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M 61. Samstag, den 3. August 1889.
Die Raiffeisenschen Darlehnskassen, ein Mittel zur Hebung des Bauernstandes.
Von A s m » s Bt ahne r. (Fortsetzung.)
Ich habe zufällig in den letzten Tagen eine Zeitung „Der Landwirth, Organ des Nassauischen Bauernvereins" erhalten, in welcher ein kleiner Artikel über Darlohnskassen-Vereine enthalten, welcher so treffend ist; daß ich nicht umhin kann, denselben noch vorzulesen:
Bon der Lahn. (Der Bauernverein und die ländlichen Darlehnskassen.) Zu meiner Freude habe td) gelesen, daß der Bauern-Verein sich auch womöglich die Gründung von ländlichen Darlehnskassen-Vereinen zur Aufgabe gemacht hat. Von einem derartigen Vorgehen verspreche ich mir den besten Erfolg. Denn gerade diese ländlichen Creditvereine sind bestimmt, die Grundsteine für das Gebäude zu liefern, in welchem endlich die Landwirthschaft eine gedeihliche Existenz führen kann. Segensreicher als die allgemeine Betheiligung an solchen Genossenschaften ist nichts denkbar. Auf friedlichem Wege Ed dem Großcapitale die Macht gebrochen durch das einfache Additionsexempel, daß viele Einheiten zuletzt eine große Summe geben. Das Großcapital wird durch die Genossenschaft Gemeingut aller, die fleißig, sparsam und umsichtig finb. Der arme Mann ist nicht blos Besitzer eines kleinen Capitals, sondern er ist Mittheil- haber eines mit oft großen Zahlen rechnenden Geschäftes. Nur durch die Gründung von solchen ländlichen Credit- genoffenschaften kann der Landwirthschaft dieser natürlichen, darum festen und sicheren Grundlage aller Pro- duction und der nothwendigen Bedingung eines gedeihlichen Staatslebens, das verloren gegangene Capital wieder zurückerobert und dienstbar gemacht werden; nur diese engbegrenzten Elementarorgane des Creditinstituts machen e« möglich, dem Laudwirth die Capitalhülse zu schaffen, die er znr Aufbesserung seiner Verhältnisse so unumgänglich nöthig hat, denn nirgends kann das Geld von Privaten, Sparkassen rc. so gut und so sicher angelegt werden, als in solchen Vereinen; wo die Ueberwachung so sorgfältig geschehen kann, und wo der Boden die Bürgschaft mit leistet, das ist eine feste und solide Bürgschaft. Aber nickt nur das materielle Capital kann durch diese Darlebnskassen-Vereine der Landwirthschasi wieder zurückerobert und gewonnen werden, sondern auch — und das schlage ich noch höher an — das geistige. Seine andere Institution vermag so große moralische Wirkungen auf den Landwirtb zu üben, als solche Dar- lehnskassen Vereine, wie die Erfahrung in hundert Fällen bewiesen hat, und zwar schon aus dem Grunde, weil er hier, wie man zu sagen pflegt, mit eigenen Augen sehen kann, welche großen Vortheile er sich durch die Vereinigung mit seinen Fackgenossen zu verschaffen vermag. Die Landwirthe werden an Selbstvertrauen und Macht gewinnen und damit auch ihre Vereine, wer aber die Macht hat, der hat auch den Einfluß. Man wird sich mehr, als bisher geschehen, daran gewöhnen, mit dieser Macht zu rechnen, die Gesetzgebung wird sich immer mehr zu Gunsten der Landwirthschaft gestalten und Ulan wird sicher mehr erreichen, als heute mit allen Congrrfsen, Landesculturräthen, Oeconomiecollegien rc., obgleich wir denselben die gute Seite gewiß nicht absprechen wollen. Dieses Gebiet ist und bleibt hoffentlich der stets neutrale Boden, auf dem sich Männer aller sonst vielleicht noch so sehr auseinander gehenden Anschauungen und Ueberzeugungen zusammenfinden und in gemeinsamer Arbeit friedlich verkehren können, ohne Kampf und Streit, es sei denn der edle Wettstreit ihrer gemeinnützigen Bestrebungen."
Indem ich hoffe, durch Obiges etwas zur größeren Ausbreitung der Darlehnskafsen-Vereine bcigrtragen zu haben, möchte ich noch den Wunsch daran knüpfen, daß bald auch das letzte Kirchspiel im Kreise Hersfeld mit diesem Institut versehen sei.
IV.
Hoffentlich sind Viele, die den Vortrag deS Herrn Roll gelesen haben, von der Nützlichkeit der Raiffeisenschen Darlehnskassen überzeugt worden und haben dadurch Anregung erhalten mit der Gründung solcher Raffen in ihren Gemeinden vorzugehen. Da erhebt sich nun aber vor Allem die Frage: „Wie ist's anzu- fangen, um solche Kassen in unseren Gemeinden in s Sieben zu rufen?" Diese Frage erledigt sich dahin: Erstens schreibt Einer, Bürgermeister, Pfarrer Pdrr
Lehrer an die „Firma Raiffeisen und Cous. in Neuwied" folgende Postkarte: „Bitte hierdurch um gest. Zusendung von 1 Kurze Anleitung zur Gründung von D.-K.-V. rc.
1 Statut für D.-K.-B. in Folio.
4 desgl. in Octav.
2 Exemplare zum Entwurf der 1. Generalversammlung.
1 Formular zum Auszug behufs Anzeige an das betreffende Amtsgericht.
2 Formulare zum Mitgliedernachweis an das Amtsgericht.
1 Entwurf zum Protokoll der 1. Sitzung des Verwaltungsraths.
2 Formulare zum Vertrag mit dem Rechner.
5 Exemplare Raiffeisen, Vortrag, die D.-K.-V. Angabe der Adresse.
Alles dies wird ihm zugesandt für den Betrag von 2,77 Mark. Hieraus kann sich Einer eigentlich schon genügend informiren. Doch wir fahren der Vollständigkeit halber fort.
Zweitens thun sich die Bürgermeister, der Pfarrer, die Lehrer, sowie die Gemeinderäthe und Kirchenältesten eines Kirchspiels zusammen und besprechen die Sache so gründlich, daß sie jedem, der fragt, einigermaßen Auskunft geben können. Außerdem machen sie fest, wer Vorsitzender und wer Rechner werden soll. Dies sind natürlich die beiden Hauptpersonen. Zum Vorsitzenden wählt man am besten einen Bauer, der Ansehen im Dorfe genießt, und von dem man versichert sein kann, daß er ein ehrlicher, christlich gesinnter Mann äst. Zum Rechner eignet sich am besten der Lehrer, jedoch ist die Buchführung so einfach, daß ihr auch ein Bauer, der die Schulbank nicht umsonst gedrückt hat, vorstehen kann.
Drittens laden diese dann, unter der Hand die übrigen Familienväter des Dorfes, arm und reich, ohne Unterschied, auf einen Winterabend oder Winternachmittag, wo doch nicht viel zu thun ist, zu einer Versammlung ein, etwa in den Schulsaal oder in sonst ein geeignetes Gebäude.
Viertens hält in dieser Versammlung der Pfarrei- oder Lehrer, oder wer sonst sprachgewandt ist, einen belehrenden Vortrag, wozu er reichliches Material in der unter „Erstens" angegebenen Sendung findet.
Fünftens fordert der Bürgermeister zur Unterzeichnung der bekanntgegebenen Statuten auf. Zuerst unterzeichnen sich die, welche sich verabredet haben, Andere werden. Wenn sie ihren Vortheil kennen und sich nicht selbst im Lichte stehen, folgen.
Sechstens wählt die Versammlung der unterzeichneten Mitglieder einen Vorsitzenden, unter dessen Leitung weiter verhandelt wird. Alles Uebrige sagt das zugesandte Protokoll. Auch über die ferneren Schritte, Anmeldung beim Amtsgericht, Beitritt zum Anwaltschafts- und Central-DarlehnSkassen-Vcrbande, giebt obige Sendung Auskunft. Ebenso giebt gern Auskunft der Königliche Landrath und der Verbandsdirector Noll in Bingartes bei Hersfeld, der, wie er mir sagte, gern bereit ist, persönlich dahin zu kommen, wo sich Vereine gründen wollten, um ihnen durch erfahrenen Rath beizustehen.
Eine zweite Frage ist die: „Wo befommen wir Geld her?" Nun, da kann ich zum Glück gleich Auskunft geben. Der Herr Landrath hat mir, als ich mit ihm von diesen Kassen sprach, versichert, er würde, was in seinen Kräften stände, dafür sorgen, daß die Kreisspar- kasse den Darlehnskassen Credit eröffnete. Es ist dies ja auck das Natürlichste. Die Kreissparkasse ist ein Institut zum Besten deS Kreises. Sie hat dasselbe Ziel wie die Darlehnskassen: wirthschaftliche Hebung der Bevölkerung des Kreises. Daß und warum ihr dies nur in beschränktem Maße gelingt, habe ich schon früher einmal gezeigt. Sie wird mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, durch die Eröffnung eines Credits an die Darlehnskassen ihrem Ziele näher zu kommen. Auch kann ihr nirgends eine größere Sicherheit geboten werden, als durch solche Vereine, die fast mit der ganzen Feldmark einer Pfarrei haften. Zugleich wird die Dar- tehnslasse gut thun, eine Sparkasse und eine Pfennigsparkasse einzurichten. In manchen Dörfern deckt allein diese Sparkasse den Geldbedarf.
Manche, die ganz vorsichtig sind und gern alles vorher wissen möchten, haben noch eine dritte Frage: „Wer wird bei uns borgen?" Nun, dann sehe man sich nur einmal den Noll'schen Vortrag an, da sind
nicht Hunderte, nein Tausend und Zehntausend geborgt. Also: Auch nicht z u vorsichtig!
Solch' eine segensreiche Gründung ist demnach durchaus nicht so schwer. Was Andere konnten, werden wir im Kreis Schlüchtern doch auch noch können. Darum frisch an's Werk! Der Winter wird, da die Ernte so früh begonnen hat, voraussichtlich lang. — Benutzen wir ihn zur Gründung Raiffeisenscher Darlehnskassen! ___(Fortsetzung folgt.)_____________________
Tages-Ereignisse.
München. Die Ansprache welche Prinz Ludwig von Bayern an die Turner von München gehalten hat, macht überall großes Aufsehen. Die deutschen Blätter bejubeln die Mahnung des künftigen bayrischen Königs, treu festzuhalten an Kaiser und Reich und einig zu bleiben. Ebenso "findet lebhaftesten Beifall in der österreichischen Presse die Aufforderung an die österreichischen Turner, treu zu ihrer deutschen Sprache und Gesinnung zu halten Die czechischen Blätter sind dagegen begreiflich genug voller Entrüstung. Die altczechische „Hlas Naroda" bezeichnet die Rede des Prinzen Ludwig als höchst überraschend und die peinlichsten Gefühle hervorrufend; im Zusammenhang mit den jüngsten Kundgebungen preußischer Preßorgane zu Gunsten der Deutschen Oesterreichs erscheine sie als ein politisches Ereigniß ersten Ranges. Am Sonntag fand ein Musterturnen der ausländischen Turner statt, woran sich besonders die Londoner und rumänischen Turner bethätigten. Bei dein am Abend stattgehabten Monstre-Concerle wirkten 500 Sänger von Münchener Gesangvereinen mit. Der Vorsitzende der Münchener Sänger überreichte dem Vorsitzenden der Turner einen Ehrenkranz. Der Montag brächte den großen Festzug. Der- aus 8 Abtheilungen bestehende Turner-Festzug setzte sich Vormittags 93/< Uhr, von gutem Wetter begünstigt, in Bewegung. Von den anwesenden 21,000 Turnern nahmen etwa- 12,000 am Zuge Theil, gegen 1000 Fahnen, 2 0 Musikkapellen, 2 prachtvolle Festwagen, 3 altrömische Gespanne und mehrere Kostümgruppen befanden sich im Zuge. Der Prinz-Regent und die Mitglieder der königlichen Familie, welche von den Parterrefenstern des Residenzschlosses aus, dem Vorbeimarsch zusahen, ' wurde von den Turnern mit lebhaften Hochrufen begrüßt. Alle Straßen, durch welche der Festzug sich bewegte, waren von dichten Menschenmassen angefüllt, die Turner wurden überall mit jubelnden Zurufen empfangen und vielfach durch Blumen- und Kranzspenden ausgezeichnet. Der Vorbeimarsch dauerte zwei Stunden und verlief ohne jede Störung. — Der Prinzregent besuchte am Montag Nachmittag 2 he Uhr in Begleitung der anwesenden Prinzen die Turnfesthalle, wo das Preisturnen stattfand. Hierauf folgte das Gesammtturnen im Freien. — Bei dem Festmahl der Turner am Montag Nachmittag, an welchem etwa kOOOPersoncn theilnahmen, brächte der Vorsitzende, Professor Böthge, das Hoch auf Se. Königliche Hoheit den Prinz-Regenten, der Ober-Bürgermeister vonWiedenmayer das Hoch auf Se. Majestät den Kaiser Wilhelm aus. Dr. Georgil toastete auf Se. Majestät den Kaiser Franz Joseph. Jedem Hoch folgte die entsprechende Nationalhymme, deren erster Vers von der begeisterten Versammlung gesungen wurde. An Se. Majestät den Kaiser Wilhelm wurde ein HuldigungS-Telegramm gesandt. An Dr. Götze's „Gut Heil! allem Lande, soweit die deutsche Zunge klingt!" schloß sich der Gesang des „Deutschland, Deutschland über Alles!"
Stuttgart, 29. Juli. Eine ganze Reihe Bierver- fälscher hatten sich in letzter Zeit vor Gericht zu verantworten und haben ihre Strafe erhalten. Die Bierbrauer I. Halbmannin Ailringen, I. Schercr in Marlach, Fr. Friedrich in Dünsbach und I. Blumenstock in Creglingen halten sogenanntes „Mousstrpulver", welches die Eigenschaft haben soll, das schalste, trübste und sauerste . Bier genießbar zu machen und ihm ein frisches Aussehen zu geben, sowie auch „Konservepulver" ihrem Gebräu beigemengt. DieHcrren wurden wegen dieses unerlaubten Verfahrens zu Geldstrafen von 50, 50, 30 und 20 M. herurtheilt. Gegen eine Anzahl anderer wuntem- bergischer Bierbrauer ist wegen gleicher Vergehen gegen das Nahrungsmittelgesetz die Untersuchung im Gange.
Elberfeld, 27. Juni. Ein großer Dyuamitdiebstahl wurde in der Nacht zum 24. ö. auf dem Nillenhahn ausgeführt. Dort wurde in das Dynamstlager eines