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Mittwoch, den 4. September

1889.

Der Lehrermaugel

hat in Preußen zur Zeit eine bedenkliche Höhe erreicht. Die kürzlich erschienene Statistik theilt darüber Zahlen mit, die einen tiefen Schatten auf das preußische Volks- schulwesen werfen. Ganz abgesehen davon, daß am 20. Mai 1886 noch in 19,210 Klassen 71 bis 90 (in mehrklassigen Schulen) bezw. 81100 (in einklassigen Schulen) Kinder saßen, und 5735 Klassen 91120 bezw. 101150 und 590 Klassen gar über 120 bezw. über Kinder zählten, fehlten zur selben Zeit nicht weniger als 10;347 Lehrer. Den 75,097, Klassen standen nur 64,750 Lehrkräfte gegenüber. In 5409 zweiklassigen Schulen versorgten 6409 Lehrkräfte 10,8l8 Klassen und in 2682 dreiklassigen Schulen 5364 Lehrer 8046 Klassen. Und doch werden alle diese Klassen zu den normal be­setzten gerechnet. Die vom Kultusminister Dr. Falk als Nothbehelf geschaffenen zweiklassigen Schulen mit einem und dreiklassigen Schulen mit zwei Lehrern sind von 1882 18K6 von2989 auf 5409 bezw. von 1847 auf 2683 gestiegen, also die ersteren fast verdoppelt, die letzteren um die Hälfte vermehrt worden. 12 dreiklassige Schulen hatten nur je einen Lehrer. Ein ebenso fühl­barer Mangel an Lehrkräften herrschte 1886 in den vier- und mehrklassigen Schulen. Im Durchschnitt ist in diesen Schulen in Westfalen jede zwölfte, in Branden­burg jede zehnte, in Schlesien und Posen jede sechste Lehrerstelle unbesetzt. Noch größer erscheinen die Zahlen, wenn man die vier- und mehrklassigen Landschulen be­sonders nimmt. Diese 1,518 an der Zahl, halten im Jahre 1886 zusammen 7907 Klassen, aber mir 6504 Lehrkräfte. Es fehlte also durchschnittlich in jeder Schule ein Lehrer, oder von fünf Stelle» waren immer nur vier besetzt. Dadurch entsteht W. dis Dauerine Ueberlastung der Lehrkräfte und eine Schmälerung des Unterrichts, die gleich unerträglich sind, um so mehr, als der Mangel sich durchaus nicht gleich »ertheilt. In den vier- und mehrklassigen Landschulen Pommerns und Westpreußens waren nur 3/4, in denjenigen Posens nicht weniger als % und in denjenigen Schlesiens, wo von 2026 solchen Stellen nur 1402 besetzt waren, wenig inehr als 2/3 der Stellen besetzt. Diese Zustände haben sich seit 1886 wahrscheinlich erheblich verschlimmert, denn inzwischen ist, veranlaßt durch das Zustandekommen des neuen Pensionsgesetzes, eine unverhältnißmäßig große Zahl von Lehrerinvaliden in den Ruhestand getreten, während die Zahl der SchulamtSkandidaten zurück- gegangen ist. An Stelle der- 9400 Seminaristen, die sich 1879 auf den Lchrerbernf vorbernteten, waren im Oetober des vorigen Jahres nur 8507 vorhanden, und die Borjahre weisen noch niedrigere Zahlen auf. 1879 kam auf 2737 Einwohner ein Seminarist, 1888 nur erst auf 3329. Ein baldiger Ersatz der fehlenden Lehr­kräfte und eine ordnungsmäßige unterrichtliche Versorgung der Volksschulen ist also in absehbarer Zeit nicht zu erwarten, auch wenn die Regierung den ernstlichen Willen, dazu zeigte. Der Zudrang zum Lehrerberufe hat in dem Maße abgenommen, wie die Lehrergehälter zurückgegangen sind. Die Zahl der städtischen Lehrer- stellen ist von 1878 bis 1886 um 4120 gestiegen, die dafür gemachten GehaltSaufwendungen mit Einschluß der persönlichen und Dienstalterszulagen aber nur um 2,800,000 Mark, so daß auf jede der neu gegründeten städtischen Lehrerktellen ein Gehalt von 679 Mark ent» fällt, sicher kein Einkommen, das zum Eintritt in den Lehrerberuf anlockt. Seit 1886 ist durch Zurückziehung der AlterSznlagen in den Städten ein weiterer Rückgang in der Lehrerbesoldung eingetreten, wodurch auch der Lehrermangel vergrößert ist. Eine Aenderung in diesen für den ganzen Staat gefährlichen Zuständen kann nur durch Aufbesserung der Lehrergehälter herbeigeführt werden.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Vermuthung, daß auch der gegenwärtige Präsident der französischen Republik anläßlich des Be­suches des deutschen Kaisers in den Reichst ariden den französischen Bolschaster am Berliner Hofe zur Begrüßung nach Metz entsenden werde, wie dies von dem früheren ^Üfibentdi dem Kaiser Wilhelm I. gegenüber seiner Zeit gescheheu, hat sich als irrig erwiesen. Man scheint ks in Frankreich jetzt nicht mehr für nöthig zu halten, ^ner so einfachen HüslichkcüSpsllcht zu genügen. Diese Taktlosigkeit ist übrigens bezeichnend für den Ingrimm, M welchem man in Frankreich den so überaus warmen

Empfang des Kaiserpaares durch die reichsländische Bevölkerung beobachtet hat. Freilich muß dieses Ver­hallen im gegenwärtigen Augenblick doppelt auffällig erscheinen, wo die ausgezeichnete Höflichkeit, welche die deutschen Behörden,- und nicht diese allein, jüngst erst noch bei der Ucberführung der irdischen Ueberreste Carnols und Latour d'Auvergne's bekundet, noch frisch in der Erinnerung ist.

Berlin. (Militärisches.) Der Kaiser hat be- ftimmt, daß die Feldwebel und Pieefeldwebel, einschließlich der Vicefeldwebel des Beurlaubtenstandes, sowie die im gleichen Range stehenden Stabshautboisten, beziehungs­weise Stabshornisten und Zahlmeister-Aspiranten bei denjenigen Truppen, bei welchen der Jnsanterie-Offizier- Degen neuen Modells znr Einführung gelangt ist, ebenfalls mit Jnfanteric-Osfizier-Degeu und Porteepee neuen Modells zu bewaffnen sind. Die genannten Chargen haben den fraglichen Degen an einer weißen, beziehungsweise schwarzen Uebcrschnallkoppel zu tragen.

Breslau, 28. August. Aus der Festung Glatz wurde vor Kurzem ein französischer Meuterer, der im Jahre 1870 während des deutsch-französischen Krieges auf frischer That beim Schießen aus dem Hinterhalt betroffen worden war, in seine Heimath entlassen, wo man ihn, da er kein Lebenszeichen von sich geben durfte, gewiß für todt gehalten haben wird. Bonnet so ist der Name des Franzosen hat volle 1 9 Jahre auf der schlesischen Festung zugebracht.

Schwcmfnrt, 26. August. Gestern verstarb in dem benachbarten Oberndorf Herr Privatier Hermann Hand- schuch, 78 Jahre alt, der letzte der bei dem Frankfurter Attentate am 3. April 1833 bethciligten Studenten. Zum Zwecke der Beseitigung des deutschen Bundestags und der politischen Umgestaltung Deutschlands in Frank­furt a. M. hatten die Studenten einen Aufstand ver­sucht und auf die Haupt- und Constablerwache einen Angriff unternommen, der im ersten Momente auch von Erfolg begleitet war, dann aber von dem Linieumilitür rasch unterdrückt wurde, wobei die Truppen neben einer größeren Anzahl Verwundeter fünf Todte hatten. Herr Handschuch wurde damals mit verhaftet und am 20. October 1836 zu lebenslänglichem Gefängnisse ver- urihcilt; mit Hilfe von Frankfurter Bürgern gelang es ihm jedoch, mit sechs seiner Genossen noch vor Fällung der Entscheidung in letzter Instanz aus dem Gefängnisse zu entfliehen und nach der Schweiz zu entkommen, wo er sich bis kurz vor 1848 aushielt. Mit hoher Freude erfüllte ihn die Wiederaufrichtung des deutschen Reiches und die Erwählung eines deutschen Kaisers, was ja bereits im Jahre 1833 der Traum der deutschen Jugend war.

Magdeburg, 26. Aug. DieMagdeb. Ztg." erhält von dem dortigen practischen Arzte Dr. Nissen folgende Zuschrift:Dem Eisendreher Hübscher habe ich gestern Nachmittag aus der Tiefe des dreiköpfigen Armmuskels (triceps brachii) deS rechten Armes eine 7 ein lange, vollständig schwarz oxydirte Stopfnadel durch Operation entfernt, nachdem Patient Jahre lang wegen rheuma­tischer Schmerzen an verschiedenen Körpertheilen mit allen möglichen Hülfsmitteln ärztlich behandelt worden. Da der Patient sich nicht erinnert, wie die Nadel in den Arm gelangt sein könnte, ist es wahrscheinlich, daß dieselbe schon ins frühen Kindesalter au irgend einer Körperstelle durch die Haut eingedrungen war und nun nach 3233jährigem Aufenthalt im Körper wieder zum Vorschein gekommen ist. Bemerkenswert!) ist dabei, daß Patient im zweiten Lebensjahre mehrere Monate als kreuzlahm behandelt wurde, was sehr wohl schon mit der Anwesenheit der Nadel in der Krenzgegend in Zu­sammenhang gebracht werden kann."

Wesel 22. August. Man schreibt von hier der RH. u. Rztg.": Ein zur richterlichen Cognition ge­kommener Hahnenschrei macht hier viel von sich reden. Zwei durch Hahnenschrei in ihrer Ruhe gestörte Damen machen davon polizeiliche Anzeige, t^r Eigenthümer des Hahnes erhielt darauf eine polizeiliche ©traf Verfügung in Höhe von einer Mark auf Grund des § 360 Nr. 11 St.-G.-B. wegen ruhestörenden Lärms zur Ungebühr, weil er das Thier während der Nachtzeit vom Krähen nicht abgehalten hatte. Der Mann, der auch mehrere Hühner hält, wird auf erhobenen Widerspruch vom Schöffengerichte frOgesprochen, gleichwohl in zweiter Instanz zu einer Mark auf Grund des Zeugnisses der beiden Damen, welche im angrenzenden Hause zur

Miethe wohnen, gegen das Zeugniß der nicht gestörten Einwohner des Hauses und anderer Nachbarn, kosten- fällig verurtheilt. Beiläufig bemerkt, betragen die Kosten jetzt schon etwa 80 Mark. Der Hahnenbesitzer hat nunmehr die dritte Instanz beschritten unter der Be­hauptung, daß die angezogene Bestimmung auf den vorliegenden Fall nicht angewendet werden könne, der Hahn, der nur sein Naturrecht ausübe, sei ein noth­wendiges Hausthier, denn ohne Hahn kein Huhu Lud ohne Huhn keine Eier. Man ist gespannt auf die Ent­scheidung letzter Instanz.

Rccklinghansen, 28. August. Der Ackerer Peters in der Banerfchaft Lenkerbeck kam gestern um's Leben, als er damit beschäftigt war, ein Brod zu zerschneiden. Das Messer glitt aus und fuhr ihm so unglücklich in die Brust, das er nach wenigen Minuten, von eigener Hand erstochen, im Beisein seines auf sein Hilfege- schrei herbeigeeilten Sohnes den Geist aufgab.

Elze (Prov. Hannover), 28. August. Seit Jahren n^urbe unser Städtchen durch anonyme Briefe und Schmähschriften, Verübung von Unfug und durch Sach­beschädigungen in Aufregung versetzt, ohne daß es gelang, die Urheber zu ermitteln. Es wurde durch diese Gemeiuheiten viel Unheil und Zwietracht hier angerichtet. Endlich ist es kürzlich gelungen, den Frev­lern auf die Spur zukommen, und zwar find bis jetzt sechs bisher angesehene hiesige Bürger wegen dieser Angelegenheit verhaftet worden, darunter einige zugleich ivegeit Verdachts des Meineids. Ein siebender, ein Eiseuwaarenhändler hierselbst, der ebenfalls verhaftet werden sollte, hat sich aus Furcht vor der Strafe entleibt. Er hinterläßt Frau und sieben Kinder. Die Reihe der Verhafteten soll noch nicht abgeschlossen sein. Es ist unbegreiflich, wie bisher angesehene und wohl- < habende Bürger dazu kommen können, aus reiner Freude an Bosheiten zu Verbrechern zu werden und sich und ihre Familien unglücklich zu machen.

Sind Socialdemokraten von der Ein­quartierung zu befreien? Diese für die be­treffenden Personen recht interessante Frage ist sowohl in Baden wie in Sachsen in konkreten Fällen auf- geworsen worden. Nach derWurzener Zeitung" hat ein Socialdemokrat in Würzen gegen die Einquartierung reklamirt mit der Ausführung, daß die Militärbehörde den Soldaten streng den Verkehr mit den Social­demokraten verboten habe, und daß sie in Folge dessen unmöglich damit einverstanden sein könne, wenn ein Soldat einen ganzen Tag lang diesen.gefährlichen Umgang" genieße. Noch interessanter hat sich die Frage in Offenburg zngespitzt. Nach Mittheilungen derFrankfurter Zeitung" sind dort zwei Wirthschaften, ein Hotel ersten Ranges und eine Bierbrauerei, deren Besuch den Soldaten sonst verboten ist, auf Ansuchen der Besitzer nachträglich auch von der Einquartierung befreit worden. Nun hatten aber mit demselben Hotel­besitzer andere mit Einquartierung belegte Privatpersonen eine Vereinbarung wegen Ausquarticrung der bei ihnen einquartierten Mannschaften in dem bezüglichen Hotel getroffen. Die Privatpersonen weigerten sich, dem Er­suchen des Bürgermeisteramts Folge zu geben und die Soldaten anderwärts einzuquartieren. Die Soldaten rückten ein, wurden in dem Hotel einquartiert und in liebenswürdigster und bester Weise verpflegt. Nun er­hielten aber die Personen, welche die Soldaten im Hotel einquartiert hatten, eine Zuschrift deS Bürgermeisteramts, wie folgt:Die Militärbehörde hat der von Ihnen in das Hotel .... zur Beherbergung und Beköstigung überwiesenen Mannschaft das Betreten dieses Gasthauses verboten und uns behufs anderweiter Unterbringung zugeschickt. Demgemäß waren wir gezwungen, für diese Mannschaft anderweites Quartier zu beschaffen; dieselben sind nunmehr vorbehaltlich des Ersatzes der daraus entstehenden Kosten durch Sie in dem Gasthaus .... gegen eine tägliche Vergütung von drei Mark pro Mann vorläufig aus Gemeindekosten untergebracht. I. W: M. Armbruster." Der etwa hieraus entstehende Prozeß dürfte sehr interessant werden.

Lokalcs und Provinzielles.

*Schlüchtcrn, 3. Sept. In böser Lage befanden sich am Mittwoch (28.) Abend die zahlreichen Passagiere des Frankfurt-Berliner Blitzznges, welcher bekanntlich auf der ganzen Fahrt van Frankfurt uach Berlin nur vier Mal anhält. Zwischen den Stationen Schlüchtern und