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Mittwoch, den 7. August
1889.
Die Raiffeisenschen Darlehnskassen, ei« Mittel zur Hebung des Bauernstandes.
Bon A s m u s Mahner.
V.
Ich muß nun zum Schluß noch meine Behauptung beweisen, daß diese Kassen wirklich ein Mittel sind zur Vertreibung der Wucherer, zur Hebung der Sittlichkeit und dazu, den Bauernstand concurrenzfähig zu machen.
Daß diese Kassen den Wucher aus unseren Dörfern vertreiben müssen, wenn sie richtig geführt und richtig benutzt werden, liegt auf der Hand. Die Vortheile, die der Wucherer gewährt, Borgen geringer Summen je nach Bedarf, schnelles Borgen ohne viele Umstände, ohne Laufereien und Schreibereien, gewähren diese Kassen ebenfalls, ohne jedoch die Nachtheile mit sich zu führen, hohe Zinsen, 20, 30, manchmal 50 Procent, der anderen Betrügereien, die bei diesen „Geschäften" vorkommen, gar nicht zu gedenken. Das Einzige, was nach Einrichtung dieser Kassen den Wucher noch halten könnte, wurde die falsche Scham sein, die sich lieber von Fremden zu Grunde richten, als von ihren eigenen Leuten helfen läßt. Aber so unvernünftig ist, denke ich, heutzutage Keiner mehr. Wer in diesen Kasten borgt, ist ja selber Mitglied, er braucht sich bei Keinem dafür zu bedanken, außer bei Gott, der uns durch Naiffeisen den Weg gezeigt hat, wie der Noth auf dem Lande, die durch die, Raubritter des 19. Jahrhunderts, durch die Wucherers ins Unermeßliche gesteigert ist, am besten gesteuert! werden kann. Wenn wir diese Kassen bei uns einführen, dann entziehen wir dem Wucher die Nahrung und er muß absterben.
Was nun die sittliche Hebung des Bauernstandes anlaugt, so hat schon der Herr Oeconom Roll in seinem neulich milgetheilten Vortrag einen Punkt hervorgehoben. Das Beste aber in dieser Beziehung hat unstreitig F. W. Naiffeisen selbst gesagt in einem Vortrag über die Einrichtung und den Zweck der Darlehnskasten- Vereine. Er stellt die Frage: Wer soll sich betheiligen? Und er fährt dann fort:
„Alle selbstständigen Familienhäupter, welche sich im Vollgenusse der bürgerlichen Rechte befinden, ohne Ausnahme. Bezüglich der unbemittelteren Einwohner, welche die Hülfe am meisten nöthig haben, bedarf dies keiner weiteren Erklärung. Aber auch die Wohlhabenderen und selbst die Wohlhabendsten haben alle Ursache dazu. Durch Verminderung der Zahl der Armen verringern sich auch die Ausgaben dafür. Durch Schaffung eines kräftigen Mittelstandes vertheilen sich die Gemeinde- Abgaben und lasten auf mehr Schultern, sind also leichter auszubringen und zu tragen. Bei größerer Wohlhabenheit steigt die Kaufkraft, so auch der Werth des Grundvermögens der Wohlhabenderen. Sodann haben diese bei den gemeinschaftlichen Bezügen der WirthschaftS- dedürfnisse den größten Vortheil. Abgesehen davon besteht in jedem Haushalte zuweilen Gcldüberflnß und dann Geldmangel. Auch die Wohlhabendsten können diese Kasse als Ausgleichungsstelle benutzen, ja es ist dringend anzurathen, daß dies geschieht, indem man dadurch mit gutem Beispiele vorangeht und die leider »och vielfach herrschende falsche Scham von Mitgliedern, Geld ans der Vereinskasse zu entnehmen, während sie den Verkehr mit Wucherern fortsetzen, beseitigen hilft. Besonders finden die Herren Geistlichen, welche sich denn auch fast überall in dankenswerther Weise bethei- Hgen, in den Vereinen eine erfolgreiche Handhabe für ^re seelsorgerische Thätigkeit. Die materielle Hülfe ist öüichsam der Schlüssel zur Thüre des Herzens. Für die Herren empfiehlt es sich indeß, nur dann in den Vorstand einzutreten, wenn es an geeigneten Persönlichkeiten fehlen sollte, und nur so lange in demselben zu verbleiben, bis solche dafür gewonnen bezw. ansgebildet falb, da der Vorstand grundsätzlich strenge verfahren, deshalb mitunter Anträge auf Darlehn zurückweisen muß Rid da auch sonstige Unannehmlichkeiten für die Herren Geistlichen mit dem Amte in geschäftlicher Beziehung verbunden sein können.
Ungeachtet der zuvor angestellte Vergleich zwischen den beiden VereinSarlen(Raisteisensche undSchulze-Delitzschsche Mfcn), wie wir gesehen haben, nicht zum Vortheil der städtischen Vorschußkassen ausgefallen ist, haben sich diese bald nach ihrer Entstehung sehr rasch verbreitet, während " fahr lange Zeit dauerte, bis die Darlehnskassen- ^reinr gehörig gewürdigt wutden, und tS sogar auch
das Gebot der Nächstenliebe zu verstehen ist, lehrt uns der Herr und Heiland, indem er auf das Gericht hin- weist. Er wird in dem letzteren fragen: „Habt Ihr die Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt" rc. — und dann sagen: „Was Ihr habt gethan einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir gethan." — Dieser Ausspruch bildet die Grundlage der Darlehnskassen-Vereine und ist der Grundgedanke ihrer Organisation. Der Vereinsbezirk ist thunlichst klein abgegrenzt, um bei der dadurch ermöglichten genauen Personenkenntniß auf jedes einzelne Mitglied nöthigen- falls moralisch einwir^en zu können, sodann aber auch um die Geschäfte in solchen engen Grenzen zu halten, daß dieselben von den wohlhabenden Mitgliedern in Erfüllung ihrer Christenpflichr leicht und mit Freudigkeit unentgeltlich versehen werden können. Der Gewinn wird nicht unter die Mitglieder vertheilt, sondern zu einem für immer unheilbaren, gemeinschaftlichen Vermögen angesammelt, um für die Bedürftigen (die Geringsten) in umfassender Weise zu sorgen.
(Schluß folgt.)
Der Kaiser in England.
Kaiser Wilhelm ist in England etngetroffen und mit den ihm als Enkel der englischen Königin und Repräsentanten des deutschen Reiches gebührenden Ehren und mit unerwartetem Enthusiasmus empfangen worden. Wenn auch der Besuch offiziell nur ein privater ist, so werden doch die tonangebenden Blätter hüben wie drüben nicht müde, dem Besuche auch eine politische Bedeutung zuzuschreiven. Nicht ihrer eigenen Idee, sondern dem allgemeinen Gefühle der Deutschen wie der Engländer giebt die „Times" Ausdruck, wenn sie schreibt: „Ungeachtet der gelegentlichen Proteste nicht- verantwortlicher Politiker weiß England wohl, daß es mehr Gemeinschaft mit Deutschland als mit den übrigen großen Nationen des Festlandes hat." In der That ist es geradezu wunderbar, daß die beiden stammverwandten Nationen, die gemeinschaftlich große Kulturinteressen zu vertreten haben, und deren Vortheil und Wunsch die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens ist, nicht längst und aufs Innigste gemeinschaftliche toahe gemacht haben. Im Bewußtsein der eigenen durch ungewöhnliche Siege dokumentirten Stärke, im Hinblick auf die mächtige wohldisciplinirte Armee und eingedenk der Opfer,- die wir täglich der Landesvertheidigung bringen, haben wir uns gewöhnt, stolz, vielleicht sogar etwas hochmüthig, auf das angebliche Krämervolk herabzusehen, welches keine so gewaltige Armee besitzt. Aber wir haben vergessen, daß England noch nie eine starke Armee besessen hat und doch Dank seiner Energie, seinem unbezwinglichen Freiheits- und Unabhängigkeits- sinn, seiner Tapferkeit und, nicht zu vergessen, seinem unerschöpflichen Reichthume sich immer noch selbst den gefährlichsten und schwierigsten Situationen gegenüber siegreich behauptet hat.
Aber die bei Spilhead versammelt: englische Flotte, welche Kaiser Wilhelm zu inspiziren — es handelt sich nicht um eine Parade oder Flottenschau, sondern um eine Floltruinspection — Gelegenheit geboten ist, wird ihn überzeugen können, daß England auch im Besitze realer und positiver Machtmittel ist. Und dennoch ist selbst die große Zahl der vor Osborne ankernden Schiffe nur ein geringer Theil der britischen Gesammtflotte. England verfügt noch über eine Mittelmeerflotte, über Flotten in den indischen, chinesischen, australischen, südafrikanischen und canadischen Gewässern. Dazu kommt die kolossale Handelsflotte, von welcher ein großer Theil in jedem gegebenen Augenblick in Kriegsfahrzenge um- gewandelt werden kann. Kaiser Wilhelm, welcher in der kurzen Zeit seiner Regierung wiederholt Beweise gegeben hat von seinem Verständniß und Interesse für die Marine, wird die Bedeutung dieser Machtmittel nicht zu unterschätzen geneigt sein.
Die Königin Victoria hat ihren ältesten Enkel, den Erstgeborenen ihrer schwergeprüften Tochter und ihres unglücklichen Schwiegersohnes mit aller Herzlichkeit empfangen. Umgeben vom ganzen Hofe erwartete sie ihn, und als er kam, ging sie, geschmückt mit dem Orangeband des Schwarzen AdlerordenS, dem Kaiser entgegen und küßte ihn herzlich auf beide Wangen. AbendS, während und nach dem Bankett waren die herrlichen Gürten um Schloß Osborne auf das Präch-
jetzt noch, wo die Ungeführlichkeit d.r Solidarhckt erwiesen ist, schwer fällt, dieselben allgemein einzufihren. Es ist dies leicht erklärlich. Die städtischen Vorjchuß- kasscn entsprechen dem Zeitgeiste. Dein letzteren indeß geradezu entgegengesetzt ist das, was die Darlehnskassen- Vereine von ihren Mitgliedern, namentlich aber von ihren Leitern beanspruchen. Vom geschäftlichen Standpunkt aus betrachtet, ist es doch viel verlangt, neun man den wohlhabenderen Einwohnern zumuthet, in einen Verein einzutreten, mit ihrem ganzen Vermögen solidarisch zn haften, ohne Vergütung die Verwaltung zu führen und dabei nicht einmal Antheil am Gewinn zu IjabtL Aber ihre Begründung finden diese Zumuthungen in der Pflicht der werkthätigen Nächstenliebe. Diejenigen, welche diese Pflicht nicht anerkennen und an keine Vergeltung nach dem Tode glauben, haben keinen Grund, ihren natürlichen Neigungen den geringsten Zwang an- zuthun. Sie können vielmehr ihre Mitmenschen nach Herzenslust ausbeuten und sich alle möglichen Vortheile und Genüsse verschaffen, soweit die weltlichen Gesetze dies zulassen. Die solchen Bestrebungen zu Grunde liegende Gesinnung, hauptsächlich hervorgerufen durch die naturalistischen und materialistischen Irrlehren, nach welchen es keinen Gott und kein ewiges Leben giebt und der Mensch nichts als ein vergängliches Natur- product ist, verbreitet sich immer mehr. Daß aber der Unglaube und die Verachtung der Religion so starken Eingang finden, kommt auch daher, daß so viele Leute, die sich Christen nennen und die ihre kirchlichen Pflichten mit peinlicher Sorgfalt erfüllen, es doch an dein Hanpt- stück im Gesetz, au wahrhafter und opferbereiter Nächsten liebe, recht sehr fehlen lassen und ganz vergessen, was geschrieben steht, daß ein Mensch, der allen Glauben hätte, aber die Liebe nicht, nichts ist als ein klingendes Erz und eine tönende Schelle. Am gefährlichsten wirkt dies auf die sich in erschreckender Weise vermehrende besitzlose Klasse, welche, der Hoffnung aus ein zukünftiges, ewiges seliges Leben beraubt, den verderblichen Lehren der Umsturzpartei preisgegeben und von dieser irregeleitet, in ihrer Nojhlage sehnsüchtig den Zeitpunkt erwartet, wo sie sich in den Besitz der ihr vermeintlich entzogenen Güter dieser Welt gewaltsam setzen kann. Die darin liegende soziale Gefahr ist allgemein anerkannt. Man sucht ihr durch Gesetze vorzubeugen. Diese allein werden indeß nicht ausreichen, ja sie können sogar schädlich wirken, wenn durch Zwang aus wirthschastlichem Gebiete Verpflichtete und Berechtigte geschaffen werden. Bei den letzteren wird dadurch die Begehrlichkeit erhöht, und sie betrachten das, was sie erhalten, nur als eine Abschlagszahlung. Die Leistungen der Verpflichteten erfolgen mit Unwillen, und so wird auf beiden Seiten die Unzufriedenheit gesteigert. Es giebt hauptsächlich nur ein Mittel, der drohenden Gefahr zu begegnen und günstigere Zustände zu schaffen. Dasselbe besteht darin, die nothleidende Bevölkerung auf sich selbst znrückzuführei. Diese hat namentlich aus dem Lande durchschnittlich noch eine gute religiöse Gesinnung und das Bestreben, sich durch eigene Kraft aus ihrer Nothlage zu befreien. Es ist indeß nöthig, ihr die Mittel dazu an die Haid zu geben und ihr die Wege zu bahnen. Sieht sie ein erreichbares Ziel vor sich, so wird sie mehr und mehr alle unnützen Ausgaben für Luxus und schädliche Vw- gnügungen meiden, Fleiß und Sparsamkeit in hohem Maße üben und dadurch die Zukunft für sich und hre Nachkommen zu sichern suchen. Sie wird dabej )en Verführern, nämlich den Agitatoren der UmsturzpaUei, kein Gehör schenken, indem sie überzeugt ist, daß die Befolgung deren Lehren sie ins Unglück stürzen wü de, die Hochhaltung und Beachtung der göttlichen und weltlichen Gesetze aber ihre zeitliche und ewige Wohlfthrt begründen. Die besitzende Klasse hat alle Ursache, eifrigst mitzuwirken. Ein günstiger Erfolg ist indeß nur »ann gesichert, wenn in vollem Umfange die Christenpflicht geübt und so die Religion wieder zur allgemeinen Anerkennung gebracht wird. Der rühmlichst besamte Professor der Nalional-Oeconomie Dr. Held fast in seiner wissenschaftlichen Abhandlung über die Darlehns- kassen-Vereine: „Sehr zu acceptiren ist der Gelanke, daß die sittlichen Kräfte, deren Pflanzstätte das Chiisten- thum ist, zur Lösung der socialen Frage un entl ehrlich sind." Diese Kräfte entwickeln sich, kurz gesagt, aus der Befolgung des Gebotes: Dü sollst lieber Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Wie