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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 63.

Samstag, den 10. August

1889.

Die Raiffeisenscheu Darlchnskaffen, ein Mittel zur Hebung des Bauernstandes.

Von A s m u s M ahne r. (Schluß.)

Nackt kommt der Mensch in die Welt, nackt verläßt er sie. Für alle geistigen und materiellen Güter, welche er hier besessen, wird er von dem ewigen Richter zur Verantwortung gezogen, wird er gefragt werden, wie er solche im Dienste Gottes bczw. in der Fürsorge für die bedürftigen Mitmenschen verwendet hat. Es ist selbstverständlich, daß es sich nicht um eine bloße Werk- thätigkeit, sondern um die Bethätigung der aus dem lebendigen Glauben naturgemäß hervorsprießenden, in der Gottesliebe wurzelnden und aus ihr stets frische Kraft schöpfenden, christlichen Nächstenliebe handelt. Ein Darlehnskassen-Verein soll gleichsam eine Familie, eine Bruderschaft bilden, in welcher die Schwächeren gehoben und getragen werden, in welcher man nicht wartet, bis ein Glied nach dem andern zu Grunde ge­richtet wird, sondern die Hülssbedürstigeu aufsucht, ihnen liebevoll mit Rath und That bcistcht und sie vor dem Verderben rettet, in welcher Alles geschieht, um das Wohl der Einzelnen wie der Gesammtheit zu fördern. Um dies zu ermöglichen, bedürfen die kleinen Vereine einer Zentralstelle, von welcher sie Belehrung und zur Erfüllung ihrer Aufgabe stets Rath und Unterstützung erhalten. Das ist die Anwaltschaft, welche zur Durch­führung des wichtigen Unternehmens vieler Mitarbeiter bedarf. Für die Anwaltschaft, die Mitarbeiter, besonders auch die Leiter der Vereine sind so viele Schwierigkeiten zu überwinden und es wird denselben nicht selten so viel Undank gespendet, daß eS ganz unmöglich ist, ohne den erwähnten Standpunkt die Aufgabe der Darlehns- kassen-Vereine zu verstehen und in Ausführung derselben auszuharren.Das habt Ihr für Mich gethan," sagt Gottes Sohn. Die Christenpflicht läßt sich nicht ab kaufen, auch nicht mit Redensarten erledigen. Es wird verlangt zu thun, für Gott zu arbeiten. Dies schützt vor Ehrgeiz, vor Selbstsucht, giebt Kraft zur nmnnüdlichen Durchführung und eine innere Befriedi gung, welche mit Geld nicht auszuwiegen ist. Ein Vorbild in dieser Beziehung bilden die christlichen Kranken­pfleger, welche sich allgemeinster Anerkennung erfreuen. Sie haben in Fällen körperlicher Krankheit helfend ein- zutreten; die Leiter der Vereine aber, besonders die Mitarbeiter an der Zentralst die sollen für die Beseitigung der viel gefährlicheren, der socialen Krankheit, der den Bestand der Gesellschaft bedrohenden Seuche, der Selbst­sucht und Alles, was damit zusammenhängt, wirken. Möchten sich nur viele vom rechten Geiste beseelte Mit­arbeiter dazu finden. Mit den nöthigen Fähigkeiten und Schulkenntmssen versehene junge Leute würden bei bescheidenen Ansprüchen bei der Anwaltschaft eine innerlich höchst befriedigende Thätigkeit finden und zugleich ihre Zukunft sichern können.

Gemeinde- oder Kreis-Spar- und Darlehnskassen können unmöglich das leisten, was den Darlehnskassen- Vereinen obliegt, können die Bevölkerung nicht zur Selbstthätigkeit, nicht zum Aufbieten der eigenen Kräfte behufs Hebung des drohenden Nothstandes zusammen- schaareu, sie können nicht Reich und Arm zum fried­lichen, durch die christliche Liebe bedingten Zusammen­arbeiten für das allgemeine Wohl vereinen. Durch Ansammeln und Ausleihen von Geldern, wenn auch zu noch so billigem Zinsfuß, ist noch lange nicht Alles gethan; ein Geist der Eintracht und der Liebe muß die immer mehr und mehr aufgelöste Gesellschaft wieder vereinigen und in sich selbst befestigen. Je mehr wir, die Vereiusgenossen, dies einsehen, desto ausdauernder Müssen wir bemüht sein, die Durchführung des begonnenen Werkes zu sichern. Dazu gehört auch die Erhaltung der Central-DarlehnSkasse, nämlich der eigenen Kasse der Vereine. Ebenso wenig wie die kleinen örtlichen Vereine ohne den Geldverkehr bestehen können, ebenso wenig kann dies die Öentratftdle. In beiden Instituten ist das Geld nicht Zweck, sondern Mittel zu dem vorhin ausgeführten Zwecke. Es bildet indessen den Kitt zum Zusammenhalten, sowie auch das Mittel zur Durch­führung des Unternehmens: deshalb ist es auch für die Centralstelle unentbehrlich. Das wissen unsere Gegner. Ihre Bemühungen, gerade dieCcntral-Dallehns- ksse zu vernichten, sind also leicht begreiflich.

Aber," wild gesagt,man kann auch Gutes thun, ohne in die Organisation der Darlehnskasseu-Vereine einzutreten," unddiese Organisation ist doch kein Universalmittel". Daß sie ein solches sei und daß außerhalb der Darlehnskasseu-Vereine nicht auch viel Gutes geschehe, ist von uns nie behauptet worden. Es giebt indeß ein Universalmittel zur Lösung der sogenannten socialen Frage. Das ist, an Stelle des auf wirth- schaftlichem Gebiete in höchster Blülhe sich befindenden Parteiwesens, in welchem das arme Volk die Waffe und auch zugleich das Streitobject bildet, Gegensätze hervorgerufen und verstärkt und so unhaltbare Zustände geschaffen werden, wir sagen an Stelle dieses Partei- getriebes einen anderen Streit hervorzurufen, einen Wettstreit dahingehend, wer in der Nächstenliebe am segensreichsten wirkt. In diesen Streit dürfen doch wohl die Darlehnskassen-Vereine, ohne unbescheiden zu erscheinen, eintreten. Dieser Streit wird zum Frieden führen, zum Frieden im Herzen, zum Frieden in der Familie, zum Frieden in der Gesellschaft. Daß uns dieser Friede bald zu Theil werde, das walte Gott!"

Mancher, der das liest, sagt oder denkt wohl:Mau meint, da spräch' ein Pfarrer, wenn man den Raiffeisen hört^" Ja, leider Gottes, hat man sich in vielen so­genannten christlichen Kreisen daran gewöhnt, das Sprechen vom Christenthum den Pfarrern zu überlassen, man Hält's für unpassend, ungeschickt, wenn Einer in Gesell­schaften davon spricht, ja selbst in der eigenen Familie genirt sich oft Eins vor dem Anderen, sich durch Wort oder Werk als Christen zu zeigen. Nein! Da spricht kein Pfarrer, da spricht Einer, der mehr werth ist als alle Pfarrer, mehr werth als Kaiser und Könige, da spricht Einer, für den das Blut des Sohnes Gottes geflossen ist, der sich durch diese Liebe das Herz hat entzünden lassen, wieder zu lieben, da spricht mit einem Wort: ein Christ. Und wer nicht so spricht, denkt und thut, der ist kein Christ, wenn er schon getauft ist und zu Kirche und Abendmahl geht.

Schließlich habe ich noch gesagt, daß diese Kassen die Concurrenzfähigkeit des Bauernstandes beförderten. Die seitherige Concurreuz - Unfähigkeit des Bauernstandes schreibt sich daher, daß der Bauer nicht mit der Zeit fortgeschritten ist, d. h. daß er sich die Maschinen, welche die Arbeit erleichtern, nicht anschaffte, daß er die Stoffe, welche die Ertragsfähigkeit ferner Aecker erhöhen, nicht anwendet, daß er seine Produete nicht an den rechten Mann bringt, sondern den Gewinn dem Zwischenhändler läßt alles, weil es ihm an Kapital dazu fehlt. Maschinen und künstliche Düngemittel sind bis jetzt nur für die größeren Occouome da. Durch die Anwendung der Maschinen in der Landwirthschaft wird ein ähnlicher Umschwung hervorgebracht, wie in ältester Zeit dadurch, daß man es dahin brächte, den wilden Stier dem Acker­bau dienstbar zu machen. Bis dahin mußten Menschen, meistens Sklaven oder Weiber, den Pflug durch den Acker ziehen. Als man endlich den Stier zum Ackerbau abrichten konnte, da war die Anschaffung dieser Thiere gewiß auch kostspielig. Der alte Vater Homer, der etwa 1000 Jahre vor Christi Geburt lebte, erzählt einmal:

Ein blühendes Weib ist der Kampspreis, Klug in menschlicher Kunst und geschätzt vier Rinder ain Werthe."

Wieviel Rinder müßte man wohl heute für ein solches Weib bieten? Es war diese Errungenschaft der Mensch­heit etwas Großartiges, man sparte Zeit und Kraft dadurch. Und heute meint man, es sei nie anders gewesen, und es könnte gar nicht anders sein. Aber die Menschheit ist in dem letzten Jahrhundert noch weiter fortgeschritten. Mit Naturkräften, die nicht müde werden, die man nicht zu füttern und nicht zu putzen braucht, werden heute viele Dinge verrichtet, zu denen man seither Menschen- und Thierkraft nöthig hatte. Freilich sind die Maschinen, die uns diese Natur- kräfte nutzbar machen, noch zu theuer für den Klein­bauern. Aber durch die Errichtung Raiffeisenscher Kassen wird den Gemeinden das Capital gegeben, sich dieselben gemeinsam anzuschaffen. Da die Dorfgenossenschaft zu einem Vereine verbunden ist, so läuft nicht mehr der Eine hierhin, der Andere dahin, um sein Saatkorn, seine Dungmittel u. s. w. zu kaufen, sondern sie kaufen alle zusammen an der Quelle und behalten den Profit, den

sonst die Zwischenhändler einstecken, in ihrem Sack. So berichtete der Anwalt der Darlehnskassen-Vereine auf dem Verbandstage in Straßburg am 14. Juni 1888 von einem Verein in Hessen, der den Forderungen der Händler gegenüber an einem eitrigen durch Vermittlung der Anwaltschaft bezogenen Waggon Chilisalpeter 800 Mark verdiente. Ja, en Bauer muß rechene! Daß so etwas den Zwischenhändlern nicht paßt, daß sie sehr gegen diese Vereine sind und ihnen Abbruch zu thun suchen, wo sie können und wissen, ist natürlich. Aber die Bauern sind doch hoffentlich nicht für s i e da. Was den höchstmöglichen Ertrag für die Producte be­trifft, so kann der Einzelne mit seinen paar Maltern, die er verkaufen könnte, natürlich nicht auf die Märkte ziehen oder mit größeren Geschäften Lieferungsverträge abschließen. Aber wohl kann dies die durch den Verein geeinte Gesammtheit; und den Mitgliedern der Vereine bleibt der Vortheil. Neuerdings wird auch in unserer Gegend ein gutes Geschäft durch Molkereien gemacht. Warum kann der Bauer nicht selbst dies Geld verdienen, die Milch, das Haupterforderniß zu diesem Geschäft, hat er ja? Nun, weil dem Einzelnen das Anlage- und Betriebskapital dazu fehlt. Die Gesammtheit aber kann's aufbringen. So haben viele Darlehnskassen- Vereine Consum-, Verkaufs-, Winzer- und Molkerei- Vereine gegründet. Jetzt wieder baut sich z. B. der Darlehnskassen-Verein in Oberhaun bei Hersfeld eine Molkerei. Warum auch sich das Geld entgehen lassen? Die Bauern haben's wahrhaftig nöthig genug in ihren Gemeinden und Häusern zu brauchen.

Ich bin am Ende mit meiner Darstellung der Raiff- eisenschen Darlehnskassen und hoffe, daß diese Artikel nicht nur ein angenehmer bezw. unangenehmer Lesestoff für die Leser dieses Blattes gewesen sind, sondern, daß auch in unserem Kreise sich recht viele Männer finden, welche durch Gründung dieser Kassen in ihren Gemeinden zur wirthschaftlichen und sittlichen Hebung ihrer Mit­menschen beitragen, eingedenk des Wortes unseres Meisters:Was ihr gethan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir gethan."

Tages-Ereignisse.

München 5. Aug. Das Defizit des Turnfestes be- läuft sich nach der Frankfurter Zeitung auf 60 000 J6 Die Garantiezeichner werden 25 pCt. zahlen müssen.

Wörth, 6. August. Unter großer Betheiligung der Bevölkerung fand heute die Einweihung des Denkmals für die am 6. August 1870 gefallenen Baiern statt. Aus Baiern und Rheinland waren gegen 250 Kriegervereine erschienen. Die Festrede hielt Gencrallieutenant Gropper-München. Das aus Stein und Erz errichtete architektonisch - plastisch schöne Denkmal macht einen tiefergreisenden Eindruck.

Kronach, 7. Aug. Ein in den Gemeindekassen hier Vorgefundenes Defizit hat zur Folge gehabt, daß der Bürgermeister, der Stadtschreiber und zwei Stadträthe laut Regierungsentscheid suspendiert wurden. Der Fehl­betrag beziffert sich auf ca. 25 000 ^

Köln. Nach einer Ausstellung des UnterrichtSministerS ist der Regierungsbezirk Köln der einzige der Monarchie, welcher die Unentgeltlichkeit des VolkSschulunterrichlS, wie solche durch das Gesetz vom 14. Juni 1888 in Er­füllung des Artikels 25 Absatz 3 der Preußischen Ver­fassung als Regel ausgestellt ist, ausnahmslos durch­geführt hat.

Hannover. Mehr als 2000 Brieftauben aus über 60 Vereinen rheinisch westfälischer Städte wurden am Sonntag früh kurz nach 7 Uhr in Hannover aufgelassen. Die schnellsten werden ihren Besitzer erhebliche Preise einbringen, da außer mehreren Staatsmedaillen 2000 M. und 250 M. Ehrenpreise ausgesetzt sind.

Mainz, 5. August. Gestern Abend ist hier die Tochter eines Geschäftsmannes durch eigene Unvorsichtigkeit ver­unglückt. Das Mädchen hatte sich den Kopf mit Spiritus gewaschen und zündete unterdessen ein Licht an, wobei eS mit den Spiritus getränkten Haaren dem Licht zu nahe kam; das Haar fing Feuer und das arme Mädchen wurde schrecklich verbrannt.

First i. d. Lausitz, 4. Aug. Das entsetzliche Unglück, den rechten Arm fünf Vial zu brechen, und zwar zwei Mal am Schulterblatt, zwei Mal am Oberarm und ein Mal am Unterarm, passierte vorgestern dem