Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
|^MMimq««uMfwTlwina(.^»aiMnwmMiiriiinwMl»1^«i»th»iMm^WA^-^W^Hliii<w^m?»,«iw^'aM»a.-fua«ii<iM^j^j1WLL-.w.viKc.^ailM.ffl^i«r^ ,„ „ । |>MprTrnr ■“—TT- ■firTlHTTIsTIIWM—TU——
Die Raiffeisenschen Darlehnskassen, ein Mittel zur Hebung des Bauernstandes.
Von Ä s m u s M a h n e r.
In manchen Bauernhänsern sieht man noch ein altes Bild hängen, wo die verschiedenen Stände dargestellt sind vom Kaiser bis zum Bauern. Der freundliche Leser Hat's vielleicht selbst in seiner Stube hängen. Beim Bauer heißt die Unterschrift: „Ich ernähr' euch alle!" Hierin liegt die Wahrheit, daß keiner im Staat den Bauer entbehren kann, daß der Bauernstand die Grundlage für alle anderen Stände bietet. Das ist nun für den Bauern ein großes Lob und eine hohe Ehre. Aber darin liegt auch zugleich für den Bauernstand eine große Verantwortung, sowie für jeden Vater- landsfreund eine ernste Mahnung. Wenn das Fundament faul ist, dann stürzt der ganze Bau zusammen, wenn der Bauernstand verkommt. dann ist auch der Staat bis zum Kaiser hinauf in Gefahr, seine Existenz einzu- büßen. Darum hat der Bauer die Pflicht, dmür nach Kräften zu sorgen, daß sein Stand tüchtig bleibt. Weil aber der Stand nichts taugt, wenn der Mann, der ihn vertritt, ein Taugenichts ist, so hat der Bauer die Pflicht, selbst ein tüchtiger Mann zu bleiben oder zu werden; und jeder Freund des Vaterlandes hat die Aufgabe, den Bauernstand hierin soviel als möglich zu unterstützen.
Daß nun heutzutage der Bauernstand bei uns in Wirklichkeit nicht so steht, wie er stehen muß, wenu's um den Staat wohlbestellt sein soll, das giebt Jeder, der die Verhältnisse kennt, gern zu, das bekennen selbst viele einsichtige Bauersleute. Wenn man üp unsere Dörfer hineinsieht, so ist von einem Fortschritt wenig, von Rückschritten, leider Gottes, viel zu sehen. Alte, angesehene Bauernhäuser werden zwangsweise vikuufi, weil sie überschuldet sind; Bauern, deren Väter noch tüchtige Leute waren, werden Habenichise und Lumpen, die in die Stadt ziehen und dort die Socmldcmokraten vermehren helfen; die Kinder der Herunterg-kommenen fallen der Gemeinde zur Last, wodurch dieselbe verarmt; andere müssen den Ertrag ihrer saueren Arbeit dem Wucherer geben, um nur die Zinsen von dem Grund- capital zu bezahlen. Hier und da bringt sich dann auch einmal ein geringerer Mann in die Höhe; aber auf Einen, der in die Höhe kommt, kann man drei rechnen, die zu Grunde gehen.
Woher kommt das? Theilweise liegt die Antwort in der schönen Geschichte vom „Wolf im Schafstall", die neulich in dieser Zeitung erzählt wurde; nur daß cs nicht immer der „Wolf", sondern auch manchmal der „Löb" oder der „Hirsch" oder der „Adler" ist, der den liberalen deutschen Michel um Wolle und Hammelbraten bringt. Will sagen, der Rückgang des Bauernstandes kommt zum Theil daher, daß der Staat an Leute Rechte ausgetheilt hat, welche dieselben in der gewissenlosesten Weise ausnutzen. Theilweise sammt der Rückgang daher, daß Genußsucht und Zuchtlosigkeit im Bauernstand immer mehr Umsichgreifen. Schließlich beruht derselbe darauf, daß der Bauernstand, wenigstens in unserer Gegend, die Veränderung, die sich in den letzten fünfzig Jahren auf allen Gebieten des Erwerbs und der Arbeit vollzogen hat, nicht mitmachte. In allen Zweigen des Erwerbslebens arbeitet man heutzutage mit den Mitteln der Wissenschaft, mit den Maschinen, die denkende Menschen erfunden haben, mit den neuen Stoffen, die die Chemie entdeckt hat. Nur der Bauer (oder auch Andere?) ist auf beut Standpunkt stehen geblieben, wo fein Großvater stand. Darum ist er nicht mehr „concurrenzfähig", d. h. er kann nicht mehr mitlaufen bach dem Ziele, nach welchem alle Menschen trachten, nach Glückseligkeit. Er hinkt ja wohl noch hinterdrein, aber die Anderen sind ihm voraus und nehmen das Beste vorweg.
Wie lassen sich nun diese drei Mißstände, das Wucher- thum, die Entsittlichung Hub die Unfähigkeit, mit aoberen Erwerbszweigen zu concurriren, beseitigen? Nun, für den ersten Punkt haben sich „Vereine gegen den Wucher" kebildet. Auch bei uns rxistüt ein solcher Verein. Derselbe hat neulich einen Aufruf ergehen lassen, worin tr ausfordert, ihm alle Fälle von Wucher behufs Ve» ösfcntlichung, beziehungsweise gerichtlicher Verfolgung lllüzuthcilen. Das ist sehr ancrkcnnenSwerth und bet; Aufruf sollte von allen Betheiligten befolgt werden,
besonders sollten die Bürgermeister sich die Sache angelegen sein lassen. Aber hier wird die Sache doch nicht an der Wurzel angegriffen. Es ist das doch immer die Geschichte von dem Brunnen, der erst zugedeckt wird, wenn das Kind hineingefallen ist. Doch, solange nichts Besseres da ist, wollen wir das vorhandene Gute fleißig benutzen.
Für den zweiten Punkt, die sittliche Hebung des Bauernstandes, arbeiten redlich und treulich die Pfarrer und Lehrer und hoffentlich auch mancher Vater und manche Mutter. Aber wie schwer wird Pfarrern und Lehrern ttzr Amt gemacht! Mit wie wenig Verständniß kommen ihnen die Leute entgegen! Die Sorge für das Leben, die Mühe und Arbeit um das tägliche Brod erstickt den Sinn für die Bedürfnisse der Seele. Und fürwahr, es ist schwer daß sich Einer, der sich den Tag über bis zum Umfallen müde gearbeitet hat, am Abend noch geistig beschäftigen sollte. Wenn Stadtleute des Morgens um 7 Uhr in die Schule gehen, dann sind sie frisch und munter, denn sie haben gut aus- geschlaseu. Gar viele Bauernkinder aber haben, bis es um 7 Uhr zur Schule läutet, schon 3 Stunden fest im Feld gearbeitet. Wenn Stadileute zu Gottes Haus gehen, dann find sie nicht so müde (sie müßten denn in den Sonntag hinein gezecht oder getanzt haben) wie der Bauer, der 6 Tage von früh bis spät im Schweiße seines Angesichts den Acker gebaut oder den Dreschflegel geschwungen hat. Armuth schändet nicht und schwere Arbeit auch nicht. Aber Armuth macht gar oft schlecht und harte Arbeit macht den Geist stumpf uub das Herz hart wie die Hand schwielig. Nach der harten Arbeit werden rohe Genüsse gesucht beim Schnapsglas und Bierkrug, hinter Hecken und Zäunen. Drückende Armuth und schwere Arbeit sind gar mt die Hindernisse für sittliche Hebung der Leute. L id unb- Seele hängen eben ausS engste mit einander zusammen.
Was den dritten Punkt, die Concurrenzfähigkeit des Bauernstandes mit ar.beren Ständen, äugelst, so ist dafür bis jetzt am wenigsten gethan, denn die Sache ist verhältnißmäßig neu. In den letzten 50 Jahren haben sich durch die Erfindung der Maschinen, dadurch, daß die Klüfte der Natur den Menschen mehr dienstbar gemacht worden sind, die ErwerbSverhältnisse überall geändert. Aber von dieser Aenderung ist bei dem Bauernstand noch so gut wie nichts zu merken. Nicht etwa, daß nicht auch für die Laut wirthschaft zeit-, kraft- und geldersparende Maschinen erfunden wären — aber sie sind zu theuer, um sie sich auznschasfcn. Nicht etwa, als ob nicht auch dem Bauernstand die Eisenbahnen zur Verfügung ständen, um das, was er gezogen hat, dahin zu bringen, wo er am meisten dafür bekommt —• aber es fehlt ihm an der Kenntniß der Absatzgebiete, und er muß dem Zwischenhändler den Gewinn lassen.
Ich glaube nun, daß es wenigstens für die theilweise Hebung der genannten drei Hauptschäden des Bauernstandes in unserer Gegend ein Mittel giebt. Dasselbe ist nicht etwas Neues, sondern es wird in diesem Jahre schon 40 Jahre alt. Ihr braucht also deshalb nicht mißtrauisch zu sein. Es hat sich schon in vielen Gegenden als einen Helfer erprobt und wird sich auch bei uns als solchen erproben, wenn mirs nur annegmen wollen. Dies Mittel ist die R a i ff e i s e n's ch e D a r l e h n s- k a s s e.
(Fortsetzung folgt.)
Tages-Gretguisse.
Berlin. Ueber die Einnahme von Saadaui in Ost- afrika durch Hauptmann Wißmann liegen jetzt genauere Nachrichten vor. Hauptmann Wißmann landete mit 500 Mann und drei Schnellseuerkanonen. Kaum hatten die Leute in den Booten die Schußlinie erreicht, als sie von Land aus durch heftigesSalvenfeuer der in den Schanzen gedeckt liegenden Araber beunruhigt wurden und auch gleich im Wasser schon mehrere Verwundete erhielten. Trotz aHtbem ging die Landung flott. Am Land nahmen die Truppen sofort Aufstellung und eroberten im Sturm die vordersten Schanzen, welche der Landung wegen von Bord der deutschen Kriegsschiffe nicht beschossen werden konnten. Die übrigen, sowie die Stadt waren bereits während des den Kampf einleitenden Bombardements verlassen und hatten sich die daraus vertriebenen Araber in den nördlich von Saadani gelegene« Busch geflüchtet?, wo sie die gerade
jetzt aukommenden Boote des deutschen Geschwaders erwarteten. Als diese bis ungefähr dreißig Meter sich dem Strande genähert hatten, feuerten die Araber in die dicht besetzten Boote, trafen aber Niemand. Nachdem die Blaujacken dann erst einmal festen Fuß am Lande gefaßt hatten, hielten die Araber auch nicht mehr lange Staub, sondern verschwanden nach einem kurzen Schnellfeuer der Matrosen, welche alsdann den Ort total zerstörten.
Lokales und Provinzielles.
-o- Schlüchtern, 19. Juli. Gegenwärtig ist auf Anregung eines Frankfurters ein Comitee in Bildung begriffen, welches sich die Aufgabe stellen wird, Schlüchtern als Luftenrort zu empfehlen und somit den Fremdenverkehr in hiesiger Stadt bedeutend zu heben. Das Comitee wird zunächst nach Mitteln und Wegen zu sinnen haben, wie es diese Aufgabe am schnellsten und sichersten lösen wird. Jedenfalls wird dafür Sorge zu tragen sein, daß Schlüchtern zum Erholungsplatz für Kranke, Genesende unb Gesunde von ärztlicher Seite empfohlen, daß ferner auf die Schönheit der Umgebung, die Nähe der Wälder und die Mannigfaltigkeit der Ausflüge in den Zeitungen der Nachbarstädte in geeigneter Weise aufmerksam gemacht würde. Bei einem billigen Pensionspreis von durchschnittlich 2,50—3,00 Mark pro Tag wird es nächstes Jahr — für diesen Sommer ist es bereits zu spät — sicherlich nicht an „Kurgästen" fehlen, die Schlüchtern zu ihrer Sommerfrische wählen. Allerdings muß das Comitee auch für die Annehmlichkeiten eines solchen Aufenthaltsort gebührend sorgen und darin sollte die Stadt Schlüchtern es ja nicht versäumen, dasselbe finanziell zu unterstützen. An den verschiedenen Aussichtspunkten sind Bänke zu errichten, Wege nach denselben anzulegen und diese mit Wegweisern zu versehen, was leider bisher von berufener Seite unterblieben ist. Gerade hierauf ist ganz besonderes Gewicht zu legen, wenn Schlüchtern in dre Reihe der Luftcurorte treten will, denn der Erholung suchende Städter bringt die- meiste Zeit zu diesem Zweck in der freien Natur zu, sei es, daß er an lauschigen Plätzen der Ruhe pflegt, sei es, daß er auf hübschen Spaziergängen seine Gesundheit zu kräftigen sucht. — Wünschen wir dem betreffenden Comitee herzlichst, daß es seine Aufgabe, das materielle Wohl unserer Stadt durch Hebung des Fremdenverkehrs zu fördern, recht bald zur allgemeinen Zufriedenheit glücklich löst'
*— Angewiesen wurde dem Notar Justizrath Scheuch in Hanau auf die Dauer seiner Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht in Salmünster der Wohnsitz in Ayl.
* — Auf der Domäne Blankenau bei Großenlüder ist gegenwärtig ein Dampf pflüg in Betrieb. Derselbe arbeitet ausgezeichnet trotz des steilen und schwiegen Terrains; an zwei Centner schwere Steine werden ohne Weiteres aus den Furchen geworfen.
— Zur bevorstehenden Getreideernte gibt der Ge- neralsekreiär des Vereins nass. Land- und Forstwirthe eben recht zeitgemäße und beachtenswerthe Winke. Wie das Abmähen der Futterpflanzen zwecks Heubereitung in der Regel zu spät erfolgt, so läßt sich in ähnlicher Weise derselbe Fehler beim Schnitt des Getreides behaupten. Die Frage: „Wann sollen wir unser Getreide mähen?" läßt sich auf Grund von zahlreichen Versuchen dahin beantworten, daß der zweckmäßigste Zeitpunkt zur Getreideernte dann gekommen ist, wenn die Körner der kräftigeren Aehren in die Gelbreife treten. Practisch ermittelt man diesen Zeitpunkt nach Nowacki in der Weise, daß man eine kräftige Aehre in der Mitte zu- sammenbiegt, eines der dicken Körner herausnimmt und dasselbe mit einem scharfen Messer quer durchschneidet. Ist unter der Schale und auch im Innern in der Nähe der Längsfurche von dem grünen Blattfarbstoffe keine Spur mehr zu sehen, so ist das Korn gelbreif. Diese Probe wiederholt man an mehreren Stellen des Feldes, und findet sich überall dasselbe Ergebniß, so ist die Zeit der Ernte gekommen. Bei Korn kann man auch die sogen. „Nagelprobe" vornehmen; sobald das Korn leicht und bestimmt über den Nagel bricht, ist es ebenfalls gelbreif. Der Mehlkörper im Fruchlkorn darf weder wässerig noch hart sein, sondern derselbe muß sich wie Wachs kneten lassen. Die Verfärbung des Stoffes aus dem Grünen in das Gelbe dient nur nebenher als