gebildeten christlichen Bürger sich über die Naivetät dieses Herrn amüsirten und ich amüsirte mich mit ihnen. Dagegen hielt ich es an der Zeit, auf die Fabel „Der Wolf im Schafstall" sofort zu antworten, denn es war mir klar, daß den Antisemiten am hiesigen Platze der Kamm geschwollen war, weil bis jetzt noch Niemand in der Oeffentlichkeit für die Juden das Wort genommen hatte. Wenn ich in der Geschichte: „Der schlimme Jude" meinen vollen Namen nicht unterzeichnete, so geschah es, weil der Autor der Fabel: „Der Wolf im Schafstall" auch nicht mit dem scinigcu berausgetreten war. Den Borwurf der Feigheit mag Herr H., statt an mich, besser an seinen Gesinnungsgenossen „Thomas Frey" richten.
Was die Auslegung meiner kleinen Satire von Seiten des Herrn Hartmann betrifft, so würde mir dieselbe ein Lächeln abnöthigen, wenn die geistige Beschränktheit, welche sich in dieser Auslegung zeigt, nicht gar zu traurig wäre. Ich, soll also in frecher Weise die christliche Religion geschmäht und verhöhnt haben, weil ich von einer „christlichen Kuh" geredet habe! Jeder, der halbwegs mit der Form der Satire vertraut ist, sieht auf den ersten Blick, das; ich mit diesen Worten nur die Uebertreibungen der Antisemiten kennzeichnen wollte, welche bei jeder Gelegenheit — ob passend oder unpassend — stets das wenig zu ihrem Thun passende Wort „christlich" im Munde führen. Ferner soll ich das Morgengebet eines Christen mit einen Frühschoppen verglichen haben. Der Sinn der betreffenden Stelle ist ein ganz anderer: Ich dachte dabei an den scherzhaften Ausdruck, den man bei einem Trinker braucht, wenn man sagt: „Er opfert dem Bacchus." Der vom Herrn H. beanstandete Satz lautet: „Dies (das Morgengebet) bestand damals an Werktagen in einem Trank- Opfer, ähnlich wie bei den alten Griechen." Nun wird doch, wie Jedermann weiß, in protestantischen Kirchen an Werktagen kein MorgeugotteSoieust abgehalten. Also kann ich denselben auch nicht verhöhnt haben. Jeder Unbefangene wird einsehen, daß ich mit diesen Worten nicht das Christenthum verhöhnen, sondern nur die Heuchelei gewisser Kreise kennzeichnen wollte, welche allen ihren Handlungen ein religiöses Mäntelchen umzuhängen belieben. Ich will ehrlich gestehen, daß die mir zu Last gelegten Worte unglücklich gewählt sind. Hätte ich ahnen können, daß ich mißverstanden werden könnte, oder daß man versuchen würde, meinen Worten einen dem Christenthum feindlicheu Sinn unterzulegen, so hätte ich mich gewiß anderer Ausdrücke bedient. Wer mich kennt, weiß, daß mir jeder religiöse Fatanismus fremd ist. Auch müßte ich doch wirklich zugleich sehr dumm und sehr roh sein, wenn ich in einem Blatte, das von Hunderten christlicher Bürger gelesen wird, die christliche Religion verhöhnen wollte. Die Antisemiten sind Gott sei Dank noch nicht mit dem Christenthum identisch. Hier unten steht übrigens mein Name; wenn Herr H. glaubt, daß ich mich des soeben bezeichneten Vergehens schuldig gemacht habe, so möge er mich doch getrost dem Staatsanwalt denuncieren. Er wird schon nach der Tartarei oder in's Land der Hottentotten gehen müssen, um einen Richter zu finden, der beschränkt genug wäre, mich der Absicht der Lerhöhnug fremder Religionseinrichtungen schuldig zu finden. Der Vorwurf des Herrn H., daß ich mich aus Angst, mit dem Staatsanwalt in Berührung zu kommen, feigerweise „hinter das kleine g" versteckt hatte, ist also hinfällig. Er ist auch an und für sich höchst lächerlich, denn der Redakteur eines Blattes kann jeder Zeit vom Staatsanwalt für jedes Wort, welches sich in seinem Blatte findet, zur Rechenschaft gezogen werden. Herr Hohmeister würde gewiß, eintretenden Falles, von seinem Rechte, den Namen des Verfassers zu nennen, Gebrauch gemacht haben. Wen will Herr Hartmann also mit seinen Anklagen gegen mich täuschen'? Auch dieser Vor- wurf der Feigheit ist demnach nichtig.
Was die angeblichen persönlichen Beleidigungen betrifft, welche in der Geschichte: „Der schlimme Jude" gegen Herrn H. gerichtet sein sollen, so muß ich zunächst bemerken, daß ich den Namen Hartmann nur zweimal erwähnt habe, einmal in Gesellschaft der Herren Stöcker und Böckel, was ja H. in seiner Erwiderung theilweise als Ehre betrachtet; das andere mal, als ich eine Aeußerung des Herrn H. über die Feigheit der Juden citirte. (Wenn ich diese Aeußerung nicht ganz korrekt, weil nur nach dem Gedächtniß citirte, so hat dies darin seinen Grund, daß ich das betreffende Exemplar der Schlüchterner Zeitung nicht zur Hand hatte. Ich besitze es auch jetzt nicht, bexn es ist in Frankfurt in meinen Papierkorb.) Am liebsten hätte ich den Namen Hartmann in der Satire gar nicht erwähnt, da sie ja nur eine Antwort auf das Opus des großen Fabeldichters (?) Frey fein sollte. Wenn ich seiner in der eben bezeichneten Weise gelegentlich Erwähnung gethan habe, so geschah es nur, um ihn als den Vater der antisemitischen Bewegung in hiesiger Stadt zu kennzeichnen. Wenn Herr H. alles Uebrige auf sich bezieht, und glaubt, ich hätte ihn in der Person des selben jener kleinen Satire in seiner Amtsehre angreifen wollen, so ist dies nur eine Neuer- schätzung seiner persönlichen Bedeutung. Es giebt andere, die ihn an Gehässigkeit gegen die Juden noch.übertreffen, wenn sie auch mehr heimlich ihr Gewerbe betreiben.
Herrn Hartmann darf man wenigstens die Anerkennung nicht versagen, daß er für seine Gesinnung offen mit seinem Namen eintritt, wenn auch stets mit ein wenig Koth in der Hand. Was ich mit den Worten: „Einige behaupten, er habe in seinen Musestunden auch in der Kirche gepredigt, andere, er habe nebenher das Amt eines Schulmeisters ausgeübt," meinte, ist für jeden klar, der die hiesigen Verhältnisse kennt. Ich wollte einmal feststellen, was ein öffentliches Geheimniß ist, daß es wesentlich einige junge Streber unter den Theologen und Lehrern sind, welche den Haß gegen die Juden theils heimlich, theils öffentlich schirren. Kein Unbefangener wird mir vorwerfen können, daß ich in der Geschichte: „Der schlimme Jude" auf eine bestimmte Persönlichkeit angespielt habe. Herrn Hartmann habe ich zweimal genannt, aber nicht in beleidigender Weise, denn daß er ein Antisemit sei, ist doch in seinen Augen keine Beleidigung, da er ja stolz darauf ist, in Gesellschaft mit Herrn Stöcker genannt zu wertzen. Die Persönlichkeit des Herrn H. ist mir an und für sich höchst gleichgiltig. Für mich gilt nur die Sache, die ich vertrete. Wenn ich aber auch Herrn H. persönlich angegriffen hätte, so hat er doch nicht das Recht, auf seine gekränkte Würde als evangelischer Geistlicher zu verweisen. Wenn ein Geistlicher in einer Zeitung öffentlich gegen die Angehörigen einer anderen Confession hetzt, so verwirkt er das Recht, Ehrfurcht vor seiner Amtswürde zu verlangen. Für mich ist Herr H. nicht der Pfarrer, sondern einfach Herr H., der Zeitungsschreiber und soziale Agitator. Zudem begiebt er sich durch die unwürdige Art, seinem Gegner gegenüber zu treten, jener Würde, die doch ein Geistlicher nie außer Acht lassen sollte. Herr H. bedient sich in seiner Erwiderung einer Sprache, wie man sie sonst nur auf der Straße zu hören gewohnt ist; es sind wenige Sätze in seiner Erwiderung, in denen sich nicht Ausdrücke, wie: „bodenlose Frechheit," „Lüge," „Feigheit" rc. rc. finden, und dies Alles blos, „weil du ein Jude bist," wie es in einem bekannten Gedichte heißt.
Ich bin mit Herrn Hartmann fertig. Seine Anklagen gegen mich habe ich Punkt für Punkt zurückgewiesen. Sollte es ihm belieben, mich weiter in der oben angc- deuteten Weise anzugreifen — mich geniert es nicht. Es ist mir z. B. höchst gleichgiltig, ob Herr H. mich auch in Znkunft für feig erklären wird, oder womit er mich sonst beschimpfen wird. (Sein Schimpflexikou ist hoffentlich nicht erschöpft?) Denn durch eine solche Art des Kampfes beschimpft er nur sich selbst. Ich werde nichts mehr erwidern, sondern Herrn Hartmann seinem Schicksal überlassen. Das Publikum wird ja wissen, aus welcher Seite das Recht ist.
Dr. Gustav Weinberg.
Zlnstr Kriegerveröands-Acfi.
(Fortsetzung.)
-Nach Wiederankunft des Zuges auf dem Festplatz wurde der Parademarsch ausgeführt, alSdann löste sich nach Abbringen der Fahnen der Zug aus.
Der Vorsitzende des Kriegervereins Schlüchtern, Herr Hauptmann von Sturmfeder, nahm zunächst das Wort zur Festrede, hieß sämmtliche Festtheiluehmer im Namen der Stadt und des hiesigen Kriegervereins willkommen, legte in seiner bekannten schwungvollen Weise die Ziele und Aufgaben des Kriegervereinswesens dar und warf einen kurzen Rückblick auf die Ereignisse des für jeden Deutschen unvergeßlichen Jahres 1888, in welchem die Begründer deutscher Einigkeit und Macht, Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. kurz nacheinander in das Grab sanken. Hierauf schilderte er in kurzen Worten die ersten Regierungshandlungen Kaiser Wilhelm II. und schloß mit dem Wunsche, daß es Seiner Majestät vergönnt sei, noch lange an der Spche Deutschlands zu stehen und ein Schirmherr des europäischen Friedens zu sein. In das auf Seine Majestät ausgebrachte Hoch stimmten alle Anwesenden begeistert ein, worauf die Festmusik die Nationalhymne intonirte, welche von iden mehreren Tausend Zuhörern stehend abgesungen wurde.
! Nach kurzer Zeit nahm zunächst der Vorsitzende des Hessischen Kriegerverbandes, Herr Major Schmidt aus Fulda, das Wort, dankte Namens des Verbandes zunächst der Stadt Schlüchtern für das vielseitige Entgegenkommen , welches dieselbe dem hiesigen Kriegerverein erwiesen, ohne welches das Zustandekommen des Festes in dieser Weise kaum möglich gewesen wäre, sodann dem Kriegerverein Schlüchtern für die aufopfernde Thätigkeit bei den Festvorbereitungen und der gesammten Einwohnerschaft für die prächtige Ausschmückung der Häuser. Hierauf wies der Redner auf die Zwecke des Kriegerverbandswesens hin und forderte alle dem Verband noch fernstehenden Kriegervereine zum Beitritt auf, welcher Anregung von denselben begeistert zugestimmt wurde. Redner schloß mit einem Hoch auf den Krieger- verein Schlüchtern und lohnte reicher Beifall seinen Ausführungen.
Bald darauf betrat der Vorsitzende des Kriegervereins Fulda, Herr Lehrer Weber, die Rednerbühne, entwarf ein Bild von der Jahrhunderte langen Zerrüttung unserer vaterländischen Verhältnisse, bezeichnete Frankreich als den Erbfeind unseres Vaterlandes und gedachte
des glorreichen Feldzuges 1870/71, aus welchem Deutschland in neuer Einigkeit zu nie geahnter Größe und Macht hervorging. Sodann erinnerte er namentlich die zahlreich anwesenden Theilnehmer an diesem Feldzug an die unter dem Befehl des Königs und Kaisers Wilhelm I. und des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm erfochtenen Siege unb beklagte den Tod dieser beiden selben. Stürmische Zustimmung fand der Hinweis des Redners auf den bekannten Ausspruch unseres jetzigen Kaisers, wonach lieber 18 Armee-Corps und 46 Millionen Deutsche auf der Wahlstatt liegen bleiben würden, als daß ein Stein deutschen Landes in fremde Hände täme. Zum Schluß brächte Redner ein Hoch auf den Hessischen Kriegerverband aus.
Der nächste Festredner war der Vorsitzende des Kriegervereins Bieder, Herr von Adlersfeld, welcher einen Rückblick auf unsere vaterländische Geschichte zum Gegenstand seiner Rede gewählt hatte und sich dieser Aufgabe in einer wohl durchdachten und sinnreichen Weise entledigte.
Mit mehreren kurzen Ansprachen verschiedener Herren endeten die Festreden, deren Zwischenpausen von der Festmusik durch Vortrag von Concertstücken ausgefüllt wurden.
Mittlerweile hatte sich auf dem Festplatz ein ungemein reges Leben und Treiben entwickelt, das immer mehr den Character eines Volksfestes annahm. Festhalle, Wirthschaften, Conditorei, Tanzplätze, sowie die zur Volksbelustigung aufgestellten Spiel- und Schießbuden, Caroussel, waren stark besucht und verlief Alles in schönster Ordnung.
Die meisten der auswärtigen Vereine verließen gegen Abend den Festplatz, von Mitgliedern des Empfongs- Comitees begleitet, um mit den Abendzüge^ die Heimreise anzutreten.
Nach Eintritt der Dunkelheit trat die Beleuchtung des ganzen Festplatzes in Wirksamkeit, welche nach Angabe des Kriegnwereinsmitgliedcs Ludwig Lins sehr zweckentsprechend arrangirt war und als äußerst gelungen bezeichnet werden muß, was leider von der letzten Programmnummer dieses Tages, dem Feuerwerk, nicht gesagt werden kann, woran das Abbrennen der Feuer- werkskörper von wenig sachverständiger Seite die Hauptschuld trug. Zu bemerken ist, daß letztere Anordnung gegen die ursprüngliche Absicht des vorgenannten Herrn, als Vorsitzender des Beleuchtungs-Ausschufses, getroffen wurde.
Das Mißlingen des Feuerwerks konnte indessen die frohe Feststimmung reinig beeinflussen und nur beut Umstände, daß das Fest am nächsten Tage seine Fortsetzung haben sollte, ist es zuzuschreiben, wenn bei Tagesanbruch die letzten Festbesucher den Festplatz verließen. (Schluß folgt.)
3m verfluchte.
Erzählung von Karl Schwelling
~ (Fortsetzung.)
„Schwierigkeiten — und welche denn ? fragte Fräulein Luise verwundert.
„Zunächst fehlt es an einem Damenpferde, gnädiges Fräulein," antwortete Weilmann. „Meine Pferde eigenen sich nicht zum Anfangsunterrichte für eine junge Dame."
„Luise Reuser wird bald über ein entsprechendes Thier zu verfügen haben," erwiderte die Dame mit einem Ansluge von Hochmuth".
„Sodann muß der erste Unterricht in einer geschlossenen Bahn stattfinden," fuhr Lieutenant Weilmann fort, ohne sich an der Ausdrucksweise der jungen Dame zu stoßen, „und eine solche steht uns nicht zu Gebote."
„Nicht — warum denn nicht?" meinte Fräulein Luise, „die Frau Major hat doch sehr oft in der Bahn des Regiments geritten —"
„Es hat das auch viel böses Blut gemacht," ant« wortetete Weilmann, „außerdem war sie eben die Frau Major. Ich bin aber nicht der Herr Major, sondern nur der einfache Lieutenant Weilmann und Sie sind nicht —"
Der Lieutenant brach, verlegen werdend ab; er war in seinem Eifer zu weit gegangen.
„Nun, wurmn sprechen Sie sich nicht aus, mein Herr?" rief Luise hohnlachend. „Ich bin nicht Ihre Frau— ! Werd's auch nicht werden! Bah—! Das hat ja auch mit meinem Reitunterrichte nichts zu thun—!"
„Ihr Wunsch kann jedoch auf einem anderen Wege leicht in Erfüllung gehen," sagte der Lieutenant, nachdem er sich zu fassen gesucht hatte. „Sie reifen häufig zur Residenz. Nehmen Sie während Ihres Aufenthalts daselbst einige Stunden. Sind Sie dann sattelfest gt' worden, so soll es mich sehr glücklich machen, Sie in der edlen Reitkunst weiterzubringen."
„Das ist mir zu weitläufig," sagte Fräulein Luise nach kurzem Besinnen sehr kühl. „Ich gedachte gleich zu Pferde zu steigen, um diese Kunst so en passant auf Spazierritten mit Ihnen wegzubekommen."
„Davon muß ich im Interesse Ihrer persönlichen Sicherheit entschieden abrathen, mein Fräulein I" antwortete Weilmann lebhaft. „Sie können zu leicht Unglück haben —l"