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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Jf 73. Sonnabend, den 14. September 1889.

Der Wucher auf dem Lande.

In einigen Zeitungen wurde neulich auf die guten Erfolge des Wuchergesetzes vom 24. Mai 1880 Hiugc- wiesen.Auch die Vertrauensseligsten so hieß es da wagten bei Erlaß des Gesetzes sich kaum der Hoffnung Hinzugeden, daß nunmehr ein so tief einschneidender Krebsschaden unseres wirthschaftlichen Lebens ganz und gar verschwinden werde." Für diese Ansicht scheinen die Zahlen derCriminalstatistik" zu sprechen. Hiernach wurden im deutschen Reich wegen Wucher Anklagen

erhoben :

1882 in

261 Sachen gegen

176 Personell

1883

262

If ff

155

1884

207

w If

132

1885

131

ff ,/

99

1886

148

ff II

104

1887

?

II

79

Verurtheilungen wurden ausgesprochen:

1882 in

153 Sachen gegen

: 98 Personen

1883

141

H li

93

1884

104

ii

61

1885

54

II M

37

1886

61

ii ii

42

1887

?

ii

36

In der That sieht man die Zahl der Verurtheiluu- geu seit 1884 sich erheblich vermindern; die Frei' sprechungen weisen fast bei keinem anderen Verbrechen einen so hohen Procentsatz auf. Auf 100 Anklagen kamen im Jahre 1880 nur 37,4, im Jahre 1886: 40,4, im Jahre 1887 : 45,6 Verurtheilte.

Hieraus könnte man schließen, daß der Krebsschaden des Wuchers allmählich verschwinde. Aber die Ver­hältnisse sagen das Gegentheil. Wer erinnert sich nicht der fortwährenden Klagen vom Lande über alle Arten von Wucher, Vichleihe, Protokollhandel u. s. w. u. s. w. ? Der Verein für Socialpolitik hat vor zwei Jahren über den Wucher Untersuchungen anstellen lassen, welche durchaus nicht sehr beruhigende Ergebnisse lieferten. Der Wucher kommt mehr oder weniger in allen Pro­vinzen unter den verschiedensten Formen vor und von einer Abnahme desselben hat man noch nichts bemerkt.

Wenn trotzdem die Wucherprocesse sich in absteigender Linie bewegen, so wird der Grund hiervon wohl in der zunehmenden Vorsicht und Geschicklichkeit der be­treffenden Geschäftsleute, die Vorschriften des Gesetzes zu umgehen und sich dein Atme der Gerechtigkeit zu entziehen, liegen. Die Rheinisch - Westfälische Zeitung sagt ferner mit Recht:Auch die unzweifelhaite Ab­nahme der überhaupt vorkommenden Anzeichen wegen Wuchers bedeutet keineswegs eine Verminderung der wucherischen Ausbeutung. Denn die immer lauter wer­denden Klagen über die Ausbreitung des Wuchers und die stets wachsende Aussangung des Landes durch den­selben beweisen das Gegentheil. Es wird eben nur ein verschwindend kleiner Theil der Wucherfülle zur Kenntniß der Behörden gebracht: theils, weil die Be­wucherten aus Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung oder Furcht vor wirthschaftlichem Untergänge schweigen oder die Hülfsmittel nur mangelhaft kennen, welche das geltende Recht auch für die Befreiung von den Wucher­schulden selbst bietet, theils, weil die Wucherer es in­zwischen gelernt haben, die wahre Beschaffenheit ihres Treibens unter scheinbar straflosen Geschäften zu ver­bergen." Daß das Wuchergesetz den Wucher nicht ausrot- ten kann, versteht sich wohl von selbst; ob eine Verschärfung desselben bessere Resultate haben werde, kann billig be­zweifelt werden. Es giebt gegen den Wucher jedenfalls Noch andere Mittel, die sich schon vielfach bewährt haben, Nämlich eine bessere Organisation des Kredits. Hierzu bildet namentlich die genossenschaftliche Form den besten Weg. Gerade die ländlichen Kreise, welche von dem Wucher heimgesucht werden, sollten sich das neue am 1. Oktober in Kraft tretende Genossenschaflsgesctz zu Nutze und mittelst dieses Gesetzes den Versuch machen, durch Verbesserung des Personalcredits dem Wucher den Nährboden zu entziehen. Das wird mit Erfolg geschehen können, wenn sich an dergleichen genossenschaftliche Un- iernehnmngen im Interesse der Allgemeinheit namentlich die wohlhabenderen Kräfte, auf deren Mithülfe die in bedrängter Lage Befindlichen angewiesen sind, betheiligen.

Die Theuerung der Lebensmittel.

. Die Lkbensmittel'Vkrthturrungkn, von denen in den

Zur Preistreiberei in Kohlen und Kokes schreibt dieElberf. Ztg.": In den jüngsten drei Wochen hat die Preissteigerung weitere Fortschritte gemacht. Aus Noth muß überhaupt jeder Preis, welchen die Zechen heute dekretiren, bewilligt werden, und wenn diese Stei­gerung in dem bisherigen Tempo weitergeht, so werden wir bald nicht mehr weit von der Höhe der Preise entfernt sein, die zur Zeit des großen Kohlenmangels während des Streiks bezahlt wurden. Die Rückwirkung dieser wilden Preistreiberei auf den Detailhandel äußert sich natürlich wie immer gleich in geometrischer Pro­gression. Die in den jüngsten Tagen von dem Verein der Kölner Kohlenhändler ausgestellte Preisliste, welche in Köln den Gedanken an Gründung eines Kohlenkon- sum-VereinS hat aufkommen lassen, unterscheidet sich kaum wesentlich von den Preisen in anderen Städten. Aber diese Tendenz der Preisaufschlüge im Engros- Handel, auf der Wanderung in die Rechnungen des Kleinhändlers inS Ungcmcffene zu wachsen, tritt in jedem Zweige unseres Waarenmarktes hervor und ist keine besondere Erscheinung des Kohlengeschäfts. Das Grundübel sitzt bei den Zechen, welche sich die Noth- lage Unserer deutschen Industrie zu Nutzen machen. Wir sind gewiß die letzten, welche verkennen, daß auch die Selbstkosten unserer Kohlenwerke aus bekannten Ursachen eine erhebliche Steigerung erfahren haben. Zu dieser Steigerung der Productionskosten aber steht, wie allgemein zugegeben wird, die jetzt eingetretene Er­höhung der Kohlenpreise außer allem und jedem Ver­hältniß. Ob die Zechen gut daran thun, ob sie in ihrem eigenen Interesse handeln, wenn sie sich jetzt auf den reinen Geldstandpunkt zurückziehen und die vor­herrschende stürmische Nachfrage nach Kohle dazu be­nutzen, den Ausfall, den sie während der Streiks er­litten, doppelt und dreifach wieder einzuholen, ist eine Frage, auf deren moralische Seite hier nicht eingegangen zu werden braucht und die sie im Uebrigeu ja selbst

letzten Wochen aus den verschiedensten Theilen des Reiches gemeldet worden ist, geben natürlich vielfach zu zoll- und wirthschaftspolitischen Erörterungen Ver­anlassung. In dem Bewußtsein, die Frage objektiv zu behandeln, glaubt derRheinische Kourier" behaup­ten zu können, daß der thatsächliche Umfang, den die Verthenerungen verschiedener Gegenstände des nothwen­digen Verbrauchs insgesammt der Voraussicht nach an- nehmen werden, noch unterschätzt wird. Ziemlich all- gemeiu hat die infolge des SchweinemaugelS eingetreteue stärkere Nachfrage nach Rindfleisch auch dieses bereits im Preis steigen lassen. In Berlin blüht daher gegen­wärtig das Geschäst der Roßschlächter, welche das PfundPrima" mit 18 und sogar mit 20 Pfg., und Filet" mit 30 Pfg. abgeben. Wer etwa bezweifelt, daß eine Vertheuerung der besseren Fleischgattungen eine steigende Wirkung auf den Konsum von Pferde­fleisch in nennenswerthem Umfang ausüben könne, der unterschätzt die Bedingungen der Lebenshaltung der unteren Proletarier. Wir sagen mit Absicht nicht: der arbeitenden Klassen, denn diese Zusammenfassung ist wohl nicht gestaltet bei der Ungleichheit der Einkommen, die von zwölf und fünfzehn bis zu 35 und 40 Mark wöchentlich differieren (gewisse ausnahmsweise ungünstig und günstig gestellte Gruppen noch ganz außer Acht gelassen), und bei der daraus folgenden Verschiedenheit in Bezug auf die Konsumption. Die Brotvertheuernug ist mäßiger. Dazu kommt aber die Erhöhung der Kohlenpreise, der vielleicht eine weitere Erhöhung folgen wird. Alle diese Preissteigerungen sind allgemein, nicht örtlich. Mehr örtlich scheint die Vertheuerung der Milch. Alles das zusammen bewirkt eine Ausgaben- erhöhung, welche im Budget des vielberufenenarmen Mannes" eine wesentliche Rolle spielt. Unter diesen Umständen darf zu den durch die Naturgesetze der Volks- wirthschaft bedingten Preissteigerungen eine künstliche Erhöhung durch staatliche Maßnahmen nur unter zwin­genden Verhältnissen hinzutreren, wofern etwas an der Zufriedenheit der ärmeren Bevölkerung gelegen ist. Maßnahmen, die eine auch nur tendenziöse Ausbeutung zulassen, wirken in solchen Zeiten gefährlich. Daß die Bevölkerung von der Bercchtlguag des Schweineeinfuhr- verbotcs überzeugt wäre, kann gewiß nicht behauptet werden. Die Stimmen aller Parleiblätter, ausgenommen die rein agrarischen, sind dessen Zeuge. (D. Z.)

entscheiden können. Für den Staat aber, welcher über die Interessen der Allgemeinheit zu wachen hat, wird sich, wenn der gegenwärtigen schrankenlosen Preistreiberei nicht ehestens Einhalt gethan wird, die Nothwendigkeit ergeben, in eine ernste Erwägung derjenigen tarif- politischen Maßnahm.'n einzutreten, mit welchen er es jeden Augenblick in der Hand hat, der rücksichtslosen, auf eine Schädigung unseres allgemeinen Erwerbs­lebens hinauskommenden Ausbeutung einer momentanen Nothlage einen wirksamen Regulator anzuhängen.

Deutsches Reich.

Berlin. Ueber die Reisen, die der Kaiser für den Herbst noch vor hat, vernimmt man jetzt Folgendes: Der Kaiser wird im Monat October zu einem kurzen Besuch am großherzoglichen Hof in Schwerin erwartet. Auch der Stadt Königsberg steht, und zwar in diesem Monat noch, ein Besuch des Kaisers bevor, da der Kaiser Ende September beabsichtigt, sich auf einige Tage zur Jagd in die Rominter Haide zu begeben. Von großen Empfangsfeierlichkeiten soll auf Wunsch des Kaisers abgesehen werden.

Von offiziösen Berichterstattern wird neuerdings be­stimmt versichert, daß der Besuch des Kaisers von Rußland für die letzte Woche des September in Berlin angesagt sei.

Kiel. Die KreuzerkoroetteOlga", welche der Samoa-Katastrophe mit genauer Noth entgangen ist, lief am Montag Mittag nach fünfjähriger Abwesenheit im Kieler Hafen ein. Das Aussehen der Mannschaften war vorzüglich. Prinz Heinrich fuhr mit der Korvette Irene" derOlga" in See entgegen und geleitete dieselbe in den Hafen. Zahlreiche Dachten und Boote empfingen dieOlga", eine groge Menschenmenge be­fand sich am Ufer, die Stadt hatte geflaggt. Der Empfang war äußerst herzlich. Allen aus Samoa Heimgekehrten wird die Stadt Kiel heute ein besonderes Fest geben. Außerdem soll den Braven noch eine be­sondere kaiserliche Auszeichnung zu Theil werden. Prinz Heinrich sprach ihnen die kaiserliche Anerkennung aus.

Aus SchleswigrHolstein, 9. September. Ein Unter­offizier und ein Gefreiter vom 66. Infanterie-Regiment in Magdeburg nahmen vor einigen Tagen einen Deser­teur in Empfang, um ihn nach Magdeburg zu über« führen. Der Deserteur war ein aus Westpreußen ge­bürtiger Schuhmacher Johann Fröhse; vor vollen 17 Jahren descrlirle er von seinem Truppentheil, dem 66. Infanterie-Regiment in Magdeburg, und arbeitete auf Fehmarn, wo er' sich Wieser aus der Schweiz nannte. Der Betrug kam dadurch zu Tage, daß der Deserteur vor einiger Zeit unerwartet mit oem wirklichen Träger des Namens Wieser zusammentraf.

Oldenburg, 5. September. Der vor einiger Zeit berichtete sensationelle Fall, betreffend die un­geheuren W e ch s e l f ä l s chu n g en des Agenten Klein, kam gestern Morgen 10 Uhr vor dein groß- herzoglichen Landgericht zu Oldenburg zur Verhandlung. Der Zudrang des Publikums zu dieser Verhandlung war ein ganz gewaltiger, hauptsächlich war der durch den Angeklagten empfindlich geschädigte Handwerkerstand vertreten. Der Kaufmann Sebo Bernhard Wilhelm Eduard Klein zu Oldenburg, 50 Jahre alt, ist angeklagt: 1) in der Zeit vom 14. Juli 1879 bis 20. Juni 1889 wenigsten- 1100 Wechsel, zu über 2700 bis 2800 Mark, welche er bei der hiesigen Gewerbebank diskontirte, 2) im Juli 1889 einen Depotwechsel über 15,000 Mark, welchen er der Gewerbebank zur Deckung seines Konto­korrents übergab, und 3) im April 1889 einen Wechsel über 2786 Mark, welchen er auf den Kaufmann L. A. Pophanken hierselbst trassirte, gefälscht und somit 1102 Verbrechen gegen §§ 267, 468 Z. 1, 263, 73,74 des Str.-G.-B. begangen zu haben. Der Angeschul- digte war früher Spediteur und Agent verschiedener Geschäfte, u. a. der Firma Hölz u. Söhne in Sangcr- Hausen und der Preußischen Rentenversicherung- Anstalt in Berlin. Da derselbe in äußerst günstigen Ver- mögensverhältuissen gelebt hat und sich durchaus keine Extravaganzen gestattet haben will, so ist und bleibt eS auffällig, wie er zu einer Schuldenlast von ca. 160,000 Mark gelangt sein kann. Es ist anzunehmen, daß durch die Wechselzeichnungen und durch die mit der Begebung von Wechseln verbundenen DiSkontogebühren, sowie die immer mehr anwachsenden Zinsen der großen Zahl