seinen Grund haben, daß eben nicht jeder Lust hat, sich mit einem Manne in öffentliche Erörterungen einzulassen, von dem man weiß, daß er die persönliche Beleidigung seiner Gegner einer sachlichen Widerlegung vorzieht. Herr H. erwähnt unter seinen Anhängern auch nationalliberale Männer. Hierdurch könnten die mit unsern politischen Partei-Verhältnissen nicht genügend Vertrauten zu der Ansicht kommen, daß auch diese Partei antisemitische Bestrebungen begünstige; dies ist aber durchaus nicht der Fall. Die nationalliberale Partei steht vielmehr in dieser Angelegenheit vollkommen auf dem Boden der actuellen Verhältnisse! das heißt, sie erkennt die durch die Emancipation der Juden geschaffene vollständige Gleichstellung derselben mit unsern christlichen Belvvhnern bezüglich aller staatsbürgerlichen
Rechte und Pflichten rückhaltslos an und tritt deshalb den kleinlichen Nörgeleien der Antisemiten äußerst schroff und abweuend entgegen. Sie erblickt in der Juden- Emancipation eine der bedeutendsten liberalen Errungenschaften unseres Jahrhunderts und nicht etwa „einen unglaublichen AWgriff", wie dies Leute mit „rückwärts gewandten Köpfen" zu thun pflegen. Daß Herr Pfarrer /Hartmann mich keines weiteren Worts würdigen kann, habe ich ohne jeden An stütz von Bedauern vernommen, lieber wäre es mir freilich gewesen, wenn er diese Ansicht schon vor Beginn seiner gegenwärtigen Abhandlung „Zur Iudeufrage" gehabt, weil er mir dadurch die gegenwärtige Veröffentlichung erspart hätte.
Friedrich Weitzel.
Vermischtes.
— „Karo, paß auf!" Auf einem Spaziergange im Gehölz an der Oberspree bei Berlin wandelte dieser Tage die beiden Töchter eines Fabrikinspektors die Lust an, an der einsamen Stelle zu baden. Sie stetsten den sie begleitenden „Karo" als Wachtposten bei der abgelegten Garderobe auf und stiegen in die kühle Fluth. Karo jedoch mochte wohl besser wissen, an welchen Ort die Kleidungsstücke seiner Herrinnen gehörten, und er
faßte einen Theil der Kleider und trabte damit der nahe gelegenen Wohnung seiner Herrschaft zu. Im Schlaf- Vmmer legte er seinen Raub ab und entführte auf dieselbe Weise auch noch bie übrigen Kleider bis auf die Stiefel und Sonnenschirme. Der Schreck der Damen war nicht gering, als sie die traurigen Ueberreste ihrer Toilette gewahrten, bei denen sich Karo freudig wedelnd ausgestellt hatte. Die Geängstigteu suchten eifrig, jedoch vergeblich. Nathlos und halb verzweifelt kauerten sie unter einem Baum, bis die Dunkelheit hereinbrach und sie das schützende Dach aufsuchen konnten, allwo Karo ihnen als Beweis seiner Treue die vermißten Kleider zu Füßen legte und so die Sache zu allgemeiner Erheiterung aufklärte.
— Großartig. Mann: „Höre einmal, liebe Frau, das Meer ist was Großartiges! Wenn man so denkt, von da bis nach Amerika hinüber kein einziges Wirthshaus!"
Kirchlicher Anzeiger für Schliichlern.
Sonntag, den 15. September 1889.
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